Sonntag, 31. August 2014

Glidden, Sarah: Israel verstehen




Nun, dies wird wohl keine reine Rezension, dies hier wird gleichzeitig ein Vergleich zweier Studienreisen. Was denen gemeinsam ist? Sie führten nach Palästina. Die von Sarah Glidden, einer 1980 in Boston geborener amerikanischen Jüdin war eine sogenannte Birthright - Reise im Jahre 2005. Die meinige war von der Gewerkschaft* der Polizei organisiert und fand im September 2009 statt. ISRAEL VERSTEHEN - Das könnte man als Motto für beide stehen lassen, Motivation und Gründe waren doch etwas unterschiedlich.

Dem Blogger ist es vergönnt, verschiedenste Geschichten und Methoden auszuprobieren, um eine Geschichte zu erzählen. Daher versuche ich, während ich der Geschichte im Buch folge, den Zeichnungen einige eigene Fotos mit wenigen Kommentierungen gegenüber zu stellen.

Was bringt mich nun dazu, das Thema aufzugreifen? Nun zum einen ist ein erneuter Konflikt zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen entflammt. Zum anderen stammt die Empfehlung von AstroLibrium, einem Bloggerkollegen. Außerdem reizte der Umstand, dass hier eine soganannte graphic novel vorliegt, also ein "ernstes comic".
  • DNB / Panini Verlag GmbH / Stuttgart 2011 / ISBN: 978-3-86201-154-4 / 208 Seiten
  • Zu meiner Palästina Seite

Samstag, 30. August 2014

Updike, John: Terrorist


Ahmed ist achtzehn Jahre alt, gemeinsam mit seiner irischen Mutter lebt er irgendwo in New Jersey. Sein Vater, ein Araber, hat die Familie früh verlassen, und Ahmed hat unter seinem Weggang gelitten. Aber die Trennung der Eltern liegt lange zurück, und in New Prospect gibt es viele kaputte Familien. Außerdem ist Ahmed ein ausgezeichneter Schüler, redegewandt und klug. Genau die Sorte also, die im US-amerikanischen System Karriere machen könnte. Doch Ahmed hat sich schon anders entschieden: Konsequent kapselt er sich von seiner Umwelt ab und sucht im islamischen Fundamentalismus ein neues Zuhause. Schon bald ist er bereit, für seinen Glauben sein eigenes Leben zu opfern – und das Leben anderer. "Terrorist" ist ein mutiges und zugleich besonnenes Buch. Es meidet selbst die Extreme und gibt nicht vor, die oft banalen Ursprünge des Terrorismus ganz ausleuchten zu können. Das Ergebnis ist eine Innenansicht von Terror und Fundamentalismus, die plakativen Schuldzuweisungen schonungslos den Boden entzieht. "Terrorist" ist einer der wichtigsten Romane John Updikes. Er erscheint in deutscher Übersetzung zur fünften Wiederkehr des Datums "9/11".

     

Gemeinsam Lesen - Meinungsaustausch...



Der 11. September 2001       ►Quelle Bild


Der Meinungsaustausch kommt um spoilerhafte Informationen nicht ganz drum herum. Aber es ist ein sehr intensiver Austausch zwischen Uwe und Anne, und nicht immer stimmen die Meinungen überein. Sehr spannend, wie unterschiedlich ein Buch gelesen und aufgefasst werden kann.
Uwes Meinungsäußerungen sind in Schwarz gehalten, Annes in Grün - Zitate in dunkklem Blau.



Kapitel I

Man braucht den Klappentext des Buches nicht, um, ausgehend vom Titel, zu ahnen, um was es letztlich wohl gehen wird: um Terrorismus und um Fundamentalismus. Fundamental muss ja nicht zwingend in Fanatismus und dann in Terrorismus münden, aber heutzutage und vor allem dann, wenn Religion im Spiele ist,  finden Fundamentalismus und Terrorismus zusammen.

Ahmed ist, im Gegensatz zu seiner Schulkameradin Joryleen, sehr zielgerichtet glaubend, wenn ich dies mal so ausdrücken darf. Dabei scheut er sich nicht, ihrer Einladung in den Gottesdienst einer evangelischen Gemeinde zu folgen, in der ihr Chor singt. Ahmed weiß, das ist eine Versuchung, der er sich an sich nicht hingeben sollte. In schwarzen Jeans und gestärktem weißen Hemd sticht er als ernster und die Regeln seiner Religion beachtend unter den Jugendlichen hervor. Eine Aktie daran hat Scheich Rashid, der in einer kleinen Moschee den Ahmed vorbereitet. Auf das Lastwagenfahren, aber da erreichen wir schon das zweite Kapitel...

Der Lehrer Levy, ausgebrannter und eigentlich ängstlicher Beratungslehrer, ehemals Geschichtslehrer, versucht den Jungen zum Besuch eines Colleges zu überreden, ziemlich halbherzig, er hat mit sich und seinem Leben zu tun. Welche Rolle er spielen wird im Fortgang der Geschichte wird sicherlich interessant...

In NEW PROSPECT ist der amerikanische Traum schon ziemlich ausgeträumt. Ahmed träumt was anderes, der alte Levy (63) träumt wohl gar nicht mehr. Updike schildert den Verfall einer Stadt und die Gegenwart unverblühmt und direkt. Trostlos.Ist es tatsächlich bezeichned, dass diese Tristesse einhegeht mit der Übernahme ganzer Stadtviertel durch "Ausländer", die (noch?) nicht richtige "Amerikaner" geworden sind? Leztlich beginnt hier eine Wertediskussion...

* * *

Wie schwer fiel es mir, mich in dieses Buch hineinzufinden. Abbruch jeweils nach maximal einer Seite. Es hat Tage gedauert, bis ich drin war in der Handlung. Soweit man überhaupt drin sein kann. Doch nun habe auch ich das erste Kapitel beendet. 

Ein wahrhaft trostloses, pessimistisches Bild über Amerika, das John Updike da zeichnet. Und da er Amerikaner war und wir nicht, müssen wir zumindest annehmen, dass er wusste, wovon er da redet. Und das ist nicht nur erschütternd, sondern wirklich beängstigend. 

Die Figuren - ob alt, ob jung - suchen nahezu verzweifelt nach einem Sinn in ihrem Leben:

Ahmed Mulloy (Ashmawy) - Sohn einer rothaarigen amerikanischen Mutter irischer Abstammung und eines ägyptischen Austauschstudenten, der die Familie verließ, als Ahmed 3 Jahre alt war. Mit 11 begann Ahmed mit seiner Suche und stieß auf einen Lehrer: Scheich Rashid, ein Imam an der Moschee, mit dem Ahmed den heiligen Koran studiert. Seither bedeutet Gott ihm alles. Ahmed verachtet alle, die nicht wahren Glaubens sind und hat nur noch zwei Monate bis zu seinem High-School-Abschluss. Über seine Zukunft hat er nur vage Vorstellungen:

"Ahmed braucht eine Zukunft, das weiß er, aber sie kommt ihm unwirklich vor, und sie weist seine Annäherungsversuche ab." (S. 25)

Und Jack (eigentlich Jacob) Levy, 63, einer jüdischen Familie entstammend, aber nicht wirklich gläubig, lebt mit seiner Frau Beth zusammen, der Sohn, ein angesehener Augenarzt, längst aus dem Haus. Er arbeitet an der High-School, die Ahmed besucht, als Beratungslehrer. Ein hoffnungsloser  und am Leben verzweifelnder Lehrer, der die Jugendlichen hinsichtlich ihrer Zukunftsaussichten beraten soll. Trotz seiner negativen Sicht auf das Leben im Allgemeinen und Amerika im Besonderen, fällt dem Lehrer der Schüler Ahmed auf, als dieser zu einem Beratungsgespräch erscheint. Doch die Bemühungen Jacks, den Schüler zu erreichen, verlaufen fruchtlos - Ahmed scheint nicht an den Zukunftsaussichten interessiert, die Jack ihm skizziert. Dennoch gibt er sich nicht geschlagen:

"Ich möchte über Sie noch ein bisschen nachdenken. Könnte sein, dass ich Sie noch einmal sehen möchte..." (S. 57)

Kapitel II

Tatsächlich lässt Jack Levy das Schicksal Ahmeds nicht los. Er sucht ihn sogar zu Hause auf, was Ahmed aber anscheinend nicht beeindruckt. Er lässt die College-Prospekte, die Jack ihm mitgebracht hat, links liegen und wendet sich lieber den Unterlagen zu, die er für die Prüfung benötigt, um einen Lastwagen-Führerschein zu erhalten. Weshalb Ahmed diesen Führerschein benötigt, erfährt der Leser (noch) nicht, aber im Hinblick auf den Titel des Buches liegen harmlose Vermutungen wohl eher fern.
Ahmed, der anfangs in seinem Glauben so gefestigt schien, kommt jetzt doch einige Male ins Nachdenken. So folgt er der Einladung einer Mitschülerin zu einer Auffürhung des Ghospelchors, in dem sie mitsingt - in einer Kirche. Er fühlt sich als Fremdkörper, wehrt "gefährliche" Gedanken mit einer Art hochmütigem Mantra erlernter Glaubenssätze ab - und kommt doch ins Grübeln. Nicht, dass er dies großartig zulässt, denn er hat offensichtlich ein klares Ziel vor Augen. Und doch beginnt er zu hinterfragen, auch seinen Lehrer Scheich Rashid, doch stets verhalten.

Updike lässt sich viel Zeit in den einzelnen Szenen. Selbst den Unterricht Ahmeds bei Scheich Rashid schildert er ausführlich, einschließlich der (arabischen) Darstellung einzelner Suren samt Übersetzung und Diskussion über die Bedeutung und die Entstehung der Texte. Sicherlich ein interessanter Einblick, doch zeitweise finde ich die z.T. sehr lang geratenen Schilderungen doch anstrengend zu lesen.
Und bei aller Ausführlichkeit gelingt es doch nicht, wirklich in die Gedankenwelt Ahmeds einzutauchen. Weshalb ihm beispielsweise der Glaube so wichtig ist und sonst nichts. Mit Levy und Ahmeds Mutter kann man als Leser nur spekulieren. Kann es wirklich so einfach sein, wie seine Mutter vermutet:

"Diese ganze Allah-Kiste hat er sich allein angeeignet, ohne jede Hilfe von mir. Im Gegenteil sogar - ich hab´s ihm übel genommen, dass ihm ein Vater so wichtig war, der keinen Furz auf ihn gab. Auf uns. Aber vermutlich braucht ein Junge eben einen Vater, und wenn er keinen hat, erfindet er sich einen." (S. 150)

* * *

Das Ende der Highschool naht. Unter den Schülern gibt es nur Joryleen, zu der sich Ahmed ein wenig hingezogen fühlt, darum besucht er auch den bereits erwähnten Gottedienst. Sie ist es, die zu ihm sagt: "Wenn einer nicht weiß, wohin er unterwegs ist..., dann du. Wer nicht weiß, was gut ist und was schlecht, bist du." Und sie trifft den Nagel auf den Kopf.
Der einzige Schüler eines  Imans wird, dies wird bereits jetzt langsam deutlich, indoktriniert.
Anne hat vollkommen recht, John Updike lässt sich für bestimmte Szenen viel Zeit.

Quelle: Internet
178. Und die Ungläubigen sollen nicht wähnen, daß es zu ihrem Heil ist, wenn Wir ihnen Aufschub gewähren; daß Wir ihnen Aufschub gewähren, führt nur dazu, daß sie in Sünden wachsen; und ihnen wird erniedrigende Strafe. (Koran - online) -

Ahmed möge sie vernichten wie die Kakerlake, die sich in sein Essen wagt. Leise Zweifel allerdings hat der Junge wohl.
Interessant ist, dass der Scheich den Koran selbst als etwas Unvollkommenes ansieht, der echte Koran wäre im Himmel. Transkription und Interpretation haben durch die Jahhunderte Spuren hinterlassen.
Paradox, warum dann insbesondere die anderen Religionen des Buches so als Ungläubige betrachtet werden und zu vernichten (?) wären.

Und dann ist die Schule zu Ende.

Kapitel III


Allmählich gewöhne ich mich an den Schreibstil und fange tatsächlich an, ihn zu mögen. Updike legt ganadenlos den Finger in die Wunde, zeichnet tatsächlich kein schmeichelhaftes Bild von Amerika. Mein Bild von Amerika ist das eines oftmals unreflektierten Patriotismus bei gleichzeitig überaus unpolitischer Haltung. Updike geht hier gar noch einen Schritt weiter: die wahren Machthaber sind die internationalen Konzerne:

"Die Kommies wollten dir bloß eine Gehirnwäsche verpassen, aber die neuen Machthaber, das heißt die internationalen Konzerne, wollen dir das Gehirn komplett wegspülen. Sie wollen Konsummaschinen aus uns machen - eine Hühnerstallgesellschaft." (S. 221)

Vieles von dem, was da geschrieben steht, lässt sich nicht nur auf Amerika beziehen, sondern auch auf das moderne Europa. Verbunden mit der mehr als zweifelhaften Rolle der Medien (gezielte Auswahl und Präsentation der Nachrichten sowie massive Werbekampagnen) schaffen es die Wirtschaftsführer, alle Bürger in gedankenlose Konsumenten zu verwandeln. Ein unangenehmer Spiegel, den Updike da der modernen westlichen Gesellschaft vorhält.
Um so verwunderlicher in meinen Augen, dass Updike ein überaus anerkannter Schriftsteller in seinem Land war, ebenso wie international. Das passt so gar nicht zu meinem Bild des kompromisslos patriotischen Amerika...

Ein paar Worte noch zum Fortgang der Geschichte: 

Jack Levy hat mittlerweile eine Beziehung mit Ahmeds Mutter, die über 20 Jahre jünger ist als er selbst. Ein Kontakt zu Ahmed dagegen findet kaum noch statt, so scheint es. 
Der Glaube Ahmeds wirkt auf mich immer wieder recht hochmütig. Über allem und über allen stehend, gilt er ihm als das einzig Wahre, und nichts und niemand reicht an diesen Glauben heran, nur er, Ahmed selbst. Dabei scheint es allerdings so, als schleichen sich immer wieder Gedankengänge ein, die ein Umdenken andeuten könnten. Die Aussage beispielsweise, dass ihm die Opfer des Anschlags auf das World-Trade-Center in New York leid getan hätten, hat mich doch überrascht.  Ein Wendepunkt?

"Der Gott, der wie ein unsichtbarer Zwilling mit ihm verbunden ist, ist kein Gott des Unternehmungsgeists, sondern ein Geist der Unterwerfung. Obwohl Ahmed sich bemüht, fünfmal am Tag zu beten, (...) hat der Barmherzige und Gnädige ihm keinen geraden Weg zu einer Berufung vor Augen geführt. Es ist, als wäre ihm, im köstlichen Schlummer seiner Hingabe an Allah, seine Zukunft amputiert worden." (S. 237)

* * *

Ford E-350 - Ahmeds "LKW" ?
Nun lernen wir die Frau des Lehrers Levy kennen und deren Schwester Hermione, welche für den "Secretary of  U.S. Departement of Homeland Security" arbeitet. Ahmed erlangt den LKW - Gewerbeführerschein. Ein seltsames Gemisch aus Politikverständnis erreicht den Leser, wenn er von Charlie hört und dem Beginn des Berufslebens für den Jungen, welcher weiterhin in schwarzen Röhrenjeans und weißen (langärmelige) Hemden durch die Gegend läuft. Der geschichtlich ziemlich mit Halbwissen beschlagene Charlie weist Ahmed in seinen Job ein. Er wird weniger in die Moschee kommen, die Indoktrination übernimmt ein anderer.

Quelle: Internet
Quelle: Internet
Eines Tages stehen sie an der Upper Bay und schauen auf das untere Manhatten:

""Schön, das mal zu sehen, nachdem die Türme weg sind" , stellt Charlie fest. ... "Halb New Jersey konnte die verdammten Dinger sehen.""

Ahmed äußert Mitleid mit jenen, die gesprungen sind und dass Muslime unter ihnen waren.  "Ahmed, du must das Ganze  als Kriegsgeschehen betrachten. Im Krieg gehts nun mal nicht säuberlich zu. Es kommt zu Kollateralschäden..." (Seite 240)   Wohin wird das wohl führen?

Im Gegensatz zu Anne wundert mich der Bekanntheitsgrad des Schriftstellers nicht. Die, welche offen aussprechen, was poltisch und historisch "problembeladen" ist, werden von den Politikern nicht gemocht. Doch die Leser sehen das nun oftmals anders. TERRORIST ist Updike´s vorletzter Roman gewesen.



Kapitel IV

Ich sprach nicht vom Bekanntheitsgrad, lieber Uwe, sondern vom Grad der Anerkennung - was sich auch an diversen Preisen und Auszeichnungen zeigt, die Updike für seine Werke erhielt - z.B. hier:


John Updike (links) bei der Verleihung der National Medal of Arts zusammen mit Barbara und George H. W. Bush am 17. November 1989


Doch nun zu diesem Abschnitt.

Ahmed erhält mehr Einblicke in die Hintergrund-Geschäfte der Firma, für die er den Lastwagen fährt, und schließlich wird ihm offenbart, welche Rolle er bei einer akribisch vorbereiteten geheimen Operation spielen soll. Sein Glaube wird auf eine harte Probe gestellt, doch Ahmed ist sich sicher, dass dieser stark genug sein wird... Um ihm etwas Gutes zu tun, sorgt Charlie, der Sohn des Besitzers von 'Excellency' dafür, dass Ahmed diese Aktion nicht als Jungfrau durchführen muss - zumindest versucht er es. Ausgerechnet die ehemalige Mitschülerin aus dem Ghospelchor ist es, die ihn zum Mann machen soll. 

Der traurige alte Jude Jack Levy spielt in diesem Abschnitt nur eine kleine Rolle. In einer Bettszene mit Ahmeds Mutter - der letzten, wie sich herausstellt - sinniert er:

"Ich sage nur, dass junge Leute wie Ahmed ein Bedürfnis nach etwas haben, was sie von der Gesellschat nicht mehr bekommen (...) Hedonismus, Nihilismus - sonst haben wir nichts zu bieten (...) Kids müssen mehr Entscheidungen treffen als früher, weil die Erwachsenen ihnen nicht sagen können, was sie tun sollen. Wir wissen eben nicht, was einer tun sollte, wir wursteln uns bloß weiter durch und versuchen, nicht nachzudenken.  Niemand erklärt sich für verantwortlich, und darum nehmen die Kids, manche jedenfalls, die Verantwortung auf sich (...) Sie möchten sich gern als wertvoll erweisen - wenn wir ihnen nur sagen könnten, was wertvoll ist." (S. 265)

Updikes Schreibstil ist mir manchmal zu ausschweifend, zu langatmig. Manchmal allerdings bezaubert er mich auch, wenn er nämlich detaillverliebte Bilder in meinem Kopf entstehen lässt:

"In ihren Sprüngen lässt die Betonfläche Unkraut sprießen, die hoch wachsenden wilden Pflanzen der dahinschwindenden Jahreszeit mit ihrem milchigen Speichel und ihren pelzigen, vom üppigen Tau des Herbstes feuchten Blättern. Der Himmel darüber ist wolkenlos, bis auf ein paar faserige Zirrusfetzen und die verschwimmende Schleppe eines Jets. Sein reines Blau ist noch sanft, pudrig, denn es war erst in  Nacht und Sterne getaucht." (S. 323)

Einfach schön - und ein Hoch auch auf die Übersetzerin: Angela Praesent. 

* * *

Die Art und Weise der Indoktrination hat mich scon ein wenig verblüfft. Der "freundliche" Charlie und dann wieder der Scheich.

"Mein lieber Junge, ich habe die Stunden sehr vermisst, in denen wir gemeinsam die Schrift studiert und über große Dinge  gesprochen haben. Auch ich habe dabei gelernt. Die Schlichtheit und die Kraft deines Glaubens hat den meinigen vertieft und verfestigt. Es gibt wenige von deiner Art." (Seite 298)

Die Zusammenarbeit mit Charlie wird auch durch den Scheich offenbart, er konfrontiert Ahmed mit seiner Zustimmung für den Dschihad zu sterben. Noch hat er Zweifel...

"Ich bin bereit zu sterben.... wenn es Gottes Wille ist."...
"Es besteht eine Chance... Es bedürfte dazu eines schahid, dessen Liebe zu Gott bedingungslos ist und den es dringend nach der Glorie des Paradieses dürstet. Bist du ein solcher Mann Ahmed?" ...
"Ich glaube, ja..."  (Seite 300 / 301)

Nicht erst die Zustimmung zum istischhad, zum Selbstopfer, und dann die Vorbereitung, nein, umgekehrt. Zumindest zur Hälfte: Charlie, der Lastwagen, der Scheich... Scheinheilig die Frage nach der "Unsicherheit im Herzen" und dass der Junge auch zurücktreten darf. Er weiß, er wird manipuliert, doch er bleibt fest...

Nun da es heraus ist, erfährt Ahmed, wie alles funktionieren soll.

* * *

Kapitel V

Ahmed bereitet sich akribisch auf seine große Aufgabe vor. Im letzten Abschnitt erfährt man fast ausschießlich alles aus der Sichtweise des jungen Muslimen - und mehr lässt sich hier kaum erzählen, ohne dass man zu viel verraten würde.

Das Ende bietet noch einige Überraschungen, doch letztlich habe ich gemerkt, dass ich zwar gespannt war auf den Schluss, dass dieser mich dann aber weder enttäuscht noch begeistert hat. Es war mir schlichtweg egal, muss ich gestehen - denn auch wenn Updike selbst im Klappentext schreibt:

"Es gibt genug Menschen, die vor der arabischen Bedrohung warnen. Da mag man es mir zugestehen, den jungen Mann so sympathisch darzustellen, wie es mir möglich ist. Er ist mein Held. Ich habe versucht, ihn zu verstehen und seine Welt zu beschreiben."

...konnte ich das gesamte Buch über kaum einmal so etwas wie Sympathie für Ahmed aufbringen. Zu distanziert wird er geschildert, zu abgehoben von der Welt, zu wenig greifbar. Selbst die angedeuteten Gründe, weshalb Ahmed so fanatisch in seinem Glauben aufgeht, wirken wie ein Stück Stammtisch-Psychologie und waren für mich wenig überzeugend. Schade. Ich wäre Ahmed gerne ein Stück näher gekommen...

* * *

Du hast Recht, Anne, das Ende ist schon überraschend. Wie so oft spielt ein Zufall den entscheidenden Hinweise an die für die Terrorabwehr zuständigen Behörden.

Der Weg zum Lastwagen und die anschließende Fahrt ist wie ein Rückblick über Lebensepisoden des Jungen. Alle Dinge werden ausführlich beschrieben, es ist so, als würde sich die Zeit verlangsamen beim Lesen. Die Kunst des Beschreibens vieler kleiner Details auf einem vermeintlich endgültigem Weg ist Updikes Stärke.
Quelle: wikipedia

 Ziel des Anschlages ist der ► Lincoln - Tunnel, ein 2,5 Kilometer langer Straßentunnel, der Weehawken mit Manhattan (New York City) verbindet und unter dem Hudson River durchführt.

Quelle: wikipedia

Das tatsächliche Ende ist perfide. Erst hier plötzlich tat mir der Junge leid. Manipuliert bis zum Ende:

"Diese Teufel, denkt Ahmed, haben mir meinen Gott weggenommen."

Und er hat recht.




Fazit

Ein Buch, in das ich nur schwer hineinfand, und durch das ich mich v.a. im ersten Viertel wirklich hindurchkämpfen musste. Die Charaktere sind zwar detailliert und facettenreich dargestellt, doch blieben sie den gesamten Roman über für mich wenig greifbar. Es werden viele religiöse Hintergründe aufgeführt, doch entsteht letztlich der Eindruck, dass sie über die gängigen religiösen Klischees z.B. bezüglich des Islam nur unwesentlich hinausgehen. 
So habe ich zwar verfolgt, wie aus Ahmed ein religiöser Fanatiker wurde, konnte es aber trotzdem nicht wirklich nachvollziehen.

Gut gefallen hat mir dagegen die Kritik am amerikanischen (westlichen) Leben der heutigen Zeit. Gut pointiert hat Updike die Oberflächlichkeit dargestellt, das unreflektierte Konsumverhalten, die Rolle von Wirtschaft und Medien im Hinblick auf die Kreation unkritischer Konsumenten - und die Haltlosigkeit der Jugend, ihre verzweifelte Suche nach Werten und Lebenssinn. 

Der Schreibstil Updikes hat mich nach anfänglichen Schwierigkeiten doch überzeugt. Auch wenn es mir zeitweise zu ausschweifend, zu langatmig war und ich Sätze durchaus auch zwei oder drei Mal lesen musste, um ihren Sinn wirklich komplett zu erfassen, haben mich manche Schliderungen auch einfach nur bezaubert. Und es wird  nicht mein letztes Buch von Updike sein, da bin ich mir sicher...

Das gemeinsame Lesen und Schreiben hier hat mir jedenfalls viel Spaß gemacht, und da kann ich nur sagen: immer wieder gerne! Solch ein Austausch ist einfach nur interessant! 

 * * *

Ich hatte weniger Schwierigkeiten beim Lesen als vielmehr nun hier Gedanken zum Buch niederzuschreiben. Mir hat der Stil gut gefallen und daher sei der Übersetzerin Dank, da gebe ich dir, Anne, vollkommen  recht.  Das Gefühl von teilweise bzw. relativer Weitschweifigkeit hat sich bei mir irgendwann verflüchtigt. Vermutlich weil mir irgendwann einfiel, dass so die vielen Gedanken der beteiligten Menschen gut dargestellt werden konnten. Die Haltung und die Handlungen des alten Lehrers Levy werden verständlicher im Kontext der Geschichte um seine Frau Betty. Dies geschieht im Kontrast zu ihrer patriotischen Schwester Hermione, was für die Romanhandlung letztendlich bedeutsam wird. Manchmal muss die Leserin, der Leser einfach nur aushalten.

Updike hat dem Leser verständlich aufgezeigt, wie sogenannte Märtyrer geschaffen werden können. In einer Zeit, in der sehr wahrscheinlich eine Reihe von Westeuropäern in Syrien und im Irak in der Terrororganisation IS (Islamischer Staat) Verbrechen begehen, zeigt der Roman aus dem Jahr 2006 auf, warum das so sein könnte.

Selbst weiß ich nicht, ob die US-Amerikaner oberflächlich, so unkritisch sind. Gleichzeitig sind sie wohl auch sehr patriotisch, mit God bless America und dem ►  Star Spangled Banner sowie den Bildern dazu, wenn US-Amerikaner öffentlich ihre Hymne singen, ob im Stadion oder anderswo, wird dies sehr deutlich:

  
O sagt, könnt ihr sehen
im frühen Licht der Morgendämmerung,
was wir so stolz grüßten
im letzten Schimmer der Abenddämmerung?
Dessen breite Streifen und helle Sterne
die gefahrvollen Kämpfe hindurch
über den Wällen, die wir bewachten,
so stattlich wehten?
Und der Raketen grelles, rotes Licht,
die in der Luft explodierenden Bomben,
bewiesen die Nacht hindurch,
dass unsere Flagge noch da war.
Oh sagt, weht dieses
sternenbesetzte Banner noch immer
über dem Land der Freien
und der Heimat der Tapferen?


In der letzten Strophe, die nicht zum offiziellen Text (1814) der Hymne gehört, heißt es: 

Dann müssen wir siegen
wenn unsere Sache gerecht ist.
Und dies sei unser Motto:
„Wir vertrauen auf Gott.“
Und das sternenbesetzte Banner
möge im Triumph wehen
über dem Land der Freien
und der Heimat der Tapferen!


Quelle: wikipedia
Ich staune immer über diesen (vermeintlichen) Widerspruch im Handeln der Amerikaner, die in Reiseberichten auch als herzlich und gastfreundlich beschrieben werden, aber eben auch den sogenannten Smalltalk vollendet beherrschen sollen.

Die Schriftsteller, Journalisten wie Romanautoren, zeigen ihre Sicht der Dinge auf. Ihre Beobachtungen, ihre Erfahrungen, ihre Ängste und mehr. Ein Autor wie ► John UPDIKE (1932 - 2009), der sich sonst eher anderen Themen widmete, schrieb diesen Roman im Jahr 2006, als Spätwerk sozusagen. Und doch passt er zu ihm, denn in der sogenannten Rabbit- Reihe ist er wohl sehr dicht an seinen Landsleuten dran. Um Updike besser zu verstehen, müüste man wohl dort weiterlesen. 




Die Meinung des Schreib- und Blogpartners im Wechsel unmittelbar hier zu erfahren und auf diese eingehen zu können oder sie auch aufzunehmen und den Faden weiter zu spinnen, ist eine schöne Sache. Zeit braucht sie und auch Geduld. Hoffentlich findet auch dieses "Werk" des Bloglesers Gefallen und genügt seinen Ansprüchen.

© Parden & KaratekaDD


* * *

Mittwoch, 27. August 2014

Bivald, Katarina: Ein Buchladen zum Verlieben


Wie eine Buchhandlung einen verschlafenen Ort wieder zum Leben erweckt.

Es beginnt mit einer ungewöhnlichen Brieffreundschaft. Die 65-jährige Amy aus Iowa und die 28-jährige Sara aus Schweden verbindet eines: Sie lieben Bücher – mehr noch als Menschen. Begeistert beschließt die arbeitslose Sara, ihre Seelenverwandte zu besuchen. Als sie jedoch in Broken Wheel ankommt, ist Amy tot. Und Sara plötzlich mutterseelenallein. Mitten in der Einöde. Irgendwo in Iowa. Doch Sara lässt sich nicht unterkriegen und eröffnet mit Amys Büchersammlung einen Laden. Und sie erfindet neue Kategorien, um den verschlafenen Ort für Bücher zu begeistern: »Die verlässlichsten Autoren«, »Keine unnötigen Wörter«, »Für Freitagabende«, »Gemütliche Sonntage im Bett«. Ihre Empfehlungen sind so skurril und liebenswert wie die Einwohner selbst. Und allmählich beginnen die Menschen aus Broken Wheel tatsächlich zu lesen – während Sara erkennt, dass es noch etwas anderes im Leben gibt außer Büchern.




  • Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
  • Verlag: btb Verlag (11. August 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Gabriele Haefs
  • ISBN-10: 3442754569
  • ISBN-13: 978-3442754564







EIN WOHLFÜHLBUCH, DAS NICHT GANZ DEN ZAUBER HALTEN KONNTE, DEN ES VERSPRACH...


http://www.the-exponent.com/wp-content/uploads/2013/07/wagonwheels.jpg
Broken Wheel - nach einem zerbrochenen Rad eines Trecks wurde die kleine Stadt in Iowa im Roman benannt


Eine merkwürdige Situation, in die Sara da geraten ist. Über ihre Liebe zu Büchern kam die 28-jährige Schwedin in Kontakt zu der deutlich älteren Amerikanerin Amy und unterhielt zwei Jahre lang einen intensiven Briefaustausch mit ihr. Schließlich lud Amy die mittlerweile arbeitslose Buchhändlerin ein, sie in Iowa zu besuchen - doch als Sara voller Begeisterung eintrifft, holt sie niemand wie vereinbart in der Nachbarstadt ab. Als sie schließlich in Broken Wheel ankommt, erfährt Sara zu ihrer großen Bestürzung, dass die 65-jährige Amy verstorben ist, die Beerdigung ist gerade vorüber.
Was nun? Heimfahren? Zwei Monate sollte der Aufenthalt in Iowa dauern, so weit reicht das Visum. Doch Sara hat nicht mit der Reaktion der Einwohner von Broken Wheel gerechnet. Die bestehen darauf, dass die junge Frau troz allem in Amys Haus wohnen soll, und alle bemühen sich, dass Sara sich möglichst wohlfühlt. Keine Miete soll sie zahlen, kein Geld geben für Essen, Trinken und was man sonst noch so zum Leben braucht. Statt Amys Gast ist Sara nun Gast der ganzen Gemeinde.

" '...Broken Wheel! (...) Kaum der richtige Ort für eine Touristin. Gibt doch rein gar nichts zu sehen. Das Einzige, wovon wir mehr als genug haben, ist Sinnlosigkeit."

Broken Wheel hat seine ganz eigene Geschichte. "Und bei einem dieser Trecks zerbrach ein Rad: Broken Wheel wurde aufgrund eines Unfalls gegründet und danach benannt, und seither schien die Stadt sich Mühe zu geben, um diesem Namen Ehre zu machen."
Fast alle, die Arbeit suchen, ziehen weg, ein Geschäft nach dem anderen musste schließen, Familienbetriebe wurden zerschlagen, nur noch Mais scheint dort zu wachsen. Geblieben sind ein paar wenige Bewohner, einer verschrobener als der andere - sich gegenseitig beobachtend und doch einsam in ihrem Innersten. Und ausgerechnet hierher hat es Sara nun verschlagen. Sie fühlt sich wohl in Amys Haus, als sie erst die Bücher entdeckt hat - doch erträgt sie es kaum, so auf Kosten der Gemeinde zu leben. Ein Gedanke nimmt allmählich Gestalt an:

"Sie dachte daran, dass sie dieser Stadt gern etwas zurückgeben würde. Bücher waren da eine gute Möglichkeit. Egal, ob sie es wussten oder nicht, Bücher waren das, was sie hier brauchten, das war ganz offensichtlich."

Und so bringt Sara allmählich Amys alten leerstehenden Laden wieder auf Vordermann, stellt Regale hinein, gemütliche Sessel und einen kleinen Tisch - und füllt die Regale auf. Mit Büchern. Mit Amys Büchern, alle gelesen und geliebt und nun auf der Suche nach neuen Besitzern.
Die Einwohner lassen Sara gewähren, doch als der Laden eröffnet wird, wissen sie nicht so recht, was sie nun damit anfangen sollen. Sara jedoch bleibt optimistisch:

"Sie zweifelte nicht daran, dass sie die Bewohner von Broken Wheel zum Lesen bringen würde, egal, was die sich so dachten."

Sara weiß Gelegenheiten zu nutzen. Sie sortiert die Regale nach einem ganz eigenen System, das die Menschen in Broken Wheel ermutigen soll, nach dem richtigen Buch zu suchen. »Die verlässlichsten Autoren«, »Keine unnötigen Wörter«, »Für Freitagabende«, »Gemütliche Sonntage im Bett« - sind nur einige der Kategorien, die Sara für sie erfindet. Und allmählich beginnt sich ihre Hartnäckigkeit auszuzahlen.

"Amys Büchersammlung enthielt keine ungewöhnlichen oder wertvollen Exemplare, aber sie hatte einen Raum voll purer, konzentrierter Lesefreude erschaffen (...) Sara war fest entschlossen, ihren - ihren gemeinsamen - Buchladen zu einem ähnlichen Lesetempel zu machen."

Der Ort beginnt zu lesen. Und mit den Büchern und dem Buchladen geht eine Veränderung der Menschen einher. Sie entdecken Neues, Ungeahntes - auch an den Menschen um sie her und an sich selbst. Und auch Sara, die als schüchterne, unsichere Frau nach Iowa kam, bleibt von den Veränderungen nicht ausgenommen. Sie, die immer vor dem Leben geflohen ist und sich in Büchern vergrub, lernt nun immer neue Leute kennen und lässt sich auf sie ein.

"Bücher oder Menschen, fragst du. Das ist eine schwere Entscheidung, muss ich sagen (...) und dennoch, so sehr ich diese Frage auch drehe und wende, ich muss mich am Ende wohl für die Menschen entscheiden (...) in meinem ganzen Leben habe ich vielleicht eine Handvoll Menschen geliebt, im Vergleich zu Dutzenden oder hunderten von Büchern (und hier rechne ich nur die, die ich wirklich geliebt habe, die, bei denen der bloße Anblick schon froh macht, über die man immer lachen muss, egal, was sonst gerade passiert, zu denen man immer wieder zurückkehrt wie zu einem alten Freund und von denen man genau weiß, wann man ihnen zum ersten Mal 'begegnet' ist) (...) Aber die Handvoll Menschen, die man liebt... die ist doch mehr wert als diese ganzen Bücher."

Auch Sara macht in ihrer Zeit in Broken Wheel diese Erfahrung - doch die zwei Monate gehen schnell vorbei. Der Rückflug nach Schweden steht an, zurück in ihr altes Leben. Die Einwanderungs-Gesetze der USA sind furchtbar streng, und es scheint keine Möglichkeit für Sara zu geben, länger in Iowa zu bleiben. Oder für immer?
Alle in Broken Wheel wollen ihr dabei behilflich sein - doch die Behörden sind bereits auf Sara aufmerksam geworden...


Diese 448 Seiten lassen sich unglaublich flott herunterlesen. Die ersten zwei Drittel des Buches haben mich wirklich bezaubert, auch wenn der Wandel von Sara von der eher grauen Maus zu einer recht selbstbewussten jungen Frau sich doch recht rapide zu vollziehen schien. Gerade die Stellen, an denen es sich um die Bücher drehte, waren oft wunderschön - und ich hätte seitenweise Zitate herausschreiben können, nur um keines zu vergessen.

"Sie ließ die Tür einen Spaltbreit offen stehen, so dass der Geruch von feuchter Herbstluft sich mit dem Duft der Bücher vermischte. Sie hatte immer gefunden, dass Herbstluft und Bücher gut zusammenpassten, dass beide auf irgendeine Weise zu bequemen Sesseln und großen Tassen Kaffee oder Tee gehörten, und niemals wurde ihr das deutlicher als hier in ihrem eigenen Buchladen."

Erzählt wird meist aus der Perspektive Saras, doch gelegentich gibt es einen Perspektivwechsel zu einem der Bewohner von Broken Wheel, so dass man auch diese Personen zunehmend besser kennenlernt. Und eingestreut gibt es häufig Auszüge aus den Briefen von Amy an Sara aus vergangener Zeit, so dass es ein wenig ist, als ob Amy immer auch ein bisschen bei dem Geschehen dabei wäre.
Gerade diese Briefpassagen haben mir unglaublich gut gefallen, denn aus den Zeilen sprach oft eine Weisheit, die das Leben prägt - und die Amy auf diese Art mit Sara (und dem Leser) teilte.

"Ab und zu glaube ich, dass nicht die Stärke des Kummers von Bedeutung ist, sondern wie sehr er sich festsetzen kann."


Das letzte Drittel des Buches hat dann für mich ein wenig vom Zauber verloren - hier geht es auch weniger um die Bücher, sondern mehr um das Leben in Broken Wheel und um den Versuch, Sara einen längeren Aufenthalt dort zu ermöglichen. Für mich glitt das Geschehen dabei eher ins Seichte ab, was ich bedauert habe.
Nichtsdestotroz gehört das Buch zu den Wohlfühl-Büchern, wenn auch ein wenig zu sehr mit dem Hang zur Chick-Lit, was ich so nicht erwartet habe.

Gute 3,5 Sterne vergebe ich dafür - und weil es solch ein Füllhorn an Zitaten bietet, runde ich gerne auf 4 Sterne auf.


© Parden










Katarina Bivald
Katarina Bivald

»Ich war nie in den USA, aber ich bin dort aufgewachsen. Mit Fannie Flagg, Annie Proulx, Louisa May Alcott und Marshall Grover. Das ländliche Amerika war mir so nah wie die kleine schwedische Vorstadt, in der ich zufällig geboren wurde. Und ich wusste immer, dass ich eines Tages schreiben würde. Schon als Kind erzählte ich ständig Geschichten.«

Katarina Bivald arbeitete 10 Jahre lang in einem Buchladen. Sie lebt in der Nähe von Stockholm, gemeinsam mit ihrer Schwester und so vielen Bücherregalen, wie sie nur gerade so reinpassen in die Wohnung. Sie weiß bis heute nicht genau, was sie bevorzugt: Menschen oder Bücher.



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Dienstag, 26. August 2014

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige... Nr. 3

Hab ich gefunden. Auf Maxedome. Und gestern hab ich mir das angesehen. Wer meine Auffassungen kennt weiß, dass ich Filmen nach Büchern gegenüber nachsichtig bin. Meistens. Der hier nun hat mir gar nicht gefallen. Die Meinungen sind wohl unterschiedlich. Als Beispiel will ich mal folgenden ►Link anführen.

Meine ► Rezension schwärmte ja von dem Buch des Schweden Jonass Jonasson in dem EIN HUNDERTJÄHRIGER AUS DEM FENSTER SPRANG UND VERSCHWAND.

Auch Anne hat sich sehr ►zufrieden geäußert, beide hatten wir uns über das Hörbuch sehr amüsiert, gesprochen vom unvergessenen Otto Sander.

Klar, es gab schon amüsante Szenen und man fand Episoden des Buches gut umgesetzt wieder. Klar ist auch, dass die ganze erzählte Lebensgeschichte des hundertjährigen Allan nicht in einen Film ohne Fortsetzung passt. Aber vom Hocker gerissen hat mich der Film diesmal nicht. Das ist schade, fand ich zumindest.




Anbei mal der Trailer. Zumindest ►Robert Gustafson machte als Alan  seine Sache gut. Verblüffend, denn der Schauspieler ist Jahrgang 64. Okay, da hat er wenigstens ein halbes Jahrhundert auch schon geschafft.


Dies als zugegebenermaßen kleine Filmkritik. Hier geht es zu der von ► wikipedia. Und hier ist noch eine von ►Echo-Online.

Die offizielle Homepage findet ihr ►hier.

© KaratekaDD

Montag, 25. August 2014

Besuch im Garten


Liebe Freunde,

diesen netten putzigen kleinen Kerl (oder ist es eine Sie?) möchte ich euch nicht vorenthalten:


Besuch im Garten
Foto: TinSoldier,  August 2014


C: TinSoldier

Freitag, 22. August 2014

Hardinghaus, Christian: Mindfuck Stories (Hörbuch)


Dieses Hörbuch sorgt für explosives Kopfkino / Mindfuck Stories katapultiert an die Grenzen des Verstandes / Startschuss für vier Stunden Kino ohne Leinwand.

Die 15 Geschichten im soeben erschienenen Hörbuch Mindfuck Stories von Christian Hardinghaus versetzen die Hörer in die Welt des Unvorhersehbaren und schockieren sie mit plötzlichen Wendungen und unerwarteten Enden. 
Lassen sie sich hinters Licht führen oder erkennen sie versteckte Hinweise, mit denen sich der Geist vielleicht doch noch besänftigen lässt? Hollywoodreif inszeniert von Starsprecher Tom Vogt (Clive Owen, Laurence Fisburne u. v. a.) wirken die Stories lange über den Hörgenuss hinweg nach.


  • Audio CD
  • Verlag: Provoke Media (8. August 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3981640942
  • ISBN-13: 978-3981640946
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 14 Jahren





 Kopfkino verdreht...





Mindfuck Stories - das hört sich zunächst einmal fast unanständig an. Ein Grund dafür, weshalb Amazon.de z.B. die Rezensionen gar nicht erst zulässt, die das Wort im Original-Wortlaut beinhalten. MINDFUCK.
 

Was aber bedeutet denn überhaupt der Ausdruck: 'Mindfuck Stories'?
 

Mindfuck ist kein literarischer Begriff und auch kein Genre. "Mindfuck ist ein Effekt. Hervorgerufen durch eine völlig unerwartete und überwältigende Wendung in einer Handlung." Schon mal den Film "The Sixth Sense" geschaut? Das ist ein gutes Beispiel für einen Mindfuck aus dem Bereich der bewegten Bilder.
Christian Hardinghaus hat sich nun mit seinen Geschichten zum Ziel gesetzt zu beweisen, dass dieser Effekt auch als Kopfkino durch Lesen oder Hören funktionieren kann. Die Geschichten "offenbaren am Schluss mehr als eine Pointe - sie sind einfach noch durchgedrehter", so weit dass Vorwort.
 

15 Geschichten erwarten den Hörer - und könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie sind mal skurill, mal verwirrend, melancholisch, humorvoll, böse, berührend, mystisch oder auch nachdenklich stimmend. Immer aber überraschend.
Da jeder Hörer einen anderen Geschmack hat, ist klar, dass einem nicht jede der Geschichten gleich gut gefällt. Mir beispielsweise haben die Handlungen am besten gefallen, die berührten sowie eine bitterböse, rabenschwarze Story. Dagegen konnten mich die Geschichten nicht begeistern, die sich mir bis zum Schluss nicht wirklich erschlossen und bei mir eine kafkaeske Verwirrung hinterließen. So was kann ich nicht leiden, *grins*.
 

Meistens sind die überraschenden Wendungen wirklich so gelungen, dass sie nicht vorhersehbar sind, was mir gut gefiel. In dem Bewusstsein, dass etwas Unerwartetes geschehen würde, lag ich immer schon auf der Lauer - und begab mich oftmals auf eine ganz falsche Fährte.
Beim Zweithören sind dann meist etliche versteckte Hinweise zu entdecken, was schlüssig ist, wenn man die Auflösung erst einmal kennt. Ein gelungenes Spiel mit der Sprache.
 

Und beim Thema Sprache bleibt nun noch, auf den Sprecher zu sprechen zu kommen. (Uff, kein stilistisch hochwertiger Satz hier, aber ich lasse ihn mal so stehen...) 

Thomas Vogt
Christian Hardinghaus schrieb selbst in der Lese-/Hörrunde bei LovelyBooks: "Die Geschichten gewinnen durch die markante, geheimnisvolle Stimme von Star-Synchronsprecher Tom Vogt noch einmal  mehr an Gänsehautfaktor." Mir bleibt dazu nur noch zu sagen: Ja! Bei einer der Geschichten ging es um das Thema Hypnose - und ich kann nur sagen: bei mir wirkte es!
(Tom Vogt ist bekannt aus Hollywood-Filmen. Er ist die feste Stimme von Clive Owen und Laurence Fisburne. Er sprach auch Russel Crowe im ultimativen Mindfuck Film "A beautiful Mind".)
 

Der Autor Christian Hardinghaus hat die Hörrunde sehr intensiv begleitet, was mich gefreut hat. Auch das Engagement der Produktionsfirma bei der Behebung der Probleme beim Download erlebte ich als sehr positiv.
Schön, dass ich hier mithören durfte! Ganz sicher halte ich Ausschau nach weiteren Publikationen von Christian Hardinghaus.
 

Ein Hörbuch, das es in sich hat!


© Parden







 Mindfuck Stories







Dr. phil. Christian Hardinghaus wurde 1978 geboren. Er lebt in Osnabrück und ist ausgebildeter Fachjournalist, promovierter Historiker und Filmwissenschaftler. Aus seiner Feder stammen bisher wissenschaftliche und journalistische Publikationen, die sich geschichtlichen und psychologischen Themen widmen. Spezialisiert hat er sich auf Propagandaforschung (Filmpropaganda für den Holocaust), Vorurteilsforschung ("Der ewige Jude" und die Generation Facebook) und filmische Manipulationstechniken (Mulholland Drive: Die Entschlüsselung). Er setzt sich an Universitäten und Schulen für Medienerziehung ein. Mit Mindfuck Stories legt er sein erstes belletristisches Werk vor.

  Quelle Text und Bild
 

Donnerstag, 21. August 2014

Die Madonna auf dem Theaterplatz

Am letzten Freitag wurde in Dresden das alljährliche Stadtfest in Dresden eröffnet. Dies unternahmen die Oberbürgermeisterin und ein Mann in barrockem Kostüm, welcher als Canaletto vorgestellt wurde. Bernardo Belotto, genannt ►Canaletto - nach ihm heißt seit diesem Jahr dieses Stadtfest. Neben den beiden stand ein weiterer stadtbekannter Dresdner: Bernd Aust mit seiner Querflöte. Bekennender Fan von Jethro Tull und folgerichtig wurde im folgendem Konzert auch Locomotive Breath gespielt. Doch halt, wer ist Bernd Aust ohne ► Electra, die Dresdner Band, gegründet 1969?

Dresdner Neueste Nachrichten Artikel




Das "größte Stadtfest Deutschlands", (Helma Orosz, - Oberbürgermeisterin) eröffnet damit eine Band, die mit der Rocksuite von der Sixtinischen Madonna auf die Geschichte eines weltberühmten Gemäldes aufmerksam macht, welches an zentraler Stelle vielleicht 200 Meter weit von der Bühne auf dem Theaterplatz in der Sempergallerie hängt. (Da hängen auch Dresdner Stadtansichten, welcher der bereits genannte Canaletto malte) Raffaels Madonna hängt auf der Bühne und zeigt das zentrale Thema eines Konzertes, welches es so noch nicht gab und vielleicht auch nicht mehr geben wird: Das musikalische Triptychon Open Air.


© Bücherjunge (15.08.2014)

Montag, 18. August 2014

Die wundersame Geschichte von Mama, vom Hasa und vom Kackerli. Episode 2: Mama


Liebe Leser, 
hiermit veröffentlich ich die Fortsetzung meiner frühen Kindheitsgeschichte. Den ersten Teil findet ihr HIER
 
Mutter


Die geneigten Leserinnen und Leser werden mir verzeihen, wenn ich mich an dieser Stelle einmische und den naseweisen KLEINEN vorübergehend mal aus dem Verkehr ziehe.

Stecken wir ihn jetzt einmal in sein Bettchen, das noch in
Wewelsburg:
Viel Gegend und eine Burg im Paderborner Land
jener ärmlichen Wewelsburger Holzbaracke steht, und lassen wir ihn, vielleicht nach einer ordentlichen Portion Muttermilch und einem fetten Bäuerchen, dann erst mal den unschuldigen Schlaf eines Neugeborenen schlafen, anstatt uns von ihm die Welt erklären zu lassen.

Mama singt ihm also noch sein Schlafliedchen vom Pommerland, das abgebrannt ist, und dann darf er selig kommenden Zeiten entgegen träumen…

Wo war ich?

Ach ja, Mama !

Meine Mutter wurde geboren in Dingelstedt am Huy.


Ansicht von Dingelstedt auf 
einer alten Postkarte
Das war im Jahre des Herrn 1920, auf den Tag genau 4 Wochen vor Heiligabend. Sie wurde auf den Namen Anna getauft. 
Ihre Mutter war eine einfache Landarbeiterin, ihr leiblicher Vater ein flotter Kellner, der ihre Mutter mit dem Kind sitzen ließ, noch bevor es geboren war. Er hatte sich aus dem Staub gemacht, nicht ohne meiner Oma zuvor den Vorschlag zu machen, das Kind gleich nach der Geburt mit einer Stricknadel in die Fontanelle zu stechen, um sich auf diese Weise unauffällig aber nachhaltig von dieser ungewollten Last und Verantwortung zu befreien.
Meine Oma war da nun aber ganz anderer Meinung, für sie war das Kind zwar eine Bürde, aber eine solche, die sie mit Anstand und Liebe zu tragen gedachte, ungeachtet aller Schwierigkeiten, die in jener Zeit, noch dazu in ländlicher Umgebung, eine allein erziehende, mittellose Frau zu erwarten hatte.
Oma hat danach nie mehr von diesem Menschen gesprochen und alle seine Spuren aus ihrem Leben getilgt. Meine Mutter ist ihm nie begegnet.
Aber Oma hatte Glück. Sie fand in Otto Schoof einen Beschützer und treuen Lebensgefährten. Der hat dem flotten Kellner mit Nachdruck nahegelegt, sich nie wieder blicken zu lassen und meine Oma noch vor ihrer Niederkunft geheiratet. Da hatte Oma dann einen guten Mann, und Mutter einen fürsorglichen Vater.
Oma zu beschreiben, ist schwer. Ich habe sie nur in ihren letzten Lebensjahren kennen lernen dürfen. Deutschland war ja damals geteilt und Besuchserlaubnisse für Verwandtenbesuch waren in jenen Jahren des „kalten Krieges“ für „Westbürger“ nicht einfach zu bekommen.
In meinem Gedächtnis lebt sie weiter als eine großherzige, von Statur kleine und rundliche Frau, mit einem gütigen Gesicht und warmherzig blickenden Augen. Sie war eine Frau, der auch zwei Weltkriege sowie ein hartes, arbeits- und entbehrungsreiches Leben nichts von Ihrer Herzensgüte und Liebenswürdigkeit hatten nehmen können. Sie starb still und bescheiden, wie sie gelebt hatte, als ich noch ein Teenager war. Ich habe Sie viel zu wenig gekannt.
Einmal, als Kind von etwa 8 oder 9 Jahren, habe ich ihr in kindlicher Weise versprochen, sie nie zu vergessen, auch nach ihrem Tode nicht.
Da hat sie gelacht und mich mit verräterisch feuchten Augen angesehen. Ich aber habe mein Versprechen von damals gehalten!
Das Dorf meiner Großeltern lag in einer idyllischen Landschaft, inmitten fruchtbarer, weitläufiger Feldfluren. Die Landschaft, flach und eben wie ein Teller, war durchzogen von herrlichen Baumalleen, die im Sommer willkommen-kühlen Schatten spendeten. Über allem spannte sich ein meistens blass-blauer, klarer und scheinbar unbegrenzter Himmel, welcher diesem Landstrich zusätzliche Weite verlieh.
Bei klarer Luft und guter Sicht konnte man in der Ferne den Höhenzug des Harzgebirges mit dem Brocken erkennen. Dort lag der magische Ort, wo die Hexen sich der Legende nach jedes Jahr in der Walpurgisnacht treffen, um ihren Hexentanz aufzuführen. Unweit davon befindet sich jene Stelle, an welcher der Sage nach die Königstochter Brunhilde mit ihrem Rappen auf der Flucht vor dem Riesen Bodo in einem kühnen Sprung über einen Abgrund setzte, wobei im Fels ein tiefer Eindruck des Pferdehufes zurückblieb. Der Riese Bodo, welcher bei der Verfolgung zu Tode stürzte, gilt seither als Namensgeber des Flüsschens Bode, welches sich in trägen Mäandern durch die Landschaft und, unweit des Hauses der Großeltern, durch das Dörfchen windet.
Höchste Erhebung der Gegend ist der Brocken, den der Dichter Heinrich Heine 1824 während seiner berühmten „Harzreise“ bestieg. Unter dem Eindruck eines Sonnenaufgangs auf dem Brocken schrieb er die Verse

„Heller wird es schon im Osten Durch der Sonne kleines Glimmen, Weit und breit die Bergesgipfel In dem Nebelmeere schwimmen …….“

Im Sommer brannte die Sonne oft erbarmungslos auf das staubige Kopfsteinpflaster der Dorfstraßen, bis die Luft vor Hitze flimmerte. Dann war die Luft erfüllt vom Planschen, Lachen und Jauchzen der Kinder, die in jenem Flüsschen Bode an seichten Stellen Abkühlung suchten.
Die Bevölkerung dieser Gegend war von jeher ein herzhafter, bodenständiger, dabei zäh-robuster und bescheidener Menschenschlag, der hinter rauer Schale meist einen weichen Kern verbarg. Seit Luther´ s Zeiten, der auf der Thüringischen Wartburg als „Vogelfreier“ Asyl genoss und dort als „Junker Jörg“ das Neue Testament aus dem Lateinischen in´ s Hochdeutsche übersetzte, zählte die Gegend mit zur Hochburg des Protestantismus. Typisch für diesen Landstrich war auch jenes besondere Idiom, welches die Leute sprachen. Dieses Plattdeutsch war für Ohren, die solche Mundart nicht kannten, ungewohnt, lustig und schwer verständlich zugleich. Ich erinnere mich, wie ich als Kind mehr als einmal verwundert und entgeistert lauschte, wenn die Rede war vom „Middaahsebroood eehten“ oder meine Tante Irmchen gar in ihrer unnachahmlich gutmütigen, derb – lustigen Art und Weise Lebensweisheiten äußerte, wie etwa die folgende:

„Eehten, freehten suuuhpen, langsam gaahn und puuuhpen, dat schlaaht an….. !“

Noch verwirrender war es aber für mich, wenn meine Mutter plötzlich auch in dieses fremde Kauderwelsch verfiel, als hätte sie ihr Lebtag lang nichts anderes gesprochen…
In dieser idyllischen Umgebung und unter solch prächtigem, lebenstüchtigem Menschenschlag wuchsen also meine beiden ältesten Brüder, Rolf und Dieter, auf. Da sowohl der Vater als auch der Großvater Schoof dem Ruf des Vaterlandes hatten folgen müssen, fehlte diesen beiden allerdings die starke Hand eines männlichen Erziehers, was zumindest für die Erziehung des Älteren, der es schon früh verstand, Mutter, Oma und Tante Irmgard um seine kleinen Finger zu wickeln, nicht nur zum Vorteil gereichte. Aus ihm wurde folglich ein rechter Lausbub, der sich „Hahne“, den ärgsten Tunichtgut des Dorfes, zum Freund erkor, welcher ihm zwar an Jahren, Größe und vor allem Körperkraft um einiges voraus, an Geist und Mutterwitz dafür aber um Lichtjahre unterlegen war.
Es muss schon ein denkwürdiges Bild gewesen sein, wenn

„Hahne“, sekundiert von meinem Bruder Rolf, mit struppigem Haar, barfüßig und mit rotziger Nase an der staubigen Dorfstrasse stand und beim Anblick eines der damals noch seltenen Autos lauthals schrie:


„Hi hi hiiiiiieeeeh, A u t o k o f f e r hihihiiieeeeehhh “, 


Feldpostkarte von 1943
was meinen nichtsnutzigen Bruder zu bedenklichen Lachkrämpfen animierte, so dass er fast keine Luft mehr bekam und unter Prusten versuchte, Freund „Hahne“ zu weiteren sinnfreien aber heiterkeitserregenden Verbalnoten zu animieren.
Dieser wiederum fühlte sich angefeuert und stimmte stolz seinen Schlachtruf, der sich, wie gesagt, inhaltlich durch völlige Sinnleere auszeichnete, erneut an. Die beiden waren unzertrennlich und bald berüchtigt im Dorf, was meiner Mutter, der die Sache gar nicht recht war und der die mitunter peinlichen Streiche der beiden oft die Schamesröte in´ s Gesicht trieben, großes Kopfzerbrechen bereitete.

Zum Muttertag 1943 kam die vorläufig letzte schriftliche Nachricht Vaters aus Russland. Da sein letzter Heimaturlaub schon lange zurücklag, konnten sich beide Jungs nicht an den Vater erinnern. Es war einfach so, als hätten sie keinen. 
Vater war vom Sommer 1944 bis 1946 verschollen. Dann kam die erlösende Nachricht, dass er lebte und sich in Kriegsgefangenschaft befand.
Die Jahre gingen in´s Land. Meine Brüder waren jetzt 7 und 8 Jahre alt. Das Leben hatte sich normalisiert, soweit das unter den Umständen der Nachkriegszeit möglich war. Zwar war man auch in jener Gegend der Willkür der russischen Besatzer ausgeliefert, trotzdem war man, Gott sei Dank, vom Ärgsten verschont geblieben. Vergewaltigungen und andere Untaten an der

Zivilbevölkerung waren hier die Ausnahme. Noch das Ärgste, was Mutter geschah, war, dass russische Soldaten, denen sie eines Tages unvermittelt vor dem Dorf begegnete, der vor Angst Zitternden am helllichten Tage ihr kostbares Fahrrad „requirierten“, sie ansonsten aber ungeschoren von dannen ziehen ließen.
In den Jahren 1947 und 1948 kehrten zahlreiche ehemalige deutsche Soldaten aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. In jenen Tagen trafen häufig Züge,

vollbesetzt mit Heimkehrern, die man in eine ungewisse Zukunft entlassen hatte, ein. Wer hätte sie noch nicht gesehen, die alten Wochenschaubilder aus jenen Tagen, die ergreifende Wiedersehensszenen, aber auch verzweifelte Mütter und Ehefrauen mit Fotos ihrer Männer und Söhne in den Händen, oder auch die oft leeren Blicke entwurzelter Heimkehrer auf überfüllten Bahnhöfen in schwarz-weißen Bildern festhielten.
In jenen Tagen, Anfang Mai 1949, sagte eine Nachbarin zu meiner Mutter:

„Warte man Anni, heut kommt wieder ´n Transport an auf´m Bahnhof. Da geh ich hin und dann bring ich dich dein´ Ernst mit“!

Mutter, die solches nicht glauben wollte, weil sie die Enttäuschung

nicht verkraftet hätte, lächelte „das Ella“, also jene Nachbarin, nur müde-skeptisch an und schwieg dazu. Das wäre doch zu schön, um wahr zu sein. Am Nachmittag desselben Tages, meine Mutter war beschäftigt mit ihrer Hausarbeit, kam mein älterer Bruder aufgeregt zu ihr gelaufen: „Mama, Mama, da draußen ist so´ n fremder Mann“! Nichtsahnend trat meine Mutter in den Hausflur, erstarrte – und brach mit einem Aufschrei zusammen. „Das Ellaken“ hatte Recht behalten.
Vater war heim gekommen!

Sonntag, 17. August 2014

Atkins, Dani: Die Achse meiner Welt


Rachel ist jung, beliebt, verliebt und wird in wenigen Wochen ihr Traumstudium beginnen. Perfekt. Doch dann geschieht ein schrecklicher Unfall, der ihr alles nimmt. Sie verliert den besten Freund, ihre Zuversicht und die Balance. Jahre später wird ihre Welt zum zweiten Mal auf den Kopf gestellt. Denn als sie nach einem schweren Sturz im Krankenhaus erwacht, ist ihr Leben plötzlich so, wie sie es sich immer erhofft hat. Die damalige Tragödie hat es anscheinend nie gegeben. Ihr bester Freund lebt und ist an ihrer Seite. Wie kann das sein? Und wie fühlt sich Rachel in ihrem neuen Leben – mit dem Wissen über all das, was zuvor geschah? Lassen Sie sich von einer Liebesgeschichte verwirren, die mit nichts vergleichbar ist. 

"Die Achse meiner Welt", das Romandebüt der britischen Autorin Dani Atkins, wurde in über 13 Länder verkauft und hat in England für Furore gesorgt.




  • Taschenbuch: 320 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (1. August 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Dr. Birgit Moosmüller)
  • ISBN-10: 3426515393
  • ISBN-13: 978-3426515396






ALICE IM WUNDERLAND...


Rachels Leben ist perfekt: Sie hat einen gutaussehenden Freund, einen großen Freundeskreis und wird in wenigen Wochen ihr Studium beginnen. Doch dann geschieht dieser schreckliche Unfall, der ihr alles nimmt, was sie liebt. Rachel zieht sich voller beklemmender Schuldgefühle zurück - denn sie hat nur überlebt, weil ihr bester Freund Jimmy ihr das Leben rettete und dafür mit seinem eigenen bezahlte.
Die Hochzeit ihrer engsten Freundin Sarah lässt Rachel nach fünf Jahren zum ersten Mal an den Ort der Tragödie zurückkehren. Aber die Erinnerungen sind zu viel für Rachel, und sie bricht zusammen. Als sie im Krankenhaus erwacht, traut sie ihren Augen nicht. Ihr Leben ist plötzlich genau so, wie sie es sich immer erhofft hat: Sie hat einen Traumjob und ist verlobt. Und neben ihrem Bett steht Jimmy - kerngesund und mit seinem schönsten Lächeln...

"Ich fragte mich, ob Alice sich auch so ratlos gefühlt hatte, nachdem sie durch den Kaninchenbau ins Wunderland gefallen war." (S. 105)

Diesen Satz kann man nur unterstreichen, denn wie anders soll Rachel sich fühlen? Fünf Jahre nach dem katastrophalen Unfall, bei dem ihr bester Freund ums Leben kam, weil er ihr Leben gerettet hat, kehrt Rachel in die Stadt zurück, in der sie aufgewachsen war. Rachel geht es nicht gut, denn die Schuldgefühle - ihr Leben gegen das von Jimmy - lassen sie am Leben verzweifeln. Gezeichnet von einer auffälligen Narbe im Gesicht lässt sie niemanden mehr an sich heran, ihr Vater kämpft einen aussichtslos scheinenden Kampf gegen den Krebs - und die Erinnerungen an die verhängnisvolle Nacht des Unfalls sind zu viel für sie.
Doch als sie zu sich kommt, ist plötzlich alles anders. Ihr verstorbener Freund steht neben dem Krankenhausbett, ihr Vater ist kerngesund, und sie ist in einer Beziehung, die sie doch vor fünf Jahren nach dem Unfall gelöst hat. Was ist hier also los?!

"Hey, du bekommst jetzt keinen Science-Fiction-Koller, oder?" (S.285)

Die Verwirrung Rachels ist dieselbe, die der Leser empfindet, wenn er in die Geschichte eintaucht. Welcher Wahrnehmung kann man hier trauen? Sich zu kneifen hilft Rachel nicht, sie steckt offensichtlich in keinem Traum fest. Aber was ist es dann?
Sie kann sich genau an die Geschehnisse der letzten fünf Jahre erinnern, weiß wo sie gewohnt hat, wo gearbeitet. Doch niemand aus dem Leben vor ihrer Ohnmacht erinnert sich noch an sie. Dabei kennt sie Details, die sich nicht einfach rational erklären lassen. Dafür wird sie nun mit einer Wirklichkeit konfrontiert, an die sie selbst keinerlei Erinnerungen hat, nur die anderen. Gibt es überhaupt eine Erklärung? Ein Zurück? Und will sie das wirklich?

Dani Atkins schreibt hier in erster Linie eine Liebesgeschichte:

"Wir vergessen nie die eine erste große Liebe."

Doch das große Rätsel um die Vergangenheit verhindert größtenteils, dass die Geschichte ins Kitschige abgleitet. Dabei wird man mit jeder Seite neugieriger, wie sich das ganze wohl auflösen mag. Was ist mit dem alten Leben geschehen?
Rachel sucht verzweifelt nach Antworten. Einer der Lösungsvorschläge hat mich persönlich geärgert, weil das vollkommener Quatsch war - hier hat sich die Autorin offensichtlich zu wenig mit den Hintergründen befasst, oder aber sie hat bei Rachel sowie dem Leser ein so laienhaftes Verständnis des Begriffes vorausgesetzt, dass das den meisten nicht auffallen würde. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich blöder fände. Aber das war nur ein kleiner unstimmiger Baustein, dem im Gefüge der gesamten Geschichte kein zu großer Wert beigemessen werden sollte...

Die Geschichte las sich überaus flüssig, Rachel und einige andere Charaktere wuchsen mir schnell ans Herz - und die Geschichte lebte von der Spannung nach der Auflösung. Diese hat mich letztlich zwar nicht ganz überzeugen können, aber insgesamt hat mir das Buch doch ein angenehmes Lesevergnügen bereitet...


© Parden



 

 

Dani Atkins, 1958 in London geboren und aufgewachsen, lebt heute mit ihrem Mann in einem Dorf im ländlichen Herfordshire. Sie hat zwei erwachsene Kinder. „Die Achse meiner Welt“ ist ihr Romandebüt.

Quelle