Sonntag, 3. Mai 2026

Würger, Takis: Für Polina

 

Als er vierzehn ist, verliebt sich Hannes Prager in das Mädchen Polina. Um ihr seine Liebe zu zeigen, komponiert der wundersam begabte Junge eine Melodie, die Polinas ganzes Sehnen und Wünschen umfasst. Doch sein Leben nimmt eine unvorhergesehene Wendung, Hannes hört auf, Klavier zu spielen und seine und Polinas Wege trennen sich. Nach Jahren, in denen er nichts als Leere fühlt, erkennt Hannes: Er muss Polina wiederfinden. Und das Einzige, womit er sie erreichen kann, ist ihre Melodie. (Verlagsbeschreibung)

DNB / Diogenes / 2025 / ISBN 9783257073355 / 304 Seiten


Takis Würger bei Litterae Artesque: Noah I Stella



Kurzmeinung: Sehr schöner, klarer, schnörkelloser und doch geschliffener Schreibstil, spröde und eigentümliche Charaktere - keine gewöhnliche Liebesstory...









KEINE GEWÖHNLICHE LIEBESGESCHICHTE...


...an einem toskanischen Sommerabend, der so warm und satt war, als könnte man ihn in Scheiben schneiden... 


Der Roman beginnt schon vor Hannes Geburt, als seine Mutter Fritzi für einige Monate durch Italien reist, dort einen älteren Marmorhändler kennenlernt und eine Nacht mit ihm verbringt. Eine Nacht mit Folgen, und als Hannes zur Welt kommt, ist gleich klar, dass er anders ist. Er schreit nicht, entwickelt sich auch anders, doch seine Mutter findet einen Weg, wie er und ebenso sie selbst einfach sein können wie sie sind. Fritzi  mietet sich bei einem alten Kauz (Heinrich) in einer renovierbedürftigen Villa im Moor ein, bald schon kommt eine Freundin mit ihrer Tochter dazu. Und so wachsen Hannes und Polina gemeinsam auf, getragen von der Natur, der Liebe der Erwachsenen und der unverbrüchlichen Zuneigung zueinander.

Dabei sind die Kinder grundverschieden. Hannes ist sehr in sich gekehrt, spricht kaum, fühlt sich am wohlsten abseits von Menschen, wirkt nahezu autistisch. Polina dagegen sprüht vor Energie und Neugierde, wirkt unerschrocken und nimmt sich was sie braucht. Doch es steckt auch eine tiefe Traurigkeit in ihr, die sie manchmal niederdrückt, und eine Leerstelle, die sie umtreibt: nicht zu wissen, wer ihr Vater ist. 

Hannes entdeckt bald schon seine Liebe zur Musik, und als er zum ersten Mal auf dem alten und verstimmten Klavier der Villa spielt, erkennt auch der alte Heinrich sein Talent. Er erteilt dem Jungen Unterricht, und Hannes vermag nun über die Musik auszudrücken, wofür er niemals Worte finden könnte. Als er vierzehn Jahre alt ist begreift er, dass ihn mit Polina mehr verbindet als nur Freundschaft. Er komponiert eine Melodie für sie, die von ihr selber handelt, von ihrem Wesen, ihrem Innersten, ihrer Seele. Polina ist tief berührt, und doch entwickeln sich ihre Leben durch Schicksalsschläge und die Entscheidungen anderer auseinander. Doch Hannes hört niemals auf, sich nach Polina zu sehnen...

Takis Würger präsentiert hier keine gewöhnliche Liebesgeschichte. Er stellt spröde Charaktere in den Mittelpunkt seiner Erzählung, reiht weitere eigentümliche Personen ein, und schafft so gleichzeitig eine Distanz zu ihnen wie auch eine tiefe Zuneigung. Er wählt dafür einen sehr klaren, schnörkellosen und doch geschliffenen Schreibstil, der mich sehr angesprochen hat. 

Der Roman bleibt sehr bei Hannes, weshalb man Polinas Anteil nur bruchstückhaft mitbekommt - und zwischendurch auch ein wenig aus den Augen verliert. Und doch sind es die Sehnsüchte und heimlichen Wünsche, die hier die Antriebsfeder der Handelnden sind - und beim Lesen verfolgt man gebannt, ob dies ausreichen wird, um Hannes und Polina letztlich doch noch zusammenzubringen.

Ein sehr schöner, entschleunigender Roman, der mich berühren konnte und mir angenehme Lesestunden bescherte. Sehr gerne gebe ich hier eine klare Leseempfehlung!


© Parden





Takis Würger, geboren 1985, studierte Human, Social and Political Sciences in Cambridge. Für das Nachrichtenmagazin ›Der Spiegel‹ berichtete er aus Afghanistan, Libyen und dem Irak. Seit 2020 ist er freier Autor. Seine Romane ›Der Club‹ und ›Stella‹ waren Bestseller und sind in viele Sprachen übersetzt. Takis Würger lebt in Leipzig. (Quelle: Diogenes)




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