Dienstag, 7. Juli 2026

Thürk, Harry: Die Stunde der toten Augen

Autobiografisches in einem zeitlosen Kriegsbuch


Dieses ist ein für die DDR äußerst ungewöhnliches Kriegsbuch, das Harry Thürk (1927 – 2005) in den fünfziger Jahren schrieb. Die ersten Exemplare zwischen 1958 und 1960 wurden eingestampft und aus den Bibliotheken entfernt. Es wurde trotzdem eines der meistgelesenen Bücher im Osten Deutschlands. 
„Sie beherrschten alles, was nötig war, um ein Unternehmen wie dieses auszuführen. Sie beherrschten nicht nur ihre eigenen Waffen, sondern auch die, mit denen der Gegner ausgerüstet war. Sie waren im Kraftfahren ausgebildet, in der Technik des Sprengens und im Minenlegen. Sie beherrschten ein halbes Dutzend verschiedener Methoden zu töten.“ (Klappentext)
Wer sind diese Soldaten? Deutsche Fallschirmjäger an der Ostfront. Hauptfigur ist der ehemalige Bibliothekar Thomas Bindig. Dazu kommt der Artist Werner Zadarowski. Der ist so was wie Bindigs Freund. Geführt und ausgebildet werden sie von Unteroffizier Timm, ein „Nur“ – Soldat aber auch Nationalsozialist. Befehlsausführer, Befehlsgeber, Schleifer, Sadist meinen manche Leser...

Das Buch erzählt verschiedene Kommandounternehmen bis zum bitteren Ende. Es ist beklemmend, spannend, grausam, deprimierend... Krieg... und keine Heimkehr...
"Das sind wir. Eine Generation, der sie das Rückgrat gebrochen haben. Wir haben es erst gemerkt, als wir uns aufrichten wollten. Wir können uns nicht allein aufrichten. Wir sind zerbrochen. Ich glaube, es ist nie zuvor eine Generation so zerbrochen gewesen wie wir." 
Die Kriegsszenen werde von den persönlichen Rückblenden der Soldaten auf ihr Leben vor dem Krieg unterbrochen. Dramatik und Dynamik der Kampfszenen, werden von ruhigen Szenen und abgelöst. Stress, Adrenalin von Depressionen und Verzweiflung, später Erkenntnis.

"In Komposition, Schreibweise und Figurenkonstellation erinnert Die Stunde der toten Augen erstaunlich stark an Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues - obwohl Harry Thürk dies nach eigener Aussage nie bestätigte" - Diese Einschätzung findet sich in Harry Thürk - Sein Leben, seine Bücher, seine Freunde (Hamann, MDV, 2007)

* * *

Thürks Buch erwähnt der Literaturprofessor Carsten Gansel seinem Buch Ausradiert? - Wie die Literatur der DDR verschwand. In diesem Buch stellt er dar, dass Thürk wie andere Autoren der DDR mit diesen Soldaten eine Art Opfernarrativ gestalten wollte, wie es in der westdeutschen Literatur etabliert wurde. Als Beispiele nennt er Heinrich Gerlach mit Die verratene Armee (Durchbruch bei Stalingrad) oder Texte von Ernst Hemingway.
"Das sind wir. Eine Generation, der sie das Rückgrat gebrochen haben. Wir haben es erst gemerkt, als wir uns aufrichten wollten. Wir können uns nicht allein aufrichten. Wir sind zerbrochen. Ich glaube, es ist nie zuvor eine Generation so zerbrochen gewesen wie wir." 

Dazu passt auch die Widmung, die Thürk dem Buch beigab.

„Im Andenken an meine ehemaligen Kameraden Willy Forster…, die gefallen sind, in dem Irrtum befangen, Helden zu sein, und deren Draufgängertum und Verwegenheit einer besseren Sache wert gewesen wären als der, für die sie kämpften.“ (Hamann, 2007)

 Nur war dieses nicht gewollt und der kommunistische Schriftsteller Ludwig Renn, der bereits 1928 einen Antikriegsroman (Krieg) herausgebracht hatte verlange zwar eine neue Kriegsliteratur, aber eine, die "zukunftsweisend" sollte. Gemeint war wohl, dass ehemalige Soldaten mit entsprechenden neuen Überzeugungen aus dem Krieg oder Kriegsgefangenschaft heimkehren sollten. "Das Wesen des Zweiten Weltkrieges ist mit (solchen) naturalistischen Darstellungen nicht zu erfassen." 

"Folgerichtig" wurden einige Auflagen zurückgezogen und eingestampft. Das Buch wurde viel gelesen, von jungen Männern, die vor dem Wehrdienst standen, Wehrdienstleistende, Soldaten und wohl von jedem Berufssoldaten der NVA. Es war so schonungslos und nirgends tauchte ein Agitator mit "zukunftsweisenden" Ansichten auf. Es war kein Wunder, kein Zufall, dass es trotz "fehlender" Auflagen immer irgendwo ein Exemplar gab. Neben Die Abenteuer des Werner Holt von Dieter Noll dürfte es das bekannteste Kriegsbuch der DDr-Literatur sein.



Das Buch ist der einzige Roman Thürks, der zu DDR-Zeiten in einem westdeutschen Verlag erschien. Insgesamt also etwas besonderes. Erst als die Tschechische Armee es gegen 1960 zur Pflichtlektüre ihrer Soldaten machte (!), wurde das Buch wieder zugelassen. Gegen Ende der DDR erfolgten mehrere Neuauflagen und die Auflage von 1994 stand mehrere Wochen in den TOP TEN der Bestseller – Liste des Spiegels.

Thürk schrieb in vierundfünfzig Jahren sechzig Bücher. Neun Millionen Exemplare in dreizehn Sprachen. Allein drei Millionen Exemplare in Deutschland.Reportagen, Sachbücher und Romane. Ein Schwerpunkt war Asien, China, Maleisia, Vietnam. Laos. Aber auch Dokumentationen über Iwo Jima und Pearl Habor. 

Er arbeitete als freier Journalist und Reporter im Koreakrieg und im ersten Vietnamkrieg sowie als Redakteur im Verlag für fremdsprachige Literatur in Peking.






© Bücherjunge 
  • buchgesichter.de vom 29.11.2011
  • Litterae-Artesque zuerst am 16.10.2013
  • aktualisiert: 07.06.2026


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