DNB / Hörbuchzeit / 2015 / ISBN 978-3-943952-25-4 / 107 Minuten
Stefan Zweig bei Litterae Artesque: Brief einer Unbekannten / Sternstunden der Menschheit
Kurzmeinung: Tolle Stimme, die hier eine Novelle von 1904 vorträgt - über die Liebe einer jungen Frau, die mit einer lebenslangen Enttäuschung endet...
LIEBE UND LEID...
Die Pianistin Erika Ewald verliebt sich während der Proben für ein gemeinsames Konzert in einen Geigenvirtuosen. Während ihre Liebe zunächst eher platonischer Natur ist – sie erfreut sich an gemeinsamen Gesprächen und Spaziergängen –, wächst in ihm das Begehren für die junge Frau. Er gesteht ihr seine Gefühle, jedoch spürt sie, dass sie für diesen Schritt noch nicht bereit ist und flieht im letzten Moment. Es folgt eine unbestimmte Zeit des Wartens, in denen beide keinen Kontakt mehr haben. Indes beginnt Erika innerlich zu reifen und fühlt sich ebenfalls körperlich zu dem jungen Künstler hingezogen...
"Und wenn man in solchen schweigenden Nächten zu zweit geht, von niemandem gehört und gestört, und sich die dunklen Schatten der Häuser über die Worte senken und die Stimmen ohne Nachhall in der Stille verwehen, da ist man so vertrauensvoll, als ob man zu sich selbst spräche. Da wachen Gedanken aus den Tiefen auf, die in der bunten Unrast des Tages ungehört untergehen und denen erst die Stille des Abends sanfte Schwingen gibt; und die Gedanken werden zu Worten, fast ohne dass man es will."
"Die Liebe der Erika Ewald" ist eine Erzählung des österreichischen Autors Stefan Zweig, erschienen 1904. In poetischer und dabei vollkommen unkitschiger Sprache folgt sie dem Erleben, den Gedanken und Gefühlen der Pianistin Erika Ewald, die sich zu einem jungen Geigenvirtuosen hingezogen fühlt, der bald jedoch schon mehr von ihr will. Als er sie immer mehr bedrängt, flieht sie und bricht den Kontakt zu ihm ab. Gedanken und Gefühle jedoch arbeiten weiter in ihr, bis Erika schließlich bereit ist, auch den nächsten Schritt zu tun.
Erika lebt mit ihrer Schwester und ihrem Vater zusammen, und alle drei haben sich im Grunde nichts zu sagen. Die gemeinsamen Mahlzeiten verlaufen schweigend, die Arbeiten im Haus werden vom Personal erledigt, das gutbürgerliche gesellschaftliche Korsett sitzt eng. Es gibt klare Verhaltensvorgaben, gesellschaftliche Konventionen, denen Erika durch ihre Bekanntschaft mit dem Pianisten ein wenig entflieht. Die Biederkeit des Elternhauses und die größeren Freiheiten des Künstlertums, der strenge Verhaltenskodex v.a. für die Frauen des Bürgertums und die oft weniger rigiden Regeln für die Männer - all dies kommt hier nebenbei zum Ausdruck und lässt die Gegensätze der Lebenswelten deutlich werden.
"Aber sie hütete sich wohl, ihr Glück offen zu zeigen; ihre Lippen bargen oft ein Lächeln reinster Seligkeit mit so herbverschlossener Gewalt vor den Leuten und vor ihrer Familie, als sei es ein aufquellendes Weinen. (...) Und sie baute kühle und abgenutzte Alltagsworte um ihr Glück und um ihr Leben, so dass es durch viele Hände gehen konnte, ohne verkannt zu werden und in wertlose Scherben zu zerbrechen."
Eine heimliche Liebe also, und eine ganz unschuldige, was Erika anbelangt. Als sie die Absichten des Geigenvirtuosen endlich begreift, ist es fast zu spät - doch die Trennung ohne Abschied, das Ende aller Gemeinsamkeiten sind genauso unerträglich. Also fasst Erika schließlich einen folgenschweren Entschluss und besucht ein Konzert des Musikers, bange hoffend, dass er sie in der ersten Reihe entdecken und seine Geige nur für sie spielen würde, so wie in den vergangenen Tagen. Und doch endet der Abend mit einer herben Enttäuschung, so tiefschneidend, dass sie Erika für den Rest ihres Lebens begleiten wird.
Begeistert hat mich bei dieser Novelle v.a. die altertümliche Sprache, die Schönheit der wohlgesetzten Worte, die Atmosphäre die diese erzeugen. Sven Görtz ist für diesen Text die ideale Besetzung als Sprecher (ungekürzte Hörbuchausgabe: 1 Stunde und 47 Minuten). Der ruhige Vortrag überzeugt und passt zu der leisen Sprache des Textes. Man kann sich in die oft traumhafte Atmosphäre fallen lassen und der Erzählung lauschen.
Das Ende - ich hätte es mir anders gewünscht, aber es passt letztlich zu der jungen Frau und zu den damaligen Gegebenheiten.
Eine eindrucksvolle psychologische Miniatur – leise, klug und voller innerer Spannung.
© Parden
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| Stefan Zweig |
Stefan Zweig war ein bedeutender österreichischer Schriftsteller. Geboren am 28. November 1881 in Wien als Sohn von Moritz Zweig, einem wohlhabenden jüdischen Textilunternehmer und Ida Brettauer, die ebenfalls aus einer reichen Kaufmannsfamilie stammte. Zusammen mit seinem Bruder wuchs er in Wien auf. Seine Kindheit wurde nicht durch die jüdischen Wurzeln geprägt. Am Wiener Gymnasium Wasagasse legte er seine Matura ab. Bereits während seines Studiums erschienen seine ersten Veröffentlichungen. 1901 veröffentlichte er seine ersten Gedichte unter dem Titel Silberne Saiten. 1904 erschien seine erste Novelle. Neben eigenen Erzählungen und Essays arbeitete Zweig auch als Übersetzer der Werke Verlaines, Baudelaires und insbesondere Émile Verhaerens sowie als Journalist. Seine Bücher erschienen im Insel-Verlag in Leipzig. Zweig pflegte einen großbürgerlichen Lebensstil und reiste viel, unter anderem besuchte er 1910 Indien und 1912 Amerika. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges meldete er sich freiwillig zum Militär und wurde wegen seiner Untauglichkeit ausgemustert und im Archiv des Kriegsministeriums eingesetzt, in welchem er zusammen mit Rilke arbeitete. Der Kriegsverlauf machte Zweig immer mehr zum Kriegsgegner - auch unter dem Einfluss seines Freundes, des französischen Pazifisten Romain Rolland. 1917 wurde Zweig vom Militärdienst beurlaubt, später ganz entlassen. Er zog nach Zürich in die neutrale Schweiz. Nach Kriegsende kehrte Zweig nach Österreich zurück, er lebte in Salzburg und heiratete im Januar 1920 Friderike von Winternitz. Als engagierter Intellektueller trat Stefan Zweig vehement gegen Nationalismus und Revanchismus ein und warb für die Idee eines geistig geeinten Europas. 1928 bereiste Stefan Zweig die Sowjetunion, wo seine Bücher auch auf Russisch erschienen. 1930 widmete er sein Buch Die Heilung durch den Geist Albert Einstein, den er in seinem Exil in Princeton (USA) in der Kirche und im Leseraum der Christian Science besuchte. Zweig emigrierte daher 1934 nach London - die Kontakte nach Deutschland rissen nicht ab, obwohl seine Bücher in Deutschland nicht mehr erscheinen durften (lediglich noch in Wien). 1936 wurden Zweigs Bücher in Deutschland verboten. Seine erste Ehe wurde 1938 geschieden, seine zweite Ehe ging er 1939 mit Charlotte Altmann ein. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges nahm Stefan Zweig die britische Staatsbürgerschaft an. Er verließ London und gelangte über die Stationen New York, Argentinien und Paraguay im Jahr 1940 nach Brasilien. Am 22. Februar 1942 beging Stefan Zweig in Petrópolis (bei Rio de Janeiro) durch eine Medikamentenüberdosis Selbstmord. Seine Frau wartete seinen Tod ab und beging dann ebenfalls Selbstmord. (Quelle: Lovelybooks)


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