Kurzmeinung: Interessantes literarisches Experiment, die Lust am Fabulieren gerät jedoch zum seitenfüllenden Geschwafel. Leider zäh...
WENN DIE LUST AM FABULIEREN ZUM GESCHWAFEL GERÄT...
Laurence Sterne - ich gebe zu, vor diesem Buch noch nie von ihm gehört zu haben - ist hier wohl inhaltlich wie formell ausschlaggebend für den Roman. Über Laurence Sterne weiß Wikipedia zu berichten, dass er ein englisch-irischer Schriftsteller zur Zeit der Aufklärung war und von 1713 bis 1768 lebte. Sein Grab (niemand weiß genau, ob es wirklich Sternes Knochen sind, die dort begraben liegen) findet sich in Coxwold, Großbritannien. "The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman" gilt als Sternes Hauptwerk, das aus neun Bänden besteht. Bekannte Größen wie Goethe oder Nietzsche waren große Bewunderer, und glaubt man Markus Orhts' Ausführungen in seinem Roman, hätte es Bücher wie beispielsweise Moby Dick von Herman Melville nicht gegeben.
Offenbar zählt auch Markus Orths zu den Fans des richtungsweisenden Schriftstellers aus dem 18. Jahrhundert. Jedenfalls dreht sich hier vieles um eben jenen Laurence Sterne, zu dessen Geburtstag sich wie jedes Jahr eine Handvoll Anhänger am Grab in Coxwold einfinden. Darunter befindet sich auch Vincent Bär, der ebenso wie zwei weitere Sterne-Experten seit langem die Auffassung hegt, dass es einen verschollenen zehnten Band von Tristram Shandy geben muss. Und ausgerechnet in Coxwold ereilt die drei die Nachricht, dass eben jener zehnte Band nun entdeckt worden sei - und sie als Experten sollten prüfen, ob der Text wirklich von Sterne ist. Die Aufregung ist groß - und im Folgenden entspannt sich eine ebenso abenteuerliche wie dilettantische Jagd nach dem so lange verschollenen Band.
Was eigentlich sehr unterhaltsam klingt, wird durch die Art des Erzählens jedoch zu einem zunehmend ausufernden Informations- und Gedankenbrei. Es gibt neben dem Handlungsstrang um den zehnten Band von Tristram Shandy nicht nur zahlreiche Rückblenden in Vincent Bärs Leben - und in das seiner Eltern und Geschwister - sondern auch viele Abschweifungen zu verschiedensten Themen, was das Lesen verwirrend und zunehmend zäh gestaltet. Ich musste mich oftmals vom Querlesen abhalten, empfand aber jedes "Dazu später mehr" mit zunehmendem Lesefortschritt immer mehr als Drohung. Oft reichten schon wenige Seiten, um mich das Buch wieder beiseite legen zu lassen und das Weiterlesen auf später zu verschieben.
Attestieren kann man Markus Orths ganz klar die Lust am Fabulieren, und auch hierbei folgt er eben jenem Laurence Sterne, dessen Tristram Shandy lt. Wikipedia mehr ein buntes Durcheinander denn ein planvolles Kunstwerk ist. Auch ist es sicher kein Zufall, dass "Die Enthusiasten" in Kapitel unterteilt ist, die mit "Das erste Buch", "Das zweite Buch" usw. überschrieben sind. Ohne diese ewigen Abschweifungen hätte ich den Roman sogar gern gelesen. Die Jagd nach Sternes zehntem Buch auf der einen Seite und die Familiengeschichte von Vincent Bär auf der anderen sind durchaus unterhaltsam, wenn auch zunehmend absurd. Doch wenn die Lust am Fabulieren immer mehr zum seitenfüllenden Geschwafel gerät - so leid es mir tut, dann verliere ich die Lust am Lesen.
Ein interessantes literarisches Experiment, durchaus - aber für mich einfach nur zäh. Schade!
© Parden


Eine der seltenen Buchbesprechungen mit negativem Fazit…
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