Was passierte mit Millionen Büchern der DDR-Literatur nach 1989? Landeten diese auf dem Müll? Richtig ist, dass unzählige (momentan) nicht mehr verkäuflich waren, die Leserinnen und Leser wollten anderes lesen. Der Inhalt der Buchregale in den Buchhandlungen wurde förmlich ausgetauscht. Bibliotheken dichtgemacht. Gefühlt hatte jedes Dorf eine Bibliothek. Doch wurde die Literatur der DDR wirklich „ausradiert?“ – Ausradiert bedeutet doch gelöscht? Im Gedächtnis der Leserinnen und Leser sicher nicht.
Davon schreibt der Literaturprofessor i.R. Carsten Gansel in seinem Buch Ausradiert? – Wie die Literatur der DDR verschwand Nach eigenem Dafürhalten des Autors ist das Buch keine Abrechnung, bei aller Kritik an westdeutscher Lesart. Gansel darf „dem ‚Ausradieren‘ nachgehen, weil er, der Literaturprofessor an der Justus Liebig Universität „keine Rechnung mit dem Westen offen hat.“
DNB / Reclam Verlag / 18.03.26 / ISBN: 978-3-15-011566-4 / 383 S
Carsten Gansel - Webseite
In acht Kapiteln geht Gansel nicht nur auf das „Verschwinden“ der Literatur ein, er stellt und beantwortet Fragen zu nicht nur literarischen Konfliktfeldern zwischen Ost- und West, erzählt von Zukunftshoffnungen und Visionen aus den ersten Jahren der DDR, fragt welche (politischen) Einschnitte Folgen für die Literatur hatten und benennt literarische Störfälle.
Wenn es um die oben genannten Müllkippen geht, dann auch um Bücherretter. Gansel erzählt von einem westdeutschen Pfarrer namens Martin Weskott, der der Büchervermüllung entgegentrat, weil „eine Gesellschaft, die sich als Kulturnation begreift, das nicht darf.“ Sein Büchermagazin in Karlenburg weist deshalb einen „kulturhistorischen Querschnitt durch das Leben in der DDR auf.“ (S.13)
Waren es damals nicht wenige engagierte Einzelpersonen, wie Bibliothekare und Bebliothekarinnen, die im Keller Bücherkisten sammelten, wurden es mehr. In Dresden gab es einige Jahre auf der Schandauer Straße einen Laden, der eine Menge „Regalmeter“ DDR-Bücher zum Verkauf anbot; heut ist Ilona Dahlmann in Stölln mit ihrer Buchhandlung „Windlicht“ nicht unbekannt und durch die Medien ging der bekannte Schauspieler Peter sodann mit seiner Peter-Sodann-Bibliothek bei Halle.
Gansel zieht mit Christoph Links einen Vergleich, nachdem heute nur noch 2,1 % Buchproduktion in Ostdeutschland besteht und bezieht sich auf dessen Aussage, dass von 78 DDR-Verlagen nur noch acht existieren. Dieser Vergleich sagt allerdings nicht viel zu dem Problem „verschwundener Literatur“ aus, denn das Verlagswesen in der DDR war, abgesehen von der Ideologielastigkeit, völlig anders aufgebaut. Das kann man nachlesen in Verschwundene Verlage. Es gab nicht nur viel weniger Verlage in der DDR, diese waren auch oft Fachverlage. Das viele Verlage die Einigung Deutschlands wirtschaftlich nicht überlebten, ist selbstredend ein Indiz dafür, dass die oben erwähnten "unverkäuflichen" Bücher nicht in den Bücherregalen immer noch interessierter Leser fanden.
Ein besonderer Einschnitt in die Literatur war die sogenannte Bitterfelder Konferenz von 1959: schreibende Arbeiter sollten die „Trennung von Kunst und Leben“ mit einer sozialistischen Nationalkultur überwinden (Wikipedia) - die hiervon betroffenen Autorinnen und Autoren liegen Gansel am Herzen, genannt sei Brigitte Reimann, der Gansel mit seiner aktuellen Biografie ein neues Denkmal setzte. Er schreibt in ähnlichem Zusammenhang von Autoren wie Harry Thürk, dessen bekannter Kriegsroman Die Stunde der toten Augen stark kritisiert wurde.
Erik Neutsch, Christa und Gerhard Wolf, Siegfried Pietschmann, Werner Bräuning und viele andere Namen werden genannt. Störfälle zum Beispiel sind Erziehung eines Helden von Pietschmann und Spur der Steine von Erik Neutsch. Während Pietschmann in Folge der Ablehnung seines Romans einen Suizidversuch unternahm, war es der Film nach Neutschs gleichnamigen Roman, der im Giftschrank verschwand.
Ob Christa Wolfs Der geteilte Himmel oder Brigitte Reimanns Die Geschwister: DDR-Literatur ist weit mehr als „staatstragende“ Ideologie, Autorinnen und Autoren ringen mit sich, der Gesellschaft und den in ihr lebenden Menschen, sie geben gerade heute die Möglichkeit, rückwirkend diese Gesellschaft besser zu verstehen.
Das gerade die politischen Verhältnisse der Diktatur und Führung der SED auf die Literatur und deren Verfasser wirkte, zeigt die soeben erschienene Erstauflage des Romans Gegen Wind von Gerti Tetzner, der keine Druckgenehmigung erhielt und dessen Druck in einem westdeutschen Verlag die Staatssicherheit der Autorin verbot. Am Erscheinen des Romans dürfte Gansel einen Anteil haben.
Ostdeutsche Biografien spiegeln auch deren Literatur, schon deshalb ist sie erhaltbar, erforschbar und lesbar. Dazu zählt heute natürlich jene Literatur, die in der DDR aus ideologischen Gründen keine Chance hatte.
Sind ostdeutsche Leser mit ihrer Literatur im Hintergrund „Seismografen der Demokratie“? - Das ist eine Frage, die Gansel im letzten Kapitel DDR-Literatur als Terra incognita? mit aufwirft. Darauf kommt es m.E. nicht an, wohl aber darauf dass der Blick auf und in den Osten gerade auf die Anfangsideale und -Visionen nicht verloren gehen darf.
Carsten Gansel stellte im Mai 2026 sein Buch in Neustrelitz bei Katrin Matern in deren Buchhandlung „Frau Rilke“ vor. Im Publikum saßen die heutigen Leser von einst. Der Umgang mit der DDR-Literatur sei eine Nagelprobe für den Umgang mit dem Osten, sagte Gansel da sinngemäß, auch diese Literatur ist "literarisches Erbe". Sehr oft erhielten Autorinnen und Autoren auch nach 98 "klischeehaft miese Bewertungen". Ist es, weil in Ost und West unterschiedliche Themen behandelt wurden? Wenn Günther Grass zu Uwe Johnson 1964 sagte: "Du, Uwe, die schreiben da alle deutsch, aber über völlig andere Themen." - dann kann das durchaus gegenseitig betrachtet werden.
Heute wird mehr gefragt, was von der DDR-Literatur bleibt. Allein dies zeigt ja, dass sie nicht verschwunden ist, auch wenn man sie halt online suchen muss und dabei finden wird. Wie viele Bücher vergangener Jahrzehnte in ganz Deutschland.
Dieses Buch von Carsten Gansel bietet spannenden und informativen Hintergrund für viele Leserinnen und Leser, Freizeitleser hatten sicher weniger Zeit als berufliche Leser, mancher hatte seine Lieblingsautoren, ob die nun Wolfgang Schreyer, Harry Thürk, Benno Pludra oder Liselotte Welskopf-Henrich hießen. DDR-Geschichte als DDR-Literatur-Geschichte, der Blick ist, betrachtet man die aktuellen formel- und parolenhaften Social-Media-Einlassungen, ein tiefgreifender und umfassender.
Passend zum Inhalt hat der Autor eine persönliche und, wie er betont, subjektive Leseliste angefügt. Mit 334 Titeln ein Spiegel der weder wirklich ausradierten noch verschwundenen Literatur.
©️ Der Bücherjunge
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