SPRACHLOSIGKEIT ANGESICHTS DES UNSAGBAREN...
"Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, dass niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit."
Erzählt wird der Roman aus der Perspektive einer jungen Frau, die den Kosovo-Krieg nicht persönlich erlebt hat, sondern aus der Diaspora in Deutschland heraus, wohin ihre Eltern mit ihr als Kleinkind geflohen sind. Doch die Kriegserfahrungen, erlebt durch Erinnerungen und Erzählungen ihrer Familie, aber auch durch Dinge, die zu schrecklich sind um ausgesprochen zu werden, schreiben sich in ihren Körper ein. So gilt ihr Großvater seit den Kriegstagen als verschollen, und auch die DNA-Abgleiche von Leichen aus Massengräbern haben der Familie keine Antwort geben können.
Der Roman beginnt mit einer Diagnose. Die Ich-Erzählerin zermahlt sich Nacht für Nacht ihre Zähne, und auch tagsüber presst sie ihre Kiefer so arg aufeinander, dass es geschehen kann, dass sie in einigen Jahren kaum noch kauen oder sprechen können wird. Eine Aufbissschiene soll Abhilfe schaffen, doch das Unsagbare, der Druck des generationsübergreifenden Kriegs-Traumas sind letztlich stärker.
Ausgehend von dem Zahnarztbesuch reihen sich sprunghaft Episoden der Erinnerung aneinander - Kindheit, Jugend und Erwachsenzeit der Ich-Erzählerin sind dabei ebenso Gegenstand wie Erzählungen einzelner Verwandter über zurückliegende Geschehnisse im Kosovo. Deutlich wird die Einsamkeit und Sprachlosigkeit, die die Ich-Erzählerin schon als Kind begleiten. Wenn sie gefragt wird, verstummt sie, nie fühlt sie sich wirklich zugehörig oder gesehen. Ihre Kindheit ist anders als die deutscher Kinder - und auch anders als die derjenigen, die im Kosovo verblieben sind. Wo ist Heimat, wo die Zugehörigkeit? Selbst die deutsche Sprache, die die Ich-Erzählerin von klein auf zu perfektionieren sucht, fühlt sich bis heute fremd an - und das Albanische kann sie nur mit ihren Eltern sprechen oder bei den seltenen Besuchen bei den Verwandten, aber es ist ein Albanisch der Großeltern, eine konservierte Sprache, weil sie in Deutschland die Veränderungen der Sprache im Laufe der Zeit nicht mitbekommen hat.
"Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, an einen früheren Ort zurückzukehren und alles so vorzufinden, wie es war. Für mich gab es immer nur Zerstörung."
Ein beeindruckendes Debüt hat Jehona Kicaj da verfasst, geprägt von intensiven Recherchen, was den zahllosen Details anzumerken ist. Es ist trotz des geringen Seitenumfangs ein sehr dichter Roman, der sich nicht einfach so weglesen lässt, der aber einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Kicaj schreibt eher leise und zurückhaltend, die schrecklichsten Gräueltaten oft nahezu sachlich schildernd, und bildet dabei ein perfekt zusammengesetztes Mosaik einer verlorenen Kindheit, eines kollektiven Kriegs-Traumas, einer Entwurzelung, einer Sprachlosigkeit angesichts von Verwüstung, Unterdrückung, Vernichtung ab. Der Roman, der 2025 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, beleuchtet die unsagbaren Dinge und gibt den Sprachlosen eine Stimme.
Leseempfehlung!
© Parden


Je verrückter die Welt, desto eindringlicher die Literatur - also die. die wir lesen.
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