Kurzmeinung: Ein atmosphärisch dichtes Debüt, das in einem dystopischen Setting existentielle Fragen aufwirft, mit einem surreal-irritierenden Ende...
DYSTOPISCH UND ZUNEHMEND SURREAL...
"...denn eigentlich war es verboten, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Das gehörte zu den wenigen Regeln, die es in der Siedlung gab: kein Streben nach mehr, keine Akkumulation von Wissen um das Davor und Draußen. Verstöße gegen diese beiden Regeln wurden allerdings kaum geahndet, einzig die Ausübung von Gewalt wurde hart bestraft. Es war das älteste Verbot, angeblich so alt wie die Siedlung selbst."
Ein dystopisches Setting: eine Siedlung ohne Kontakt zu anderen Siedlungen, gegründet nach der großen Klimakatastrophe. Statt Globalisierung herrscht hier die totale Abschottung, das Übertreten der Grenzen bedeutet den sicheren Tod - und die Höchststrafe ist es, aus der Siedlung ausgestoßen zu werden. Einige unverrückbare Gesetze gibt es wie das Verbot von Fragen nach der Vergangenheit (wie war das Leben vor der Siedlung?) oder auch das strikte Verbot von Gewalt.
Und trotzdem gibt es sie - die Jugendlichen, die sich heimlich im Wald um die Siedlung herum verprügeln, diejenigen, die über die Grenze gehen und verschwinden. Und Menschen, die versuchen von außen in die Siedlung zu gelangen, werden kompromisslos liquidiert. Ein indirekter Kontakt zu anderen Siedlungen besteht lediglich darin, dass Waren getauscht werden. Die im Roman vorgestellte Siedlung tauscht Holz aus dem Wald gegen Lebensmittel, jedoch begegnen sich die Geschäftspartner dabei nie persönlich.
Man wird beim Lesen gleich mitten in diese Welt gestoßen, begleitet dabei die Protagonistin, die ein seltsames Geschäftsmodell ins Leben gerufen hat und damit ihren Lebensunterhalt verdient. "Begegnungen" heißt ihr kleines Unternehmen, und die Frau, die sich an ihren eigenen Namen nicht mehr erinnern kann, bietet darüber an, sich in eine andere Frau zu verwandeln, je nachdem was ihr jeweiliger Auftraggeber wünscht. So schlüpft sie in die Rolle einer verschollenen Tochter, einer ehemaligen Geliebten, einer verstorbenen Ehefrau und gibt sie denjenigen wieder, die sich mit dem Verlust schwertun. Für die jeweils neue Rolle muss sich die Frau äußerlich anpassen, was teilweise einen extremen Wandel darstellt, aber auch innerlich in die darzustellende Person finden, damit das Double glaubhaft wird.
"Unsicher war ich mir, ob Emma wirklich "wahnsinnig" gewesen war, oder ob Gil ihr das nur unterstellt hatte, wie viele Männer Frauen Irrationalität unterstellen, wenn sie sie nicht lenken können."
Amira Ben Saoud präsentiert ein atmosphärisch dichtes Debüt. Gekleidet in ein dystopisches Setting werden viele existentielle Fragen gestreift. Themen wie Identität, Isolation, toxische Beziehungen, Freiheit oder Fremdbestimmtheit im Treffen von Entscheidungen und die Konsequenzen daraus, Traumata und ihre Folgen, Verantwortung für sich und andere u.a.m. werden hier aufgeworfen. Ein unglaublich vielschichtiger und komplexer Roman also, der wie bei dem geringen Seitenumfang zu erwarten wenig auserzählt und viele Interpretationsebenen bietet. Sicherlich wird hier jede:r Lesende etwas anderes für sich herausziehen.
Das titelgebende Schweben spielt hier im konkreten wie im übertragenen Sinne eine Rolle und kann sicher indirekt auch auf unsere heutige Gesellschaft übertragen werden, in der die Menschen zunehmend den Halt zu verlieren drohen. Dinge, die man als sicher vorausgesetzt hat, fallen weg oder verändern sich, wodurch große Unsicherheiten entstehen - genauso, wie es der Protagonistin und anderen Charakteren in diesem Roman ergeht.
Dass das Buch mit einem surreal-irritierenden Ende aufwartet, erscheint irgendwie passend, wenn auch nicht ganz greifbar.
Alles in allem ein besonderes Debüt, das einen einerseits auf Distanz hält, andererseits aber viele Gedankengänge anstößt und einen auch über das Lesen hinaus beschäftigt. Mir hat es gefallen.
© Parden


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