Sonntag, 12. Juli 2026

Reva, Maria: Ein Königreich für eine Schnecke

 

Ukraine, 2022. Jewa ist eine Schneckenforscherin, die aussterbende Arten – sogenannte Endlinge – in einem mobilen Labor retten will. Die immer erfolglosere Arbeit finanziert sie mit ihrer Schönheit. Als „Braut“ einer Heiratsagentur unterhält sie westliche Männer auf der Suche nach einer fügsamen Frau fürs Leben. So lernt sie die Schwestern Nastia und Sol kennen, die das aktivistische Werk ihrer vermissten Mutter fortsetzen wollen. Ihr Plan: Heiratstouristen in Jewas Transporter kidnappen und aufmerksamkeitsträchtig im Wald aussetzen. Bald geht's los: drei wütende Frauen, dreizehn ahnungslose Junggesellen und Lefty, eine linksgewundene Schnecke, das letzte Exemplar ihrer Art – doch dann überfallen die Russen das Land... Und der Roman nimmt eine ungeahnte Wendung. Oder zwei. Denn wenn die Wirklichkeit in die Fiktion einfällt, wird es wild und schwarzhumorig. (Verlagsbeschreibung)

DNB / dtv / 2026 / ISBN 978-3-423-28548-3 / 480 Seiten

Kurzmeinung: Ein eigenwilliger, intelligenter Roman, der Humor und Verzweiflung, Naturbeobachtung und Metafiktion auf beeindruckende Weise verbindet...












HEIRATSTOURISMUS, ENDLINGE UND KRIEG...


"Ein Königreich für eine Schnecke" (Originaltitel: 'Endling') gehört zu jenen Romanen, die sich jeder einfachen Einordnung verweigern. Was zunächst wie eine skurrile Komödie beginnt – mit einer Schneckenforscherin, einer fragwürdigen Heiratsagentur und dem Plan, westliche "Brauttouristen" zu entführen –, entwickelt sich zu einem Roman über Krieg, Verlust und die Frage, was Literatur überhaupt leisten kann, wenn die Realität jede Fiktion überholt.

Mit bemerkenswerter Leichtigkeit verbindet Maria Reva hier absurden Humor mit bitterem Ernst. Die Figuren sind eigenwillig und manchmal herrlich exzentrisch, wirken dabei aber nur selten überzeichnet. Besonders Jewa, die ihr mobiles Schneckenlabor mit großer Hingabe betreibt und zugleich gezwungen ist, sich über eine Heiratsagentur zu finanzieren, verkörpert die Widersprüche eines Landes, das zwischen alltäglichem Überlebenskampf und existenzieller Bedrohung lebt. 

Der eigentliche Kunstgriff des Romans liegt jedoch darin, dass der russische Überfall auf die Ukraine nicht einfach als Handlungselement auftaucht, sondern den Roman selbst aus den Angeln hebt. Plötzlich wird die Erzählerin (die Autorin schreibt sich plötzlich in den Roman hinein) mit der Unmöglichkeit konfrontiert, ihre eigene Geschichte wie geplant weiterzuschreiben. Dieser Kniff hätte leicht konstruiert wirken können, funktioniert trotz der Irritation, die dieser bei mir ausgelöst hat, aber erstaunlich gut. Dadurch steht nicht mehr nur die Geschichte der Figuren im Mittelpunkt, sondern auch die Frage, was Literatur angesichts einer Realität vermag, die jede Fiktion zu überholen scheint. Dass Reva diesen Bruch nicht glättet, sondern sichtbar macht, verleiht dem Roman eine besondere Ehrlichkeit. 

Beeindruckend fand ich auch die zahlreichen detaillierten Naturbeobachtungen, die sich zumeist auf die titelgebenden Schnecken beziehen. Dass Maria Reva naturkundliche Details mit leichter Hand in die Handlung einwebt, verleiht dem Roman zusätzlich eine ungewöhnliche Eigenständigkeit und erweitert den Genre-Flickenteppich (Satire, Autobiografie, Briefroman, Kriegsbericht, Interview u.v.m.) um die Kategorie eines Sachbuchs. Ein Gemenge, das das Chaos widerspiegelt, in das die Ukraine durch den Krieg gestürzt wurde. 

Trotzdem hat mich der Roman nicht durchgehend begeistert. Im Mittelteil hatte ich das Gefühl, dass sich manche Szenen etwas ziehen und einige Ideen ausführlicher behandelt werden, als nötig gewesen wäre. Gerade weil der Roman so viele Themen gleichzeitig aufgreift – Krieg, Identität, Umwelt, Migration, Humor, Literatur, Heiratsindustrie und Proteste dagegen –, verliert er zwischendurch etwas an Fokus. Das hat meinen Lesefluss gelegentlich gebremst. 

Dennoch überwiegt bei mir der Eindruck eines außergewöhnlich originellen Romans. "Ein Königreich für eine Schnecke" ist klug, mutig und überraschend komisch, ohne den Schrecken des Krieges jemals zu verharmlosen. Der Humor verschwindet nicht, obwohl die Geschichte immer ernster wird; zugleich verliert der Roman nie den Blick für das Leid, das hinter den komischen Momenten steht. Gerade diese Balance zwischen Groteske und Tragik macht den Roman so bemerkenswert. 

Alles in allem ein eigenwilliger, intelligenter Roman, der Humor und Verzweiflung, Naturbeobachtung und Metafiktion auf beeindruckende Weise verbindet. Das Buch ist ungewöhnlich, manchmal chaotisch und sicherlich nicht für jede Leserin und jeden Leser geeignet – aber genau diese Eigenwilligkeit macht den besonderen Reiz aus. 


© Parden




Maria Reva wurde in der Ukraine geboren und wuchs in Vancouver, British Columbia, auf. Sie hat einen MFA-Abschluss in Belletristik und Dramatik vom Michener Center der University of Texas. Ihre Arbeiten wurden in ›The Best American Short Stories‹ (2017 und 2019), ›McSweeney’s‹ und ›Granta‹ veröffentlicht. Derzeit lebt sie in Vancouver, wo sie auch als Opernlibrettistin arbeitet. 2021 erschien ihre Kurzgeschichtensammlung ›Good Citizens Need Not Fear‹. Ihr Romandebüt ›Ein Königreich für eine Schnecke‹ stand auf der Longlist des Booker Prize 2025 und wird in 18 Sprachen übersetzt. (Quelle: dtv)


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