Freitag, 2. August 2013

MANN, Golo: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts

Eine Rezension von TinSoldier

Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts:

Meine persönliche Story mit diesem Buch ist lang - man könnte sagen: Es war nicht "Liebe auf den ersten Blick".
Aber wie im Leben so oft ist es ja am Ende nicht das "Strohfeuer", sondern die gemächliche Glut, die uns dauerhaft erwärmt!
So auch hier:
Die Geschichte begann 1976, als ich, 20-jährig, das Buch als "Anerkennung für gute Leistungen" im Rahmen meiner Ausbildung überreicht bekam.
Oh je!
Was macht ein 20-jähriger mit einem Geschichtsbuch, über 1000 Seiten dick und verfasst von einem Menschen mit dem seltsamen Vornamen "Golo"?
"Golo Mann", wer zum Teufel ist das denn??
Also, was macht ein durchschnittlicher 20-jähriger damit?
Richtig:
Wenn´s gut läuft, dann landet es im Regal bei den anderen Büchern, wenn´s schlecht läuft - beim Altpapier.
Nun ja, bei mir lief es gut -
und so stand das Buch für die nächsten 25 Jahre ungelesen im Bücherregal.
Soweit die Vorgeschichte.

"Viel hat der europäische Genius erfunden und der Welt gegeben; Böses und Gutes, solche Dinge zumeist, die zugleich gut und böse waren. Darunter den Staat; darunter die Nation."

Mit diesen beiden Sätzen beginnt das Buch - und es sind Sätze wie diese, einfach, schön und schnörkellos, dabei scharfsinnig und treffend, die das Buch zu etwas Besonderem machen und Golo Manns monumentales Geschichtswerk auch sprachlich zum Kunstwerk erheben.

Golo Mann versteht es wie kein Zweiter, die deutsche Geschichte mit großem Sachverstand, mit scharfem Urteilsvermögen und mit einem enormen Detailwissen zu erzählen. Dabei fesselt er den Leser mit seiner geradezu genialen, ungemein spannenden und lebendigen Erzählweise: Bereits nach wenigen Seiten liest man sich geradezu fest!
Dabei ist sein Urteil stets ausgewogen, seine Darstellung stets objektiv.
Die Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, beginnt bei der französischen Revolution und endet beim Wirtschaftswunder
Die Entwicklung Deutschlands ist eng verküpft mit den Entwicklungen im europäischen Umfeld. Und so stehen die vielfältigen Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen der deutschen und der europäischen Geschichte folgerichtig im Fokus dieses Werkes, das sich mittlerweile längst als ein Standardwerk in der Geschichtsliteratur etabliert hat. Gleich nach seinem Erscheinen wurde es zum Bestseller.
Deutschland mit seiner exponiert-zentralen Lage auf dem europäischen Kontinent, Spätzünder in seiner Entwicklung vom "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation", vom bloßen Staatenbund also, zum Nationalstaat,  mit seinen Höhen und Tiefen, mit all seinen Widersprüchen: 
Das Land der Dichter und Denker und gleichzeitig die Heimat des "Furor Teutonicus", ein Volk sowohl von furchterregender Effektivität als auch manchmal befallen von einer geradezu rätselhaft-typischen Melancholie, oft auch mit einer von den europäischen Nachbarn als Gefühlskälte empfundenen Pedanterie:
Auch die deutsche "Seele" wird hier einer genaueren Betrachtung unterworfen!
Denn anders als die Mehrheit seiner zeitgenössischen Historiker-Kollegen sieht Golo Mann Geschichte nicht durch die ideologisch gefärbte Brille, erklärt gesellschaftspolitische Entwicklungen nicht einseitig als Folge gesellschaftlicher und ökonomischer Systeme, sondern stellt den Menschen, das Individuum in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen.
Damit geriet er in Widerspruch zum intellektuellen "Mainstream" seiner Zeit. 
Wissenschaftler wie Horkheimer und Adorno, z.T. auch Habermas, allesamt prominente Vertreter der sog. neomarxistischen "Frankfurter Schule", die, auch wenn dies oft bestritten wurde, als "geistige Urheber" der Studentenrevolten von 1968 und der daraus entstehenden "Außerparlamentarischen Opposition" (APO) bis hin zum RAF-Terrorismus gelten können, bekämpften ihn buchstäblich mit allen Mitteln:
Horkheimer und Adorno verhinderten 1963, dass Golo Mann eine Professur an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt am Main verliehen wurde. Die Stelle erhielt stattdessen der Marxismus-Spezialist Iring FetscherEin Schelm, wer böses dabei denkt!
Horkheimer und Adorno, im Grunde genommen also nichts als kleinliche Spießer im Gewandt der fortschrittlichen Soziologen und Philosophen, war der Rufmord also probates Mittel, um sich als "Platzhirsche" zu behaupten! 
Das ist erbärmlich!
An "ihrer" Universität durfte es keine Professoren geben, die ihrem Gedankengut kritisch begegneten.
1989 bezeichnete Golo Mann Horkheimer und Adorno in einem Interview deshalb als "Lumpen". Zahlreiche deutschen Philosophen, Historiker und Soziologen protestierten dagegen, worauf Golo Mann Golo Mann seinen Angriff damit begründete, Horkheimer hätte ihn beim damaligen hessischen Kultusminister als "heimlichen Antisemiten"  denunziert. 
Der Historiker Joachim Fest ergänzte diese Vorgänge in seiner Schrift "Begegnungen" durch die Feststellung, über den bereits bekannten Antisemitismusvorwurf hinaus hätte Horkheimer in einem Brief auf Golo Manns Homosexualität und "die daraus resultierende Gefährdung der akademischen Jugend" hingewiesen.
Zwar existiert kein Beweis für die Existenz dieses Briefes, jedoch habe der Schriftsteller Herbert Heckmann es auf seinen Eid genommen, diesen Brief gesehen zu haben.
Der Vorwurf des heimlichen Antisemitismus gegen Golo Mann resultierte einer Untersuchung des deutschen Soziologen Clemens Albrecht zufolge letztlich  einzig aus Differenzen hinsichtlich der "Vergangenheitsbewältigung" (Albrecht) zwischen Mann und der "neomarxistischen Frankfurter Schule", vertreten durch Horkheimer und Adorno. Diese Gegensätze bezogen sich auf  Ansätze einer "pessimistischen Anthropologie" sowie einer "aufklärerischen Systemtheorie": Eine rein akademische Auseinandersetzung also. 
(Nachzulesen in:  Clemens Albrecht: Warum Horkheimer Golo Mann einen »heimlichen Antisemiten« nannte: Der Streit um die richtige Vergangenheitsbewältigung. In: Clemens Albrecht,Günter C. BehrmannMichael Bock, Harald Homann, Friedrich H. Tenbruck: Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Campus Verlag, 2000 (1999¹), ISBN 3-593-36638-X, Seite 189–202, 
oder einfach hier).
Wollte man daraus eine antisemitische Haltung ableiten, dann wäre es genauso berechtigt, Horkheimer und Adorno für den Terror der RAF mitverantwortlich zu machen, für den sie den geistig-theoretischen Unterbau geliefert hatten.
Fast kann man es schon tragisch nennen, dass in dieser Hinsicht zumindest Adorno die "Geister, die er rief", nicht mehr los wurde:

„Ich habe neulich in einem Fernsehinterview gesagt, ich hätte zwar ein theoretisches Modell aufgestellt, hätte aber nicht ahnen können, dass Leute es mit Molotow-Cocktails verwirklichen wollen. […] Seitdem es in Berlin 1967 zum erstenmal zu einem Zirkus gegen mich gekommen ist, haben bestimmte Gruppen von Studenten immer wieder versucht, mich zur Solidarität zu zwingen, und praktische Aktionen von mir verlangt. Das habe ich verweigert.“ (Spiegel-Interview mit Theodor W. Adorno, Spiegel Nr. 19, 5. Mai 1969).

Dieses Statemanet Adornos kann man nur mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen, wird hier doch eine erstaunliche Naivität offenkundig, die wir einem so hochintelligenten Menschen wie ihm doch eigentlich nicht zugetraut hätten:
Ist es nicht so, als würde der Erbauer einer Atombombe sagen: "Sorry, aber wie konnte ich denn ahnen, dass jemand sie benutzen würde!?".

Während die Studenten ihre einstigen Vorbilder wegen ihrer fehlenden Bereitschaft zur "Aktion" auf Flugblättern als 
„Büttel des autoritären Staates“ beschimpften, bezeichnete Habermas die Studentenrevolten nunmehr als "linksfaschistisch" (womit er wohl recht hatte, auch wenn er seine Wortwahl später öffentlich bedauerte).
Adorno hingegen geriet durch die mittlerweile offenen Anfeindungen aus der Studentenbewegung unter starken Druck, insbesondere auch durch die Tatsache, dass er 1969 in einem Gerichtsverfahren gegen seinen ehemaligen Musterschüler, den Aktivisten des "Sozialistischen Deutschen Studentenbundes" (SDS), Hans-Jürgen Krahl, als Zeuge auftreten musste.
Krahl wurde in diesem Verfahren u.a. wegen Landfriedensbruchs verurteilt.
Die Ereignisse hatten auch gesundheitliche Folgen für Adorno: 
Nur drei Wochen nach dem Gerichtstermin erlag er einem Herzinfarkt.
Eine weitere Radikalisierung der Studentenbewegung zog die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch den Polizeibeamten 
Karl-Heinz Kurras während des Schah-Besuches am 02.Juni 1967 in Berlin und das nachfolgende, offensichtliche Fehlurteil im Strafprozess gegen Kurras nach sich: 
Obwohl Ohnesorg in den Hinterkopf getroffen wurde und eine Notwehrsituation offenbar nicht vorlag, wurde Kurras freigesprochen!
Kurras aber wurde viele Jahre danach  als langjähriger (von 1955 bis mindestens 1967) ehemaliger "Inoffizieller Mitarbeiter" (IM) des Staatssicherheitsdientes (StaSi) der ehemaligen DDR enttarnt.
Eine Wiederaufnahme seines Prozesses 2011 scheiterte jedoch an der mangelhaften Beweislage. Das Motiv für seine Tat ist weiterhin unklar.
Auch hier: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!
Bewiesen ist hingegen, dass die späteren RAF-Terroristen finanziell und logistisch durch die StaSi unterstützt wurden und auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ihre "Rückzugsräume" hatten.
Zieht man dies alles in Betracht, so bleibt nur der (allerdings bisher juristisch nicht beweisbare) Schluß:
Zumindest die spätere Radikalisierung der Studentenbewegung wurde durch die StaSi gezielt und aktiv forciert, um die Bundesrepublik Deutschland zu destabilisieren. Es spricht somit eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass der Student Benno Ohnesorg im Auftrag der StaSi ermordet wurde.
Folgt man dieser Bewertung, so ergibt sich daraus für die Vertreter der "neomarxistsichen Frankfurter Schule" und ihre Anhänger eine wenig schmeichelhafte Beurteilung: 
Dann waren sie allesamt aus der Sicht der StaSi nichts weiter als "nützliche Idioten", die der StaSi in die Hände spielten!

Man verzeihe mir diesen Ausflug in die neuere deutsche Geschichte, die aber immerhin auch Bezüge zu Golo Mann aufweist! 
Und den (ehemaligen) Vertretern jener "Frankfurter Schule" und ihren Anhängern möchte man zurufen: Irren ist menschlich! 
Ja, so ist das: Manchmal wird man von der Geschichte schlichtweg überholt!

Wenn man Historie lediglich als Chronik, als Aufzählung von zurückliegenden Ereignissen also, als endlose, Aneinanderreihung von seelenlosen Fakten, Jahreszahlen und geografischen Daten betrachtet, dann wird man ihr nicht gerecht.
Denn Historie ist mehr als das: 
Sie ist untrennbar verbunden mit dem menschlichen Leben, denn sie erzählt uns die Geschichte unserer Vorfahren, sie zeigt uns aber nicht nur deren äußeren Lebensumstände, nein, mehr noch: 
Sie lässt uns teilhaben an ihrem Innersten, an ihren Wünschen, Gefühlen und Meinungen, an ihren Zielen und Wertvorstellungen, an ihren Vorlieben und Abneigungen, kurz: Sie gewährt uns im Idealfall einen Blick in die Herzen, ja in die Seelen derjenigen, die uns vorangingen.
Und Historie ist nichts Vergangenes oder Abgeschlossenes - nein, Historie ist allgegenwärtig, sie entsteht hier und jetzt, denn auch wir sind ein Bestandteil von ihr, und zwar vom Moment unserer Geburt an bis zu unserem Tode.
Und ja,  es kommt noch besser:
Historie wirkt in die Zukunft, denn die Gesetze der Kausalität bewirken es, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft untrennbar miteinander verknüpft sind. Wer einen Beweis dafür verlangt, dass die Taten eines Julius Cäsar, eines Bismarck oder eines Ferdinand Lassale bis heute wirken, der möge sich die Frage stellen: Was wäre die Welt heute ohne jenen Unbekannten, der das Rad erfand?
In der Historie ist mithin der Schlüssel zum Verständnis unserer Kultur und Gesellschaft zu finden. Wer also die Welt von heute verstehen will, der kommt nicht umhin, sich mit der Vergangenheit zu befassen, einzutauchen in die spannende Historie, um im Strom der Zeit die vielfältigen Beziehungen von Vergangenheit und Gegegenwart aufzuspüren:
Eine hervorragende und unterhaltsame Möglichkeit, dies zu tun, ist die Lektüre dieses Buches! 

"Wir hoffen, das, was die Nation von anderen Nationen immer unterschied und unterscheiden wird, auch wenn ephemere Gegensätze verschwunden sind, unsere schöne Sprache, werde nicht dürr und gemein werden, sondern ihren Adel erneuern; und mit ihr alles, was im Wort seinen Ausdruck findet. Geschähe es nicht, was würde alle wiedergewonnene Großmacht und Scheinmacht uns denn helfen?"

Mit diesen Sätzen beschließt Golo Mann sein Buch.

Könnte es ein besseres Schlußwort geben?


Deutsche Nationalbibliothek

Verlag S. Fischer, Frankfurt/Main

Fischer - Taschenbuch: 
Fischer Verlage - Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts

Autorenseite (noch im Aufbau)




© TinSoldier





Kommentare:

  1. Man merkt, dass Dir das Buch am Herzen liegt.

    Allerdings, wie schriebst Du eingangs so schön:
    "Wenn´s gut läuft, dann landet es im Regal bei den anderen Büchern, wenn´s schlecht läuft - beim Altpapier."

    Nun, ich bin mir nicht sicher, ob es bei mir gut laufen würde - solche Art Bücher reizen mich kein bisschen, auch wenn ich verstehe, wozu sie gut sein können...
    Der Spaß an "Geschichte" wurde mir in der Schule von "fähigen" Lehrern schnell ausgetrieben - selbst historische Romane bereiten mir auch heute noch häufig kein Vergnügen. Höchstens "wohldosiert". Eigentlich schade.

    AntwortenLöschen
  2. Im Jahr 1997 legte ich mir die Große Bertelsmann Lexikothek zu. Die beinhaltet in den dazugehörigen Geschichtsbänden eine Reihe von Beiträgen des Historikers G. Mann. Seit dem Pässe ich auf wenn der Name fällt. Dazu später vielleicht einmal mehr.

    AntwortenLöschen