Alice Munro: Jonathan Franzen zählt sie zu den größten Erzählern der
Welt und stellt sie über Tschechow, und für Doris Dörrie »schärft sie
die Sinne«. Doch wie hat Alice Munro ihre Kunst entdeckt? In ihrem
großartigen Debüt ›Tanz der seligen Geister‹ finden wir die Antwort: Das
erste Buch der großen Meisterin der kleinen Form, 15 Erzählungen davon,
erwachsen zu werden und die eigene Stimme zu finden. Im Original 1968
erschienen, zeigt sich Alice Munro bereits hier als präzise,
unsentimentale und abgründige Chronistin zeitgenössischen Alltagslebens.
(
Klappentext S. Fischer Verlage)
- Taschenbuch: 384 Seiten
- Verlag: FISCHER Taschenbuch; Auflage: 3 (9. Dezember 2011)
- Sprache: Deutsch
- Übersetzung: Heidi Zerning
- ISBN-10: 359618875X
- ISBN-13: 978-3596188758
VOM ERWACHSENWERDEN...
Schon lange befindet sich dieser Band von 15 Erzählungen in meinem Regal
- zufällig sogar das Debüt der kanadischen Schriftstellerin
(Erstveröffentlichung 1968) -, und spätestens seit Alice Munro 2013 den
Nobelpreis für Literatur erhielt, war ich neugierig auf dieses Buch.
Doch erst jetzt nahm ich mir die Zeit für die Lektüre und kann schon so
viel vorweg verraten: es wird für mich nicht das letzte Buch der 1931
geborenen Preisträgerin gewesen sein.
Das verbindende Glied der
15 Erzählungen ist im weiteren Sinne der Abschied von der Kindheit, das
Finden eines eigenen Weges. Angesiedelt sind die Geschichten etwa in den
40er und 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der kanadischen
Provinz, und wie ich gelesen habe, beinhalten sie zahlreiche
autobiografische Erlebnisse der Schriftstellerin. Dies lässt die meist
zwischen 20 und 30 Seiten langen Erzählungen in einem besonderen Licht
erscheinen.
"Es gibt nichts, was du im
Augenblick tun kannst, außer die Hände in die Taschen zu stecken und dir
ein unvoreingenommenes Herz zu bewahren." (S. 55)
Aber
auch ohne dieses Wissen konnte mich Alice Munros Schreibstil
beeindrucken: präzise, unsentimental und intensiv, dabei oftmals
poetisch und melancholisch, zeitweise ironisch, immer aber durchzogen
von einer tiefen Ernsthaftigkeit. Die Unausweichlichkeit der
geschilderten Situationen wird dem Leser vor Augen geführt, nur
gelegentlich begleitet von einem leisen Bedauern, stets aber mit der
immensen Bedeutung des Geschilderten für das Schicksal der jeweiligen
Hauptperson im Fokus. In wenigen Sätzen skizziert Munro den oftmals eher
tristen Ort, die Situation, das Geschehen und schafft so ein scharfes
Bild, das ein Wegschauen unmöglich macht.
"Wie
die Kinder im Märchen, die gesehen haben, dass ihre Eltern mit
furchterregenden Fremden einen Pakt schlossen, die entdeckt haben, dass
unsere Ängste auf nichts als der Wahrheit beruhen, die aber nach
wundersamer Rettung aus Gefahr heil nach Hause kehren, artig und
wohlerzogen zu Messer und Gabel greifen und vergnügt bis an ihr seliges
Ende leben - wie sie, von den Geheimnissen benommen und mit Macht
begabt, sagte ich nie auch nur ein Wort." (S.79)
Die einzelnen Geschichten hier vorzustellen, würde m.E. den Rahmen sprengen, und so schließe ich die Rezension mit der Erwähnung meines
anfänglichen Erstaunens und der mit dem Lesen wachsenden Erkenntnis,
dass auch und gerade das Schreiben von Kurzgeschichten eine Kunst ist -
eine so hohe, dass Alice Munro, die 13 Erzählbände und nur einen
einzigen Roman geschrieben hat, den Nobelpreis für Literatur in meinen
Augen zu Recht gewonnen hat. Eben als "Meisterin der zeitgenössischen
Kurzgeschichte". Chapeau.
Für mich mit Sicherheit nicht das letzte Buch dieser Schriftstellerin!
© Parden
Die
S. Fischer Verlage schreiben über die Autorin:
Alice Munro, geboren 1931 in Wingham, Ontario, ist eine der
bedeutendsten Autorinnen der Gegenwart. Sie erhielt 2013 die höchste
Auszeichnung für Literatur, den Nobelpreis. Ihr umfangreiches
erzählerisches Werk wurde bereits zuvor mit zahlreichen Preisen
ausgezeichnet, u.a. mit dem Giller Prize, dem Book Critics Circle Award
und dem Man Booker International Prize. Alice Munro lebt in Ontario,
Kanada. Im Fischer Taschenbuch Verlag liegen vor: ›Himmel und Hölle‹,
›Die Liebe einer Frau‹, ›Der Traum meiner Mutter‹, ›Tricks‹, ›Wozu
wollen Sie das wissen?‹, ›Zu viel Glück‹, ›Tanz der seligen Geister‹,
›Offene Geheimnisse‹, ›Glaubst du, es war Liebe?‹, ›Das Bettlermädchen‹,
›Der Mond über der Eisbahn‹, ›Liebes Leben‹, ›Was ich dir schon immer
sagen wollte‹, ›Die Jupitermonde‹ und Munros einziger Roman ›Kleine
Aussichten‹.
Literaturpreise:
(Auswahl:)
Canada-Australia Literary Prize (1977)
Commonwealth Writers' Prize (1991)
Giller Prize for Fiction (1998 und 2004)
Man Booker International (2009)
Trillium Award (2013)
Nobelpreis für Literatur (2013)
► übernommen von S. Fischer Verlage