Dienstag, 27. Januar 2026

Woolf, Virginia: Orlando - Eine Biografie


Der Versuch, sich wieder einmal an Weltliteratur zu wagen. 

Tja, der Orlando, die Orlando. Sechzehnter Band der wirklich hervorragenden Reihe PERLEN DER LITERATUR, vielfach gelobt, fast schon besungen auf unserem Blog. Über die Buchreihe muss ich nicht mehr viel vermelden, dass ist den regelmäßigen Leserinnen und Lesern des Blogs bekannt. Warum ich sie als „hervorragend“ bezeichne, könnt ihr in einer der unten verlinkten Buchbesprechungen nachlesen. 

Nun also Band 16. Es gibt Bücher, für die braucht man entweder unendlich viel Zeit, oder aber sie sind nicht für einen geschrieben. Bei Orlando ist mir das nicht so recht klar. 

Sehr schöne Texte mit wunderbaren Beschreibungen von Menschen, Landschaften und Begebenheiten wechseln sich mit gefühlt ewigen Längen ab. 

Um was geht es? Orlandos Biografie umfasst nicht einfach ein Menschenleben, sondern gleich mehrere Jahrhunderte (ab 1588), in denen sich der junge schwerreiche Edelmann verwandelt. Am Ende lesen wir nicht von ihm sondern von ihr. Das einzige Datum, welches vorkommt, ist der 11. Oktober 1928. An diesem Tag endet das Buch.

Ein Beispiel für die erwähnten Längen sei das dritte Kapitel, in dem Orland in den hohen Adel als Herzog berufen wird, in Konstantinopel als Gesandter residiert, dessen Aufgaben schier endlose Audienzen beinhalten, die zwar auf wenigen Seiten beschrieben aber trotzdem eben endlos wirken wie das lesen derselben. Es ist das Kapitel, in welchem wir plötzlich lesen, dass er ohne Zweifel eine Frau geworden sei. Wenn eben noch SEIN Körper „in sich die Kraft des Mannes und die Anmut der Frau“ vereinte, so „wachte SIE auf in einer Lage, wie sie nicht delikater für eine junge Dame von Rang hätte sein können.“ Das ganze kommt ohne jegliche Beschreibung weiterer Geschlechtsmerkmale aus, trotzdem sieht selbst der Rezensent plötzlich die Frau, obwohl sie immer noch Orlando heißt.

„Virginias Woolfs Orlando verkörpert nicht die antike mystische Wesensgleichheit von Mann und Frau. Orlando ist auch nicht beides zugleich und erst recht nicht transsexuell nach heutiger Definition - sondern ein Wesen, das erst erst als Mann, dann als Frau durch die Welt geht, bis sie am 11. Oktober 1928 in eine ungenannte Zukunft aufbricht.“ - Das schreibt die Übersetzerin Gerrit Pohl im Vorwort. (Seite 5)

Wir schweben rund vier Jahrhunderte durch den Raum. Beginnen im "goldenen Zeitalter" der "jungfräulichen Königin" (Elisabeth I.), treffen Shakespeare, Alexander Pope, Joseph Addison und Jonathan Swift, sowie einen gewissen Nicholas Greene, den Orlando schon zu Elisabeths Zeiten kennen lernt. Über all diese Zeit schreibt Orlando an einem epischen Gedicht (Die Eiche  / The Oak Tree) - quälende Gedanken der Autorin Woolf? Wer weiß... 

Von der episch beschriebenen sechzig Jahre andauernden Kälteperiode, in der 1608 die Themse zufror, las ich hier zum ersten Mal und kann der Übersetzerin, Gerrit Pohl nur zustimmen: Es ist eine "absurde Steigerung" dieser "Little Ice Age" - eine seitenlange Abfolge erfrorener Lesebilder.

Wikipedia
Virginia Woolf war eine komplizierte Person. Vielleicht, so liest man anderswo, mit einer bipolaren Störung. Man sieht sie vor sich, wie sie schreibt: Schnell, die Zeit, Essen und Trinken vergessend, vielleicht sich zwischendurch die Haare raufend. So kommt dem Rezensenten der Text vor; keineswegs so, wie sie ihn selbst beschreibt:

"...halb im Spottstil, sehr klar und einfach, damit die Leute jedes Wort verstehen. Aber das Gleichgewicht zwischen Wahrheit und Fantasie muss sorgfältig sein..." 

Sie betrachtete das Werk als "neue Form der Biografie", als "literarisches Experiment". (Wikipedia), welches sie im Jahre 1927 niederschreibt. 

Das Gleichgewicht muss sie wahren, denn DER Orlando bekommt den selben Anteil wie DIE Orlando. Woolf hat vieles vorweg genommen, was in späteren Jahrzehnten breit diskutiert werden wird: Die Rollen von MANN & FRAU mögen 1927 schon längst auf dem Prüfstand stehen, die Geschlechter sind heute noch weit vielseitiger Thema gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Die Frage, ob die Autorin des vorliegenden Buches heutzutage auch im Schreiben "gendern" würde, wäre dabei die kleinste, die wir ihr nicht stellen können. Aber neben all den vielen Bildern fällt auf, dass Virginia Woolf sehr deutlich macht, dass DIE Orlando mit ganz anderen Dingen zu kämpfen hat als DIE Orlando und kritisiert damit das Rollenverständnis der Gesellschaften über Jahrhunderte bis in die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts und zeigt doch, dass in IHR das frühere ER nicht zu verleugnen ist, oder, dass sich Frau und Mann in vielen Dingen in einer Person wiederfinden. Dass Woolf eine dreijährige Liebesbeziehung mit einer Frau selbst einging (1922), dürfte für manche Textstellen  symptomatisch gewesen sein. Vita Sackville-West gab auch die Vorlage für DIE Orlando.

Nun ist Orlando gewöhnt, zu tun was IHM / IHR behagt, auch wenn SIE lange nicht mehr so reich ist wie ER:

"'Schau sich das einer an', rief sie eines Tages später aus, als eine absurd verstümmelte Kutsche ohne jedes Pferd aus eigener Kraft alleine davon glitt. Tatsächlich ein Wagen ohne Pferde!" (Seite 274)  Einige Seiten weiter fährt sie schon SELBST eines, erobert sich als Frau eine "männliche Domäne".

Während sich DER O. höchstens verliebt, wird DIE O. heiraten und Mutter werden,  was aber im Roman keine besondere Bedeutung erlangt. Die "Bilder" die wir lesen, sprühen oft über von Gefühl; wie verhalten sich Gefühl, Liebe und Verstand zueinander?

"... der Verstand, so göttlich er ist, so verehrenswert, ist gern in unschönen Körpern zu Hause und wird leider oft zum Kannibalen anderer Eigenschaften, sodass dort, wo der Verstand am größten ist, das Herz die Gefühle, Großmut, Mitgefühl, Toleranz, Freundlichkeit und alle anderen Qualitäten kaum mehr Platz zum Atmen finden." (Seite 197)

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Wikipedia

Letztlich muss jede Leserin, jeder Leser selbst herausfinden, wie er "Dies wortgewaltige Märchen voll überschießender Phantasie" empfindet. Es gibt sich, so die Übersetzerin im Nachwort, "als wahrheitsgetreuer biografischer Bericht, während es tatsächlich die Grenzen der Realität überspringt... Eine gelehrte Erzählerin schreibt die bewegte Geschichte eines einmaligen Menschen in seiner Sehnsucht nach der Ewigkeit von Jugend und Schönheit." Dabei verhalte sich die Autorin "wie eine gewissenhaft forschende und analysierende altmodische Historikerin..." (Nachwort Seite 310)

Die überschäumenden Seiten und Zeilen, die das Bild von exzessiv schreibenden, bei Störungen verwirrt aufblickenden Autorin bei mir entstehen lassen, die ausufernden Beschreibungen von Menschen, Landschaften und Szenen sind große Literatur. Heute wird in der Regel "kürzer" geschrieben, mit Ausnahmen wie Tellkamp oder Süsskind (Es gibt bestimmt noch einige mehr). Virginia Woolf hatte ein bewegtes Leben, welches sie nach "eigenen literarischen Ausdrucksformen, die mit der herkömmlichen Schreibkultur brechen" suchen lies. Sie wählte am Ende (1941) den Freitod. 

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Die niedergeschriebenen Gedanken einer Autorin der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, zu Liebe, Geschlecht, Literatur und Zeit spiegeln wieder, was die blaue Reihe der "Perlenliteratur" für sich fordert: Texte zu veröffentlichen, die in dieser Zeit eine besondere Bedeutung erlangten. 

Wie bei jedem Buch der Reihe zeigt sich das auch in der Gestaltung der Seiten und der Vorsatzblätter durch die übereinander gelegten Zeichen für weiblich und männlich.  

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Ein Buch, für das es seine Lesezeit braucht. Man muss sich gemütlich in die Ecke setzten können und sollte keinerlei Termindruck wegen eventuell vorhandener "Versäumnisse" verspüren. Vielleicht hilft ein Glas Rotwein. Wenn das Buch gelesen ist, verspürt die Leserin oder der Leser vielleicht den Wunsch, mehr über Virginia Woolf zu wissen, als das, was man im Internet so findet. Hier habe ich mich, wie meist, auf die Links zu Wikipedia beschränkt. 

Vielen Dank an Ralf Plenz, Verleger des Input-Verlages, der das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte.

Perlen der Literatur:
Proserpina (Elisabeth Langgässer) / Seefahrt ist not! (Gorch Fock) / Einbahnstraße (Walter Benjamin) /
Die Schatzinsel (Robert Louis Stevenson) / 1984 (George Orwell) / Pallieter (Frans Timmermans) /
Kleine Stadt (Heinrich Mann) / Palmström... (Christian Morgenstern) / Die Weihnachtsuhr (Antje Thietz-Bartram) / Forschungen eines Hundes (Franz Kafka) / Das Fenster zum Sommer (Hannelore Valencak) / Bezaubernder April (Elisabeth von Arnim) / Eine blassblaue Frauenschrift (Franz Werfel) / Sterben (Arthur Schnitzler) / IDA und Im Rausch des Weines (Irène Némirovsky) Orlando (Virginia Woolf) Bambi (Felix Salten)


© Der Bücherjunge







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