Samstag, 10. August 2019

McEwan, Ian: Maschinen wie ich

Künstliche Intelligenz - ein Thema, das die Menschen schon lange beschäftigt, das aber immer noch nach Zukunftsmusik klingt. Doch ist das wirklich so? Liest oder schaut man entsprechende wissenschaftliche Beiträge, kann einem schon ganz anders werden - so weit weg ist das alles nicht mehr...

Bei Wikipedia ist zu lesen, dass McEwan es mag, "gewöhnliche Menschen mit ungewöhnlichen Situationen zu konfrontieren, und (dabei) im Leser die Ahnung von unmittelbar bevorstehenden Katastrophen zu wecken". Dieser Roman bestätigt diese Behauptung und  verwebt dabei noch interessante Zeitfragen und philosophische Betrachtungen mit der Handlung. Eine anspruchsvolle Mischung also. Ob sie gelungen ist? Lest selbst:


Inhalt: (Quelle: Diogenes Verlag)

Charlie ist ein sympathischer Lebenskünstler Anfang 30. Miranda eine clevere Studentin, die mit einem dunklen Geheimnis leben muss. Sie verlieben sich, gerade als Charlie seinen ›Adam‹ geliefert bekommt, einen der ersten lebensechten Androiden. In ihrer Liebesgeschichte gibt es also von Anfang an einen Dritten: Adam. Kann eine Maschine denken, leiden, lieben? Adams Gefühle und seine moralischen Prinzipien bringen Charlie und Miranda in ungeahnte – und verhängnisvolle – Situationen.










KÜNSTLICHE INTELLIGENZ - BEDROHUNG ODER CHANCE?


Quelle: Pixabay
London, 1982: Großbritannien hat gerade den Falkland-Krieg verloren, und dank der Forschung von Alan Turing gibt es Anfang der achtziger Jahre schon Internet, Handys und selbstfahrende Autos - und die ersten täuschend echten künstlichen Menschen. Charlie, ein sympathischer Lebenskünstler Anfang dreißig, ist seit seiner Kindheit von künstlicher Intelligenz fasziniert, Turing ist sein Idol. Auch wenn es ihn ein kleines Vermögen kostet, kauft er sich sofort einen der ersten Androiden, die auf den Markt kommen. Charlie wünscht sich einen Freund, einen Helfer, einen interessanten Gesprächspartner. Er erhält viel mehr als das: einen Rivalen um die Liebe der schönen Miranda und eine moralische Herausforderung, die ihn bis zum Äußersten reizt.

Charlie hätte eigentlich lieber eine 'Eve' gehabt, aber die waren schon ausverkauft. Doch auch der 'Adam' verspricht eine gehörige Veränderung in seinem Leben, das bislang von wenig konstanten Berufs- und Liebeserfahrungen geprägt ist. Mit seinen gerade einmal dreißig Jahren hat Charlie seinen Weg noch nicht so recht gefunden, ist aber heimlich in seine Nachbarin Miranda verliebt. Charlie erhofft sich, dass sich die Beziehung zu Miranda positiv entwickelt, wenn er sie in das Abenteuer 'Adam' mit einbezieht. Gemeinsam programmieren sie daher die letzten gewünschten Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen des Androiden, bevor dieser tatsächlich an den Start geht.

Zu Beginn ahnt Charlie nur, welch ein Potential in Adam steckt, doch nach und nach zeigt sich das Spektrum, bei dem der Androide brilliert. Nachts wird er an das Stromnetz angeschlossen, das gleichzeitig den Zugang zum Internet ermöglicht - und in einem schlafähnlichen Zustand versorgt sich Adam so nicht nur mit der notwendigen Energie, sondern auch mit immer mehr Informationen. Sein neuronales Netz verzweigt und verknüpft sich zunehmend, und bald schon hat er auch sein Verhalten so angepasst, dass er von einem Menschen kaum noch zu unterscheiden ist. Als sich Adam dann auch noch in Miranda verliebt, sieht Charlie größere Probleme auf sich zukommen.

Natürlich beschränkt Ian McEwan das Geschehen nicht allein auf die Triangularität der Liebesbeziehungen. Dies ist nur ein kleiner Aspekt der Themen, die hier einfließen. Er präsentiert die Möglichkeiten, die eine gut entwickelte künstliche Intelligenz bietet - aber eben auch die damit verbundenen Schwierigkeiten, womöglich gar Gefahren. Denn deutlich wird rasch: Adam ist Charlie hinsichtlich Intelligenz und Kraft bald schon weit überlegen.

Ein besonderes Dilemma bietet bei der Erzählung die Emotionalität. Während Charlie und Miranda in ihrem Handeln und ihren Entscheidungen oftmals (menschlich eben) von ihren Emotionen und einer gewissen Moralvorstellung beeinflusst werden, orientiert sich Adam rein rational. Richtig ist richtig und falsch ist falsch, und dazwischen gibt es nichts. Mögliche Konsequenzen erkennt der Androide zwar, aber diese beeinflussen - wie auch immer sie ausfallen - seine Entscheidungen nicht. Das Zusammenleben der drei gerät durch diese Unterschiedlichkeit doch einige Male in gehörige Schieflage.

McEwan gelingt es, dass der Leser Charlie in seinen Empfindungen Adam gegenüber sehr empathisch folgt. Anfangs gleichermaßen fasziniert wie befremdet, schleicht sich allmählich das Gefühl einer möglichen Bedrohung ein. Wenn die künstliche Intelligenz wie bei Adam so rasant an Wissen und Können hinzugewinnt und bald schon alle menschlichen Möglichkeiten übersteigt - wird der Mensch dann nicht überflüssig? Und dann kommt ein Moment des Staunens und des Innehaltens - gefolgt von einem Gefühl von Wehmut und Nachdenklichkeit. Die Erzählung entwickelte sich jedenfalls eindeutig anders als ich es vorher erwartet hatte - grandios.

Der Autor hat hier eine dystopische Science Fiction in die Vergangenheit katapultiert, nämlich ins Jahr 1982. Dadurch kommt dem Leser vieles bekannt vor, durch die veränderte historische Entwicklung, die McEwan hier aber präsentiert, gleichzeitig auch wieder nicht. Alan Turing beispielsweise, der seinerzeit einen großen Teil der theoretischen Grundlagen für die moderne Informations- und Computertechnologie schuf, dann aber aufgrund einer chemischen Kastrierung wegen seiner Homosexualität in Depressionen verfiel und sich 1954 schließlich umbrachte, wird von McEwan als wichtigster Entwickler der künstlichen Intelligenz ins Jahr 1982 transportiert und gesteht ihm immer wieder einmal einen Auftritt zu.


"Von einem gewissen Standpunkt aus gesehen besteht die einzige Möglichkeit, dem Leiden ein Ende zu setzen, in der kompletten Auslöschung der Menschheit." (S. 95 f.)


Neben dem spannenden Experiment KI beschäftigt sich der Autor - zuweilen doch recht essayhaft - mit moralisch-philosophischen Fragestellungen, die sich bei der Beschäftigung mit dem Thema KI fast zwangsläufig aufdrängen. Was macht einen Menschen zum Menschen, wo ist die Grenze Mensch-Maschine anzusiedeln beim Thema KI, ist der Mensch irgendwann einmal überflüssig und wird durch seine eigene Erfindung abgeschafft, was ist richtig und was ist falsch, kann man Lügen lernen, kann ein künstlicher Mensch Emotionen empfinden u.v.m.? Spannende Fragen, mit denen der Autor auch für den Leser reichlich Denkanstöße bereithält.

Gleichzeitig lässt McEwan durch die Verlegung der Erzählung in die Vergangenheit auch viele gesellschaftskritische Elemente einfließen. Die Thatcher-Regierung, der Falkland-Krieg, die mögliche Abspaltung Großbritanniens von Europa - viele auch aktuell kritische Bezüge, die das ganze für mich zuweilen ein wenig überladen wirken ließen, McEwan aber offensichtlich ein großes Anliegen waren. Manche Passagen in dem Roman waren mir persönlich auch zu technik-/wissenschaftslastig, da ich mich mit der Materie KI ansonsten nicht beschäftige.

Alles in allem ein beeindruckender Roman mit viel Stoff zum Nachdenken. Hier schlägt man nicht das Buch zu und gut ist - hier hallt etwas nach. Viele Fragen werden aufgeworfen - moralisch, ethisch, gesellschaftlich -, auf die es keine wirklichen Antworten gibt. Und das macht unruhig...

McEwan hat mit diesem Roman einmal mehr sein großes Können gezeigt!


© Parden
















Produktinformation: (Quelle: Amazon.de)
  • Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
  • Verlag: Diogenes; Auflage: 1 (22. Mai 2019)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Bernhard Robben
  • ISBN-10: 3257070683
  • ISBN-13: 978-3257070682



Informationen zum Autor: (Quelle: Diogenes Verlag)

Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot (Hampshire), lebt bei London. 1998 erhielt er den Booker-Preis und 1999 den Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung. Seit seinem Welterfolg ›Abbitte‹ ist jeder seiner Romane ein Bestseller. Zuletzt kamen Verfilmungen von ›Am Strand‹ (mit Saoirse Ronan) und ›Kindeswohl‹ (mit Emma Thompson) in die Kinos. Ian McEwan ist Mitglied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts und der American Academy of Arts and Sciences.

Kommentare:

  1. Da kann ich demnächst mit HELIX von Marc Elsberg etwas beisteuern.

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  2. Das Thema ist natürlich aktuell und wird von verschiedenen Autoren ganz unterschiedlich angegangen...

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