WENN DIE WELT STILLSTEHT...
Was passiert, wenn plötzlich um 14:30 Uhr die ganze Welt stillsteht? Genau dieser ungewöhnliche Ausgangspunkt bildet den Auftakt für Wieland Freunds fantasievolles Kinderbuch. Gemeinsam mit dem katzenähnlichen Zeitgeist Trim gelangt die elfjährige Juli durch eine Standuhr in das geheimnisvolle Land der Großen Uhr – eine Welt, die wie ein riesiges Zifferblatt aufgebaut ist. Hier liegen Städte, Wälder und Berge auf den Zahlen einer gewaltigen Uhr, während ihre Zeiger über den Himmel wandern. Doch die Zeit ist zum Stillstand gekommen, und offenbar steckt der finstere Zauberer Allrich dahinter. Gemeinsam mit dem Uhrmacher Thaddäus, der Hexe Unruh, der Fledermaus Fedora und Trim macht sich Juli auf den Weg, das Rätsel zu lösen – und ihre geliebte Oma zurückzubekommen, die um 14.30 Uhr erstarrt ist.
Juli ist keine Heldin, die alles sofort beherrscht, sondern ein elfjähriges Mädchen mit Ecken und Kanten. Sie ist ungeduldig, neugierig, mutig und ausgesprochen clever. Gerade ihre Hartnäckigkeit und ihr Einfallsreichtum treiben die Handlung immer wieder voran. Auch die Nebenfiguren wachsen einem schnell ans Herz. Der verschmitzte Zeitgeist Trim sorgt mit seiner lockeren Art für viele humorvolle Momente - und der Meister der zahllosen Schimpfwörter ist er sowieso -, während die schrullige Hexe Unruh (sie ist noch ungeduldiger als Juli!) und der besonnene Uhrmacher Thaddäus das zusammengewürfelte Rettungsteam wunderbar ergänzen. Lange bleibt zudem offen, welche Rolle Bürgermeister Titus Türmer tatsächlich spielt: Arbeitet er freiwillig mit Allrich zusammen oder steht auch er unter dessen Zauber? Diese Unsicherheit sorgt immer wieder für Spannung.
Die Welt der Großen Uhr gehört eindeutig zu den größten Stärken des Romans - eine Welt, die auf dem Zifferblatt einer Uhr Platz findet, ist definitiv etwas Besonderes. Wieland Freund verbindet Märchenelemente wie gereimte Zaubersprüche mit skurriler Fantasy, sodass eine Atmosphäre entsteht, die stellenweise an Alice im Wunderland erinnert. Verrückte Häuser, bei denen unten oben ist, seltsame Kaffeekränzchen oder riesige Reitfledermäuse verleihen der Geschichte ihren ganz eigenen Charme.
Das Abenteuer entwickelt ein hohes Tempo, wozu die kurzen Kapitel beitragen, und überrascht immer wieder mit neuen Wendungen. Humor und Spannung halten sich dabei angenehm die Waage, sodass kaum Längen entstehen. Verstärkt wird die fantasievolle Atmosphäre durch die stimmungsvollen Illustrationen von Tobias Goldschalt und Hauke Kock, was vor allem die jüngeren Leserinnen und Leser (Altersempfehlung: 9-12 Jahre) in ihrem Kopfkino unterstützen dürfte.
Ein kleiner Kritikpunkt sind allerdings die gereimten Hexensprüche. Einige der Reime fand ich doch etwas bemüht, was den Lesefluss etwas stolpern lässt. Die Reime stellen sich am Ende aber auch als sehr bedeutsam heraus - Näheres muss aber jede:r selbst herausfinden.
Insgesamt ist "Juli im Land der Zeitgeister" ein unterhaltsames, humorvolles und spannendes fantastisches Kinder-Abenteuer mit einer originellen Welt, liebenswerten Figuren und einer sympathischen Heldin. Wer Geschichten voller Magie, skurriler Ideen und außergewöhnlicher Schauplätze mag, wird hier bestens unterhalten.
Abenteuer zwischen Buchdeckeln...
© Parden


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