Kurzmeinung: Literarischer Coming-of-Age Roman, der gesellschaftskritische Themen mit einer berührenden Freundschaftsgeschichte verbindet...
MODERNER JUGENDROMAN MIT TIEFGANG...
"Ständig war ich eingeklemmt zwischen den Dingen, die viel drängender waren als meine. Für mich selbst, schien es, blieb überhaupt kein Platz. Schon gar nicht für so was Luxuriöses wie - Liebe"
In diesem Jugendroman stehen die 15-jährigen Freundinnen Issa und Grace vor ganz unterschiedlichen Problemen, die letztlich doch auf dieselbe Frage hinauslaufen: Wie kommt man an Geld, wenn man es dringend braucht?
Issas Familie kommt finanziell kaum über die Runden. Ihre alleinerziehende Mutter bemüht sich darum, sie über Wasser zu halten, kann Issas Einschätzung nach aber nicht wirklich gut mit dem Geld haushalten. Ihre jüngere Schwester Livvie spricht seit der Trennung der Eltern nicht mehr, weshalb die Mutter sich vor allem um sie sorgt; Issa ist dagegen oft auf sich allein gestellt. Als plötzlich eine schulische Zahlung im Raum steht und unklar ist, ob der Sozialfonds einspringen wird, wächst der Druck. Gleichzeitig leidet Grace unter ihrer plötzlich stark gewachsenen Brust, die ihr nicht nur peinlich ist, sondern auch Schmerzen bereitet. Eine Brustverkleinerung könnte Abhilfe schaffen, doch die Kostenübernahme ist nicht so einfach - abgesehen davon zeigt sich Graces ebenfalls alleinerziehende Mutter mit einem solchen Eingriff auch nicht einverstanden. Also beschließen die beiden Freundinnen, selbst nach einer Lösung zu suchen – und überschreiten dabei nach und nach Grenzen.
Issa und Grace haben mir als Figuren gut gefallen, gerade weil sie so unterschiedlich sind. Issa ist eher ruhig, bedacht und bodenständig, während Grace deutlich selbstbewusster, direkter und risikofreudiger auftritt. Trotzdem oder gerade deshalb funktionieren die beiden als Freundinnen sehr gut. Beide tragen ihre eigenen Sorgen mit sich herum und geben einander Halt, auch wenn sie nicht immer wissen, wie sie die Probleme der anderen tatsächlich lösen können. Ihre Freundschaft bildet für mich den emotionalen Mittelpunkt der Geschichte.
Der Aufbau gestaltet sich dadurch interessant, dass die Geschichte nicht ausschließlich aus Issas Perspektive erzählt wird. Neben der eigentlichen Handlung gibt es eingestreut Auszüge aus Graces "ABC des Geldes" sowie Livvies Tagebucheinträge. Diese Einschübe lockern die Erzählung auf und erweitern die Perspektive. Gleichzeitig wird dadurch das zentrale Thema Geld immer wieder aus einem anderen Blickwinkel betrachtet.
Überhaupt steckt in dem Roman deutlich mehr als eine typische Coming-of-Age-Geschichte. Themen wie Freundschaft, soziale Ungleichheit, Geldnot, Erwachsenwerden, Körperbild, Kapitalismus und feministische Fragestellungen werden hier miteinander verbunden. Besonders gut herausgearbeitet fand ich den Gegensatz zwischen den Jugendlichen aus finanziell privilegierten Familien und denen, für die selbst kleinere Ausgaben zum Problem werden können. Die Geschichte zeigt ziemlich eindrücklich, wie unterschiedlich die Ausgangsbedingungen sein können. Insgesamt gibt es hier jedoch vielleicht etwas viele Themen, die bei der Kürze des Romans oft nur angerissen werden können.
Etwas kritischer sehe ich zudem den Umgang mit Graces Brustverkleinerung. Dass ihre körperlichen Beschwerden und die damit verbundenen Unsicherheiten für sie eine enorme Belastung darstellen, wird nachvollziehbar vermittelt. Auch die Problematik der Kostenübernahme ist ein spannender Ansatz. Die weitere Entwicklung empfand ich allerdings stellenweise als etwas konstruiert. Gerade bei einem Thema, das so stark mit Körperbild, Selbstbestimmung und medizinischer Notwendigkeit verbunden ist, hätte ich mir (vor allem angesichts der eigentlichen Zielgruppe: Jugendliche ab 14 Jahre) an manchen Stellen etwas mehr Differenzierung gewünscht. Die Geschichte wirft hier wichtige Fragen auf, beantwortet sie für mich aber nicht immer ganz überzeugend bzw. ausreichend.
Ein kleiner Kritikpunkt bezieht sich außerdem auf das Ende. Die wesentlichen Fragen werden zwar beantwortet, trotzdem hätte ich mir etwas mehr Raum für den Ausklang gewünscht. Nach der Entwicklung der Geschichte wirkte das Ende doch etwas plötzlich.
Der Schreibstil ist modern, klar und flott, ohne sich im Jugendsprech zu verlieren. Die Geschichte lässt sich leicht hören, ohne oberflächlich zu wirken, und trotz der teilweise ernsten Themen gibt es immer wieder humorvolle Momente. Birte Schnöink trifft mit ihrer angenehmen, jugendlich klingenden Stimme den Ton der Geschichte und verleiht Issas Erzählung eine passende Mischung aus Nachdenklichkeit und Leichtigkeit. Auch die unterschiedlichen Textformen lassen sich durch ihre Interpretation gut voneinander abheben. Mit 4 Stunden und 33 Minuten hat die ungekürzte Fassung zudem eine angenehme Länge und lässt sich gut in wenigen Etappen hören.
Ein moderner Jugendroman, der wichtige gesellschaftliche Themen aufgreift und dabei nicht nur für Jugendliche interessant ist. Vor allem die Freundschaft von Issa und Grace sowie die Frage, wie sehr Geld darüber bestimmt, welche Möglichkeiten einem im Leben offenstehen, konnten mich überzeugen.
© Parden


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