Freitag, 21. August 2026

Stanley, Jason: Gefälschte Geschichte - Wie Faschisten die Vergangenheit umschreiben, um die Zukunft zu kontrollieren

 

Der namhafte Philosoph Jason Stanley enthüllt in seinem neuen Buch die globale Strategie der autoritären Rechten, die Geschichte umzuschreiben und ein Jahrhundert gesellschaftlichen Fortschritts auszulöschen. Die schlimmsten faschistischen Bewegungen der Menschheitsgeschichte begannen in Schulen - wenn man die Uhr in Bezug auf Bürgerrechte, Gerechtigkeit und Inklusion zurückdrehen will, sind Schulen ein guter Ausgangspunkt. Mit scharfem Blick zeigt Stanley, wie Bildung zur Frontlinie im Kampf um Demokratie wird. Erinnerungskultur, Kritik und Freiheit sind in Gefahr, warnt er. Sein Buch ist ein dringender Weckruf, die Vergangenheit zu verteidigen, um die Zukunft vor dem Faschismus zu bewahren. (Verlagsbeschreibung)

DNB / Westend / 2026 / ISBN 9783987913600 / 208 Seiten


Kurzmeinung: Wichtige Zusammenhänge eindrucksvoll und verständlich auf den Punkt gebracht - für alle, die die Demokratie retten wollen!






WER DIE GESCHICHTE (UM-)SCHREIBT, DER BEHERRSCHT DAS MORGEN...


Was passiert, wenn eine Gesellschaft beginnt, ihre eigene Geschichte umzuschreiben? Wenn unbequeme Kapitel verschwinden, Verbrechen relativiert und bestimmte Perspektiven aus Schulbüchern, Universitäten und dem öffentlichen Gedächtnis verdrängt werden? Jason Stanley zeigt in "Gefälschte Geschichte – Wie Faschisten die Vergangenheit umschreiben, um die Zukunft zu kontrollieren“, dass es dabei keineswegs nur um einen Streit über historische Details geht. Es geht um Macht.

Stanleys zentrale These ist ebenso einfach wie beunruhigend: Wer kontrolliert, was Menschen über die Vergangenheit wissen, beeinflusst auch, wie sie die Gegenwart beurteilen und welche Zukunft sie für möglich halten. Besonders Bildung wird dabei zum entscheidenden Schauplatz. Faschistische und autoritäre Bewegungen greifen Schulen, Universitäten, Lehrpläne und die Vermittlung von Geschichte nicht zufällig an. Wo kritisches Denken und eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit geschwächt werden, lässt sich leichter ein nationalistisches "Wir gegen die anderen" etablieren.

Dabei bleibt Stanley keineswegs ausschließlich in der amerikanischen Gegenwart. Im Gegenteil: Gerade die historischen Beispiele machen seine Argumentation so überzeugend. Er blickt unter anderem auf Nazi-Deutschland, den kolonialen Umgang mit Geschichte in Kenia und die Rassentrennung im amerikanischen Süden und verbindet diese historischen Entwicklungen mit aktuellen Beispielen aus Ungarn, Indien, Israel und Russland. So wird deutlich, dass das Umschreiben oder Auslöschen von Geschichte kein auf ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Epoche beschränktes Phänomen ist.

Besonders interessant fand ich dabei die Verbindung zur aktuellen amerikanischen Politik. Stanley zeigt, wie der Angriff auf kritische Geschichtsvermittlung und auf Bildung insgesamt mit dem politischen Projekt Donald Trumps und der MAGA-Bewegung zusammenhängt. Die Auseinandersetzungen um den Umgang mit der Geschichte der Sklaverei, des Rassismus und der Bürgerrechtsbewegung sind für ihn deshalb keine nebensächlichen Kulturkämpfe. Es geht darum, welche Vergangenheit eine Gesellschaft ihren Kindern vermittelt – und welche politischen Konsequenzen daraus entstehen.

Besonders eindringlich ist in diesem Zusammenhang der Vergleich mit Hitler. Stanley setzt Trump keineswegs einfach mit Hitler gleich. Vielmehr zeigt er Parallelen in bestimmten autoritären Strategien und im Umgang mit Geschichte. Hitler verstand Geschichte als Erzählung großer Männer und einer vermeintlich homogenen Nation; Stanley sieht eine ähnliche Vorstellung auch in dem von Trump und seinen Anhängern propagierten Geschichtsbild. Geschichte wird dabei weniger als komplexe Entwicklung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen verstanden, sondern als Erzählung nationaler Größe, die bestimmte Menschen ins Zentrum stellt und andere Perspektiven verdrängt.


"In den USA hat Donald Trump die Theorie des Großen Austauschs wiederholt zum Thema (...) gemacht, wobei er die Schuld nicht den Juden, sondern seinen politischen Gegnern und den Demokraten im Allgemeinen zuschrieb. Dieser Ideologie zufolge besteht seine politische Gegnerschaft, die Demokraten, aus heimlichen Marxisten, die versuchen, die Grenzen für nicht-weiße Einwanderer zu öffnen und so die weiße Ethnie zahlenmäßig, kulturell und politisch zu verdrängen und die Ergebnisse zu nutzen, um sich selbst an die Macht zu bringen. Dies ist genau das, was Hitler über die Juden behauptete."


Gerade dieser Vergleich hat mich beschäftigt, weil er zeigt, dass die gefährliche Entwicklung nicht erst dort beginnt, wo historische Fakten offen geleugnet werden. Sie beginnt viel früher: mit dem Aussortieren bestimmter Perspektiven, mit der Idealisierung einer vermeintlich glorreichen Vergangenheit und mit der Erzählung, eine Gesellschaft müsse zu einem früheren, "besseren“ Zustand zurückkehren.

Was mir an dem Buch besonders gefallen hat, ist Stanleys klare und verständliche Sprache. Trotz des anspruchsvollen Themas schreibt er nicht unnötig akademisch und verliert sich nur selten in Fachbegriffen. Die zahlreichen Beispiele machen seine Überlegungen greifbar. Manchmal sind es allerdings fast schon zu viele Beispiele. An einigen Stellen hatte ich den Eindruck, dass Stanley seine These lieber noch durch ein weiteres Beispiel absichert, anstatt einen bereits beschriebenen Gedanken weiter zu vertiefen. Trotzdem empfand ich gerade die internationale Perspektive als großen Gewinn.

Am erschreckendsten ist für mich die Erkenntnis, dass Geschichte nicht nur durch offene Fälschungen manipuliert werden kann. Es genügt häufig, bestimmte Dinge wegzulassen. Wenn die Geschichte von Minderheiten, Kolonialismus, Rassismus oder sozialen Bewegungen verschwindet, entsteht dadurch ebenfalls eine verfälschte Geschichte. Wer nur noch von den "großen Männern“ und den großen Erfolgen einer Nation erzählt, nimmt Menschen gleichzeitig die Möglichkeit, die Gegenwart in ihrem historischen Zusammenhang zu verstehen.

"Gefälschte Geschichte“ ist deshalb für mich kein Buch, das lediglich erklärt, wie autoritäre Regime mit Vergangenheit umgehen. Es ist auch eine Aufforderung, genauer hinzusehen: Welche Geschichten werden erzählt? Welche fehlen? Wer entscheidet darüber? Und wem nützt diese Auswahl?


"Wenn wir die Mechanismen verstehen, mit denen die Demokratie angegriffen wird, die Art und Weise, wie Mythen und Lügen benutzt werden, um Kriege zu rechtfertigen und bestimmte Gruppen zu Sündenböcken zu machen, können wir uns gegen diese Angriffe wehren und sogar den Lauf der Dinge umkehren."


Die Lektüre macht wütend, teilweise ratlos und vor allem aufmerksam. Sie zeigt, dass demokratische Erinnerungskultur keineswegs selbstverständlich ist und dass Bildung eine der wichtigsten Verteidigungslinien einer offenen Gesellschaft darstellt. Das war mir vor der Lektüre nicht in diesem Ausmaß bewusst!

"Gefälschte Geschichte“ ist für mich ein ausgesprochen wichtiges und aufrüttelndes Buch. Es erinnert daran, dass historische Erinnerung immer auch Gegenwart und Zukunft beeinflusst. Wer die Vergangenheit so lange zurechtbiegt, bis sie ins eigene Weltbild passt, verändert irgendwann nicht nur die Erinnerung an das Gestern, sondern auch die Möglichkeiten des Morgen.

Lesen!


© Parden




Jason Stanley ist Philosoph und Inhaber des Bissell-Heyd-Associates-Lehrstuhls für Amerikanistik an der Munk School of Global Affairs & Public Policy der Universität Toronto. Außerdem ist er Distinguished Professor an der Kyiv School of Economics. Stanley ist Autor von sieben Büchern, darunter "How Propaganda Works" und "How Fascism Works", das in 23 Sprachen übersetzt wurde. Als Mitglied des Justice Collaboratory an der Yale Law School schreibt er regelmäßig für The Guardian, The New York Times, Project Syndicate und andere Publikationen über Autoritarismus, Demokratie, Propaganda und Meinungsfreiheit. (Quelle: Westend)


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