Freitag, 15. Mai 2020

Sawatzky, Gerhard: Wir selbst

Verschollen und gefunden
Gewissen Büchern haften große Geschichten an. Das darf auch große Geschichte sein. Manchmal sind es ebenso Geheimnisse, die gelüftet werden, wenn ein verschollenes Buch aus verstaubten Archiven oder sorgsam gehüteten Kisten kommt.
Ein solches Buch liegt hier vor mir. Sein Inhalt ist nicht in Gänze so geheimnisvoll, denn gelegentlich wurden Teile davon gedruckt. In den achtziger Jahren, in der Sowjetunion. Aber im Jahre 1938 war der Druck des knapp tausendseitigen Werkes beschlossene Sache. In dieser Zeit konnte man sich darauf nicht unbedingt verlassen, wir werden sehen, woran dies lag.

Es darf bezweifelt werden, dass der Roman WIR SELBST von Gerhard Sawatzky (1901 – 1941) heute in solcher Aufmachung im Galiani Verlag oder in einem anderen deutschen Verlag verlegt werden würde. Warum? – Kommen wir erst einmal zum Inhalt (Vorsicht! Spoiler!)



Wir schreiben das Jahr 1920. Der Industrielle Eduard Benkler ist auf der Flucht. Im Koffer befinden sich Wertpapiere, Schmuck, Gold und sicher eine ganze Menge Dinge, die es ihm im westlichen Ausland ermöglichen sollen, sein standesgemäßes Leben wieder aufzunehmen. Mit ihm reisen seine schwer kranke Schwiegertochter, der Sohn, Oskar Bendler, kämpft in der weißen Armee gegen die roten Truppen der Bolschewiki. Elly ist auch dabei, die vierjährige Enkelin. Doch sie werden getrennt und die Mutter des Mädchens stirbt in einer Bahnhofshalle in der Nähe der Stadt Saratow an der Wolga. Die Familie des Textilfabrikanten Bendler gehört zu den sogenannten Wolgadeutschen, deren Vorfahren einst  in das große russische Zarenreich gerufen worden. 


Karte der ASSR der Wolgadeutschen (Quelle Wikipedia)

Zwei von den Kämpfen heimkehrende Rotarmisten nehmen sich des Mädchens an, sie kommt zur Arbeiterfamilie Krauß, deren Tochter vor kurzem gestorben ist. Der eine der roten Kämpfer, Friedrich Kempel, wandert weiter in sein Heimatdorf.

So beginnt der Roman, der die nächsten knapp zwanzig Jahre in der zukünftigen und später wieder aufgelösten Autonomen Sozialistischen Republik der Wolgadeutschen am Beispiel einer Bauernfamilie eines Dorfes an der Wolga und den Arbeitern in einer Weberei erzählt. Die wichtigsten Figuren sind hierbei Elly Krauß, deren neue Mutter und der Kreis um Kempel, sein Sohn Heinrich und dessen Freund, der Kasache Kindybai. Zu Beginn sind die Bauern darauf angewiesen, bei den Großbauern als Knechte zu arbeiten, selbst wenn sie etwas Land besitzen, so fehlt es an Nutztieren, am meisten an eigenen Pferden. Sawatzky schildert eindringlich diese Armut und die nach dem Bürgerkrieg einsetzende Hungersnot. Als Friedrich Kempel nach Hause kommt, kostet er auf dem Weg von den Arbusen (Wassermelonen), die grausame Prügel dafür erhält Christian, der Freund von Friedrichs Sohn Heinrich, Bruder von Bärbel, deren Eltern nicht mehr leben, vom Soldaten-März, einem der Großbauern.

Doch langsam entwickeln sich sowohl die Stadt  und das Land. Elly arbeitet paradoxer Weise in der Fabrik ihres Großvaters, was sie nicht weiß. Mit der Zeit lernen die Arbeiter und die Fabrikleitung die Strickmaschinen immer besser zu warten und ökonomisch einzusetzen. Frau Kraus und die Hubersche, Arbeiterin in der Spinnerei „Clara Zetkin“ stehen dabei an der Spitze. Heinrich Kempel ist nun als Schlosserlehrling in der Fabrik und lernt Elly kennen, er freut sich, wenn deren Maschinen einen tropfen Öl brauchen.

„Frau Kraus und die Hubersche bedienen jetzt schon jede drei Strickmaschinen, die in einer Reihe aufmontiert waren. Wenn die Hubersche an ihrer letzten und die Kraus an ihrer ersten Maschine standen, konnten sie miteinander sprechen. Etwas weiter in der mittleren Maschinenreihe, arbeitete Elly. Es waren jetzt einige Monate her, dass sie hierher überführt worden war. Sie hatte sich die Beförderung redlich verdient und war stolz darauf. Seit drei Tagen bediente sie sogar zwei Maschinen...“ (Seite 421)

Es kommt die Zeit der Enteignung der Kulaken und die Gründung der Genossenschaften auf dem Land. Das Wort Kolchos kommt dabei nicht vor, zur Erinnerung in diesem Buch reden die Menschen Deutsch. Die Enteignung erfolgt in der Geschichte weitestgehend ohne Gewalt. 

Die Jugendlichen, Elly, Bärbel, Heinrich, Kindybai und andere werden im kommunistischen Jugendverband, dem Komsomol aktiv. Die Städter fahren regelmäßig aufs Land um bei der Ernte zu helfen.

In der weiteren Geschichte wird Heinrich zum Bastler, zum Neuerer, über den man in der Betriebszeitung schreibt: vom Bauern zum Schlosser.  Die Arbeiterinnen arbeiten nach Normen, deren Erhöhung von den meisten als selbstverständlich angesehen werden in der Fabrik gibt es für gute Leistungen blaue und rote Blusen für die besten Strickerinnen. Daher auch die Farben auf dem Schutzumschlag.

Elly: “Heute fragte mich die Anna Kraus recht giftig: ‚Na, willst du dir auch so ein rotes Röckchen verdienen?‘
‚Was?‘ fragte die Hubersche böse. ‚Die soll nur nicht zu viel schwätzen... Da seht nur mal das faule Ding, selbst will sie nicht gut arbeiten und spottet auch noch. Denen muss man´s gerade zeigen.
‚Das habe ich mir auch vorgenommen‘, sagte Elly. ‚Es geht mir nicht soviel um die rote Bluse, aber ich will´s ihnen beweisen, dass die Normen gar nicht so hoch sind.‘
‚Aber die rote Bluse wirst du doch gern anziehen?‘
‚Wenn ich sie verdiene, ja, gewiss.‘“
(Seite 436)

Die Errungenschaften werden von Feinden sabotiert. Hierbei spielt plötzlich der Vater von Elly eine Rolle. Die „Konterrevolutionäre“ sind ein erbärmlicher Haufen. 
Kindybai hat Angst, dass er die Bärbel gar nicht kriegen kann und selbst Christian ihn verachtet, weil er doch ein "Kirgise" (Hier verachtendes Schimpfwort im Dorf für den Jungen) sei. Selbstverständlich ist die Werksleiterin Kommunistin und auch Friedrich hat während der „Entkulakisierung“ um Eintritt in die Partei gebeten. Beim Genossen Hart, der in der übergeordneten Parteileitung im Rayon sitzt und auf die Helden des Romans ein besonderes Auge  geworfen hat.

Später installieren die Komsomolzen auf dem Turm der alten Dorfkirche einen Lautsprecher und schließen einen Radioapparat an. Das Radiokonzert stößt bei den älteren gläubigen Bauern aber an die Grenzen. Doch bald errichtet man den Dorfclub und debattiert über die „Kirche als Verdummungswerkzeug der Reichen“.

Eines Tages schauen sich ausländische Kapitalisten „vom Werbeplakat“ aus dem Deutschen Reich die Fabrik an. Mit dabei ist Ellys Großvater, was natürlich zu Konflikten führt.

Am Ende bringt ein „völlig neuer Menschenschlag“ in vollem Bewusstsein den Sozialismus voran:

„Gegen drei Uhr... betrat Hart den Empfangssaal des Regierungsgebäudes am Kommunardenplatz. Hier waren die hervorragendsten Stachanowleute aus der ganzen Republik versammelt. Sie begrüßten ihn mit herzilichem Applaus. Hart nahm seinen Platz hinter dem rot gedecktem Präsidiumstisch ein...
Die Beratung, die keine Spur von langweiliger Steifheit trug, die vielen Versammlungen eigen ist, gestaltete sich sehr rasch zu einer heiter sachlichen Unterhaltung von Menschen, die im vollen Bewusstsein ihrer Pflicht die großen Rechte der Sowjetbürger genießen...
Was er jetzt vor sich hatte, war ein völlig neuer Menschenschlag. Bei keinem von ihnen merkte er auch nur einen Schatten von ehemaligen Minderwertigkeitskomplexen oder untätiger Ratlosigkeit verschiedenen Schwierigkeiten gegenüber. Alle sprachen ohne Ziererei, doch in dem stolzen Bewusstsein, mit ihrer Arbeit einen wichtigen Platz in der Gesellschaft auszufüllen.“ (Seite 849) 

Auf der Konferenz redet ein Leutnant der Luftstreitkräfte der Roten Armee von den brennenden Tagesaufgaben.
Er spricht "von der großen Hilfe, die die Sowjetregierung und die Partei der Bolschewiki und persönlich Genosse Stalin der wolgadeutschen Sowjetrepublik wie auch allen anderen ehemals unterdrückten Gebieten und Völkern erwiesen, von der grenzenlosen Liebe aller Werktätigen zur sozialistischen Heimat und von ihrer Bereitschaft, jeden Feind vernichtend zu schlagen, der es wagen sollte, seine schmutzigen Hände nach ihrem teuersten Gut – nach ihrer Freiheit, nach ihrem Glück auszustrecken.“ (Seite 850/851) Der Leutnant ist der Kasachenjunge Kindybai Alli. Stalljunge – Traktorist – Flieger.

Auf dem Erntedankfest, ungefähr 1937, feiern Arbeiter und Bauern ihre Erfolge und befreien sich von einem Konterrevolutionär.

Das Buch
Nicht das dramatische Ende des Buches um Elly und ihren Heinrich ließ mich etwas ratlos zurück. Ich hatte keinen Roman erwartet, der so deutlich dem entsprach, was ich vor Jahrzehnten als sogenannten „sozialistischen Realismus in der Literatur“ kennen lernte. Wenn gegen 1937 der sympathische Kindybai auf der Bestarbeiterkonferenz eine solche Rede hält, während, wie heute bekannt, dies die Zeit der schlimmen Säuberungen in der Roten Armee war, die Stalin und Genossen um einen großen Teil des Führungskaders brachten, dann läuft es einem kalt den Rück runter. Daher sei die Frage vom Beginn wiederholt: Wie kommt ein Buch mit solchen Aussagen heute in die deutschen Buchhandlungen?

Der Roman ist ein Fundstück. Professor Dr. Carsten Gansel, Inhaber des Lehrstuhls für Neuere Deutsche und germanistische Literatur- und Mediendidaktik an der Gießener Universität, hat das Buch des wolgadeutschen Journalisten Gerhard Sawatzki (1901 bis 1944) förmlich ausgegraben. Die Geschichte des Romans und die seines Autors erzählt Gansel in einem fast 200seitigem Angang.


https://www.carsten-gansel.de/

Sawatzky beendete den Roman 1937, der Druck war vorgesehen, es kam nicht dazu. Das Buch wurde eingestampft, der Autor verhaftet und verstarb im GULAG 1944. Ein Zufallsfund ist der Roman trotzdem nicht. Sowohl Autor und Buch waren in Auszügen bekannt und wurden in Teilen auch gedruckt. Seine Frau konnte ein Manuskript retten. Professor Gansel hatte festgestellt, dass Sawatzky im Rahmen seiner Tätigkeit (Lehrer - Journalist – Schriftsteller) über den sowjetischen bzw. wolgadeutschen Schriftstellerverband mit deutschen Exilautoren zusammenkam, die nach der Machtübernahme des Nationalsozialismus emigrierten. Vom ersten Allunionskongress 1934 berichtet Gansel in einem der Kapitel im Anhang. Da fallen Namen wie Wieland Herzfelde und Johannes R. Becher, Martin A. Nexö und mehr. Und natürlich die Russen jener Zeit: Gorki, Pasternak, Scholochow, Babel, Ehrenburg...

Über den sozialistischen Realismus in der Literatur wurde dort gesprochen, der die „Hauptmethode der sowjetischen schönen Literatur und Literaturkritik darstellt [und] vom Künstler wahrheitsgetreue, historisch konkrete Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung [fordert]. Wahrheitstreue und historische Konkretheit der künstlerischen Darstellung muss mit den Aufgaben der ideologischen Umgestaltung und Erziehung der Werktätigen im Geiste des Sozialismus verbunden werden.“ (Seite 969/970).

Diese Vorstellung von Literatur findet sich in den Romanen NEULAND UNTERM PFLUG von Michail Scholochow, mehr noch als in dessen bekanntestem Werk DER STILLE DON. Neuland... behandelt die Kollektivierung der Landwirtschaft jedoch ein gutes Stück kämpferischer als WIR SELBST, der Hauptheld wird am Ende von Konterrevolutionären erschossen.

Sawatzkys Roman erzählt dagegen einen längeren Zeitraum von knapp zwanzig Jahren, daraus ergibt sich vermutlich die Bezeichnung als „großer Gesellschaftsroman“. Die Auswahl der Figuren und ihre Rollen zeigen, die Helden als Erbauer der angestrebten sozialistischen Gesellschaft in der Sowjetunion und damit in der Autonomen Republik der Wolgadeutschen. Deutlich wird, dass die in diesem Sinne positiven Figuren letztlich die Mehrheit stellen, mindestens aber im Laufe der Zeit ihre gesellschaftlichen Vorstellungen umsetzen können. 

Die tatsächliche Geschichte ist wesentlich differenzierter und problematisch. Die Hungersnöte rafften Tausende von Bauern dahin, die in den dreißiger Jahren einsetzenden großen Säuberungen weitere Zehntausende. Unter diesem Bedingungen ging es auch in der Literatur darum, die „Trotzkistenbande“, welche Lenins und Stalins Ideale „verriet“, zu beseitigen, Feinde zu bekämpfen, beginnend bei den Kulaken. Bei Sawatzky liest sich das etwas moderater als bei Scholochow.

Die allgemeine Angst, unter der Swatzky 1937 die letzten Kapitel geschrieben haben könnte, kann vielleicht konkretisiert werden durch den Kontakt mit den deutschen Exilschriftstellern, denen das Politbüro der KPdSU und vor allem der sowjetische Geheimdienst (NKWD) misstrauisch gegenüberstanden. Professor Gansel hat in seinem Moskauer Tagebuch MEINST DU DIE RUSSEN WOLLEN KRIEG? auf die Verhältnisse im Emigranten-Hotel Lux in Moskau selbst hingewiesen. Denkbar ist in diesem Sinn, dass diese oder jene kritischen Aspekte, die aus Gründen der „Wahrheitstreue“ und „historischen Korrektheit“ geplant waren, entfielen und das Hohelied auf die Errungenschaften der Sowjetunion unter Führung Stalins stärker ausfiel. So bekommt die Maschinen- und Traktorenstation später eine „Politabteilung“, der eingesetzte Genosse Lewko bedient sich einer ausgeprägten militärischen Sprache, in den Ruhehäuschen an den Feldrändern hängen Stalinbilder.

Die Sprache
Die Herausgabe des Romans bezieht sich auf das Urmanuskript. Da keine Übersetzung aus dem Russischen notwendig ist, sprechen die Leute und der wolgadeutsche Autor eben „wolgadeutsch“. Das ist gelegentlich ganz lustig, wenn eine Harmonika plötzlich Ziehorgel heißt, von Bourgeois und Bourgeoisie als Borschuj gesprochen wird. Mir scheint, das diese sprachlich Authentizität deutlich wird, weil die Übersetzungen anderer Bücher eine bestimmte Sprachmelodie, einen bestimmten russischen Satzbau und sprachliche Eigenarten ähnlich wiedergeben. Das ist vordergründig ein Gefühl, das auf Sawatzkys Text und den Übersetzungen zum Beispiel von Scholochows, Makarenkos, Gaidars und Fadejews Büchern beruht, die ich als Jugendlicher lass.

Der Bücherfund
Carsten Gansel hat im Galiani -Verlag damit das zweite gefundene Buch herausgebracht. In den Jahren zuvor ging es um den Kriegsroman des ehemaligen Oberleutnants und Kriegsgefangenen Heinrich Gerlach DURCHBRUCH BEI STALINGRAD. Das durch den sowjetischen Geheimdienst vor der Heimkehr Gerlachs nach Deutschland beschlagnahmte Exemplar fand Gansel in russischen Militärarchiven. Das sind schon spannende Geschichten. Mir stellt sich hierbei die Frage, ob Sawatzkys Gesellschaftsroman diesen Werbeerfolg gehabt hätte, wäre er der erste dieser Funde gewesen.

Sicherlich wirkt auch der Hinweis auf die Wolgadeutschen, sonst wäre dies ein Roman, welcher wegen der sozialistischer Apologetik kaum irgendwo verlegt wurden wäre. 


Quelle Carsten-gansel.de*


Empfehlung
Es lohnt sich trotzdem, diesen Roman zu lesen. Er erzählt aus einer Zeit, die überschattet wird von politischer Gewalt, Lagern in denen eine ganze „Trud-Armee“ (Arbeitsarmee) von Verbannten schuftet, von tausenden Toten. Dass es dabei Menschen gab, die voller Überzeugung und selbstlos weniger für sich, sondern für die Gemeinschaft arbeiteten und kämpften, wird oft übersehen. Wir erleben das heute im Zusammenhang mit der deutschen Einheit und der Diskussion um ostdeutsche Biografien. Warum Menschen „pro DDR“ lebten und arbeiteten, ob Mitglied der SED oder nicht, wird nicht diskutiert. 

Die über Jahrhunderte nach Russland eingewanderten Deutschen brachten ihre Kultur, Traditionen, Erinnerungen mit, schrieben Bücher, bauten Theater, Fabriken und betrieben Landwirtschaft. Waren es zuerst eher Handwerksmeister, gingen sie in der russischen Gesellschaft auf ohne Sprache und Kultur zu verlieren. So waren dann reich und arm, gebildet oder Analphabeten, Knechte oder wohlhabende Bauern, Arbeiter und Fabrikbesitzer. So lehnten sie die Revolution von 1917 ab, kämpften für den Zaren und für die Weißgardisten (Ellys Vater) oder sie schlossen sich den Bolschewiki für die Abschaffung von Ausbeutung und Tagelöhnerei und den Aufbau einer klassenlosen Gesellschaft an, kämpften in der Roten Armee, wurden Komsomolzen und Kommunisten. In WIR SELBST geht es um Letztere. Es war der erste Versuch eines solchen gesellschaftlichen Projektes nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches und der folgenden provisorischen Regierung. Ich halte es für nur verständlich, dass man so darüber schrieb, auch wenn der „sozialistische Realismus“ sein Todesurteil bereits durch die Einengung auf die „Wirklichkeit der in ihrer revolutionären Entwicklung“ in sich trug.
Wenn es auch solche „Produktionsromane“ in der Sowjetliteratur zu Hauf gab, in Hinblick auf die Geschichte der Wolgadeutschen und ihrer Republik ist der Roman ein einzigartiges Dokument – „Ein Zeitroman auf doppeltem Boden“. Gansel bezeichnet allein schon die „Erzählzeit als Alleinstellungsmerkmal“.

Die „gefundenen“ Bücher sind ebenfalls eines. Literatur und Literaturgeschichte pur. Spannend genauso der Anhang. Man darf voller Neugier sein. Aber man muss sich drauf einlassen können. Mehr noch als auf Heinrich Gerlachs Kriegsromane.

Der Herausgeber
In einem kurzen Moment „wunderte“ ich mich darüber, dass ein Gießener Professor für Literatur in Russland nach verschollenen Büchern sucht. Liest man die Vita von Professor Gansel, dann wird dies verständlich. Natürlich heißt dies nicht, dass nur ein Gemanist und Slawist und Pädagoge, der sein Diplom in Deutsch und Russisch ablegte, auf diese Forschungsarbeit kommen konnte.

Die Webseite führt zum Forschungsgegenstand Folgendes aus: “Die Professur untersucht die Entwicklung der deutschen Literatur insbesondere des 19.-21. Jahrhunderts. In diesem Rahmen folgt sie einem modernisierungstheoretischen Ansatz und modelliert Literatur als Handlungs- und Symbolsystem. Die Untersuchungen zielen darauf, den Zusammenhang von gesellschaftlicher Modernisierung und literarischem Wandel einsehbar zu machen und Prozesse der Ausbildung eines kulturellen Gedächtnisses zu erfassen.
Die Professur erforscht zudem die Vermittlung von Literatur mit ihren ästhetischen, kulturellen, historischen Dimensionen in institutionellen und nicht-institutionellen Kontexten.“

Quelle Carsten-gansel.de


Die Publikationen zeigen eine Reihe erhellender Titel. 
  • Erzählungen über Kindheit und Jugend in der Gegenwartsliteratur, 
  • Stile der Popliteratur
  • Literarische Inszenierung von Geschichte
  • ...


Literatur im Dialog beinhaltet Gespräche mit Autorinnen und Autoren von 1989 bis 2014. Da findet man Ulrich Plenzdorf, Tschingis Aitmatow, Stefan Heym, Wolfgang Schreyer, Benno Pludra, Hermann Kant und viele mehr...

Eigentlich bekomme ich gerade Lust, noch einmal zu studieren...

Dank dem Verlag, der mir WIR SELBST zur Verfügung stellte.

  • DNB / Galiani / Berlin 2020 / ISBN: 978-3-86971-204-8
  • * Odyssee in Rot erschien 1966 als Fortsetzung von Die verratene Armee. Neuaufgelegt 2017 bei Galiani


© Bücherjunge

Kommentare:

  1. Wieder eine sehr detaillierte Buchbesprechung, die viele Zusammenhänge verdeutlicht.

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    1. Und es war keine von den einfachen. Interessant ist noch, dass mir Professor Gansel geantwortet hat und eine Reihe von Ansichten bestätigte.

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