Dienstag, 5. Mai 2026

Neumann, Karl: Frank (Trilogie)

Frank (1958) / Frank und Irene (1964) / Frank bleibt Kapitän (1982)

Eine Jugendbuchtrilogie, die über einen Zeitraum von vierundzwanzig Jahren veröffentlicht wird, insgesamt aber „nur“ einen Zeitraum von einem reichlichen Jahr abbildet, ist vermutlich selten. 

Dieses Jugendbuch hat der Literaturprofessor Carsten Gansel auf eine Liste von 334 Büchern lesenswerter DDR-Literatur gesetzt, es könnte helfen, Gesellschaft, Land, Biografien, Vorstellungswelten besser zu verstehen. Wenn man sich mit ostdeutscher Geschichte und den Menschen zugewandt beschäftigen will, bietet sich belletristische Literatur an. Dabei muss beachtet werden, dass es sich hier um Literatur handelt, die auf dem beruht, was man „sozialistischen Realismus“ nennt. Dazu später etwas mehr.

  • DNB / Kinderbuchverlag Berlin / Berlin 1988 / ISBN: 978-3-358-00342-8 / 588 S.
Die Geschichte:
Frank lebt mit zwei jüngeren Geschwistern bei einer Tante, die die Kinder vernachlässigt, während der Vater als Baupolier auf entfernten Baustellen arbeitet. Speck-Frank wird er genannt, zu Beginn hat er nur einen Freund. Über den Bau eines gemeinsamen Kanus, mit dem eine Gruppe dann in ein Sommerferienlager fährt, entstehen neue Freundschaften. Eine junge Lehrerin informiert den Vater über die häuslichen Zustände, der daraufhin seine Kinder wieder selber erzieht. Zwischen Frank und Irene, einer Klassenkameradin entsteht eine jugendliche Zuneigung, die im zweiten Band erzählt wird. Im dritten Band macht die Gruppe einen Kutter klar und will segeln lernen.

Der Reclam Verlag veröffentlichte ein Buch von Carsten Gansel, das von der Demontage der gesamten ostdeutschen Literatur im Zuge der deutschen Einheit berichtet. Millionen plötzlich unverkäuflich gewordener Bücher gerieten auf den Müll. Bibliotheken schlossen und eine Reihe Verlage wurden entweder für wenige Mark veräußert oder verschwanden. Zu letzterem Fakt hat Christoph Links im Links.Verlag das Buch „Die verschwundenen Verlage“ herausgebracht

Der erste Band der zuletzt dreibändigen Ausgabe in einem Buch, Frank, erschien 1958, die Fortsetzung Frank und Irene 1964. Erst 1982 legte der 1919 geborene Autor eine weitere Fortsetzung unter dem Titel Frank bleibt Kapitän vor. Die Geschichte um die 14-16jährigen Jungen und Mädchen wird trotz der Abstände der Veröffentlichungen fortlaufend erzählt wird.

Warum erwähne ich dieses Buch? Wer bestimmte Biographien, Ansichten, gesellschaftliche Vorstellungen der DDR verstehen möchte, sollte auch deren Literatur heranziehen. Insbesondere die Jugendliteratur erzählt in vielen Werken vom gemeinschaftlichen Leben, Freundschaft, Träumen und Liebe - Schule, Beruf und Studium. Karl Neumanns Bücher oder die von Günter Görlich wie Den Wolken ein Stück näher und Benno Pludras Tambari wurden vielfach gelesen. Frank erlebte viele Auflagen und ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie sich viele das Leben in der Gesellschaft vorstellten und auffallend wenig ideologisch, wenn Pionierorganisation und FDJ eine eher untergeordnete Rolle im Hintergrund spielen, anschaulich erzählt und spannend. 
Andererseits ist die sozialistische Ideologie sichtbar, wenn sich die Freunde Frank, Peppo und Wanze, unterstützt von Irene beim Traktorführerschein und der darauffolgenden Traktorenstunden auf den Feldern als "Partisanen" bezeichnen, also als Revolutionäre.

Damals in der DDR zu schreiben bedeutete, insbesondere nach der 1. Bitterfelder Konferenz (1959) und dem Gebot zum sozialistischen Realismus folgend, einerseits die Trennung von "Kunst und Leben" und damit auf der Grundlage des sozialistischen Realismus, aufzuheben. Daher wurden Themen aus dem Arbeitsleben, wie die Baustelle des Vaters Brinkmann, aber auch die Schule der Jugendlichen bzw deren Idee, als Traktorist die Bauern zu unterstützen gestützt und gefördert.  

Bald aber ging es wieder mehr um die "sozialistische Persönlichkeit" um das sozialistische Bewusstsein" (2. Bitterfelder Konferenz - 1964) und die Darstellung von Widersprüchen (Planerfüllung, Materialengpässe, Tätigkeit von Leitern) geriet schnell wieder in den Hintergrund. 

Carsten Gansel hat den 1932 auf einem Allunionsschriftstellerkongress in der Sowjetunion geprägten Begriff des "sozialistischen Realismus" in der Literatur in seinem umfangreichen Nachwort zum Roman Wir selbst von Gerhard Sawatzky dargestellt. 
Über den sozialistischen Realismus in der Literatur wurde dort gesprochen, der die „Hauptmethode der sowjetischen schönen Literatur und Literaturkritik darstellt [und] vom Künstler wahrheitsgetreue, historisch konkrete Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung [fordert]. Wahrheitstreue und historische Konkretheit der künstlerischen Darstellung muss mit den Aufgaben der ideologischen Umgestaltung und Erziehung der Werktätigen im Geiste des Sozialismus verbunden werden.“ (Seite 969/970 - Nachwort zu Wir selbst)

Dies dürfte mit ursächlich dafür sein, dass eine große Menge Kinder- und Jugendliteratur in diesem Sinne auf dem Markt kam. Bei Gegenwartsliteratur geht es weniger um historische Korrektheit. Die geforderte Zurückstellung in Folge der 2. Bitterfelder Konferenz von "Fehlerdiskussionen" war bei der Schilderung von "sozialistischen" Widersprüchen umgehbar, wenn sie aufgelöst werden konnten, natürlich durch die "allseits entwickelte sozialistische Persönlichkeit."

Stefan Wolle hat bei der Bundeszentrale für politische Bildung unter dem Stichwort DDR kompakt zum Thema Literatur erklärt:

"Die eigene Literatur, insbesondere soweit sie Themen in der unmittelbaren Gegenwart wählte, war schwierig. Das aus der Sowjetunion übernommene Dogma vom Sozialistischen Realismus war nicht sehr förderlich, zumal niemand genau wusste, wie er aussehen sollte. 1959 wurde auf einer Konferenz in Bitterfeld die Kampagne „Greif zur Feder Kumpel“ eröffnet. Die Schriftsteller sollten in die Betriebe gehen und vom Arbeitsalltag berichten. Doch wenn sie dies taten, gab es Ärger, weil die reale Welt so gar nicht mit der Propagandawelt übereinstimmen wollte." *

Jedoch macht es sich die BPB etwas zu einfach, in den Beiträgen zu genannten Literaturbegriffen fehlen sowohl Beispiel für diesen Umstand, als auch Bücher, die eine besondere Bedeutung entwickelten. Erinnert sei dabei an Ankunft im Alltag und Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann, an Erik Neutsch mit Spur der Steine und Der Friede im Osten und Horst Bastian mit Gewalt und Zärtlichkeit.

Bücher werden unterschiedlich rezipiert. Ich las Karl Neumanns Bücher aus der Bibliothek erst Mitte der siebziger, Anfang der achtziger Jahre. Pro DDR eingestellt und erzogen, schmunzelte ich über die Traktoristen-Partisanen (auf so etwas wären wir nicht gekommen)und fand insgesamt, dass die Ziele, die die Figuren, Jugendliche und Erwachsene, entwickelten verständlich seien und notwendig. 

Noch einmal sei betont, dass DDR auch durch ihre bestimmte, nicht immer gute, Literatur "gelesen" werden kann. Neumanns Jugendtrilogie ist ein Beispiel dafür, wie eine nicht geringe Gruppe von Menschen dachte, aber auch dafür, wie sie denken sollte. Auf der erwähnten Liste von Carsten Gansel nimmt Frank daher unter der aufgeführten Kinder- und Jugendliteratur einen besonderen Platz ein. 

©️ Der Bücherjunge

https://www.bpb.de/themen/deutsche-teilung/ddr-kompakt/521478/literatur/ - 15:29, 04.05.2026


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