Montag, 31. August 2026

Fischer, Elena: Wirf einen Schatten

 

Joseph ist einsam und hadert mit seinem Schicksal, nicht erst, seit seine Frau Lis mit dem gemeinsamen Sohn in die Stadt gezogen ist, weil sie den Alltag auf dem Hof nicht mehr ausgehalten hat. Wahrlich etwas Besonderes in den Sechzigerjahren auf dem Land. Zum Glück ist da noch Ada, Lis' ältere Schwester, mit der sich Joseph schon immer sehr verbunden fühlt. Und dann steht plötzlich die 20-jährige Birdie vor seiner Tür, geschwächt und auf der Flucht vor ihrer Familie. Lis, Ada und Birdie – sie werden ihrem eigenen, aber auch Josephs Leben eine ganz neue Richtung geben. (Verlagsbeschreibung)

DNB / Diogenes Verlag/ 2026 / ISBN 978-3-257-07390-4 / 304 Seiten

Elena Fischer bei Litterae Artesque: Paradise Garden


Kurzmeinung: Ruhiger, atmosphärischer Roman mit inneren Erdbeben rund um Einsamkeit, Verlust, Schuld, Hoffnung und Neuanfang. Klare Leseempfehlung!






INNERE ERDBEBEN...


Manche Bücher tun nicht weh, weil sie laut oder dramatisch sind. Sie tun weh, weil sie so still erzählen, dass man irgendwann merkt, wie viel Einsamkeit zwischen den Zeilen steckt. "Wirf einen Schatten“ von Elena Fischer ist für mich genau so ein Buch.

Joseph lebt Anfang der 1960er-Jahre auf einem abgelegenen Hof. Seine Frau Lis hat ihn mit dem gemeinsamen Sohn verlassen, und eigentlich ist da nicht mehr viel, das ihn am Leben festhält. Er funktioniert, arbeitet, schweigt – und frisst seine Ängste und seine Verzweiflung in sich hinein. Bis Birdie vor seiner Tür steht. Eine junge Frau auf der Flucht, die selbst Hilfe braucht und dadurch ausgerechnet Joseph wieder ins Leben zurückholt. An ihrer Seite stehen Lis und ihre Schwester Ada – drei Frauen, die auf ganz unterschiedliche Weise wissen, was sie wollen, und die Joseph schließlich helfen, seinen eigenen Weg zu finden.

Was mich an diesem Roman besonders beeindruckt hat, ist Elena Fischers Einfühlungsvermögen in ihre Hauptfigur. Joseph ist ein Mann, der Gefühle nicht ausdrücken kann, der nie gelernt hat, über das zu sprechen, was in ihm vorgeht. Und trotzdem gelingt es der Autorin, seine innere Welt sehr unmittelbar erfahrbar zu machen. Gerade weil Joseph als männlicher Protagonist im Mittelpunkt steht, fand ich diese Perspektive bemerkenswert feinfühlig.

Doch tatsächlich sind auch Lis, Ada und Birdie wichtige Figuren in dieser Geschichte. Sie stehen nicht nur durch ihre Namen für etwas Modernes und Aufbrechendes – sie verkörpern es auch. Jede von ihnen hat ihre eigenen Verletzungen und ihre eigene Vergangenheit, aber sie haben gelernt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Joseph muss das erst noch lernen. Gemeinsam helfen sie ihm dabei, aus seinem inneren Gefängnis herauszutreten.

Besonders gelungen fand ich den Aufbau mit den beiden gegenläufigen Zeitsträngen. Während die Gegenwart chronologisch voranschreitet, bewegen sich die Rückblicke immer weiter zurück in Josephs Vergangenheit. So setzt sich Stück für Stück das Bild eines Mannes zusammen, der lange geglaubt hat, für ihn könne das Leben nur aus Pflichterfüllung und Schweigen bestehen. Diese Erzählstruktur stellt für mich eine der großen Stärken des Romans dar - neben der beeindruckenden Sprache: poetisch, bildhaft und durchzogen von einer steten Melancholie – aber niemals rührselig. Elena Fischer präsentiert hier eine leise Erzählung über Einsamkeit, Verlust, verpasste Chancen und die Möglichkeit eines Neuanfangs. 

Eine kleine Kritik gibt es allerdings auch: Die Verortung in einem deutschsprachigen Bergdorf der 1960er-Jahre hat für mich nicht durchgehend funktioniert. Manche Figuren und ihr Verhalten wirkten auf mich eher modern als wirklich in dieser Zeit und diesem Umfeld verwurzelt. Auch erschienen mir einige Entwicklungen ein wenig zu konstruiert. Das sind durchaus Punkte, die ich beim Lesen wahrgenommen habe – und trotzdem haben sie mein Leseerlebnis kaum geschmälert. 

Denn im Grunde wollte ich vor allem Joseph folgen. Joseph, der nie der Mensch sein durfte, der er eigentlich sein wollte. Joseph, der sich selbst kaum kennt, weil er sein ganzes Leben damit verbracht hat, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Die drei Frauen machen ihm deutlich, dass er seinen eigenen Weg finden und ihn dann auch gehen muss. Das mag auf den ersten Blick fast ein wenig schlicht wirken. Für mich hat es aber funktioniert – gerade in Verbindung mit der poetischen Sprache und den vielen kleinen, zitierwürdigen Gedanken.

Und am Ende wirft Joseph tatsächlich einen Schatten, wie es der Buchtitel fordert. Nicht mehr den Schatten eines Mannes, der sich zurückzieht, schweigt und seine Probleme allein mit sich ausmacht. Er tritt hervor, wird sichtbar. Er wird zu einer Persönlichkeit, wendet sich der Gemeinschaft zu und wird Teil von ihr. 

Denn eigentlich erzählt dieser Roman keine spektakuläre Geschichte. Es ist vielmehr eine schmerzhafte, stille und sehr bewegende Geschichte über Einsamkeit, Selbstbestimmung, Verletzungen und darüber, dass es manchmal andere Menschen braucht, um wieder zu sich selbst zu finden. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich über die genannten kleinen Schwächen hinwegsehen konnte: Dieses Buch hat mich emotional erreicht.

Eine klare Leseempfehlung für einen leisen Roman, der auch noch nach seinem Ende nachhallt.


© Parden





Elena Fischer, geboren 1987, hat Komparatistik und Filmwissenschaft in Mainz studiert, wo sie mit ihrer Familie lebt. Ihr Debüt ›Paradise Garden‹ wurde sofort zum Bestseller und 2023 für den Deutschen Buchpreis sowie den Debütpreis des Harbour-Front-Literaturfestivals nominiert. ›Paradise Garden‹ ist bereits in 15 Sprachen übersetzt. (Quelle: Diogenes)



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