Bukowski, Helene: Wer möchte nicht im Leben bleiben
Bild Ullstein -Verlag
08. Mai 2026, abends in Neustrelitz: Helene Bukowski ist zu Gast bei Kathrin Matern in deren Buchhandlung „Frau Rilke“. Eine Buchlesung vor vollem Haus. Mit Beifall begrüßen die Gäste den Gast, die meisten dürften wissen, wem sie die nächsten eineinhalb Stunden zuhören werden.
Vor knapp zwei Monaten:
Eine riesige Halle aus Glas, durchzogen von Stahlstreben. Hinter uns die Zutrittsschleusen für abertausende Besucher in den nächsten Tagen, die gleich uns die Leipziger Buchmesse 2026 besuchen wollen. Die Literaturbühne der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ARD, ZDF und 3SAT ist erster zentraler Anziehungspunkt. An der Wand das Programm. Um 14:30 Uhr ist Helene Bukowski zu Gast. Hätte dich, Helene, Frau Rilke nicht vor einigen Tagen empfohlen, wäre dieser Termin einer von vielen ungenutzten geworden. Zum festgelegten Zeitpunkt betrittst du die Bühne. Jung, kurze blonde Haare, hell und elegant auffallend gekleidet: in einer Stunde wird der Preis der Leipziger Buchmesse vergeben, du bist nominiert mit Wer möchte nicht im Leben bleiben. Bestimmte Lieder aus den Tagen in einem vergangenen Land werden immer mal wieder zu Buchtiteln. Nur einmal mit den Vögelnziehn war so eines, dass ich 2023 las. Nun hier das bekannte Kinderlied aus einem Jugendfilm von 1959. Darauf komme ich noch einmal zurück.
Vor dem Weiterlesen ein kleiner Hinweis: Dies ist keine Rezension, es besteht akute Spoiler-Gefahr!
mit KI Copilot erstellt
Du erzählst, wie du eine Art Nachlass aus unzähligen Objekten, Tonbandkassetten, Fotoalben, Tagebücher und hunderte von Briefen angeboten bekommst. Die Geschichte dahinter fängt an, dich zu interessieren, spätestens, als du bemerkst, dass da ein bekannter Geiger erwähnt wird, mit dessen Kindern du selbst im Kindergarten zusammen warst. Du gräbst dich in das Material und lernst Christina kennen. Christina gehört deiner Elterngeneration an, aber sie, die eine talentierte Pianisten war und eine erfolgreiche Karriere hätte beginnen können, schied aus dem Leben. Mit vierundzwanzig Jahren. Du bist inzwischen um die dreißig Jahre und kommst ihr immer näher.
Du erwärmst dich für das Projekt Christina und recherchierst deren Leben, beginnst bei den Eltern, einem verhinderten Tenor an der Leipziger Oper und einer Hobby-Fotografin. Mit der kleinen Christina, die zeitig für eine „Hau-auf-die-Tasten-Sonate“ zu begeistern ist, ziehen sie nach Neustrelitz, später nach Neubrandenburg. Christina wurde 1961 geboren.
Der Vater wird stellvertretender Leiter einer Musikschule und fördert seine Tochter, Christina erhält Klavierunterricht, dies schränkt das Spielen mit anderen Kindern ein. Das Mädchen aber übt nicht nur, weil der Vater dies will. Du lässt sie in dein Leben, du setzt dich dazu, da im Treppenhaus, in dem du Christina sagen lässt: „Wenn ich hoch gehe, muss ich üben.“ Die Kinder, mit denen sie spielt, hast du hineingeschrieben. Ist dies der Punkt, der dich erneut für die Geschichte einnimmt, aus der dein drittes, überaus intensives und berührendes Buch entsteht?
Das Klavier, den der Vater besorgt, schleppst du mit hoch in die Wohnung:
Ich „helfe den fluchenden Männern, die es das Treppenhaus hinauf, in die Wohnung deiner Eltern tragen. Fast wäre es uns aus den Händen gerutscht, dein Vater wachsam in unserem Rücken. Dann endlich haben wir es geschafft. Das Klavier steht an seinem Platz. Dein Vater zählt uns das Geld in die Hände, bringt uns zur Tür.“
Von nun an begleitest du Christina. Im Zug, beim Üben und dann in der „Spezi“, der Spezialmusikschule im Zentrum von Berlin, im Internat für eine zwölfjährige Schülerin, gemeinsam in einem herunter gekommenen Zimmer mit Franziska, Uta und Marita.
Christina hat das viele Üben bereits so verinnerlicht, dass äußerlicher Zwang zu eigenem, aber auch selbst gewolltem wird. Ihr außergewöhnliches Talent wird offensichtlich. Du zeichnest uns schreibend ihre Lehrer dort, überaus streng und unsympathisch, mit nur wenigen Ausnahmen. Erfolg ist zwingend vorgeschrieben. Für ein solches Talent, für die Schule, für das Land und für Frau Feldberg, die Hauptklavierlehrerin.
Ich fange an dich zu verstehen, den Leser regt auf, dass das sensible, musisch so begabte Mädchen bei der Interpretation der Musikstücke großer Komponisten gemaßregelt wird in dieser strengen Schule. An den kleinen und größeren Ausbrüchen der Mitschüler beteiligt sich Christina nicht. Sie übt. Und übt, und übt.
Förster-Flügel
Du begleitest sie in den Sommerferien zu den Konzerten, die der Vater organisiert, zuerst zu Hause in der Stube, in die die Eltern einen Flügel hineingedrückt haben, und an anderen Orten. Erkennt der Vater nicht, dass er die Tochter behutsamer anfassen muss, dass sie eigene Zeit, Erholung braucht? Die Mutter näht ein Konzertkleid nach dem anderen und der Leser denkt, dass eines schöner als das andere gewesen sein muss, denn dies beherrschten viele Mütter in diesem Land außerhalb der Berliner Mauer, in deren Nähe die „Spezi“ liegt. In der liegen sich drei junge Mädchen zitternd in den Armen, als sie das Geknatter von Maschinenpistolen vernehmen.
Konservatorium Moskau
Mit Christina reist du auf diese Art und Weise auch nach Moskau, denn sie wird zum Studium an das dortige Konservatorium delegiert. Der Leser denkt, es sei schade, dass eure „Beziehung“ eine einseitige ist. In Moskau aber blüht Christina eher auf. Endlich eine Lehrerin, die, selbst weltberühmt, die junge Frau versteht, die zusätzlich zum Studium in einem anderen Land von einer monatlichen Krankheit geplagt, von der man damals noch nicht viel versteht.
T.N. spielt nie etwas vor auf dem Flügel, die Studentin darf interpretieren, wird zu nichts gezwungen, anders als zu Hause.
„Du könntest ein wenig leichter und weicher spielen,“ sagt T.N. nach einem langen Blick aus dem Fenster dann fügt sie hinzu, dass sie an deiner Technik nichts auszusetzen habe. Du nickst, bemühst dich um ein Lächeln, schiebst deine Noten zusammen, verabschiedest dich, verlässt den Raum, stehst auf dem Flur, kannst nichts anfangen mit der Freiheit, die dir T.N. in Moskau lässt. In Berlin hast du was anderes gelernt.“
Neue Komponisten, neue Freunde, eine unerwiderte Liebe und das Italienische Konzert von Johann Sebastian Bach. Christina, schreibst du, wird dieses zukünftig als Zugabe verwenden bei den eigenen Konzerten. Machen wir eine kleine Pause und hören rein, wenn Tatjana Nikolajewa Bach darbietet.
Dann kommt Vittoria hinzu, die Italienerin, die zur guten Freundin wird. Darf sie, als Auslandsstudentin, wirklich nicht mit ihr reden, weil Vittoria aus dem nichtsozialistischem Wirtschaftsgebiet kommt?
Einmal darf Christina das Studium verlängern, ein zweites Jahr dran hängen wird ihr von Berlin verwehrt, und ihr müsst wieder zurück.
Für Christina wird die Zeit nun schwer und für dich, Helene, vermutlich auch, denn du hast dich durchrecherchiert bis in die letzten Jahre des jungen Lebens deiner Roman-Antiheldin.
Es schmerzt, zu lesen, dass Christina an der Musikhochschule nicht Fuß fassen kann, verfolgt wieder von einem Professor ohne Gespür, der alte Werke in sozialistischen Kontext gestellt haben will und Förderung der jungen exzellenten Musikerin nur vorgibt. Schlaflos die Nächte, auch die von dir, Helene?
Würde Christina nun zu einem Wettbewerb nach Italien reisen, bliebe sie vielleicht tatsächlich bei Vittoria? Weis die Staatssicherheit das? Muss sie deshalb stattdessen nach Warschau?
Wohnscheibe
Als schon nichts mehr geht, liegt sie zu Hause in Neubrandenburg in der Wohnscheibe auf ihrem Bett und dann findet die Mutter das offene Wohnzimmerfenster. Du, Helene, kannst nur noch zusammenfassen, stehst im leergeräumten Plattenbau vor Abrissbeginn und schaust aus dem Wohnzimmer nach unten, stellst Überlegungen an, ob das Ende ein etwas anderes war. Ich wiederum denke, es war genauso.
* * *
Hinter mir läuft die Playlist, das Italienische Konzert (Concerto nach italienischem Gusto), BWV 971,gespielt von T.N., mit allen erwähnten Musikstücken aus. Dabei ist auch das Kinderlied, in dem es heißt:
O lasset uns im Leben bleiben, weil jeden Tag ein Tag beginnt.
O wollt sie nicht so früh vertreiben, alle die lebendig sind.“
Wer hat sie vertrieben? Ich schiebe die Schuld nicht dem Vater zu, wenn der auch zu lange brauchte, seine Tochter zu verstehen. Aber diese Lehrer, die mir suspekt sind, denn selbst habe ich fast nur positive Erinnerungen an Schulzeit und Lehrer, die kein Gespür für die Wünsche und Nöte der begabten jungen Menschen haben. Stimmt das wirklich? Natürlich weiß ich, dass Sport- und Musikschulen keine polytechnischen Oberschulen waren. Ohne Durchhaltevermögen, ohne Disziplin, ohne Trainingsfleiß wird nichts. Der Sport siebt schneller und härter, die Wettkampffolgen sind enorm. Die Musikschulen siebten auch. In der Musik geht es um Gefühl, um Einfühlung, sicher auch um Interpretation. Wie soll das kommen, wenn Lehrerinnen und Dozenten dies nicht beachten?
Formalismusdebatten, sozialistischer Realismus in der Musik (?), das gab es alles und hemmte die freie Entfaltung von zukünftigen Musikern und Komponisten. Und noch einmal: Wir sind uns vielleicht einig, Helene, die Art und Weise, wie das sensible und begabte Kind Christina bis in die Jugend und das frühe Erwachsenenleben, behandelt wird und wie es lernen muss, macht wütend, nachdenklich. War das Lehrerverhalten aber symptomatisch für die Musikschulen des Landes mit den 17 Millionen Einwohnern? Ich glaube nicht, dass ein solcher Eindruck allgemeingültig wäre.
Der Leser blättert sich durch Episoden, chronologisch. Er folgt der Autorin und ihrer Protagonistin gleichermaßen. Manchmal scheint es, als kämen die Zeitformen etwas durcheinander im Wechsel von Gegenwart und Vergangenheit. Im Präsens ist dem Leser die Geschichte näher, er ist irgendwann mit dabei und beobachtet die Autorin und die Pianistin gleichsam als Dritter.
Die Episoden gleichen sich in etwa in der Länge, schnell merkt man, jetzt kommt was Neues. Helene Bukowski schürt manchmal Hoffnung, obwohl der Leser weiß, was er am Ende lesend erleben wird. Sodann zeigt sie dazwischen beginnende Traurigkeit, Betroffenheit – das Buch ohne wachsendes Mitgefühl zu lesen, selbst wenn man dieses erst lesend entwickelt, scheint mir unmöglich.
Am Ende sind es wenige Menschen, die Christina begleiten, Menschen mit Vornamen. Ein paar Freundinnen und Freunde – aus der Schule, Kommilitonen, drei Lehrer, die Namen haben und noch ein paar. Sie gehören zu den Episoden und vergehen wie diese.
Als Christina aus dem Leben scheidet, bleiben nur die Eltern zurück. Und ein Stapel aus Tagebüchern, Kassetten, Fotoalben und vielen Kleidern. Ist da kein anderer der weint? T.N. vielleicht? Vielleicht du, Helene.
Mit dem Ende entfernt sich auch die Autorin ein wenig von ihrer so nah gekommenen Protagonistin. Vielleicht fiel es ihr schwer. Helene war zum Schatten geworden. Zeitweise schienen sie miteinander zu verschmelzen. Schon bei der Geburt stellt sie sich in den Kreißsaal und davon stand ganz sicher nichts in den Annalen. Deswegen ist es keine Biografie, wir lesen einen Roman. Moskau:
„Ich versammle mich mit den anderen im Aufenthaltsraum. Du setzt dich ans Klavier, öffnest zögernd den Deckel, verrückst den Hocker. Deine Noten liegen noch unangetastet in einem der Koffer.“ Als einer ihr Spiel kritisiert, setzt Christina ein Lächeln auf, bleibt freundlich und höflich. „Ich dagegen möchte Dirk vor die Füße spucken.“
Wenn Christina von ihrer Krankheit geplagt wird, nennt Helene sie Chris. „Du stehst neben mir, während Chris wütet“. Und dann unterhalten sie sich über PMDS, die prämenstruelle dysphorische Störung, eine gynäkologische Krankheit. „‚PMDS‘, wiederholst du, aber die vier Buchstaben haben in deiner Zeit keine Bedeutung.“ Und dann Helene: „Ich spüre Chris´ Wut, schlage mit der Faust gegen die Wand. Immer und immer wieder.“
* * *
Helene Bukowski, Jahrgang 1993, schrieb bereits als Jugendliche und machte diese Beschäftigung zum Beruf mit einem Studium zu kreativen Schreiben und Kulturjournalismus. In ihrem Fall wurde nicht darüber diskutiert, ob sie als „Nachgeboren“ über diese Zeit schreiben dürfe. Hier zeigt sich, dass die Frage letztlich nicht steht, wenn die Autorin macht, was man von ihr erwartet: gründliche Recherchen. „Minutiös hineingehört, -gedacht und -gelesen“ urteilt Wiebke Porombka für den Deutschlandfunk, einen „feinen, fast zärtlichen Tonfall voller Mitgefühl“ bescheinigt ihr Bettina Baltschev für den MDR Kulturdesk.
Ist das nun ein "DDR-Buch", dass hier vor mir liegt? Ich habe es von Beginn an nicht so gelesen. Natürlich, Christina lebt in der DDR, geht zur Schule, wird Musikerin. Das was damals dazugehörte, Pionierorganisation, FDJ, SED, wird nur am Rande erwähnt und wenn das oft vorherrschende Grau in Büchern über diese Zeit auch hier auffällt, dann eher durch die spezifische Geschichte des sensiblen Mädchens. Dies wird unterstrichen, wenn das Leben der Studenten im Moskauer Konservatorium lockerer, freier beschrieben wird. Grau wird so durch andere, helle, bunte Farben durchbrochen. Die Menge des umfangreichen persönlichsten Ausgangsmaterials dürfte Hinweise auf Realpolitik und die Gesellschaft höchstens am Rande enthalten, das Schicksal Christinas ist auch in anderen Gesellschaften und Familien denkbar.
08.05.26 - "Frau Rilke"
Es ist wohl doch ein DDR-Buch, während des interessanten Leseabends kommen Moderatorin und Autorin darauf zurück, bestätigen den Rezensenten in seiner Auffassung: Die Recherche machts. Und das Reinlesen in DDR-Literatur, hier nennt Helene Bukowski Brigitte ReimannsFranziska Linkerhand. (Ich hätte da noch einige Vorschläge.)
Eine Situation wie bei Charlotte Gneuß mit ihrem BuchGittersee sehe ich als undenkbar, Moderatorin und Autorin sprechen das Problem des Schreibens über nicht Erlebtes selber an. Natürlich kann jeder über alles schreiben, je genauer, je wahrhaftiger, desto weniger weht Gegenwind.
Was bleibt noch von diesem Leseabend? „Wer musiziert, zappelt nicht!“ zitiert Kathrin Matern Franz Kafka. Es ist auch für den Blogger ein Abschluss mit vielen kleinen Dingen, die ihm noch noch nicht auffielen. Eine sehr schöne Information ist die, dass der Flügel, den Christinas Eltern beschafften, immer noch in Funktion ist und in Neustrelitz steht. Die schöne Lesung, das fein geführte Gespräch lässt Gedanken aufblitzen: dem Besucher fällt plötzlich Vater Wieck ein, der die behütete Tochter Clara an Robert Schumann verliert, Frühlingssonate heißt der wunderbare deutsch-deutsche Film mit Herbert Grönemeyer, Nastassja Kinsky und Rolf Hoppe.
"Da fliegt ein Engel durch den blauen Himmel", schrieb einst Gerhard Gundermann in einem Lied über einen (gänzlich anderen) Abschied. "Ich geb ihn frei, meine Zeit mit ihm ist vorbei." - Freigegeben hat Helene Bukowski die Christina, vergessen wird sie sie sicher nie.
* * *
Es war gespanntes und doch angenehmes Lesen, welches den Leser der Geschichte in das Leben der Christina eintreten lies und, das ist selten, ein wenig in der Leben der Autorin. Ein Lesen in Wellen. Ein wirklich hervorragendes Buch der jungen Autorin, die auch wunderbar darüber sprechen und erzählen kann.
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