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Sonntag, 3. August 2025

Linder, Lukas: Charly Broms Dilemma

 

Wer sich einmal auf seine Vergangenheit einlässt, kann sich nur schwer wieder aus ihrem Griff befreien. Charly Brom, Autor und Familienvater, wird eines Tages von einem Anruf in seine Jugend zurückgeworfen. Es geht um einen Todesfall, der sich in seinem Heimatdorf zugetragen hat – vor mehr als zwanzig Jahren. Charly verfällt in Panik und legt auf. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als nach Neubad zurückzukehren, wo seine Mutter und Großmutter, zwei eigenwillige Charaktere, umgeben von Erinnerungen und Trödel, ein zurückgezogenes Leben führen. Erschüttert muss Charly feststellen, dass er trotz seines Erfolgs emotional auf der Stelle tritt, gefangen in den unveränderten Dynamiken und unausgesprochenen Geheimnissen seiner eigenen Familie. Während er versucht, sich seinen Ängsten zu stellen, scheint die Vergangenheit Charly zum Narren zu halten. (Verlagsbeschreibung)

DNB / Kein & Aber / 2024 / ISBN: 978-3-0369-5041-9 / 288 Seiten

 

Kurzmeinung: Lakonisch, zynisch, tragisch-komisch. Und nebenher auch spannend: was ist damals geschehen?! Angenehme Unterhaltung!

 

Mittwoch, 25. Juni 2025

Jelinek, Elfriede: Die Klavierspielerin (Hörbuch)

  

Als Kind von ihrer kontrollsüchtigen Mutter zum Klavierspiel gezwungen, übt sich Erika Kohut als erwachsene Frau in der Unterdrückung ihrer selbst. Unter der andauernden Umklammerung ihrer Mutter findet sie weder einen Zugang zu sich noch zu anderen Menschen. Nur im sadomasochistischen Verhältnis zu einem ihrer Schüler sieht die Klavierlehrerin einen Ausweg, verstrickt sich jedoch immer tiefer in grausame Machtspiele, die blutig enden. Das Psychogramm der Klavierlehrerin: verstörend schauerlich und ästhetisch grazil. (Verlagsbeschreibung)

DNB / Der Audio Verlag (Antiquariat) / 2019/ ISBN: 978-3-7424-1130-3 / 222 Minuten
 
 
  
Kurzmeinung: Sprachvirtuos aber absolut verstörend...


Montag, 23. Juni 2025

De Winter, Leon: Stadt der Hunde

 

Der renommierte niederländische Gehirnchirurg Jaap Hollander ist im Ruhestand, aber Ruhe findet er nicht. Seit seine Tochter zehn Jahre zuvor in Israel verschwunden ist, kehrt er jedes Jahr nach Tel Aviv und in die Wüste Negev zurück. Diesmal wird er dort unversehens gebeten, eine äußerst riskante Gehirnoperation durchzuführen. Er sagt zu, obwohl die Erfolgsaussichten verschwindend gering sind. Nicht nur das Leben seiner mächtigen Patientin hängt von der Operation ab, vielleicht eröffnet sie ihm sogar eine neue Spur zu seiner Tochter. (Verlagsbeschreibung)

DNB / Diogenes / 2025 / ISBN: 978-3-257-07281-5  / 272 Seiten
 

Kurzmeinung: Ein unsympathischer Neurochirurg entwickelt sich noch auf seine alten Tage - viele Themen werden hier gekonnt verquickt, ein Lesevergnügen!

 

 

Sonntag, 22. Juni 2025

Hagena, Katharina: Flusslinien

 

Margrit Raven ist hundertzwei und wartet auf den Tod. Früher war sie Stimmbildnerin, jetzt lebt sie in einer Seniorenresidenz an der Elbe. Jeden Tag lässt sie sich von dem jungen Fahrer Arthur in den Römischen Garten bringen. Dort, mit Blick auf den Fluss, erinnert sie sich: an ihre Kindheit, den Krieg, ihre Liebhaber und an das, was sie über die einstige Gärtnerin dieses Parks weiß, Else, die große Liebe ihrer Mutter. Die Erinnerungen halten Margrit am Leben – und die Besuche ihrer zornigen Enkelin. Luzie hat sich kurz vor dem Abitur von der Schule abgemeldet und übernachtet nun allein in einer Hütte an der Elbe. Während sie Margrit, deren Mitbewohner und sich selbst im Keller der Seniorenresidenz tätowiert, versucht sie, Stich für Stich, ihre Kraft und ihr Leben zurückzugewinnen. Und dann ist da noch Arthur. Wenn er gerade niemanden zur Dialyse fährt, sucht er mit einer Metallsonde den Strand ab, erfindet Sprachen, kämpft für gefährdete Arten und ringt mit einer Schuld. Um nicht vom Strom der eigenen Erinnerungen fortgerissen zu werden, müssen sich die drei auf sich selbst besinnen. Und aufeinander einlassen. (Verlagsbeschreibung)
  
DNB / Kiepenheuer & Witsch / 2025 / ISBN: 978-3-462-00729-9 / 400 Seiten
 

  
Kurzmeinung: Eine Erzählung, die träge dahinfließt wie ein Fluss, die Untiefen unter der Oberfläche erraten lässt aber nicht hinabtaucht...

Samstag, 14. Juni 2025

Schmidt, Joachim B.: Ósmann


Der hohe Norden Islands um die Jahrhundertwende. Dort setzt Jón Magnússon Ósmann mit seiner Seilfähre Menschen, Tiere und Waren über die Gewässer des Skagafjords. Er ist ein Fischer und Robbenjäger, er sieht Geister und Elfen, er ist ein Menschenfreund, der Bedürftige verpflegt und beherbergt, und er ist ein gottesfürchtiger Trinker und Poet. Überlebensgroß, kräftig, gesellig und dabei versehrt vom eigenen Schicksal, sodass ihn die Fluten zu locken beginnen, die er über vierzig Jahre lang befahren hat. Eine lebenspralle und beinahe unglaubliche Geschichte nach einem wahren Leben. (Verlagsbeschreibung)
  
DNB / Diogenes / 2025 / ISBN: 978-3-257-07330-0 / 288 Seiten
  
Joachim B. Schmidt bei Litterae Artesque:  Kalmann
 
 
 
 
Kurzmeinung: Unglaublich atmosphärisch - in Island im 19. Jahrhundert trutzte der Mensch Land, Eis und Wasser das Leben ab...
 
 

Freitag, 13. Juni 2025

Renard, Alice: Hunger und Zorn

  

Wenn die kleine Isor von ihren Streifzügen zurückkehrt, kann ihre Mutter nur erahnen, wo sie war. Mit den Fingern löst sie die Zöpfe der Tochter, findet Löwenzahnblüten, Grashalme, einen Käfer. Erzählen wird Isor nichts – denn Isor ist nicht wie andere Kinder. Sie spricht nicht, lernt nicht, lebt in stummen Gedanken und tobenden Wutausbrüchen. Gefangen in einer Realität, die nicht die ihre ist, treibt sie ihre Eltern in die Verzweiflung. Bis sie eines Tages auf Lucien von nebenan trifft und in dem vorsichtigen, einsamen Alten eine verwandte Seele erkennt. Alice Renard erzählt von einem ungewöhnlichen Mädchen und einer ungleichen Freundschaft, vom Brodeln unter der Oberfläche, vom Mythos der Normalität und der Suche nach einer Welt, die groß genug ist für das Unerwartete. (Verlagsbeschreibung)

DNB / Unionsverlag / 2025 / ISBN: 978-3-293-00627-0 / 160 Seiten
 

  
Kurzmeinung: Welche Möglichkeiten gibt es für ein besonderes, schwieriges Kind? Interessant konstruierter Debütroman mit verschiedenen Perspektiven...


Montag, 12. Mai 2025

Hefter, Martina: Hey guten Morgen, wie geht es dir? (Hörbuch)

 

Tagsüber hilft Juno ihrem schwerkranken Mann Jupiter dabei, seinen Alltag zu meistern. Außerdem ist sie Künstlerin, tanzt und spielt Theater. Und nachts, wenn sie wieder einmal nicht schlafen kann, chattet sie mit Love-Scammern im Internet. Juno schreibt online mit Männern, die Frauen online ihre Liebe gestehen und so versuchen, sie um ihr Geld zu bringen. Doch statt darauf hereinzufallen, werden genau diese Männer zu einer Form von Freiheit für Juno. In den Gesprächen kann sie sein, wer sie will und sagen, was sie will – und das vermeintlich ohne Konsequenzen. Ganz im Gegensatz zu ihrem sonstigen Leben, in dem sie immer unterwegs, immer besorgt um Jupiter, immer beschäftigt und eingebunden ist. Also flüchtet Juno ab und zu vor ihrem Alltag ins Internet und spielt dort Spielchen mit Männern, die sie anlügen. Sie selbst wird zur Lügnerin. Aber ist es nicht so, dass man sich beim Lügen zuallererst selbst belügt? Eines Tages trifft Juno auf Benu, der ihre Behauptungen ebenso durchschaut wie sie seine. Und trotz der Entfernung zwischen ihnen entsteht eine Verbindung. (Verlagsbeschreibung)

DNB / argon hörbuch / 2024 / ISBN: 978-3-8398-2173-2 / 309 Minuten
 
Kurzmeinung: Selten so etwas Langweiliges gehört - zermürbender Alltag gepaart mit Internetfluchten und mythologischen Anleihen. Buchpreisgewinner 2024.

 

Freitag, 7. Februar 2025

Goerz, Tommie: Im Schnee (Hörbuch)

  

Der alte Max hat alle Zeit. Draußen vor dem Fenster legt sich der Schnee wie eine Decke über das Dorf. Da dringt das Läuten des Totenglöckchens durch die Stille. Es schlägt für den Schorsch, der viel mehr war als nur ein Freund, ein Leben lang. So macht sich Max am Abend auf zur Totenwacht, wo die Alten zusammenkommen, um des Verstorbenen zu gedenken und sich zu erinnern. Eine ganze Nacht erzählen sie von den Freuden bei der Ernte, von Abenden in der Wirtsstube, vom kleinen Glück. Und vom Schorsch. Aber auch von der Enge im Dorf und dem eisigen Schweigen. Erst im Morgengrauen kehrt der Max heim. Im Licht des neuen Tages ist ihm klar: Nichts davon wird wiederkommen. Nur die Erinnerungen an dieses Leben bleiben, so lange er da ist... (Verlagsbeschreibung)

DNB / Hörbuch Hamburg / 2025 / ISBN: 9783844941456 / 248 Minuten
 
 

Kurzmeinung: Rückblick auf ein langes Leben und auf das Leben im Dorf, wie es mal war - ein leiser Roman, in dem viel zwischen den Zeilen steht...

 

Freitag, 21. Juni 2024

Reimann, Brigitte: Die Geschwister

Mitte Juni 2024 stieß ich auf einen Artikel in DIE ZEIT. Überschrieben mit Die Auferstehung schrieb Adam Soboczynski zu Beginn:

„Dass die DDR noch einmal zu einem so großen Ruhm gelangt, hätte noch vor wenigen Jahren kaum jemand gedacht. Sobald ein deutsches Werk international Beachtung findet, darf man sich derzeit sicher sein: Es handelt von diesem kleinen, seit Langem zu Tode analysierten und nach dem Epochenbruch 1989 abgewickelten Land. Es sind vor allem drei Bücher über die DDR...“

Über eines, welches Kontroversen verursachte, habe ich bereits geschrieben, es geht mal wieder um Katja Hoyers Diesseits der Mauer. Hinzu kommt ein ganz neues, Jenny Erpenbeck bekam für ihren Roman Kairos einen internationalen Buchpreis. Schon der Name Erpenbeck, der mir weitestgehend unbekannt war, bietet Stoff genug über Literatur im Zusammenhang mit DDR zu schreiben, jedoch soll es mir um ein drittes Buch gehen, welches hier außerdem genannt wurde.

Brigitte Reimanns Die Geschwister ist eine Erzählung aus dem Jahre 1963, dessen Handlung aber zwei Jahre vorher angesiedelt ist. Wieso kommt plötzlich eine Erzählung, die den Kampf einer Schwester, welche ihren Bruder am Fortgehen aus der DDR hindern möchte, in den USA aktuell zu neuer Aufmerksamkeit?

Montag, 17. Juni 2024

Cameron, Peter: Damals ist ein fernes Land

 

Alex Fox, ein Antiquar aus San Francisco, will einer tragisch geendeten Liebe entfliehen und beginnt in der magischen Schönheit Andorras ein neues Leben. Aber für ihn wie für die rätselhaften Menschen, die seine Freundschaft suchen, erweist sich das Damals als ein schicksalhaftes Land, dem man niemals entrinnen kann. (Verlagsbeschreibung)

DNB / Aufbau Verlag (Antiquariat) / 1998 / ISBN 978-3-351-02831-2 / 254 Seiten
 
Peter Cameron auf Litterae Artesque: Was geschieht in der Nacht

Manchmal darf es auch etwas Antiquarisches sein - bloß weil es alt ist, muss ein Buch ja nicht plötzlich schlecht sein. Peter Cameron ist für mich kein Unbekannter (Was geschieht in der Nacht), daher war ich neugierig auf diesen älteren Roman des Autors. Ein poetischer Roman über Liebe und Verrat, über Erinnern und Vergessen. Mehr dazu gibt's hier:


Sonntag, 16. Juni 2024

Schoeters, Gaea: Trophäe

 

Gaea Schoeters’ Roman ist ein „ethischer Mindfuck“ (Dimitri Verhulst) – provokant, radikal und eine erzählerische Ausnahmeerscheinung. Am Ende bleibt die Frage: Was ist ein Menschenleben wert?

Gaea Schoetersʼ preisgekrönter Roman ist von einer außerordentlichen erzählerischen Wucht. Die Tiefenschärfe, mit der sie die Geräusche und Gerüche der Natur beschreibt, lässt einen sinnlich erleben, was einen moralisch an die Grenzen zwischen Richtig und Falsch führt. 

Hunter, steinreich, Amerikaner und begeisterter Jäger, hatte schon fast alles vor dem Lauf. Endlich bietet ihm sein Freund Van Heeren ein Nashorn zum Abschuss an. Hunter reist nach Afrika, doch sein Projekt, die Big Five vollzumachen, wird jäh von Wilderern durchkreuzt. Hunter sinnt auf Rache, als ihn Van Heeren fragt, ob er schon einmal von den Big Six gehört habe. Zunächst ist Hunter geschockt, aber als er die jungen Afrikaner beim flinken Jagen beobachtet… (Verlagsbeschreibung)

DNB / Zsolnay / 2024 / ISBN 978-3-552-07388-3 / 256 Seiten

 

 

Wow. Dieser Roman hat es in sich - selbst Wochen, nachdem ich ihn gelesen habe (wieder einmal im Rahmen einer Leserunde bei Whatchareadin), arbeitet er nach und fördert sofort wieder das Unbehagen zutage, das mich während des Lesens beschlich. Mein Kurzmeinung dazu: Eine moralisch-ethische Grenzwanderung, ein Roman von radikaler Konsequenz, der einen aus der eigenen Komfortzone heraustreibt. Verlangt einem alles ab, ist aber unbedingt lesenswert! Mehr dazu gibt es hier:

Donnerstag, 15. Februar 2024

Kirchhoff, Bodo: Seit er sein Leben mit einem Tier teilt

 

Vier Tage vor dem Höhepunkt des Sommers, dort, wo sich Louis Arthur Schongauer, einst düsterer Deutscher in Hollywood-Filmen, nach dem Tod seiner Frau zurückgezogen hat. Jetzt will er nur noch mit seiner Hündin leben, inmitten alter Oliven oberhalb des Gardasees. Doch dann strandet eine Reisebloggerin beim Wenden in seiner Zufahrt, und am nächsten Tag erwartet er eine Autorin, die ihn mit einem Porträt aus der Vergessenheit holen will: zwei Frauen mit Gespür für die Wunden in seinem Leben. Umso wichtiger wird ihm nun sein Tier, für das es nur ein Hier und Jetzt gibt … In Bodo Kirchhoffs neuem Roman geht es um die Sehnsucht nach dem Menschen, der uns erkennt, und die Abgründe, die sich auftun, wenn wir dieser Sehnsucht folgen. (Verlagsbeschreibung)

 

DNB / dtv / 2024 / ISBN 978-3-423-28357-1 / 384 Seiten
 
Bodo Kirchhoff bei Litterae Artesque:  Widerfahrnis





Ich danke dem dtv ganz herzlich für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars. Bodo Kirchhoff ist hier im Blog kein Unbekannter. "Widerfahrnis" gewann 2016 den Deutschen Buchpreis und wurde seinerzeit auch bei Litterae Artesque besprochen. Um so neugieriger war ich nun auf den neuesten Roman des Preisträgers, noch dazu weil er am Gardasee spielt, wo ich selbst schon einige Male war. Ob mich dieser Roman auch wieder überzeugen konnte? Lest selbst:

 

Freitag, 2. Februar 2024

Karunatilaka, Shehan: Die sieben Monde des Maali Almeida

 

Colombo, Sri Lanka, Anfang der Neunzigerjahre. Maali Almeida, ein verkappt schwuler Kriegsfotograf und Zocker, erwacht eines Morgens im Jenseits, das eine himmlische Einwanderungsbehörde zu sein scheint. Während sein toter Körper gerade im Beira Lake versinkt, hat Maali keinen blassen Schimmer, von wem und warum er umgebracht wurde. Mitten im Bürgerkrieg ist die Liste der Verdächtigen leider bedrückend lang, wovon all die Geister und Dämonen, die ihn ab jetzt begleiten, ebenfalls ein furchterregendes Lied singen können. Doch auch im Leben nach dem Tod ist Zeit ein knappes Gut: Sieben Tage bleiben Maali, um herauszufinden, was geschehen ist. Und noch etwas treibt ihn um: Wie kann er mit den beiden ihm am nächsten Menschen Kontakt aufnehmen, um ihnen mitzuteilen, wo die Negative einiger hochbrisanter Fotos versteckt sind, die Sri Lanka in Aufruhr versetzen und der Welt zeigen sollen, was in seiner Heimat geschieht? (Verlagsbeschreibung)

DNB / rowohlt / 2023 / ISBN 978-3-498-00369-2 / 544 Seiten
 






Einmal mehr ein Roman, den ich im Rahmen einer Leserunde bei Whatchareadin lesen durfte. Und manchmal sind Leserunden richtig gut, denn da stößt man dann auf angesprochene Details, die man ansonsten wohl überlesen hätte, und wird auf Interpretationsansätze gestoßen, auf die man womöglich alleine nicht gekommen wäre. Hier war die Leserunde definitiv von Vorteil, denn dieser Roman ist verwirrend, zynisch, brutal, verworren, verschachtelt, voller Geister und Dämonen und doch so schonunglos real - grandios! Für mich ein Highlight gleich zu Beginn des Jahres. Mehr dazu könnt Ihr hier lesen:


Mittwoch, 18. Oktober 2023

Schenk, Sylvie: Maman

Eine Annäherung an die eigene Mutter und eine schmerzhafte Abrechnung: 1916 wird Sylvie Schenks Mutter geboren, die Großmutter stirbt bei der Geburt. Angeblich war diese eine Seidenarbeiterin, wie schon die Urgroßmutter. Aber stimmt das? Und welche Geschichte wird den Nachkommenden mit auf den Weg gegeben? Als Kind leidet Sylvie Schenk unter dieser Unklarheit, als Schriftstellerin ist sie deshalb noch immer von großer Unruhe geprägt. Mit poetischer Präzision spürt sie den Fragen nach, die die eigene Familiengeschichte offenlässt. „Maman“ ist waghalsiges Unterfangen und explosive Literatur zugleich. (Verlagsbeschreibung)
 
 
DNB / Hanser Literaturverlage/ 2023 / ISBN 978-3446276239 / 176 Seiten
 
 
 
 
 
 
 
 
Einer der Vorteile bei NetGalley ist es, dass dort die Möglichkeit besteht, sämtliche Titel des Deutschen Buchpreises sowie des Österreichischen Buchpreises von der Longlist an anzufragen. Man muss es dann nur noch schaffen, die gewährten Titel auch zu lesen. "Maman" ist solch ein Roman. Die Autorin webt hier ein schemenhaftes Bild einer zu Lebzeiten oft unzugänglichen Frau - ihrer eigenen Mutter... Der Roman hat den Deutschen Buchpreis nicht gewonnen - dafür hat er mir aber gefallen. Weshalb? Lest selbst:
 

Mittwoch, 4. Oktober 2023

Flašar, Milena Michiko: Oben Erde, unten Himmel

Herr Ono ist unbemerkt verstorben. Allein. Es gibt viele wie ihn, immer mehr. Erst wenn es wärmer wird, rufen die Nachbarn die Polizei. Und dann Herrn Sakai mit dem Putztrupp, zu dem Suzu nun gehört. Sie sind spezialisiert auf solche Kodokushi-Fälle. »Fräulein Suzu«, wie der Chef sie nennt, fügt sich widerstrebend in die neuen Aufgaben. Es braucht dafür viel Geduld, Ehrfurcht und Sorgfalt, außerdem einen robusten Magen. Die Städte wachsen, zugleich entfernt man sich voneinander, und häufig verschwimmt die Grenze zwischen Desinteresse und Diskretion. Suzu lernt schnell. Und sie lernt schnell Menschen kennen. Tote wie Lebendige, mit ganz unterschiedlichen Daseinswegen. Sie sieht Fassaden bröckeln und ihre eigene porös werden. Und obwohl ihr Goldhamster sich neuerdings vor ihr versteckt, ist sie mit einem Mal viel weniger allein. Milena Michiko Flašar hat eine frische, oft heitere Sprache für ein großes Thema unserer Zeit gefunden. Und sie hat liebenswert verschusselte Figuren erschaffen, die man gern begleitet. Ein unvergesslicher, hellwacher Roman über die ›letzten Dinge‹. (Verlagsbeschreibung)
 
DNB / Verlag Klaus Wagenbach / 2023 / ISBN 978-3-8031-3353-3 / 304 Seiten
 




Gelesen habe ich diesen Roman im Rahmen einer Leserunde bei Whatchareadin, und ich möchte mich auf diesem Wege ganz herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars bedanken! Schon lange war ich neugierig auf die Romane dieser Autorin - "Ich nannte ihn Krawatte" steht bereits in meinem Bücherregal, "Herr Katō spielt Familie" befindet sich auf meinem eReader. Beide bisher ungelesen. Aber nach diesem aktuellen Roman, der es im übrigen auf die Longlist des Österreichischen Buchpreises geschafft hat, nehme ich mir fest vor, dass auch die anderen Titel baldmöglichst gelesen werden. Für mich eine tolle Entdeckung, und "Oben Erde, unten Himmel" gehört für mich nun definitiv zu den Jahreshighlights! Genaueres erfahrt Ihr hier:


Freitag, 15. September 2023

Brijs, Stefan: Taxi Curaçao

Curaçao, 1961. An einem Septembermorgen bringt der Taxifahrer Roy Tromp seinen zwölfjährigen Sohn Max zum ersten Mal in die weiterführende Schule zu Bruder Daniel. Max ist der erste in seiner Familie, der sie besuchen kann, und erweist sich als talentierter Junge, der davon träumt, Lehrer zu werden und den gesellschaftlichen Aufstieg aus der Armut zu schaffen. Bruder Daniel, der selbst von der Insel stammt, will ihm dabei helfen. Denn so prächtig der azurblaue Dodge Matador ist, mit dem Roy seinen Sohn zur Schule bringt, so bettelarm ist die Familie des Trinkers und Spielers. Vierzig Jahre später ist der Traum geplatzt und Max, der längst selbst Vater eines erwachsenen Sohnes ist, verschwindet aus heiterem Himmel in die Niederlande, womöglich für immer. (Verlagsbeschreibung)
 
DNB / btb / 2016 / ISBN:978-3442714728 / 288 Seiten







Auch wenn sich hier manch einer darüber mokieren mag - ich liebe Challenges. Nicht zuletzt deshalb, weil sie mich zu Büchern greifen lassen, auf die ich sonst noch nicht einmal stoßen würde. Dieser Roman gehört definitiv dazu - kein Mainstream (gerade einmal 13 Sterne Bewertungen bei Amazon), aber in meinen Augen trotzdem unbedingt lesenswert. Geboten werden hier tiefe Einblicke in das Leben auf Curaçao, eingebettet in eine Familiengeschichte. Wie es mir damit erging, könnt Ihr hier nachlesen:

Samstag, 18. März 2023

Gieselmann, Dirk: Der Inselmann

Anfang der Sechziger in einem entlegenen Teil Deutschlands. Das Ehepaar Roleder zieht auf eine unbewohnte Insel inmitten eines großen Sees. Es ist eine Flucht nach innen, vor der Stadt und der Wirklichkeit. Mit dabei ist ihr Sohn Hans, der auf der Insel ein neues Zuhause findet. Und noch so viel mehr. Denn mit der Zeit scheint der schüchterne Junge geradezu mit der Insel, den Bäumen, dem Laub, dem Moos und dem Gestein zu verwachsen. Hans wird zum König der Insel. Bis, mit dem Bescheid der Schulbehörde, die Realität in seine kleine große Traumwelt einbricht und ihn von Insel und Eltern trennt. Es ist der Beginn einer beschwerlichen Odyssee, gelenkt zunächst von gnadenlosen Institutionen des Staates und schließlich dem einen großen, pochenden Wunsch: zurückzukehren auf seine Insel, in die ersehnte Einsamkeit im Schatten der Welt. Doch: Wie wird die Insel, wie werden die Eltern ihn empfangen? (Klappentext) 
 
DNB / Kiepenheuer & Witsch / 2023 / ISBN: 978-3462000252 / 176 Seiten
 
 
 
 
 
 
 

Kurzmeinung:

 
Ein nahezu lyrischer Kurzroman, der ein Leben in Einsamkeit skizziert - beeindruckende Sprachbilder, durchgehend düster-melancholisch...
 
 

Donnerstag, 16. März 2023

Corobca, Liliana: Der erste Horizont meines Lebens

Die zwölfjährige Cristina kümmert sich um alles: Sie kocht, putzt, füttert die Hühner und Schweine und ist Elternersatz für ihre jüngeren Brüder. Die Geschwister leben in einem Dorf in Moldawien, während die Mutter in Italien fremde Kinder hüten muss und der Vater in Sibirien arbeitet. Dabei ist Cristina eigentlich in Cousin Lucian verliebt, träumt vom ersten Kuss und einer besseren Zukunft. "Das Warten ist wie ein kleines Tier, weder ein Haustier noch ein wildes Tier, mal brav und schläfrig, mal böse und entfesselt." Eine einprägsame Geschichte in starken Bildern, geschildert aus der Sicht von Kindern, die am Rande von Mitteleuropa alleine zurückbleiben. (Klappentext)


DNB / Hanser Literaturverlage / 2015 / ISBN: 978-3552057326 / 192 Seiten








 Kurzmeinung:

 
Szenische Einblicke in eine gestohlene Kindheit in Moldawien - die Eltern arbeiten in anderen Ländern und lassen die Kinder alleine zurück...

Montag, 13. März 2023

Piñeiro, Claudia: Kathedralen

Lía glaubt nicht mehr an Gott. Nicht, seit ihre siebzehnjährige Schwester grausam ermordet wurde. In ihrer streng religiösen Familie fühlt sie sich völlig allein gelassen, und bald bricht sie den Kontakt zu ihr gänzlich ab. Dreißig Jahre vergehen ohne den geringsten Hinweis auf den Mörder, dreißig Jahre, die tiefe Gräben in der Familie hinterlassen. Erst eine unerwartete Begegnung wirbelt die Vergangenheit wieder auf und entfesselt einen Sturm, der alle mit sich reißt.

Claudia Piñeiro ergründet ein erschütterndes Familiengeheimnis, hinter dem ein Netz von religiösem Fanatismus, kirchlichem Machtanspruch und Repressionen sichtbar wird. (Klappentext)


  DNB / Unionsverlag / 2023 / ISBN: ‎ 978-3293005921 / 320 Seiten






 Kurzmeinung:

 
Eine argentinische Familie zerbricht nach dem gewaltsamen Tod einer der Schwestern - ein spannender Roman mit drängender Kritik an der katholischen Kirche...
 
 

Samstag, 11. März 2023

Filipenko, Sasha: Kremulator

Pjotr Nesterenko ist mit dem Tod auf vertrautem Fuß. Als Direktor des Moskauer Krematoriums in der Stalin-Zeit hat er sie alle eingeäschert: die Abweichler, die angeblichen Spione und die einstigen Revolutionshelden, die den Säuberungen zum Opfer fallen. Er jedoch, davon ist er überzeugt, kann gar nicht sterben. So oft ist er dem Tod schon knapp entronnen. Bis der Tag seiner eigenen Verhaftung kommt. Wird er auch diesmal den Hals aus der Schlinge ziehen? (Klappentext)


DNB / Diogenes / 2023 / ISBN: 978-3257072396 / 256 Seiten

Filipenko auf Litterae Artesque: Rote Kreuze, Der ehemalige Sohn, Die Jagd









 Kurzmeinung:

 
Hält die Lesenden sehr auf Distanz, wobei Zynismus und Sarkasmus die russische Schreckensherrschaft vergangener (?) Zeiten erträglich machen...