Donnerstag, 2. Juli 2020

Witzke, Christiane: Domjüch

eine Landes-, Heil- und Pflegeanstalt in Mecklenburg

In alten Plattenbauten übten wir vor 17 Jahren noch das Absperren und Durchsuchen von Gebäuden. Es war eine alte Kaserne der Sowjetarmee. Doch wurde das Gelände am idyllischen Domjüchsee nicht immer als Militärgelände genutzt. Was ich damals nicht wusste, hier befand sich eine Landesirren-, Heil- und Pflegeanstalt bei Strelitz-Alt. Die alten Gebäude dieser Anstalt waren mir aus dieser Zeit nicht mehr erinnerlich. Vielleicht hätten sie vor fast zwanzig Jahren noch etwas besser ausgesehen, denn sie wurden von den russischen Militärs besenrein und sauber übergeben. Dies berichtet der Verein zur Erhaltung der „Domjüch“. Die Plattenbauten stehen nicht mehr. An ihrer Stelle befindet sich ein Solarplattenfeld. Hier wurde vor Jahrzehnten Landwirtschaft betrieben. 

So betrat ich vor einigen Tagen an einem Sonntag das Gelände, nachdem ich in einem Fotobuch über verlorene Plätze, lost places, wieder einmal darauf aufmerksam wurde. Sonntags öffnet der Verein das Gelände.
In einer interessanten Führung hörte ich, wie der Gebäudekomplex entstand, wie sich dieses, damals moderne Krankenhaus entwickelte, bis es zum Lazarett und nach dem 2. Weltkrieg zur Kaserne wurde. Der Verein hatte Kaffee und Kuchen Angebot und, unter anderen,  dieses Buch.



Der Domjüchsee

Im Steffen-Verlag brachte im Jahr 2012 Christiane Witzke diese 183seitige Broschüre zur Geschichte der „Domjüch“ heraus. In diesem berichtet die ehemalige Leiterin des Neustrelitzer Stadtarchivs von den Anfängen der Irrenpflege im Herzogtum Mecklenburg-Strelitze und wie die neue Landesirrenanstalt entsteht. Ärzte, Schwestern und Pfleger wohnen mit auf dem Gelände. Überhaupt baute man Ende des neunzehnten, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, modernen Krankenhäuser. (Über die Heilstätten Beelitz berichtete ich schon.) Auch lernte die Psychiatrie, dass Geisteskrankheiten heilbar sein können. Die Therapien muten seltsam an, mehrtägige Wasserbäder zum Beispiel, angewendet zum Beispiel in der Dömjüch. Der See, an dem das idyllische Grundstück liegt, lädt tragischer Weise allerdings in einigen Fällen zum Freitod ein.

Verwaltungsgebäude


Verbunden mit der Klinik sind auf besondere Art und Weise zwei Mediziner. Sanitätsrat Dr. med. Carl Serger war der erste Direktor der Anstalt, der Bau und Entwicklung von Beginn an voran trieb. Bis zum Bau der „Domjüch“ wurden die Kranken in der Alt-Strelitzer Strafanstalt untergebracht. Die Zustände unter Verbrechern waren katastrophal. Am 1. März 1899 erfolgte der erste Spatenstich. Im Jahr 1902 ist der erste Neubau fertig. Für 180 Kranke, je 90 Frauen und Männer, ist die Anlage konzipiert, die sich durch eigene Landwirtschaft selbst versorgen soll.


idyllisch  (oben Hecker, unten Serger)


Der zweite Arzt, den nach 1945 ein tragisches Schicksal ereilen soll, ist Dr. Johannes Hecker. Er arbeitet, unter dem überzeugten Nationalsozialisten Direktor Schmidt während der nationalsozialistischen Zeit in der Anstalt. Durch die Nationalsozialisten wird ein bis dahin allgemein anerkannter und viel diskutierter, aber ebenso umstrittener medizinischer Wissenschaftszweig, die Eugenik (Erbgesundheitslehre), pervertiert, durch das, was man nun in Deutschland Erbpflege und Rassenhygiene nennt und daraus Euthanasie betreibt. Auf diesem Blog erzählten wir an anderer Stelle die Geschichte des Ernst Lossa in Nebel im August

Witzke schreibt, das Schmidt und Hecker darin nicht direkt verwickelt waren, gleichwohl aber ahnten, dass geisteskranke Menschen systematisch getötet wurden. T4 wurde diese Aktion genannt, das zuständige Amt befand sich in der Tiergartenstraße 4 in Berlin. 


Wirtschaftgebäude mit Wasserturm


Die Nationalsozialisten wussten ganz genau, was sie da taten. Deswegen installierten Sie ein Bewertungs- und Entscheidungssystem mit Ärzten, die einander nicht kannten und auf Formularbasis über Tod oder Leben entschieden.Der oben genannte Verein hat bisher ca. 100 Menschen namhaft gemacht, die in Bernburg vergast wurden, kommend aus der „Domjüch“.

Dr. Hecker betreut noch die Strafgefangenen in Strelitze-Alt, so entsteht das Gerücht, dass der dort zeitweise einsitzende Hans Fallada in der Domjüch gewesen wäre. Die Heckerschen Gutachten bewahren den alkohol - und drogensüchtigen Schriststeller mit dem bürgerlichen Namen  Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen vermutlich vor der Einweisung in ein Konzentrationslager.


Ansichten


Ab 1943 wird die Anstalt als Tuberkuloseanstalt geführt, Dr. Hecker nach Schwerin Sachsenberg versetzt. Dort behandelt er auch sowjetische Kriegsgefangene. Der Tod von zwei Schwerkranken bringt den engagierten Arzt vor ein sowjetisches Militärtribunal, welches ihn zum Tod verurteilt, weil er angab, dass das starke Schmerzmittel, welches er nach den Regeln ärztlicher Kunst verabreichte, zum Tode führte. Seine Familie erfährt erst viele Jahre später von der Hinrichtung.

Heckers Sohn schilderte gegenüber den Mitgliedern des Domjüch-Vereins eine schöne Kindheit auf dem Gelände der Anstalt. Geht man heute durch die Domjüch, ahnt man, kann man sich das  gut vorstellen. Ein riesiges Areal mit Feldern, Beeten Ställen, dem See...

Doch nicht nur ehemalige Mitarbeiter und Bewohner erinnern sich an das Gelände. Bisweilen kommen russische Familien, die die Domjüch als Garnison bewohnten. Vielleicht eine der schönsten Kasernen, in der Angehörige der Westgruppe wohnten und dienten.


artbase und anderes


Ein Ingenieurbüro erwarb das Gelände und gründete den Verein zum Erhalt der Domjüch. Die Mitglieder holten die Landesirrenanstalt förmlich aus der Versenkung, befreiten das Gelände von Unrat, sicherten teilweise Gebäude und sorgten für die Instandsetzung der Anstaltskapelle. Die überall aufgestellten kleinen Metallfiguren stammen aus einer Förderwerkstatt. Im vorigen Jahr fand das „artbase“ – Festival mit 140 Künstlern statt. Seitdem sehen viele Räume und Gebäude etwas bunter aus. Die Veranstaltungen des Vereins sollte man im Blick behalten.

  • DNB / Steffen - Verlag / Berlin 2012 - 2018 / ISBN: 978-3-941683-16-7 / 183 Seiten


© Bücherjunge


Kommentare:

  1. Ein interessantes Stück 'Heimatkunde'. Die Geschichten mancher Gebäude sind sehr vielseitig und weisen durchaus dunkle Seiten auf... Schöner Beitrag, Uwe!

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    1. Danke, Anne. Das wird nicht der letzte Beitrag dazu sein. Die Schatten lassen Grauen erahnen, welches sich aber ganz wo anders erfüllte. Es war, wie gesagt, eine moderne Anstalt und eine schwierige Arbeit.

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