Sonntag, 9. August 2026

Nesbø, Jo: Insel der Ratten (Hörbuch)

 

Nach einer verheerenden Pandemie ist die Welt nicht wiederzuerkennen: Massenarbeitslosigkeit und Armut haben das demokratische Gleichgewicht gekippt, marodierende Banden beherrschen die Straßen der großen Stadt. Colin Lowe, einer der reichsten Unternehmer des Landes, rettet sich mit seiner Familie auf die Insel der Ratten. Derweil wütet sein Sohn Brad mit seiner Bande auf dem Festland und verschont nicht einmal Colins engsten Freund Will. Als er dessen Tochter Amy bei einem Überfall in seine Gewalt bringt, sinnt Will auf Rache. Sein Feldzug führt ihn auf das Dach eines Hochhauses, Schauplatz eines gnadenlosen Countdowns auf Leben und Tod. (Verlagsbeschreibung)

DNB / Hörbuch Hamburg / 2026 / ISBN 978-3-8449-4521-8 / 263 Minuten

Kurzmeinung: Spannender und überaus brutaler dystopischer Krimi - in Zeiten, in denen Gesetz und Moral nichts mehr gilt. Wer kann, wer will man sein?!






SPANNEND, INTENSIV, BRUTAL...


Jo Nesbø entwirft hier in gerade einmal 4 Stunden und 23 Hörminuten (souverän gelesen von Oliver Siebeck und Jenny Laura Bischoff) eine grausame Dystopie, in der nach einer verheerenden Pandemie die gesellschaftliche Ordnung und die Rechtsstaatlichkeit weitestgehend zusammengebrochen sind. Während die Reichen sich auf eine abgeschottete Insel retten, beherrschen Gewalt und Armut das Festland. Im Zentrum stehen Will, der nach einem brutalen Überfall auf seine Familie nach Vergeltung sucht, der skrupellose Brad und dessen Vater Colin, der sich mit Geld und Macht vor den Folgen der Katastrophe zu schützen versucht. Die Figuren sind dabei keineswegs eindimensional: Besonders Wills Konflikt zwischen Gerechtigkeit und Rache verleiht der intensiven Handlung zusätzliche Tiefe, und überhaupt verschwimmt hier immer wieder die Grenze zwischen Gut und Böse. Nesbø erzählt flüssig, klar und unglaublich spannend, die dichte, bedrohliche Atmosphäre lässt kaum Zeit zum Durchatmen. Gerade die Kürze der Geschichte verstärkt ihre Wucht, auch wenn ich mir an manchen Stellen etwas mehr Raum für die Figuren und die dystopische Welt gewünscht hätte.

Besonders interessant fand ich die Fragen, die unter der brutalen Oberfläche liegen: Was bleibt von einer allgemeingültigen Moral, wenn jede gesellschaftliche Ordnung zerbricht? Was ist Gerechtigkeit – und wann wird sie zu Rache? Wer entscheidet über Leben und Tod, wenn Macht und Geld wichtiger sind als Recht? Nesbø verbindet die actionreiche Handlung somit mit Themen wie sozialer Ungleichheit, Machtmissbrauch und der Zerbrechlichkeit zivilisierter Strukturen. Die große Brutalität, die sich durch das Geschehen zieht, passt durchaus zu dieser Welt, war für mich aber teilweise nur schwer erträglich. Manche Szenen sind sehr drastisch und explizit – hier sollte man sich bewusst sein, dass sexuelle Gewalt und brutale Morde eine wichtige Rolle spielen. Die Härte wirkt zwar passend zu der entworfenen Welt, überschreitet für mich aber stellenweise die Grenze des Erträglichen.

Die überraschende Auflösung hat mir wiederum sehr gut gefallen: Sie kam für mich unerwartet, ergibt im Rückblick aber durchaus Sinn und passt stimmig zu den moralischen Fragen, die Nesbø zuvor aufwirft. "Insel der Ratten“ ist damit eine kurze, kompromisslose und atmosphärisch äußerst intensive Geschichte, die deutlich mehr bietet als reine Action. 

Spannend, intensiv, brutal...


© Parden




Jo Nesbø, 1960 geboren, ist Ökonom, Schriftsteller und Musiker. Er gehört zu den renommiertesten und erfolgreichsten Krimiautoren weltweit. Seine Bücher sind in 51 Sprachen übersetzt und haben sich über 60 Millionen mal verkauft, sie wurden mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Jo Nesbø lebt in Oslo. (Quelle: Hörbuch Hamburg)



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