Freitag, 24. Juli 2026

Kowalczuk, Ilko-Sascha: Faschismus ist keine Meinung

„Stabil bleiben in autoritären Zeiten“ - oder kurz davor. Leben wir schon in autoritären Zeiten? Man soll sich nicht einreden lassen, „dass Menschenfeindlichkeit, Rassismus und Faschismus einfach nur andere Meinungen seien“. 

Nachdem der 1967 geborene Historiker mit Freiheitsschock und mit Bodo Ramelow gemeinsam Die neue Mauer bereits eindrücklich vor autoritären Entwicklungen warnte, geht er nun einen weiteren Schritt: Nun geht es um Faschismus.  Freiheitsschock / Die neue Mauer

DNB / C.H.Beck / München 2026 / ISBN: 978-3-406-84923-7 / 236 Seiten / 


Doch zuvor präsentiert er den Leserinnen und Lesern zehn Grundsätze und beginnt mit: „Wir leben in einem der zehn freiesten Ländern der Welt“ und „in einem der sozialsten Ländern der Welt“. „Demokratie ist keine Dienstleistung“ und „Freiheit bedeutet, sich in eigene Angelegenheiten einzumischen.“ Letzteres bedeutet, sich gesellschaftlich zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen.

Das ist alles nichts Neues für die, welche seine bisherigen Bücher gelesen haben. Wer dem öffentlich sehr präsenten Historiker folgt, bräuchte das Buch nicht zwingend zu lesen und doch: Auch dieses eröffnet Horizonte, wenn er „die Sehnsucht nach dem autoritären Staat“ beschreibt und dabei erklärt, was er unter „Ostdeutschtümeleien“ versteht und warum heute von „der harmlosesten DDR aller Zeiten“ geschwärmt wird.

Überhaupt das Thema DDR: Es treibt den Historiker um, der landauf landab bisher vergebens nach einem Lehrstuhl für Kommunismus-Forschung und DDR-Geschichte sucht, betont sei hier, nicht für sich. DDR-Geschichte beschreibt er als „Schlachtfeld“ wobei er zielsicher einen gewissen Karl Marx ins Feld führt, dessen geforderte „Freiheit des Individuums für die Freiheit aller“ notwendig ist, was vom Leninismus beiseite geschoben wurde für eine „Partei neuen Typus“, die im BSW (Bündnis Sahra Wagenknecht) anscheinend eine moderne Entsprechung gefunden hat.

Bücher wie „Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung“ von Dirk Oschmann und „Diesseits der Mauer“ von Katja Hoyer und ihre Wirkung führt er erneut an für eine besondere DDR-Rezeption, die immer mehr auf die Rolle der SED und die Durchsetzung ihrer Ziele nicht nur mit und durch das MfS verzichtet und den Diktaturcharakter dabei oft weitgehend negiert. 

Unsere Demokratie trägt eine Art Krebsschaden in sich, der nicht zwingend ausbrechen muss, sich aber auch gut bekämpfen lässt. Wenn Meinungsfreiheit bedeutet, dass man sich öffentlich hinstellen darf und behaupten, dass sie nicht mehr existiert ohne verhaftet zu werden und sich gegenteilige Meinung nicht einmal mehr anhört oder zulässt, kann daraus die „Diktatur der Mehrheit“ entstehen und die schreit dann im Fußballstadion: „Ost-,Ost-,Ostdeutschland“.

Es bleibt die Frage, was Faschismus nun eigentlich ist, für den es keine eindeutige Definition gäbe. „Faschisten machen Faschistendinge“ hat Kowalczuk ein Zwischenkapitel genannt.

„Faschismus ist keine Meinung! Aber was ist Faschismus?" Es gibt keine allgemein anerkannte Definition, weil Faschismus seit einhundert Jahren viele verschiedene Gesichter trägt. Der Nationalsozialismus war seine krasseste Ausformung. Faschismus strebt antidemokratische, extrem autoritäre, auf führerfigurenorientierte Staatsstrukturen an, will die Gesellschaft homogenisieren und zu einer Gemeinschaft, zu einer Volksgemeinschaft formen, will «Volksfeinde» ausmerzen, jedwede Opposition unterdrücken, Rechtsstaatsprinzipien außer Kraft setzen, sieht im Krieg eine legitime Form, um seine Macht zu behaupten und auszubauen, wütet mit extremer Gewalt, lehnt die allgemeinen Menschenrechte ebenso ab wie Meinungspluralismus, ist nationalistisch, rassistisch, antiliberal, suggeriert, die Mehrheit des Volkes zu repräsentieren, setzt auf Gefühle statt auf Fakten, mobilisiert Massen und steuert diese im Sinne einer Massenbewegung.“ (Seite 43)

All das tritt nicht zwingend gleichzeitig und unmittelbar auf, es reichen allerdings Teile davon, dies darzustellen ist der Zweck des Buches, in dem der Autor darstellt, was an NS-Denken erkennbar ist, zu den Anschlägem von Hoyerswerda (1991), Rostock (1992), Mölln (1992) und Solingen (1993) führt und in den NSU Morden (Nationalsozialistischer Untergrund) gipfelt.

„Aber anders als im Westen kamen die Täter im Osten aus der Mitte der Gesellschaft und wurden mit viel Beifall aus ebendieser Mitte bedacht. In Rostock wie Hoyerswerda standen viele Muttis und Vatis, Opis und Omis, Tanten und Onkel am Rande des mörderischen Geschehens, klatschten Beifall und feuerten die Täter an. Es gab keine Zivilgesellschaft, die sich gegen den Mob stellte, keine, die sich mit den Opfern solidarisierte. Das war in Solingen und Mölln anders.“ (Seite 44/45)

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Exkurs Faschismus: Das Thema wurde präsent nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine und die
Behauptung, diese hätte ein faschistische Regierung und müsse nach Putins Auffassung entnazifiziert werden. Im April 2022, zwei Monate nach dem Überfall, schaute ich mich bei Umberto Eco um, der über den Ur-Faschismus bzw. dessen Grundlagen schrieb:

Überlieferungskult, Traditionalismus, Irrationalismus, Kritikunfähigkeit, Ablehnung von Vielfalt, Angst vor dem Andersartigem, sind dessen Merkmale. Hinzu kommt auch der "Frust der gesellschaftlichen Mittelklasse" in ökonomischen Krisen. 

Wenn Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Ablehnung von Pazifismus (oder Pseudopazifismus - der Rezensent), Elitedenken und Verachtung der Schwachen, Erziehung zum Heldentum, Populismus und Newspeak (Orwell, sind ebenfalls Merkmale.

Nach Eco wird die UN-Charta durch diesen "ewigen Faschismus" ständig mit Füßen getreten. Das Faschismus demnach eher anfängt als oben von Kowalczuk dargestellt kann man in Ecos Essay "Der ewige Faschismus" nachlesen oder in dieser Rezension.

In diesem Zusammenhang sei noch erwähnt, dass Kowalczuk in seinem Buch der Ukraine ein eigenes Kapitel widmet, konsequent der Auffassung folgend, dass Freiheit nur mit Frieden einhergeht, ein echter Frieden nur in Freiheit möglich ist. In diesem Kapitel kann man sehen, dass Ecos Darstellungen des Ur-Faschismus in den russisch-putinschen Vorstellungen zu finden ist.

* * *

Zivilgesellschaft, das ist es, was sich den faschistischen Tendenzen entgegenstellen muss, dies ist die Forderung, die Kowalczuk in seinen Büchern und bei seinen Lesungen immer wieder erhebt.

Ein sehr persönliches Buch ist es geworden, denn der Autor zeigt nicht nur im Anhang seine Rolle, seinen Weg in der DDR, wie er zur Bürgerrechtsbewegung und endlich in den „Unabhängigen Historikerverband“ kam. Es ist es authentisches Buch, welches mit Blick auf „Fußball“, „Ostrock“ und seinem geliebten Jazz eine persönliche Note einmal mehr bekommt. Sein Blick auf die Kommunisten seit „Ulbricht“ (die zweibändige Biografie des Autors) ist weiterhin eindeutig und hart, jedoch kann er sich an einen Siegmund Jähn* und einen Gustav „Täve“ Schur als bescheidene und freundliche „ostdeutsche Helden“ erinnern; Ob er dies vor zwanzig Jahren auch so beschrieben hätte?

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Exkurs Jahrhundertschritt. Die Bronze-Plastik von Wolfgang Mattheuer sah ich auf der X. Kunstausstellung der DDR in Dresden. Die Plastik irritierte die Gruppe von Offiziersschülern, ich sah darin vor allem ein durch zwei Kriege und besonders den Nationalsozialismus zerrissenes 20. Jahrhundert, nicht aber eine kommunistische Diktatur durch die Rotfrontkämper-Faust als Gegenstück zum deutschen Gruß der kopflosen Gestalt. Den Krieg, symbolisiert durch das "Stiefelbein" mit roten Generalslampassen, sah ich ebenso wie Ilko-Sascha Kowalkczuk.


Daran erinnere ich mich, wenn der Autor "Statt eines Nachwortes" über den Jahrhundertschritt und seine Wirkungen schreibt, wenn er den Schritt über das Jahr 1989 hinaus verlängert.

Auch wenn wir ohne uns zu kennen im Jahr 1987 vor dieser Plastik erstaunt standen und sicher völlig unterschiedliche Gedanken dazu entwickelten, seine Worte sind für mich unbedingt nachvollziehbar:
"...hier aber stand ich inmitten einer brodelnden Menschenmenge, die offenbar genauso fassungslos staunte wie ich. Ich bin mir nicht sicher, ob alle aus den gleichen Gründen grübelten. Wahrscheinlich nicht, nicht wenige waren entgeistert, dass hier Kommunismus und Nationalsozialismus ein einem Abwasch verhandelt wurden, die Ablehnung war zu spüren; die entgeisterte Zustimmung nicht minder." (Seite 176)

Die Plastik hatte ich "vergessen" bis ich ihr vor zwei Jahren in Leipzig vor dem Zeitgeschichtlichen Forum gegenüberstand. Inzwischen verstand ich sie weit besser.

* * *

Zwei Jahre, drei Bücher, manche Themen ähnlich beschrieben, Episoden die sich wiederholen und doch steht jedes für sich, man könnte sagen, sie bilden eine Art Trilogie. Der Autor wird nicht müde, Demokratie und Freiheit zu verteidigen, er ist „Zivilgesellschaft“, die er fordert in der Beschreibung all der vielen, die faschistische Tendenzen in einer antidemokratischen, rechtsextremen Partei nicht zu erkennen vermögen, oder selbst für diese bereits stehen. 

Leider werden diese es wohl nicht lesen, daher möge es der Zivilgesellschaft dienen, ihre Meinung mit klaren Argumenten offen zum Ausdruck zu bringen.

* * *

* Ich kann mir nicht verkneifen, in Bezug auf Jähn darauf hinzuweisen, dass der deutsche Astronaut Ulf Mehrbold die Beratertätigkeit Jähns für die ESA (European Space Agency) im russischen Raumfahrtzentrum unterstützte und auch Astronaut Alexander Gerst ihn hohen Tönen von ihm sprach, Im Technik Museum Speyer wird er ausdrücklich gewürdigt, was das Bundeskanzleramt unter Angela Merkel nicht hinbekam.


© Bücherjunge



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