DNB / dtv / 2026 / ISBN 978-3-423-28566-7 / 480 Seiten
Kurzmeinung: Ein nachdenklicher Roman mit viel Liebe zur Natur, dessen Figuren und Handlung mich jedoch leider nicht durchgehend erreicht haben...
EIN SOMMER ZWISCHEN NATURVERBUNDENHEIT, TRAUER UND ALTEN GEHEIMNISSEN...
Dieser Roman ist vor allem eine Liebeserklärung an die Natur – und eine doch sehr deutliche Anklage gegen ihre Ausbeutung. Anne Sverdrup-Thygeson, selbst Naturschutzbiologin, verbindet die Suche nach dem vom Aussterben bedrohten Eremitenkäfer mit der Frage, welchen Wert wir einem Wald, einer Tierart oder einem alten Baum beimessen, wenn wirtschaftliche Interessen dagegenstehen. Der geplante Steinbruch wird dabei zum Kristallisationspunkt für den Konflikt zwischen Naturschutz und Verwertungslogik: Was darf für Arbeitsplätze, Fortschritt und Profit geopfert werden? Besonders die Beschreibungen des Waldes und der kleinen, oft übersehenen Zusammenhänge innerhalb eines Ökosystems haben mir gefallen. Daneben geht es noch um viele andere Themen, beispielsweise um Trauer und Verlust, Neuanfang, Einsamkeit, Freundschaft, Familiengeheimnisse und die Frage, wie Menschen nach schweren Erschütterungen wieder einen Platz im Leben finden.
Erzählt wird der Roman aus der Perspektive der 33jährigen Eva. Ihr Rückzug in die Natur und ihre Suche nach einem neuen Umgang mit ihrem Verlust erscheinen nachvollziehbar, ebenso ihre Leidenschaft für ihre Arbeit. Gleichzeitig überschreitet sie jedoch immer wieder die Grenzen anderer – insbesondere die von Olga, der 76jährigen Nachbarin in der Einöde. Gerade hier entsteht für mich ein irritierender Widerspruch: Eva besteht sehr vehement darauf, dass ihre eigenen Grenzen respektiert werden, scheint aber Schwierigkeiten damit zu haben, dieselbe Rücksicht anderen entgegenzubringen. Ihre Neugier wird dadurch stellenweise nicht mehr als empathisches Interesse, sondern wiederholt als doch sehr übergriffig wahrnehmbar. Dass trotzdem eine enge Freundschaft zwischen Eva und Olga entsteht, konnte mich deshalb nicht vollständig überzeugen. Auch sind für mein Empfinden manche Entwicklungen zwischen den Figuren etwas zu harmonisch und vorhersehbar geraten.
Insgesamt ist "Der Einsiedlersommer“ ein ruhiger, atmosphärischer Roman mit einem wichtigen Kern, dessen stärkste Seiten für mich eindeutig dort liegen, wo er von Natur, Artenvielfalt und der absurden menschlichen Vorstellung erzählt, alles müsse einen wirtschaftlich messbaren Nutzen haben. Die Idee, dass wir nicht über der Natur stehen, sondern selbst Teil dieses fragilen Gefüges sind, trägt den Roman und bleibt hängen. Gleichzeitig haben mich die Figurenzeichnung und insbesondere Evas Verhalten immer wieder auf Distanz gehalten. Auch mit dem offenen Ende hatte ich meine Schwierigkeiten: Es passt zwar zur bewusst schwebenden, hoffnungsvollen Grundstimmung des Romans, ließ mich aber eher mit dem Gefühl zurück, dass mir an entscheidenden Stellen etwas fehlte. Für mich deshalb ein lesenswerter, naturverbundener Roman mit starken Themen und schönen Momenten – aber eben auch mit einigen Widersprüchen, die verhinderten, dass er mich vollständig erreichen konnte.
© Parden


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Durch das Kommentieren eines Beitrags auf dieser Seite, werden automatisch über Blogger (Google) personenbezogene Daten, wie E-Mail und IP-Adresse, erhoben. Weitere Informationen findest Du in unserer Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google. Mit dem Abschicken eines Kommentars stimmst Du der Datenschutzerklärung zu.
Um die Übertragung der Daten so gering wie möglich zu halten, ist es möglich, auch anonym zu kommentieren.