Sonntag, 10. Oktober 2021

Kutscher, Volker: Mitte


Darauf habe ich mich gefreut. Auf das von Kat Menschik illustrierte Buch von Volker Kutscher, in dem er die Geschichte des Berliner Jungen Fritze Thormann nach dem letzten Gereon Rath Roman OLYMPIA erzählt.

Es stellt sich heraus, das ganze Buch besteht aus Briefen, die der Sechzehnjährige an seine ehemalige Pflegemutter Charlotte „Charly“ Rath und an seine Freundin Hannah schreibt. Doch im ersten Brief, den wir in diesem schmalen Büchlein lesen, teilt am 14. August 1936 das Geheime Staatspolizeiamt Berlin dem Jugendamt Mitte mit, dass nach dem minderjährigen Friedrich Thormann gefahndet wird, er habe sich nämlich einer Vernehmung „wegen mutmaßlicher Beleidigung des Führers und Verunglimpfung der nationalsozialistischen Bewegung“ entzogen. Den derzeitigen Pflegeeltern hat er sich entzogen, eine einwandfreie, nationalsozialistisch unbedenkliche Familie deren Oberhaupt, Herr Rademacher, ein hohes Tier in der Reichsjungendführung ist. Das wäre wohl zurückzuführen auf das Straßenleben, welches der Junge führte und auf die ehemaligen Pflegeeltern, die sich als unzuverlässige Volksgenossen herausgestellt haben.

Schauen wir kurz zurück: Den Fritze und die Hannah kennen wir aus dem Roman Märzgefallene, der endet mit der Rettung der Hannah Singer und der Pflegschaft für ihren kleinen Freund durch den Kriminaloberkommissar Gereon Rath. Dass Fritz untertaucht und einen deutsch-böhmischen Pass besitzt, haben wir in Olympia erfahren, dem bisher letzten und achten Roman der Gereon-Rath-Reihe.

Und nun schreibt sich der Junge, den die meisten Leserinnen und Leser oder Hörer und Hörerinnen vermutlich sehr mögen und dessen Schicksal wie die Schicksale von Gereon und Charly am Herzen liegen, um Kopf und Kragen....

Jedes weitere Wort ist bereits Spoilerei und daher sollten die geneigten Leserinnen und Leser hier nur weiter lesen, wenn sie damit kein Problem haben.

Eigentlich hatte das Ehepaar Rath ja vor, Deutschland zu verlassen, auch die Pässe dafür waren besorgt, Fritz allerdings ist dagegen und erscheint nicht am Bahnhof, wo Charly auf ihn wartet. Gereon Rath ist in den Landwehrkanal gesprungen, angeschossen von einem vorgesetzten Sturmbannführer und verschont vom ehemaligen Kripo-Kollegen Gräf. Was Fritz nicht weiß, Gereon lebt nun wieder im Rheinland, auch unter fremden Namen. Was beide, auch Charly, nicht wissen ist, dass Rath mit der Sorokina aus Der nasse Fisch in die Hindenburg gestiegen ist...

Fritze arbeitet nun bei einem Kohlehändler in Berlin. Er erzählt von seiner Arbeit und will Hannah die nun Schneider heißt und in Breslau wohnt, besuchen und dass sich Charly, die ebenfalls nach Gereons „Tod“ in Berlin geblieben ist, mit ihm trifft. Er denkt, dass der neue Name ihn schützt und das Briefgeheimnis seine Geschichten, die mit den beiden Frauen teilt.

Eines Tages steht der Typ vor ihm, welcher letztlich verantwortlich ist, dass Fritz den Jugendehrendienst noch während der Olympischen Spiele verlässt, Zeuge zweier Morde, bei denen Gereon Rath, Kriminaloberkommissar der Berliner Kripo und argwöhnisch überwacht von seinen SS-Vorgesetzten im SD, ermittelt. Wenn Fritz diesen Mann nicht zur Rede in Bezug auf den Tod des Dr. Schmidt im Olympischen Dorf gestellt hätte, dann wäre ja vielleicht noch alles gut... 

Doch Rössler, so heißt der ehemalige, unehrenhaft entlassene SS-Mann, fängt als Kohlefahrer in derselben Firma an, in der sich Fritz eine Zukunft erhofft.

Eines eines Tages wird der Mann verhaftet. Hat Charly dran gedreht? Wird er Fritz bei Vernehmungen verraten? Also doch nach Prag. Vorerst aber will er nach Breslau zu Hannah, die aber seit einigen Tagen nicht mehr geantwortet hat.  

Die eigentlich Gefahr lauert an ganz anderer Stelle und führt zurück zu den Märzgefallenen und einem ehemaligen Leutnant, der ein Testament verfasste und nun verstorben ist...

Der letzte Brief ist wieder von der Gestapo...

Als Leser hätte ich erwartet, dass Fritz hinsichtlich des nationalsozialistischen Systems nach Olympia etwas skeptischer und vorsichtiger handeln würde, doch die Indoktrination in der HJ, in welcher er sich auszeichnen konnte, lässt sich nicht so leicht abschütteln. Fritz schreibt Hannah, dass er versteht, wenn sie als jüdisches Mädchen, nicht für die Nazis übrig hat. Er selber meint aber, dass dieser Staat, sein Führer und die Organisationen SS und SA durchaus ehrenwert sein müssen, so einer wie Rössler ist sicher eine Ausnahme. Eine ziemliche Naivität zeigt sich, wenn er denkt, dass das Briefgeheimnis in diesem Staat noch etwas gilt. Dass er, wie er Hannah in einem Brief erzählt, die us-amerikanischen Olympiasportler Albright und Owens mag und stolz ist auf deren freundschaftliches Verhalten ihm gegenüber obwohl „Negersportler“ doch auch Untermenschen sein müssten, ist ein weiterer solcher Aspekt. Der Junge, der also immer noch glaubt, dieser Staat sei ein moderner, der ihm, dem ehemaligen Straßenjungen, selbst sogar in dieser Situation vorher unglaubliche Chancen einräumt, liebt die Kinderbücher von Erich Kästner und schenkt Charly Rath den „Schweijk“ zum Geburtstag, erstanden unter dem Ladentisch.

Werden ihm die Briefe zum Verhängnis?

Als am Ende des Romans "Olympia" irgendwie alles aussichtslos war, gab es zweimal ein Fünkchen Hoffnung. Gegenüber den Fünkchen für Hannah und Fritz, erscheinen diese aber als Flamme.

* * *

Volker Kutscher hat nach "Moabit" wieder eine besondere Form gewählt, eine Geschichte aus dem Gereon – Rath – Universum zu erzählen. In "Moabit" war es die Geschichte, die das enge Verhältnis von Charly und dem ehemaligen Oberkommissar Böhm beleuchtet und erklärt sowie Aufschluss über einige Aspekte des Ringsvereins Berolina gibt. Aus drei Blickwinkeln wird erzählt, wie Charlys Vater, ein Obergefängniswärter ums Leben kam.

Hier, im ähnlich schmalen Bändchen, sind es bis auf die beiden Gestapo-Schreiben ausschließlich die Briefe von Friedrich Thormann alias Friedrich Nepomuk Hutzke, die wir lesen. Gelegentlich Antworten der Briefpartnerinnen werden in den Folgebriefen erwähnt.

Das Buch lebt nicht nur von dem hervorragend getroffenen Stil in Sprache und Ausdruck der Briefe des Jungen, sondern auch von den passenden Illustrationen, die Personen, Gegebenheiten, Orte, ob stilisiertes Kinoplakat, Firmenschild des Kohlehändlers, Zeitungsausschnitte und Schriftstücke zeigen. Gelb und Orange herrschen vor, was auch der Gestaltung des Einbandes entspricht. Hatte allerdings Moabit auf jeder Seite irgend ein kleineres oder seitengroßes Bild. So haben wir ein Bild von Fritz, Hannah und Charly. Die Bilder passen auch zu den jeweiligen Briefen.

Kat Menschik und Volker Kutscher sind auf den ersten beiden Seiten abgebildet. "Mitte" ist bereits der elfte Band aus der Reihe Lieblingsbücher, die Menschik gestaltet. Wir finden dabei Kafka, E.T.A. Hoffmann, Edgar Allan Poe, Puschkin und andere. Dann gibt es noch ein ganz interessantes Lieblingsbuch. Kat Menschik hat eines mit dem Kriminalbiologen Marc Benecke gemacht. Diese Reihe „Lieblingsbücher“ gilt es, im Auge zu behalten. Menschiks Bilder schaffen ein sehr schönes Umfeld für die erzählten Geschichten. 



Der Galiani-Verlag, der zu Kiepenheuer & witsch gehört. Ist bekannt für Besonderheiten, diese Buchreihe gehört dazu und ist wirklich zu empfehlen zu empfehlen. Einerseits wegen dieser Aufmachung und andererseits wegen ihrer literarischen Vielfalt der klassischen und modernen Autoren.

Bevor man sich aber (Berlin-) MITTE liest, sollte man sich schon auskennen, mit der Geschichte des Gereon Rath und seinem Weg in der Berliner Kripo. Die Dinge, die der Junge Fritz erwähnt, erschließen sich sonst eher nicht, zumindest aber nur schwer.


  • DNB / Galiani / Berlin 17-2021 / ISBN: 978-3-86971-246-8 / 121 S.
© Bücherjunge

3 Kommentare:

  1. Wohl etwas für hartgesottene Fans... Aber solche Gimmicks rund um eine Romanreihe mag ich auch ganz gern...

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    1. Hart gesotten stimmt insofern, dass ich die Bücher alle hintereinander gehört habe. Und das erst nachdem ich Babylon Berlin in Gänze gesehen hatte.

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