Dienstag, 14. Mai 2019

Gegen das Vergessen - Wirkung eines SPIEGEL - Artikels

Es gibt Dinge, die waren in der Vergangenheit so eindringlich, dass sie die Menschen bis zu ihrem Tod begleiten werden. Diese Woche im SPIEGEL: Zweiundneunzig Jahre alt ist Gabriel Bach, geboren in Halberstadt, aufgewachsen in Berlin-Charlottenburg, als Elfjähriger auf der Flucht, später wird er Jurist und Ankläger in einem der bekanntesten Prozesse der Geschichte.



Im März starb ein Mann, der einst dafür sorgte, dass dieser Prozess erst stattfinden konnte: Moshe Eitan führte das israelische Kommando, welches den 1961 in Israel Angeklagten aus Argentinien entführte. Spätestens jetzt dürfte den meisten Leserinnen und Lesern klar sein, wer dieser Angeklagte war: Ein Deutscher namens Adolf Eichmann.






Im Jahr 2015 lasen wir, Rudolf Fröhlich und ich,  ein Buch namens NAGARS NACHT. Geschrieben haben es Astrid Dehe und Achim Engstler. Shalom Nagar, ein nach Israel eingewanderter jemenitischer Jude war Gefängniswärter und Henker des SS-Obersturmbannführers, der im Referat IV des Reichssicherheitshauptamtes die Deportationen der Juden aus vielen Ländern akribisch plante und durchführen lies.

Im Spiegel-Artikel ist des Weiteren die Rede von einer Frau, die den Prozess begleitete und über ihn schrieb. EICHMANN IN JERUSALEM heißt das Heft, in dem Hannah Arendt etwas beschreibt, was sie die BANALITÄT DES BÖSEN nannte und damit den gewissenlosen Beamten in einem verbrecherischem System beschrieb.

Gabriel Bach erzählt heute immer wieder von diesem Prozess und den Zeugenbefragungen, die auch den jungen deutschen Verteidiger des Angeklagten nicht kalt ließen. Zum Beispiel wie man 30 Kinder aus der Gaskammer holte um sie erst einmal Kartoffeln ausladen zu lassen, ein kurzer Aufschub, denn bis auf den berichtenden Zeugen traten die Kinder anschließend den Weg in den Tod zum zweiten Male und endgültig an.

Der Verteidiger, Dieter Wechtenbruch, ist ebenfalls einer der letzten Beteiligten am Prozess gegen Adolf Eichmann. Anders als der Ankläger erzählt er aber nichts darüber.


Quelle: SPIEGEL - ONLINE

Bach hat was zu erzählen, nicht nur von den Prozesstagen, auch von Gesprächen mit Eichmann, den er in der Zeit der Prozessvorbereitung öfter sah als seine Familie. Bach erzählt immer davon. Ob in Deutschland, in das er nach 30 Jahren zurückkam oder den Leuten, die in besuchen in Jerusalem, Journalisten oder Politikern, sogar Gustav Heinemann oder Martin Schulz. Gabriel Bach kann damit gar nicht mehr aufhören. „Seit 58 Jahren beweist er, dass Eichmann schuldig ist. Das er nicht nur ein kleines Rädchen im Getriebe der großen Nazimaschine war, wie Hannah Arendt behauptete, sondern das Mastermind des Holocaust.“


Hannah Arendt hat viel Kritik einstecken müssen über ihre Meinung zu dem Sachbearbeiter des RSHA, gehört haben beide diese Zeugenaussagen und die Einlassungen des Angeklagten. Loslassen tut das Thema keinen mehr, wenn man so lange und so dicht dabei gewesen ist, wie Gabriel Bach, Hannah Arendt und Shalom Nagar. Oder Moshe Eitan. Shalom Nagar wird später Rabbi, über ihn wird ein Film gedreht von Natalie Braun. THE HANGMAN heißt der Film aus dem Jahr 2010. Er erzählt, wie der Zellenwärter die Frage gestellt bekam, ob der den Knopf der die Falltür öffnet drücken würde und dass er dies als Befehl versteht in seinen jungen Jahren. Heute schächtet er Schafe und kommt ebenfalls wohl nicht los von der Geschichte Eichmann in Jerusalem. 

Gabriel Bach erzählt die Geschichte des Zeugen, dessen Tochter ein roten Mantel trug, als die Familie auseinander gerissen wurde. Der rote Punkt wurde immer kleiner. Und Bach erzählt, wie er nicht mehr weiter zu arbeiten vermochte, hatte er doch im Jahr 1961 eine zweieinhalb jährige Tochter, die soeben ein roten Mantel geschenkt bekommen hatte. Die Szene, die der Zeuge Dr. Martin Földi, schilderte kommt vielen bekannt vor. Sie bildete die Grundlage für das Mädchen in Spielbergs SCHINDLERS LISTE, dessen roter Mantel einziger Farbpunkt in schwarz-weißen Gettobildern war. Eine Szene in einem Film, die ich nie vergessen werde. Die damals vierjährige Polin Oliwia Dabrowska sah entgegen dem Verbot von Steven Spielberg den Film bereits als Elfjährige. Lange brauchte sie, um das Gesehene zu verarbeiten.


Quelle - Szenenbild


Durch die Erzählungen des alten Mannes sind im Laufe der Jahrzehnte Frau und Tochter viel zu eng am Thema Eichmann dran: Frau Ruth erzählt immer wieder, wie die Orli als kleines Mädchen in der Nacht fragte: „Was will der Eichmann von uns?“

Alexander Osang schreibt, wie sich Studenten langweilen während Bachs Erzählungen, Nachwuchsjournalisten der Springer-Akademie sind es, also Menschen, die später einmal Zeitzeugen befragen und Artikel schreiben sollen. Osang erzählt gleichermaßen, wie „Gabi“ Bach gebeten wird, einen Abend mal nicht von diesem (verdammten) Eichmann anzufangen. Eine Wahrnehmung, wie wir sie alle kennen: Immer dieser Nationalsozialismus, immer wieder diese Litanei von den Verbrechen: Wer ist schuld an diesem Völkermord? Wir? Die Deutschen? Unsere Großeltern? Oder Eichmann?

Wikipedia - Gabriel Bach im Eichmann - Prozess


Hannah Arendt hatte auf eine gewisse Art und Weise recht mit ihrer Einschätzung: Adolf Eichmann war einer von vielen. Sicher war er zudem noch stolz darauf, von SS-Obergruppenführer Heydrich in der Wannsee-Villa so einbezogen zu werden, in die großen Pläne des Führers und des Chefs des RSHA. Doch ohne den Befehl hätte er was anderes akribisch aufgearbeitet. Eichmann steht für viele und doch ist er ein herausragendes Beispiel. Er ist es, der den Bachs, den Nagars und vielen anderen auf der Seele brennt und von dem sie nicht lassen können.


Ich überlege, was der Grund für diesen Spiegel-Artikel ist. Es scheint, als könnte er viele Lesarten bedienen, mehrere Interpretationen zulassen. Eine Auffassung, nun doch mal Schluss zu machen mit den immer ewig gestrigen Geschichten. Oder aber den Alten zuzuhören, deren Erzählungen authentisch sind und die Art und Weise wie sie mit ihren Erinnerungen umgehen anzuerkennen, auch wenn sie manches ständig wiederholen mit 90 Jahren und mehr. Osang bezeichnet Gabriel Bach als den perfekten Zeitzeugen, wenn "man etwas über das deutsch-israelische Verhältnis wissen will". Der ehemalige Ankläger, Generalstaatsanwalt und oberste Richter mit den deutschen Wurzeln, der Liebe zur deutschen Literatur und Sprache, der jedem Besucher Kaffee und Kuchen servieren lässt und für den der Prozess die Lebensaufgabe war.


Video: Alexander Osang zu Gabriel Bach

Das ist es, was ich dabei mitnehme. Es sind nur wenige Jahre, die diese Menschen uns noch weiter geben können, was sie erlebten. Im Falle des Gabriel Bach ist dies schon kein eigenes Erleben von Deportation und Konzentrationslager mehr, sondern die Berichte von Zeitzeugen darüber, in einem Aufsehen erregenden Prozess, der erstmals im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Bald werden wir Geschichte nur aus deren Munde vernehmen, die sie noch von Menschen hörten, die sie erlebten, unmittelbar von ihr betroffen waren oder sie gar beeinflussten.

Der Artikel hinterlässt Traurigkeit. Der alte Mann tut mir leid. Ich würde ihm zuhören, lieber noch Fragen stellen, mit ihm diskutieren, mir Bestätigung holen für meine, meist angelesenen Auffassungen. Reden über den Prozess oder Filme wie Hannah Arendt und die Darstellung der Politologin durch Barbara Sukowa.

In Zeiten, in denen sogar Polizeischüler* in mündlichen Prüfungen auf die Frage nach dem ersten Bundeskanzler mit „Hitler“ und dem Führer des Dritten Reiches mit „Adenauer“ antworten*, ist es unbedingt angebracht, nicht locker zu lassen mit der Geschichte der letzten  90 Jahre und mehr.

Bücher „Gegen das Vergessen“: Nun sind es 54 Beiträge, die mit diesem Label versehen sind. Nicht alle beschäftigen sich mit dem Holocaust, es gibt mehr Geschehnisse und Ereignisse in der Weltgeschichte, die dieses Label unbedingt verdienen. So manches Buch wird hier noch vorgestellt werden. Ein Artikel in einer Zeitschrift, der Erinnerungen an Gelesenes hervorruft. **



Längst nicht alle Bücher und Beiträge gegen das Vergessen





*   Es sind sehr seltene Ausnahmen, doch habe ich sie erlebt.
** Dem Post liegt der Artikel von Alexander Osang in DER SPIEGEL  (Nr. 20 vom 11.05.2019)
     Seite 56 bis 60 zu Grunde

© Bücherjunge

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