FÜNF RUHIGE VIGNETTEN...
"Das Gewicht der Worte" hat mir seinerzeit sehr gut gefallen, und so war ich neugierig darauf, ob mich auch die kurzen Geschichten des Autors überzeugen würden. In diesem schmalen Band finden sich fünf Vignetten, die aus dem Nachlass des 2023 verstorbenen Pascal Mercier stammen.
So unterschiedlich diese Geschichten auch sind, so menschlich sind sie doch, fein beobachtet und trotz eines eher distanzierten Schreibstils doch nahekommend. Die Menschen, die hier jeweils im Fokus stehen, verlassen ihre Alltagsroutine, befinden sich an einem Wendepunkt oder in einer Krise, halten plötzlich inne. Innere Monologe, Gedankenfolgen, das Bemühen, ein Gleichgewicht wiederzufinden - innere Prozesse werden hier unaufgeregt präsentiert, und doch ist ein leises Brodeln unter der Oberfläche erkennbar.
1. Die Übergabe - Karl Prager hat sein Haus verkauft, um in ein Pflegeheim zu ziehen, aber die Übergabe fällt ihm schwer. Er findet kein Ende und stellt die Geduld der Käufer auf die Probe. Immer wieder kommt er zurück, um noch etwas zu erklären... Diese Erzählung erinnerte mich an meinen Vater, als er zum Sterben in ein Hospiz ging und wissentlich das letzte Mal sein Haus verließ. Deshalb war diese Geschichte für mich besonders berührend.
2. Die Wohnung - Der Pianist Luca Gaspari bekommt vom Ich-Erzähler (Bibliothekar) und seiner Frau Evelyn (Kinderärztin) die Wohnung geschenkt, in der er sich so wohl fühlt und aus der er ansonsten ausziehen müsste. Was geschieht mit jemandem, der immer dankbar sein muss? Ein interessantes Gedankenexperiment.
3. Warten auf den Befund - Jan Winter quält schon länger ein heftiger Husten, der Arzt ordnete eine Bronchoskopie an, die Gewebeproben sind im Labor, Warten ist angesagt. Jan Winters Gedanken und Empfindungen bis zum Befund sind sehr eindringlich geschildert, das Auf und Ab von Hoffnung und Angst spürbar, die Spannung greifbar.
4. Tödlicher Lärm - Der Ich-Erzähler beobachtet einen Mann, der kopfüber über die Brüstung des Balkons springt, dessen Frau berichtet ihm später von den Hintergründen, die tragischer sind als zu Beginn vermutet. »Es war der Lärm«, sagte seine Frau, als wir nach der Rückkehr vom Präsidium in ihrer Wohnung saßen. »Der Lärm war es, der ihn umgebracht hat.« Eine etwas befremdliche, verstörende Erzählung.
5. Noch einmal die Mansarde - Cornelius Clemens schwänzt einen Kongresstag in seiner alten Studentenstadt und läuft in die Vergangenheit. Er sucht das Haus mit seiner alten Mansarde auf, trifft auf die alten Vermieter und verliert sich in Erinnerungen. "Es kam mir vor, als sei ich mindestens eine Woche aus der Welt gewesen."
Ein schmaler Erzählband, der eine leise Wucht entfaltet. Lesenswert!
© Parden


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