Donnerstag, 7. Mai 2020

Tellkamp, Uwe: Die Carus - Sachen.

Die Carus – Sachen. Neulich stieß ich wieder mal auf Uwe Tellkamp. Es ist ein Weilchen her, da ich den dicken TURM in den Händen hatte. Damals schrieb ich sinngemäß begeistert von der Art und Weise des Schreibens dieses Dresdner Autoren und regte mich gleichzeitig darüber auf, dass Tellkamp in seiner Dresden-Beschreibung so manches Fiktives dar und neben Faktisches stellte. Der Suhrkamp / Inselverlag beschreibt das Buch als „eine Rückkehr in die Welt des Turms“.

Das Buch. Der Roman ist auch die Geschichte einer Arzt-Familie, der Vater ist Oberarzt an der Medizinischen Akademie Carl Gustav Carus und der Name dieses Gelehrten kommt nicht von ungefähr.

Nun schickt Tellkamp, selbst Arzt, ein kleines Büchlein hinterher, welches diesem Carus gewidmet ist.



„Ich gehe wieder zu Carus, sagte Vater, bevor er morgens die Wohnung verließ, und musterte im Spiegel das streng geteilte Haar… Hebammentasche mit Stethoskop, Arzneiampullen, Prüfchargen für toxikologische Prüfreihen, Luer-Spritzen, Ampullensägen in den Gummislaschen, Fingerhut und Meerzwiebel-Extrakt friedlich neben Schnittenpaket, Kaffeeflasche und zwei gebügelten Stofftaschentüchern: Jetzt gehe ich wieder zu Carus, Fabian, sagte Vater feierlich, doch zurückhaltend, mache mich auf den Weg zum großen Forscher und Künstler, der aus Leipzig stammt und nach Dresden gegangen ist.“ (Seite 25)

So beginnt Tellkamp den fünfzigseitigen, nicht illustrierten Text, wohl aber mitten in einem umfangreich illustrierten Buch des Insel-Verlages.

Damit der Leser gleich mal weiß, mit wem er es hier zu tun bekommt, schiebt Tellkamp eine Art lexikalischen Beitrag über den 1789 geborenen Gelehrten ein, „1869 in Dresden gestorben, Briefpartner Goethes und Humboldts, Teilhaber der Dresdner Romantik um Weber, Caspar David Friedrich, Clausen Dahl, Tieck, [er] wurde fünfundzwanzigjährig zum Professor der Chirurgisch-Medizinischen Akademie in Dresden und zum Direktor der Hebammenschule berufen, seine Dienstwohnung befand sich im Oberzeugwärterhaus, das nicht mehr existiert, neben dem Kurländer Palais, das im zweiten Weltkrieg zerstört wurde.“ (Seite 26/27)

Das ist eine eigene Art Faktisches zum Personengegenstand des Büchleins zu vermitteln, sechs solche Einschübe gibt es. Gleichzeitig ist Tellkamp hier erkennbar, ebenso durch die unterschiedlich langen Sätze – gewöhnungsbedürftig für den Leser, der sich gleich wieder an diesen großen und seinerzeit viel diskutierten, verfilmten und zu einem Theaterstück verarbeiteten Roman DER TURM erinnert.

Und Tellkamp erinnert weiter, wenn er vom „Turmviertel“ erzählt und von Dresden, den Carus und seine Sachen nie aus dem Blick verlierend, naturphilosophierend mit Blick auf die an Wissenschaft UND Kunst interessierten Romantiker: „sie sind Naturforscher im ursprünglichen Sinn des Wortes, sie verlieren sich nicht im Speziellen, das sie gleichwohl kennen, sondern versuchen sich einen Begriff des Ganzen zu bewahren.“

So spricht der Vater zum Sohn und führt seine Kinder an die Stätten in Dresden, wo Carus und die anderen wirkten, natürlich in die Neuen Meister, da wo Carus´ Bilder zu bwundern sind, gleich denen seines Freundes Caspar David Friedrich. Es ist, als ob der Maler seinen ebenfalls malenden Freund mit auf die Betrachtung des Mondes genommen hat.





Womit wir beim Thema Sprache angelangt wären. Tellkamp gebraucht einen Stil, der fast schon ungewöhnlich wirkt. Bei besagtem Findeisen bemerkte ich schon mehrfach, dass die Beschreibungen von Landschaft (Der Siebenpunkt) oder Kunst (Der golldene Reiter…) sehr plastisch und anschaulich sind, da findet man Wörter, die man im eigenen Wortschatz suchen muss. Nicht, dass Tellkamps Stil mit dem des vor über fünfzig Jahren verstorbenen Dresdners vergleichbar wäre. Doch fällt Tellkamp ebenfalls durch einen eigenen Stil auf, der durch ausgeklügelte, manchmal überlange, dann wieder knappen Sätzen besticht, eine Menge an Adjektiven, an Attributen aufweist und damit eine Lust am Schreiben um des schreiben Wollens. Man lese einmal, wie es ist, mit der Schwebebahn von Loschwitz nach Oberloschwitz hängend förmlich zu schweben. (Die Schwerbebahn – Dresdner Erkundungen)

In unserem hier vorliegenden schmalen Bändchen wird dies ebenso deutlich. Zurück zu Carus kommend: Fabian erinnert sich, dass der Vater meinte, die heutigen wissenschaftlichen Schriften läsen sich öde im Vergleich zu Carus´ Arbeiten (vgl. Seite 62) (vgl. Seite 62)


Was sind den jetzt die „Carus-Sachen“? Zum einen sind es Bücher. Die Goethe-Biografie, welche Carl Gustav Carus einst schrieb, hinzu kommt das im vierten „lexikalischen“ Einschub genannte naturphilosophische Hauptwerk „Natur und Idee oder das Werdende und sein Gesetz“, zum anderen ist es ein Bild des Malers Carus, er beschreibt „Eichen am Meer“.
Jörg Münkner beschreibt die Carusschen Sachen weiter: „Anderseits verweisen sie auf die romantisch gestimmte Carusʼsche Idee, die unabschließbare Zusammenschau der Phänomene zu suchen, um den Sinn des Lebens und das Rätsel des Menschen zu begreifen. Konkret und ideell geben diejenigen „Sachen“, die alle eng mit Carl Gustav Carus (1789–1869) verbunden sind, Tellkamps Erzählung Struktur.“ *

Zum Schluss. Tellkamp zwingt zum langsam lesen, zum zurück blättern. Zum Aufschlagen von Lexika, von Kunstbüchern. Er verleitet dazu, den dicken „Turm“ aus dem Regal zu ziehen oder seinen „Dresdner Erkundungen“ zu folgen. Tellkamp „zwingt“ die Leserin und den Leser hoffentlich ins Albertinum zu Dresden und er lässt einen Dresdner an die eigene Jugend zurück denken.

Tellkamp, Dresden und das „Bildungsbürgertum". Es ist im Zusammenhang mit Uwe Tellkamp des Öfteren die Rede vom sogenannten Bildungsbürgertum. Ein Begriff, der für mich eher mit dem 19. und 20. Jahrhundert verbunden ist. Da Bildung zu früheren Zeiten nur dem Adel und dem Bürgertum zugänglich war, hatte er seine Berechtigung. Heute vermittelt der Begriff etwas kulturell Abgehobenes, Elitäres. Ja, ich weiß, das gibt es, Ärzte, die Hausmusik pflegen, Menschen, deren Literatur eher klassisch zu nennen wäre, Kunsthistoriker, die alte und neue Meister nicht nur hinsichtlich der Maltechnik, sondern vor allem in den jeweiligen Zeitgeist, die Kultur, die Literatur einordnen können und darüber schreiben. Man kann das alles studieren – entsteht dadurch ein Bildungsbürgertum. oder setzt es sich fort? Mir fällt da ein Kieler emeritierter Professor ein, dessen Blog ein solch umfangreiches kulturelles Wissen nicht nur englischer und amerikanischer Literatur, sondern auch über Filmkunst, Kleidung, Uhren und Menschen aufweist – der könnte dazu gehören.


Aber seit Tellkamp die „Bürger“ auf dem Weißen Hirsch im „Turm“ beschrieb, ist der Begriff wieder stärker hervorgekramt wurden und wird immer bemüht, wenn Tellkamp zu verschiedenen Dingen Stellung nimmt. Wenn sich so ein Bildungsbürger im heutigen Dresden zu aktuell politischen Problemen äußert, scheint dies gegebenenfalls als Bestätigung der eigenen kruden Ansichten zu gelten.

Der schmale Inselband mit der Nr. 1460, der eine Art Minifortsetzung des „Turms“ darstellt und daher, sehr sparsam, auf jüngere Geschichte nicht verzichtet, bringt den Carus näher an die heutige Zeit und deutet an, dass die Sicht der Romantiker auf die Welt, die Natur, die Gesellschaft uns durchaus etwas zu bieten hat.


Ich bemerkte zu Beginn, dass nur der Text nicht illustriert ist, wohl aber das Buch. Dresdner Skizzen sind dem Text voran und nach gestellt. Bleistiftskizzen von Andreas Töpfer, der den Band gestaltet hat und die im Text halt erwähnt sind. Zusätzlich finden wir im Einband einen freihändig gezeichneten Stadtplan, der der Leserin, dem Leser hilft, sich in Dresden zu orientieren. Lustig dabei: Die Waldschlösschenbrücke hatte in der Zeit, in der die Erzählung spielt, gerade niemand auf dem Plan. Der Dresdner, der die Gänge von Sohn und Vater Hofmann nachvollziehen kann, erfreut sich an den Zeichnungen, die in ihrer Einfachheit bestechen. Erst mit dem Text erschließt sich so manches Detail.



© Dresdner Bücherjunge

Kommentare:

  1. Ein Buch für Dresdner, will mir scheinen? Jedenfalls kein Mainstream...

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    1. Nun ja, Mainstream. Auf eine gewisse Art und Weise schon, da ja DER TURM eine gewisse Grundlage bildet. Der wurde ja wirklich umfangreich diskutiert.

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