Samstag, 17. Januar 2026

Casement, Nina: Dehumanisation - Wege in den Terror


 „Das vorliegende Buch enthält einzelne, kurze Schilderungen von Gewalt…“

Altersempfehlung: 16 Jahre

Der Titel zeigt, was die Leserin, den Leser - vermutlich - erwartet. Das Eingangsstatement verdeutlicht dies. Dass ein Zitat Barack Obamas, nachdem „Guantànamo wahrscheinlich mehr Terroristen auf der Welt geschaffen hat, als jemals dort inhaftiert wurden.“ dem Text vorangestellt wird, zeigt, warum sich Nina Casement dem Thema „Radikalisierung“ widmet. Gleich mehrfach.

Drei Schicksale stellt Casement in den Leseraum. Da ist der Iraker Ismat, der in der Nähe von Faludscha, einer ehemaligen IS-Hochburg im Irak beheimatet ist, dann der Brite Oliver aus London und der aus dem Iran stammende Naid, welcher ebenfalls in London lebt. 

In kurzen Abschnitten erzählt die Autorin abwechselnd den Weg der drei Männer, welcher zu Beginn mitnichten auf Radikalisierung und Terror hinweist. Der Unsymphatischste ist allerdings von Beginn an der Brite Oliver, der aus einer sehr strengen Erziehung zu stammen scheint und ein Duckmäuser mit Gewaltphantasien ist. Ismat dagegen ist ein Muslim aus einer sehr armen Gegend, der mit seiner Mutter in einer Hütte wohnt und dessen Bruder Kazim durch die Hölle von Abu-Ghuraib gegangen ist. Kazim hält sein Leben nicht mehr aus und begeht Suizid. Naid dagegen stammt aus dem Iran, seine Großeltern brachten ihn einst nach England, die Eltern wurden Opfer der islamischen Revolution von 1979. Naid und Oliver treffen aufeinander, als beide als Sicherheitskräfte am Flughafen London Heathrow arbeiten. Allerdings wird Naid nach kurzer Beschäftigungszeit entlassen. Er hat als einziger ein Familienleben, liebt seine schöne Frau, kämpft mit zeitweiser Arbeitslosigkeit wie viele Migranten in europäischen Ländern auch.

Die Buchbeschreibung auf der Webseite der Selfpublishing-Autorin deutet es an: Alle drei geraten in den Abgrund islamisten Terrorismus, aber auf sehr unterschiedliche Art und Weise.

Während in einem der drei Fälle der Weg augenscheinlich vorgezeichnet wird, sind die beiden anderen eher tragischer Natur, wobei der Iraker Ismat in seiner Trauer um Bruder und Mutter dann für eine Rekrutierung anfällig ist und den Bruder rächen will. 

Naid dagegen steht für die Angst vieler Europäer vor vermutlichen islamistischen Terroristen - allein seines Aussehens wegen.

* * *

Es sind nur drei Beispiele, die ohne weiteren Kommentar oder zusätzliche Erklärungen das Phänomen der Radikalisierung bis hin zur Ausübung terroristischer Anschläge beschreiben, wie sie in den letzten Jahren in Madrid, London, Paris und Brüssel stattgefunden haben oder auch in Berlin. 

Zusätzlich nimmt sich Nina Casement dabei „kritische Infrastruktur“ vor, indem sie einen internationalen Flughafen als Anschlagsziel auswählt. Dabei spielt letztlich keine Rolle, dass sie es hier übertreibt, indem sie unzählige Sprengsätze durch den späteren Amok-Läufer selbst im Flughafen legen lässt. Gleichwohl ist genau dieses Szenarium, dass Flughafenmitarbeiter mit bestimmten Zutrittsberechtigungen im Fokus terroristischer Organisationen stehen, aktuell. Es liegt in diesem Zusammenhang auf der Hand, die Sicherheitskontrollen an (europäischen) Flughäfen kritisch zu betrachten, allerdings erfolgt dies aus den Augen des Terroristen mit vermeintlichem Fachwissen. Warum und und auf welcher Grundlage verschiedene Kontrollen erfolgen erschließt sich dem Leser oder Fluggast nur sehr eingeschränkt und das ist auch gut so. Sie sind nicht so „wirkungslos“ wie sich der Buch-Terrorist das denkt. Zudem sind Die meisten Mitarbeiter auf Flughäfen auf ihre Arbeitsbereiche durch Zugangsbeschränkungen festgelegt. 

Als Leser fängt man irgendwann an zu hoffen, dass zumindest zwei, dann einer der Figuren „davon kommt“, das Ende des Romans erschüttert dann doch. Radikalisierungserscheinungen sind weit vielfältiger, die Eindringlichkeit des Romans ergibt sich aber aus der Beschränkung auf drei Beispiele. 

Auf Litterae-Artesque haben wir bereits 2014 zu zweit über Terrorist von John Updike geschrieben, da ging es um eine Person in einem 400 Seiten Roman, die Idee von Nina Casement sehe ich als lesenswerte Ergänzung. Einerseits die Radikalisierung, andererseits ein Statement für (muslimische) Menschen um uns herum, die keinesfalls für islamistischen Terror anfällig sind.

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Das die Autorin auf die Verwendung von beleidigenden und rassistischen Schimpfwörtern hinweist und darauf, dass sie sich von jeglichen Diskriminierungen oder menschenfeindlicher Ideologie distanziert, ist heute Standart und sicherlich angebracht. Dass sie sich trotz des Themas an die „Vorgabe von Vertriebspartnern“, bestimmte Wörter in diesem Sinn „auszusternen“ - N*gger - halten muss, erscheint mir gerade hier ausgesprochen seltsam.

Vielen Dank, Nina, für das eBook - Rezensionsexemplar. 

  • Nina Casement: Anny Bunny (08.04.2023 Literae-Artesque)

© Bücherjunge

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