Samstag, 3. Juni 2017

Günther, Ralf: Die Badende von Moritzburg

Novelle – Novella – Novelette. Kürzere Erzählung. Kurzepik in Prosaform. Sie hat „eine mittlere Länge, was sich daran zeige, dass sie in einem Zug zu lesen sei.“ (wikipedia)

Aha. Aber eigentlich will ich mich gerade nicht in „literaturwissenschaftlichen Betrachtungen“ ergehen, obige zwei Zeilen habe ich außerdem soeben in der bekannten Online-Enzyklopädie nachgeschlagen. Aber es passt. In einem Zug zu lesen, zumindest, wenn man rechtzeitig am Tage damit anfängt. 

Eine Sommernovelle namens DIE BADENDE VON MORITZBURG. Wir begeben uns zurück in das Jahr 1910 und begleiten die Bürgerstochter Clara Schimmelpfenninck auf den Dresdner Weißen Hirsch, wo das Lahmann-Sanatorium zu finden ist. Die junge Frau leidet an hysterischen  Anfällen und soll sich beruhigen. Dazu gehört viel frische Luft beim sogenannten Luft- und Sonnenbaden. Dazu tragen die Damen das sogenannte Luftbadehemd.

„Darin fühlte sie sich kaum weniger als nakt. Es musste ohne Unterwäsche getragen werden, der Baumwollstoff fiel locker um den Leib, damit möglichst viel Luft auf die Haut ventiliert wurde. Weich schmiegte er sich an ihren Körper und verwies dezent auf ihre Formen. Über die Schulter floss das rötlich blonde Haar, offen, wie sie es auf der Straße niemals zu tragen wagen würde.“ (Seite 9)

Der junge Dr. Maximilian Brandstetter vertritt den behandelnden Arzt und ist ein Anhänger Sigmund Freuds. Daher landet Clara auf der Couch, muss Fragen beantworten und nicht nur das. Brandstetter lädt sie ein, die Kur an einem Wochenende in Moritzburg fortzusetzen. Nach etwas Gezeter und Ziererei, der Max ist durchaus auch attraktiv, willigt Clara ein.


Abb 1: Schloss Moritzburg


Moritzburg
„Da lichtete sich unerwartet das Grün, die Schienen blitzten in der Sonne, das Schnaufen der Lok wurde leichter, und die Räder sammelten neue Kraft, als der Zug endlich auf die weite Moritzburger Ebene gelangte. Die Wälder wurden zu Gehölzen, die Wiesen und Felder gaben den Blick frei bis zum Horizont, und bald gesellten sich die Teiche dazu, die der Landschaft ihren Namen gaben. Wie runde Himmelsspiegel lagen sie im Grün der Ebene. Teils zogen sie offen an Clara vorbei, teils waren sie ihren Blicken durch breite Schilfgürtel verborgen und wurden erst sichtbar, wenn eine Windböe die Halme weit genug hinabbog. Solch Anmut und Ruhe der Landschaft kannte Clara nur von der Ostsee. Und sie wollte aufjauchzen vor Glück, da sie ihr seit Kindesbeinen vertraut war. Ihre Brust fühlte sich - zum ersten Mal seit ihrer Abreise von Berlin - leicht und unbeschwert an. Clara machte sich einen Spaß daraus, so tief und weit zu atmen, dass die Stangen ihres Korsetts knarrten.“ (Seite 34)


Abb 2: "Lößnitzdackel" 1919


Erinnert das nicht an RHEINSBERG oder SCHLOSS GRIPSHOLM? Das ist echter „Novellentext“. Zumal man das noch heute so erleben kann im „Lößnitzdackel“. Die mitfahrenden Damen tragen allerdings kein knarrendes Korsett mehr und das Lahmann-Institut, welchesmit dem Luftbadehemd etwas positiv befreiendes für die Damen gefunden zu haben scheint, weicht heute einem Luxuswohnviertel. Aber es geht noch freier, denn Clara trifft auf die Künstlergruppe DIE BRÜCKE.



Abb 3: Kirchner: Spielende nackte Menschen 1919/11



Abb 4: Kirchner: Selbstbildnis 1925 
Am See stutzt die junge Frau, denn sie trifft auf schier Unschickliches. Völlig unbekleidete Männer und Frauen und sie trifft auf Ernst Ludwig Kirchner – ein Maler, dessen Bild Drei badende Frauen auf dem Cover abgebildet ist. Außerdem lernt sie Erich Heckel sowie Max Pechstein kennen und die Leserinnen und Leser lernen mit ihr etwas über den Anfang einer Malerei, die später expressionistisch genannt werden wird. Ernst Ludwig Kirchner ist der Hauptakteur dieser Szenen da am Moritzburger Teich.

Die Künstlergruppe wollte ihr Modelle natürlich vor sich sehen. Spielend. In Bewegung und nicht stundenlang sitzend vor den Pulten der Studenten in den Kunstakademien.

„Wir malen unsere Modell nicht nur‘, getraute sich Heckel, ‚wir leben, tanzen, schwimmen, schäkern mit ihnen. Wir teilen unser Leben, denn wir teilen die Kunst. Mit unserer Kunst wollen wir den Kern des Menschen erfassen, nicht bloß die Oberfläche.‘ Sein Blick wanderte über den See. ‚Aber zum Kern müssen wir erst einmal vordringen. Und das geht nur in einem natürlichen Rahmen, der nicht von Konventionen eingekastelt ist.‘ “...
„Wir fangen... das Modell in seinem lebhaftesten Moment ein und zwingen es nicht zu unnatürlichen Posen.“ (Seite 50/51)

Abb 5: Mueller: Landschaft mit Badenden  1915


Gefangen ist auch Clara und die Geschichte nimmt so anders ihren Lauf und kommt doch zu dem hier nicht zu verratenden Ende, welches sich für eine Sommernovelle gehört.

* * *

Es ist die Zeit fortschreitender Industrialisierung, aber es regen sich auch neue Formen. „ Die Bewegung der sogenannten Lebensreformer war ein bunter Haufen von mal mehr mal weniger seriösen Gesundheitsaposteln, Austeigern, Anarchisten, Nudisten und Puristen, die in einem Punkt übereinkamen: Sie wollten die Existenz der Menschen in all ihren Aspekten so organisieren, dass sie seiner Natur besser entsprach.“ So erklärt das der Autor unserer Sommernovelle, Ralf Günther, in seinem Nachwort. Die Künstlergruppe DIE BRÜCKE tat das auf ihre Art.

Hier trifft nun zudem Wissenschaft und Kunst aufeinander. Die offenherzigen Maler und die modernen Behandlungsmethoden a la Sigmund Freud, der sich dem Thema Sexualität ebenfalls sehr widmete. Brandstetter wird der Clara dann den Grund für ihre Erstickungsanfälle nennen können, nach ihrer Begegnung mit DER BRÜCKE.

Meine Heimatstadt, die heute, da stimme ich Ralf Günter durchaus zu, irgendwie konservativ erscheint, wies vor dem ersten Weltkrieg fortschrittliche, sehr moderne Tendenzen auf, zum Beispiel die Gartenstadt Hellerau. In dieser konnte man da schon mal einen Gärtner im Adamskostüm Unkraut jäten sehen. Die Offenheit und die Suche nach neuen Formen des Lebens und Zusammenlebens erfasste auch die Kunst. (Vgl. Seite 102/103). Ein ganz kleiner Ausschnitt ist oben bereits erwähnt.


Abb 6:  Kirchner: Drei Badende,  1913

* * *

Es war wieder ein Genuss, dieses Büchlein von Ralf Günther, der Kölner, der Jahre in Dresden lebte und den es nach einer Stipvisite in Hamburg wieder nach Sachsen zog. Nicht nur seine Romane haben es in sich, auch diese Erzählung hier war sehr schön. Über Josi, die Dresdner Bloggerin, erreichte mich dieses schmale Bändchen. Ein Weg wird mich beim nächsten Dresden Besuch wohl in das Albertinum führen.  Die Neuen Meister gilt es neu zu entdecken. Und nach Hellerau muss ich auch.


Buch Seite 109


► DNB / Kindler Verlag (Rowohlt) / Reinbek 2017 / ISBN: 978-3-463-40686-2

PS: Ist das nicht wieder der Beweis für den Namen dieses Blogs: LITTERAE-ARTESQUE?

© KaratekaDD


Abbildungen:







Kommentare:

  1. Ebenso expressionistisch, wie erwartet,diese Buchvorstellung. Hier wirkt der lokalrkolorit sich noch intensiver aus, als in meiner von Entfernung zu Moritzburg geprägten Rezension.

    Dieses Schloss betrat ich nur ein einziges Mal in meinem Leben und das ist nun schon so lange her, dass ich die Erinnerungen daran mühsam zusammenklauben musste. Die sommernovelle hat mir sehr dabei geholfen...

    Gruß aud dem fernen Bayern...

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    1. Geht doch. ;)
      Aber sicher, denn die Landschaft am See und die Fahrt dorthin ist mir sehr geläufig. Da ich aber selbst bisher nicht begriffen habe, was den nun der Expressionismus tatsächlich ist, vermag ich meine Zeilen nicht so zu charakterisieren. Ich muss also ins Albertinum.

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  2. Wie immer vom Bücherjungen eine Besprechung mit viel Liebe - vor allem zum Detail! :) Eine schöne Recherchearbeit mit persönlichen Einblicken; schade, dass du nicht zur Premiere kommen konntest! Aber vielleicht laufen wir dir auf der einen oder anderen Lesung über den Weg ... ich würde mich jedenfalls freuen! Liebe Grüße von Josie

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    1. Danke Josi, im Nachhinein freue ich mich um so mehr, dass du mir dies Büchlein verordnet hast. Viele Grüße
      Uwe

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  3. Nun darf ich bald sowohl das Büchlein als auch den Maler näher kennenlernen. Ich bin gespannt! ☺

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