Montag, 26. August 2013

Albrecht, Julia / Ponto, Corinna: Patentöchter


Oberursel im Taunus, Samstag, 
30. Juli 1977:
Gegen 17:05 Uhr, etwa eine halbe Stunde später als verabredet, betätigt die 26-jährige Susanne Albrecht mit einem leicht angewelkten Rosenstrauß in der Hand die Klingel am Hause der Familie Ponto. 
Jürgen Ponto, Vorstandssprecher der Dresdner Bank, ist der Jugendfreund ihres Vaters, eines bekannten Hamburger Anwalts für Seerecht. 
Und Jürgen Ponto ist außerdem der Patenonkel von Susanne Albrechts jüngerer Schwester Julia, so wie Susannes Albrechts Vater seinerseits der Patenonkel von Pontos Tochter Corinna ist.
Die Familien kennen sich also gut und pflegen eine langjährige Freundschaft. Auch Susanne Albrecht war mehrfach Gast bei den Pontos.
So ist es nicht ungewöhnlich, dass Susanne Albrecht, die ihren Besuch zudem am Vortag telefonisch angekündigt hat, Zutritt zum Hause Ponto erhält, obwohl der Zeitpunkt eigentlich unpassend ist, weil Pontos noch am gleichen Abend eine Südamerikareise antreten wollen.
Allerdings ist Susanne Albrecht dieses Mal nicht allein gekommen, sondern in Begleitung eines hageren, blassen Mannes und einer blonden Frau im Kostüm.
Vollbild anzeigen
Christian Klar
Als Pontos Fahrer den Türöffner drückt und die Besucher einlässt, nehmen Ereignisse ihren Lauf, die sowohl in ihrer moralischen Tragweite als auch in ihrer kriminellen Niedertracht ihresgleichen suchen!
Während Frau Ponto im abgedunkelten Wohnzimmer (die
30. Juli 1977: Mord an Jürgen Ponto
Jalousien waren aufgrund der sommerlichen Wärme heruntergelassen) hinter einem Kaminsims ein Telefongespräch 
führt, empfängt Jürgen Ponto die Gäste. 
Über das nun Folgende gibt es differierende Aussagen. Fest steht, dass der männliche Begleiter von Susanne Albrecht, es handelt sich um den RAF-Terroristen Christian Klar, eine mit Schalldämpfer versehene Waffe auf Jürgen Ponto richtet und ihm zu verstehen gibt, dass es sich um eine Entführung handele. Ponto entgegnet darauf: "Sie sind wohl verrückt geworden" und es kommt zu einem Gerangel, wobei sich ein Schuß löst. Das Projektil trifft aber vermutlich nicht Jürgen Ponto, sondern
Brigitte Mohnhaupt
RAF - Bekennerschreiben mit der Unterschrift
von Susanne Albrecht
 durchschlägt ein Fenster, woraufhin die weibliche Begleiterin der Albrecht, Brigitte Mohnhaupt, von der Terrasse hereinstürmt und mehrfach auf Ponto schiesst. Dieser sackt, von insgesamt fünf Schüssen in Kopf und Oberkörper tödlich getroffen, zusammen. 

Peter Jürgen Boock
Die Täter, allen voran Susanne Albrecht, stürzen Hals über Kopf aus dem Haus und flüchten mit einem wartenden Fluchtauto, gesteuert von dem Terroristen Peter Jürgen BoockDiese Tat war nur eine in jener beispiellosen Welle von Gewalt, welche West-Deutschland 1977 überrollte und die man später unter der Bezeichnung "Deutscher Herbst" zusammenfasste. Von der menschlichen Seite her aber war es diejenige, welche in erschreckender Weise vor Augen führte, dass die "Rote Armee Fraktion" (RAF), welche Motive sie auch leiten mochten, sich weit jenseits jeglicher Vorstellungen von Moral und Anstand, kurz: sich jenseits jeglicher Menschlichkeit bewegte.


*

Die oder wir!

Jürgen Ponto
Es war Mitternacht vorbei und die großstädtische Ausfallstraße, zweispurig und durch einen mit Leitplanken bewehrten Mittelstreifen geteilt, lag unter spärlichem, fahl-gelbem Licht der Straßenbeleuchtung. Seit den RAF-Morden an Buback und Ponto waren Kontrollen im Rahmen der Terroristenfahndung bei Tag und Nacht die Regel. Eine Regel, die aber immer mit einem gewissen Unbehagen verbunden war, wusste doch jeder von uns, dass daraus sehr schnell blutiger Ernst werden konnte. Unsere Dienstwaffen saßen locker damals!
Heckler&Koch: MP 5
Mit einer entsicherten Maschinenpistole stand ich in jener Nacht etwas abseits und sicherte die kontrollierenden Kollegen. In einer solchen Situation bist du hochkonzentriert, weil du in Sekundenbruchteilen Situationen erkennen und bewerten musst. Du denkst daran, dass du vielleicht schießen musst und fürchtest dich zugleich davor! Ein Zeigefinger ist schnell gekrümmt, und ein Projektil, das den Lauf verlassen hat, kannst du nicht mehr zurückholen - wer aber im Ernstfall zu lange zögert, ist vielleicht tot!
 So ähnlich dachten wir, dachte ich damals. Also hatten wir bei Kontrollen eine Hand immer an der Waffe!
Viel Verantwortung für einen Zweiundzwanzigjährigen. 

07.April 1977:
Ermordung des Generalbundesanwalts
Siegfried Buback in Karlsruhe.
Mit ihm starben Wolfgang Göbel (sein Fahrer)
und Georg Wurster (Leiter der Fahrbereit-
schaft der Bundesanwaltschaft)
Die Stimmung war aufgeheizt: Jeder kannte die Zeitungbilder der von Kugeln durchsiebten, nur notdürftig mit Planen oder Decken zugedeckten Opfer, hatte die Fotos von getöteten Kollegen im Kopf.

Dazu die Bekennerschreiben, in denen sich die RAF in kaltem, zynischem und hasserfülltem Duktus zu den Taten bekannte.



Und jeder von uns erinnerte sich an die  eiskalten Worte Ulrike Meinhofs:




Ulrike Meinhof
„Wir sagen natürlich, die Bullen sind Schweine. Wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, kein Mensch. Und so haben wir uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, überhaupt mit diesen Leuten zu reden. Und natürlich kann 
geschossen werden. Denn wir haben nicht das Problem, daß das Menschen sind, insofern es ihre Funktion ist beziehungsweise ihre Arbeit ist, die Verbrechen des Systems zu schützen, die Kriminalität des Systems zu verteidigen und zu repräsentieren.“


Das alles machte Angst. Angst,  die aber bald in eine große, ohnmächtige Wut um schlug. Niemals zuvor und nur selten danach war mir so sehr bewusst, dass ich einen Beruf ergriffen hatte, in dem man Gefahr lief, entweder getötet zu werden oder selbst töten zu müssen.
Dies alles führte bei fast jedem von "uns" zu der Einstellung: 
Die oder wir!

In jener Nacht kam es übrigens zu einem Zwischenfall: 
Als ein weißer Porsche nur scheinbar anhielt und plötzlich auf den Beamten in seiner Leuchtweste mit der Aufschrift "Polizei" und der beleuchteten "Polizeianhaltekelle" zufuhr, konnte sich dieser nur durch einen Hechtsprung über die Mittelleitplanke vor dem Überfahrenwerden retten. Ich riß die MP hoch und hatte für einen Moment den Fahrer im fahlen Licht der Straßenlaternen als Schatten hinter dem Steuer gut im Visier. Zeit genug für 2 oder drei Feuerstöße. Den Finger schon am Abzug, schoß ich aber nicht und der Flüchtende entkam. Ob er weiß, wie dicht wir  b e i d e  in diesem Moment an der persönlichen Katastrophe vorbeigeschlittert sind?


*

Originales "Personenfahndungsraster" von
Susanne Albrecht aus dem Jahr 1980

"Patentöchter" ist die bewegende Geschichte des Versuches der Bewältigung einer Tat, welche die langjährige Freundschaft zweier Familien zerstörte.
30 Jahre nach dem Verrat der Susanne Albrecht, einem ungeheuerlichen Tabubruch ohne Beispiel, beschließt Julia Albrecht, jüngere Schwester von Susanne Albrecht und Patentochter des damals ermordeten Jürgen Ponto, etwas zu tun, was ihr Vater über Jahre hinweg versucht, aber niemals gewagt hatte: Sie schrieb einen Brief an Corinna Ponto, die Tochter des Mordopfers und Patentochter ihres Vaters. Aus dieser ersten Kontaktaufnahme entwickelte sich ein ergreifender Briefwechsel, dem wir in diesem Buch folgen dürfen. Schließlich finden beide Frauen den Mut, sich auch persönlich zu treffen. In vielen Gesprächen und zahlreichen Briefen erzählen sie sich gegenseitig, jede aus ihrer ganz persönlichen Perspektive, von ihrem Umgang mit dem Ungeheuerlichen, von den Qualen, die sie durchlitten, von der Trauer und der Verzweiflung, welche beide Familien durchlebt haben. Dabei wird schnell deutlich, dass Hass in den Köpfen beider Frauen keine Rolle spielt. Es ist vielmehr, auch nach 30 Jahren noch, eine unglaubliche Fassungslosigkeit, die aus ihrer beider Worten spricht und ein starkes Verlangen nach einer Erklärung für das Geschehene, ein Verstehenwollen, um das Furchtbare endlich verarbeiten zu können.
Susanne Albrecht, die diesen furchtbaren Verrat beging,  bleibt in dem Buch seltsam schemenhaft und nicht-präsent. So wird sie grundsätzlich nur als "S." bezeichnet, so als würde das Ausschreiben, das Aussprechen ihres vollen Namens einem Tabubruch gleich kommen. Von ihrer jüngeren Schwester Julia wurde sie über 13 Jahre hinweg trotz ihrer schlimmen Tat sehr vermisst. Um so größer war der Paukenschlag, als Susanne Albrecht nach dem Zusammenbruch der DDR in Berlin verhaftet wurde. Sie war 1980 aus der RAF ausgestiegen und hatte sich in die DDR abgesetzt. Susanne Albrecht hatte in der DDR geheiratet und einen Sohn bekommen. Vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart Stammheim legte sie ein umfassendes Geständnis ab und kam in den Genuss der sog. "Kronzeugenregelung". Von ihrer zwölfjährigen Freiheitsstrafe musste sie nur einen geringen Teil absitzen. Wie es heißt, arbeitet sie heute unter einem neuen Namen in Norddeutschland als Lehrerin für eine freien Träger. Zu einer Entschuldigung bei ihren Opfern bzw. deren Familien hat sie sich bis heute nicht bereit gefunden. Ihrer Schwester Julia gegenüber, die 13 Jahre lang um sie getrauert hatte, äußerte sie in einem Gespräch, sie habe "völlig vergessen, dass sie eine jüngere Schwester habe".
Am Ende dieses zutiefst menschlichen und ergreifenden Buches, welches uns viele Informationen über die Tat und die Zusammenhänge liefert, müssen wir erkennen, dass die wichtigste Frage unbeantwortet bleiben muss, so lange die Täter schweigen: Die Frage nach dem Warum.


*



Susanne Albrecht heute
"Ich möchte die Struktur und die Politik der RAF mit dem Stalinismus gleichsetzen. Ausdruck davon ist die Arroganz, zu meinen, stets das Richtige zu wollen und zu tun und sich damit selbstherrlich über Realität, Anstand, menschliche Gefühle und Bedürfnisse hinwegzusetzen. Diese Selbstherrlichkeit führt dazu, dass unliebsame Institutionen und Personen angegriffen bzw. ermordet werden."
(Zitat Susanne Albrecht nach ihrem Ausstieg aus der RAF).


"RAF-Sympathisanten im Zuhörerraum schmähen die Angeklagte während des Prozesses als "Drecksau", als "Schwein". Weil sie im Gegensatz zu anderen ehemaligen RAF-Kadern ausgesagt hat, gilt sie jetzt auch in der linksradikalen Szene als gemeine Verräterin".
(Auszug aus einem Spiegel-Artikel aus dem Jahr 2007)


Brigitte Mohnhaupt
2011
RAF - Terroristin im Ruhestand: 
Brigitte Mohnhaupt möchte unerkannt 
bleiben!

Sie empfindet keine Reue und
lebt heute irgendwo unter geändertem 
Namen von Hartz IV.









*

Das Jahr 1977 liegt zwischenzeitlich 36 Jahre zurück. Zwischen ihrer Gründung durch Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst Mahler und Ulrike Meinhof 1970 und ihrer Auflösung in den 1990´iger Jahren beging "die RAF" 34 Morde.
Das Jahr 1977, in dem der sog. "Deutsche Herbst" stattfand, war ein Höhepunkt und gleichzeitig Wendepunkt für die RAF, der den Beginn ihrer Niederlage markierte. 
Die Lektüre des Buches war ein intensives Erlebnis für mich und wird vermutlich bei jedem Zeitzeugen Erinnerungen an jenes atemlose, grauenvolle Jahr wachrufen, in dem so viele Menschen durch sinnlose Terrorakte sterben und leiden mussten. Das Buch führte mich zurück in jene Zeit, in der wir täglich atemlos die Zeitungen aufschlugen und die Radios einschalteten, stets in der Erwartung, dass sich neue Terrorakte ereignet hatten. Plötzlich war die dichte Atmosphäre jenes verhängnisvollen Jahres wieder da, ja, war die Trauer um die Opfer und das bedrückende Mitgefühl für die Angehörigen wieder spürbar und schnürte mir erneut die Kehle zu. Schauerlich war es damals, im Fernsehen die Bilder von Toten und Zerstörung zu sehen und von dem entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, der vor Schildern mir RAF-Symbolen sitzen und Erklärungen verlesen musste, während seine Entführer ihn filmten. Der Spuk endete erst mit der glücklichen Erstürmung der entführten Lufthansa-Maschine "Landshut" in Mogadischu durch die GSG 9 und der geglückten Befreiung der Geiseln, nach der sich Baader, Ensslin und Raspe, die ja durch diese Aktion freigepresst werden sollten, in der sog. Stammheimer Todesnacht in ihren Zellen das Leben nahmen. Grausamer Schlusspunkt war die Erschiessung Schleyers durch seine Entführer; seine Leiche wurde am 19. Oktober 1977 in einem Waldstück im französischen Mülhausen gefunden.

Ein in doppelter Hinsicht lesenswertes Buch, das sowohl sehr imteressante Einblicke in die Geschehnisse aus der Sicht der Familien Ponto und Albrecht liefert, als auch ein ergreifendes Zeugnis des jahrzentelangen Ringens beider Frauen um das Verstehen und ihren Drang nach Bewältigung der Ereignisse darstellt.
Ich kann dieses Buch jedem, also sowohl dem Zeitzeugen als auch den später Geborenen, empfehlen.  


Julia Albrecht,
Corinna Pont (v.l.)

"Aus Terroristen werden Ex-Terroristen", sagt Jürgen Pontos Tochter Corinna. "Opfer bleiben immer Opfer."









Albrecht, Julia
Ponto, Corinna:

Patentöchter
Im Schatten der RAF -
ein Dialog

Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2011

Deutsche Nationalbibliothek




© TinSoldier





Kommentare:

  1. Ein sehr umfassendes Bild, das Du da lieferst. Man merkt, wie sehr das Thema Dir am Herzen liegt.
    Besonders beeindruckt hat mich Deine persönliche Geschichte als 22Jähriger, mit dem Finger am Abzug. Das ist nachvollziehbar, dass die Stimmung da sehr angespannt war... Sicher bist Du sehr froh, den Finger damals nicht weiter bewegt zu haben.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja Anne, da kannst du sicher sein. Darüber bin ich bis heute froh! Nur ein Fingerzucken hätte gereicht...

      Löschen
  2. In diesen Jahren war ich noch kein Waffenträger und die RAF drang auch nicht in die Wohnzimmer des Dresdner Elbtales vor. Im Fernsehen für das sogenannte Tal der Ahnungslosen, wegen fehlenden Westfernsehens so genannt, wurden zwar bestimmt die Anschläge auf Ponto, Schleyer und so weiter genannt, das wohl weniger kommentiert. Glaube ich. Muss ich mal nachfragen.
    Die Albrechtgeschichte kannte ich auch nicht. Dieses buch würde ich wirklich gern mal lesen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ist schon komisch, man lebte praktisch im gleichen Land, wenn auch in unterschiedlichen Teilen desselben, und wußte fast nichts oder nur sehr wenig voneinander. Und von dem, was man wusste, war noch ein großer Teil durch die Propaganda verzerrt.

      Löschen