Mittwoch, 22. Juli 2026

Mishani, Dror: Nicht

 

Ein Mann in seinen Fünfzigern. Er hat offenbar nichts mehr zu verlieren, obwohl noch so viel vor ihm liegt. Die Kinder sind aus dem Haus, KI bedroht seine Arbeit als Übersetzer. Vor allem hat der Tod seiner Frau alles infrage gestellt. Eine solche Liebe, da ist er sich sicher, wird er kein zweites Mal finden. Bis ihm bei gemeinsamen Freunden eine Cellistin begegnet. Es entspinnt sich, so leicht, als ob es Vorsehung wäre, ein verheißungsvolles Verhältnis, und plötzlich steht wieder alles auf dem Spiel. (Verlagsbeschreibung)

DNB / Diogenes / 2026 / ISBN 978-3-257-07388-1 / 192 Seiten

Kurzmeinung: Knapp, klug komponiert und voller Fragen über Wahrheit, Schuld und die Geschichten, die wir uns selbst erzählen...


Montag, 20. Juli 2026

Durgun, Tahsim: Mama, bitte lern Deutsch (Hörbuch)

 

Noch bevor Tahsim Durgun die Grundschule abschließt, muss er für seine Mutter die Abschiebebescheide entziffern, begleitet sie als Dolmetscher zu intimen Arztbesuchen und verliest Aldi-Kataloge am Fliesentisch. So wie Tahsim geht es vielen jungen Menschen mit Migrationsgeschichte, die früh Verantwortung für ihre Eltern übernehmen und gleichzeitig einen Platz finden müssen in einem oft feindseligen Land. Schreiben sie die besten Noten, bekommen sie trotzdem nur eine Hauptschulempfehlung. Fahren ihre Mitschüler*innen in den Urlaub nach Thailand, dürfen sie Deutschland nicht verlassen, weil sie kein gültiges Reisedokument besitzen. Hilflosigkeit, Angst und Überforderung sind ihre stetigen Begleiter, Einfallsreichtum und Empathie ihr Handwerkszeug. Mit messerscharfer Intelligenz, poetischer Sprachgewalt und zynischem Humor: Internet-Star Tahsim Durgun reflektiert die Lebenswirklichkeit der postmigrantischen Gesellschaft. Vor dem Hintergrund seiner eigenen Lebensgeschichte in einer kurdisch-deutschen Familie rechnet Tahsim ab mit der deutschen Bürokratie und zeigt gleichzeitig tiefen Respekt für seine Mutter und ihre Errungenschaften, die für die deutsche Gesellschaft immer unsichtbar bleiben werden. (Verlagsbeschreibung)

DNBargon hörbuch / 2025 / ISBN 978-3-7324-7859-0 / 306 Minuten

Kurzmeinung: Ein wichtiges Buch mit einer notwendigen Botschaft, dem jedoch stellenweise die Differenzierung fehlt... Gelungene Autorenlesung!

Samstag, 18. Juli 2026

Ben Saoud, Amira: Schweben

 

Gewalt scheint nicht mehr zu existieren, der Klimawandel längst vollzogen. Eine bedrohliche Gelassenheit liegt über der abgeschotteten Siedlung, in der sie lebt. An ihren eigenen Namen hat sie keine Erinnerung mehr. Sie verdient ihr Geld damit, andere Frauen zu imitieren, deren Angehörige nicht mit dem Verlust der Geliebten, der Ehefrau, der Tochter zurechtkommen. Während eines neuen Auftrags gerät ihre Welt ins Wanken: Wer ist diese Emma, die sie spielt? Weisen seltsame Phänomene am Rand der Siedlung auf deren Untergang hin? Und warum ist sie selbst so besessen davon, eine andere zu sein? (Verlagsbeschreibung)

DNB / Zsolnay / 2025 / ISBN 978-3-552-07520-7 / 192 Seiten

Kurzmeinung: Ein atmosphärisch dichtes Debüt, das in einem dystopischen Setting existentielle Fragen aufwirft, mit einem surreal-irritierenden Ende...


Montag, 13. Juli 2026

Dostojewski, Fjodor M.: Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett (Hörbuch)

 

Den alten Schabrin plagt die Eifersucht. Seine Frau Glafira ist auf Abwegen, dessen ist er sich sicher. Um seiner Qual ein Ende zu setzen, beschließt der gehörnte Ehemann seine lebenslustige Ehefrau in flagranti zu ertappen. Doch seine Streifzüge münden stets in skurrile Situationen, bis er gar selbst unter Verdacht gerät, der Gespiele einer ihm fremden Frau zu sein, und sich zu allem Übel auch noch versehentlich mit Glafiras Liebhaber verbrüdert. Verwechslungen, Ausreden, seltsame Zufälle – Dieter Mann nimmt den Hörer mit auf eine rasante Odyssee durch das St. Petersburg des 19. Jahrhunderts. (Verlagsbeschreibung)

DNB / DAV / 2019 / ISBN 978-3-7424-1141-9 / 111 Minuten

Kurzmeinung: Turbulente Verwechslungskomödie, die eine ungewöhnlich humorvolle Seite Dostojewskis zeigt...


Sonntag, 12. Juli 2026

Reva, Maria: Ein Königreich für eine Schnecke

 

Ukraine, 2022. Jewa ist eine Schneckenforscherin, die aussterbende Arten – sogenannte Endlinge – in einem mobilen Labor retten will. Die immer erfolglosere Arbeit finanziert sie mit ihrer Schönheit. Als „Braut“ einer Heiratsagentur unterhält sie westliche Männer auf der Suche nach einer fügsamen Frau fürs Leben. So lernt sie die Schwestern Nastia und Sol kennen, die das aktivistische Werk ihrer vermissten Mutter fortsetzen wollen. Ihr Plan: Heiratstouristen in Jewas Transporter kidnappen und aufmerksamkeitsträchtig im Wald aussetzen. Bald geht's los: drei wütende Frauen, dreizehn ahnungslose Junggesellen und Lefty, eine linksgewundene Schnecke, das letzte Exemplar ihrer Art – doch dann überfallen die Russen das Land... Und der Roman nimmt eine ungeahnte Wendung. Oder zwei. Denn wenn die Wirklichkeit in die Fiktion einfällt, wird es wild und schwarzhumorig. (Verlagsbeschreibung)

DNB / dtv / 2026 / ISBN 978-3-423-28548-3 / 480 Seiten

Kurzmeinung: Ein eigenwilliger, intelligenter Roman, der Humor und Verzweiflung, Naturbeobachtung und Metafiktion auf beeindruckende Weise verbindet...

Donnerstag, 9. Juli 2026

Cronin, Marianne: Die hundert Jahre von Lenni und Margot

 

Das Leben ist kurz. Niemand weiß das besser als die siebzehnjährige Lenni. Sie leidet an einer unheilbaren Krankheit, die ihr nicht mehr viel Zeit lässt. Was soll sie mit gleichaltrigen Freunden, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben? Was soll sie anfangen mit der ihr verbleibenden Zeit, wenn sie noch so viele Fragen hat, die das Leben ihr nie beantworten wird? In einem Malkurs im Krankenhaus trifft sie auf Margot: dreiundachtzig, voller Lebenserfahrung, Witz und Widerspenstigkeit. Margot weiß, wie es ist, im letzten Kapitel des Lebens angekommen zu sein. Als sie entdecken, dass sie zusammen genau einhundert Jahre gelebt haben, fühlt es sich für Lenni an wie ein Weckruf. Sie wollen gemeinsam Bilder malen – für jedes ihrer hundert Jahre eins. Für all die kostbaren Momente, voller Liebe, Lachen und Weinen, voller Erinnerungen, von denen sie sich gegenseitig erzählen. Und auch wenn ihre gemeinsame Geschichte sich dem Ende neigt, spüren sie doch umso mehr, dass im Leben jeder Moment zählt, bis zum letzten Augenblick… (Verlagsbeschreibung)

DNB / C. Bertelsmann / 2022 / ISBN 978-3-570-10462-0 / 400 Seiten

Kurzmeinung: Berührend, lebensbejahend - und mit kleinen Längen...

Dienstag, 7. Juli 2026

Thürk, Harry: Die Stunde der toten Augen

Autobiografisches in einem zeitlosen Kriegsbuch


Dieses ist ein für die DDR äußerst ungewöhnliches Kriegsbuch, das Harry Thürk (1927 – 2005) in den fünfziger Jahren schrieb. Die ersten Exemplare zwischen 1958 und 1960 wurden eingestampft und aus den Bibliotheken entfernt. Es wurde trotzdem eines der meistgelesenen Bücher im Osten Deutschlands. 
„Sie beherrschten alles, was nötig war, um ein Unternehmen wie dieses auszuführen. Sie beherrschten nicht nur ihre eigenen Waffen, sondern auch die, mit denen der Gegner ausgerüstet war. Sie waren im Kraftfahren ausgebildet, in der Technik des Sprengens und im Minenlegen. Sie beherrschten ein halbes Dutzend verschiedener Methoden zu töten.“ (Klappentext)

Montag, 6. Juli 2026

Links, Christoph: Verschwundene Verlage...

Verschwunden? Verlage und Literatur

... ein unbekanntes Kapitel ostdeutscher Kulturgeschichte

Die DDR war ein Leseland. Sagt man. Liest man immer wieder. Ihre Literatur ist umstritten. Im Streit geht es um die Frage, ob die Literatur nun einerseits das alltägliche Leben östlich der Elbe widerspiegeln kann oder ob sie, wenn die Autoren nicht zwischen 1949 und 1989 in die Bundesrepublik gewechselt sind, vor allem eine diktaturverherrlichende Literatur war. Doch darüber wird an anderer Stelle demnächst zu schreiben sein. Hier geht es darum, wie denn das Verlagswesen aussah, in dem die Bücher gedruckt wurden.

Für das erste Thema hat der Literaturprofessor Carsten Gansel das Buch Ausradiert? – Wie die Literatur der DDR verschwand geschrieben. Das zweite Thema bediente Christoph Links in Verschwundene Verlage – Ein unbekanntes Kapitel ostdeutscher Kulturgeschichte.

Beide Fragen gehören einerseits zusammen, beide Verfasser fragen nach Kulturgeschichte, andererseits geht es bei der Literatur hauptsächlich um die aus Verlagen, die "immer" da waren. 

Der CH.Links Verlag war eine der ersten Neugründungen im Herbst 1989 und versuchte, „die weißen Flecken der jüngsten deutschen Geschichte aufzuarbeiten und die realen Verhältnisse der DDR zu analysieren.“ Seit 2019 gehört der Verlag zu den Aufbau – Verlagen. Der Aufbau – Verlag des Kulturbundes erhielt bereits 1945 eine der ersten Lizenzen der Sowjetischen Militäradministration und brachte als erste Titel unter anderem Heinrich Heines Ein Wintermärchen“ und Theodor Pleviers „Stalingrad“ heraus. 

Donnerstag, 2. Juli 2026

Die Chárdásfürstin im Schlossgarten Neustrelitz


Operetten-Festspiele in Neustrelitz – erneut erklingt der Chárdás im Schlossgarten

Mit der Premiere zur Neuaufführung der Operette Die Chárdásfürstin von Emmerich Kálmán startet am 03. Juli 26 die Theater- und Orchester GmbH Neubrandenburg / Neustrelitz die Festspiele im Schlossgarten Neustrelitz. Elf Aufführungen sind bis zum 26. Juli geplant.

Mittwoch Abend, zwei Tage zuvor im Schlosspark. Generalprobe. Die Sonne scheint vom Zierker See über die Baumwipfel, sie strahlt die Schlosskirche an, deren Backsteintürme hinter der Bühne in den Himmel ragen. Vor der hohen Zuschauertribüne eine Bühne, die aus einem einzigen roten, faltenwerfenden Vorgang zu bestehen scheint. Auf dem Boden liegt allerlei Krims-Krams. Ein Theater im Aufbruch oder im Abriss? Der Bühnenrand sieht aus wie eine Pier oder Mole mit Pollern, sollen da Schiffe anlegen können? Oder ist das der Donaustrand?

©️UR

Mittwoch, 24. Juni 2026

Khalidi, Rashid: Der hundertjährige Krieg um Palästina

So unterschiedlich wie die öffentliche Wahrnehmung zur aktuellen Berichterstattung über den Nahostkonflikt ist auch die Literatur zum Thema. Schon der Titel des Sachbuches von Rashid Khalidi (*1948) lässt keine Zweifel offen, um was es geht, wenn der us-amerikanisch-palästinensische Historiker den Nahostkonflikt als einen hundertjährigen Krieg um Palästina beschreibt und mit einer Geschichte um Siedlerkolonialismus und Widerstand untertitelt, wobei mit Widerstand der der palästinensischen arabischen Bevölkerung gemeint ist.