Montag, 6. Juli 2026

Links, Christoph: Verschwundene Verlage...


Verschwunden? Verlage und Literatur

... ein unbekanntes Kapitel ostdeutscher Kulturgeschichte

Die DDR war ein Leseland. Sagt man. Liest man immer wieder. Ihre Literatur ist umstritten. Im Streit geht es um die Frage, ob die Literatur nun einerseits das alltägliche Leben östlich der Elbe wieder spiegeln kann oder ob sie, wenn die Autoren nicht zwischen 1949 und 1989 in die Bundesrepublik gewechselt sind, vor allem eine diktaturverherrlichende Literatur war. Doch darüber wird an anderer Stelle demnächst zu schreiben sein. Hier geht es darum, wie denn das Verlagswesen aussah, in dem die Bücher gedruckt wurden.

Für das erste Thema hat der Literaturprofessor Carsten Gansel das Buch Ausradiert? – Wie die Literatur der DDR verschwand geschrieben. Das zweite Thema bediente Christoph Links in Verschwundene Verlage – Ein unbekanntes Kapitel ostdeutscher Kulturgeschichte.

Beide Fragen gehören einerseits zusammen, beide Verfasser fragen nach Kulturgeschichte, andererseits geht es bei der Literatur hauptsächlich um die aus Verlagen, die "immer" da waren. 

Der CH.Links Verlag war eine der ersten Neugründungen im Herbst 1989 und versuchte, „die weißen Flecken der jüngsten deutschen Geschichte aufzuarbeiten und die realen Verhältnisse der DDR zu analysieren.“ Seit 2019 gehört der Verlag zu den Aufbau – Verlagen. Der Aufbau – Verlag des Kulturbundes erhielt bereits 1945 eine der ersten Lizenzen der Sowjetischen Militäradministration und brachte als erste Titel unter anderem Heinrich Heines Ein Wintermärchen“ und Theodor Pleviers „Stalingrad“ heraus. 
Damit ist gleich ein Begriff gefallen, der sich durch das ganze Verlagswesen der DDR einschließlich der Nachkriegszeit in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) zieht: Lizenz. Ohne Lizenz kein Verlag. Insgesamt wurden in den Jahren 1945 – 1949 mehr als zweihundert Verlage zugelassen, ab 1949 kamen in der DDR eine Reihe hinzu. Am Ende der DDR bestanden noch 78 Verlage.

Christoph Links widmet sich 150 Verlagen, die aus unterschiedlichen Gründen „verschwanden“, nach einer umfassenden Beschreibung des Problems verfasste er 150 Firmenporträts.

Im Jahre 2024 wirkten in den ostdeutschen Bundesländern einschließlich Berlins 283 Verlage, und in den westdeutschen Bundesländern 1245 Verlage. Dies ist, auch wenn man Fläche und Bevölkerungsanzahl oder Besiedlungsdichte bedenkt, ein signifikanter Unterschied. Worauf dieser zurückzuführen ist, die ökonomische Lage in den Jahren nach 1990, Abwicklung von reinen Fach-Verlagen, fehlende finanzielle Mittel für Neugründungen und die Macht westdeutscher Großverlage, ist nicht oder weniger Thema dieses Bandes, hier geht es um die „DDR-Verlage“ die nicht einfach „verschwanden“, wie der Titel sagt, sondern aus verschiedensten Gründen entweder in die Bundesrepublik überführt wurden, aufgelöst wurden, nicht vererbt werden konnten oder mit anderen fusioniert wurden oder schlichtweg die Lizenz aus politischen Gründen nicht erhalten konnten.

Der Leser staunt, was es so alles für Verlage gab, für Landkarten, Brief- und Postkarten oder Briefmarken und so manches mehr. Es sind Verlage darunter, die bereits im 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet wurde. Drei Beispiel seien in den folgenden Bildern angedeutet.

Ausschnitt von Seite 89

Ausschnitt von Seite 124

Ausschnitt von Seite 354


Ein umfangreiches Genehmigungsverfahren für Verlagslizenzen war üblich, dass die Verlage mit eigenen Gutachten beim Ministerium für Kultur um Druckgenehmigung nicht nur wenigen knappen Papierkontingents bitten mussten, soll kurz erwähnt sein, ein besonderes Beispiel dafür sei die Erzählung Der Bergführer von Lieselotte Welskopf-Henrich hier im Blog bzw. auf welskopf-henrich.de.

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Die Verlagslandschaft sah in den beiden deutschen Staaten sehr unterschiedlich aus und dieses Bild lässt sich auch 35 Jahre nach der Deutschen Einheit noch abbilden. Das Buch von Christoph Links gibt einen aufschlussreichen Einblick darüber, wer in der DDR verlegen konnte und wer nicht. Die aus den Verlagen stammende Literatur wurde oft nach Auflösung in anderen Verlagen weitergeführt. Ein "Verschwinden" der Literatur kann damit nicht erklärt werden. Der Autor hält "das Verschwinden von rund 150 Verlagen in Ostdeutschland, die zwischen 1945 und 1990 zunächst eine staatliche Lizenz oder Produktionserlaubnis erhalten hatten, (für) einen Einschnitt in die einst florierende Buchlandschaft der Region."

Zieht man die Abwanderung oder Übersiedlung von Verlagen in den Anfangsjahren ab, zeigt sich immer noch ein massiver staatlicher Eingriff über Jahrzehnte, wenn am Ende nur 78 Verlage übrig blieben und die waren nun dem Verlagswesen der Bundesrepublik nach 1990 ausgesetzt.

Es wäre interessant gewesen zu erfahren, unabhängig von den oben genannten Daten aus dem Jahre 2024, inwieweit sich Regional-Verlage gebildet haben oder Independent Verlage und wie erfolgreich diese sind. Auch wäre ein Vergleich von solchen Verlagen in ähnlich demographischen Landesteilen Ost-West interessant. Die Buchhandlungen sind trotzdem auch in Ostdeutschland voll und besonders interessant sind neben den kleinen inhabergeführten Buchhandlungen auch die Regionalregale bei den großen Ketten.

Für die interessierten Leserinnen und Leser von DDR-Literatur und deren Geschichte ist dieses Buch eine umfangreiche Zusatzlektüre, die, wie im Titel benannt, ein unbekanntes Kapitel aufgeschlagen hat. Zudem ist es spannend zu lesen, was es so alles für Verlage gegeben hat. 

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Christoph Links, Jahrgang 1954, ist Mitherausgeber eines dreibändigen Grundlagen Werkes zur DDR-Buchlandschaft. Seinen unabhängigen Sachbuchverkag gründete er bereits im Dezember 1989. Über die Privatisierung der DDR-Verlage schrieb der ehemalige Journalist seine Dissertation. 


Grossen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

©️ Bücherjunge


















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