Dienstag, 28. Juli 2026

Ein Rückblick auf die Chárdásfürstin

 

Szenenbild TOG


Nun sind sie vorbei, die diesjährigen Operettenfestspiele im Schlosspark Neustrelitz. Auf strelitzius.blog lesen wir, dass 12.310 Zuschauer die 12 Vorstellungen von Emerich Kálmáns Werk gesehen haben. Am 02.Juli kündigte ich an, was die Besucherinnen und Besucher erwartet, sie wurden nicht enttäuscht. 

Erinnern wir uns: Edwin von und zu Lippert-Weylersheim liebt ein "TingelTangel". Ein Revuegirl namens Sylva Varescu. Sein Vater will, dass er eine Nichte des Fürsten, die Komtesse Anastasia heiratet. 

Edwin verspricht der Sylva die Hochzeit, die will erst einmal nach Amerika. In einem typischen Operettenfeuerwerk sehen wir am Ende zwei Liebespaare und einen Fürsten, der auch nicht standesgemäß geheiratet hat.

Es war ein Ohrenschmaus, den Kenichiro Kojima mit der Neubrandenburger Philharmonie, dem Chor der TOG und den Solisten auf den Schlossberg zauberte, mit einem vielleicht etwas zurückhaltenden Andrés Felipe Orozko (Edwin), den "Chárdásfürstinnen" Julia Baier-Tarasova und Laura Albert, den spritzigen und machmal etwas albernen Richard Glöckner (Graf Boni Káncssiánu, Freund Edwins) und der in jeder Hinsicht überzeugenden Laura Scherwitzl (Anastasia). 

Es ist Krieg, beziehungsweise steht der erste Weltkrieg kurz bevor (Die Uraufführung in Wien erfolgte 1915), aber in Wien ist davon nicht allzu viel zu spüren. Sven Müller, der die Weltoperette inszenierte, lässt viel Raum für selbsterzeugte Bilder  in den Köpfen des Publikums. Schon die Hafenpier, der Bühnenrand mit dem Rettungsring der Titanic II, gibt zu Beginn Rätsel auf, aber Sylva will ja per Schiff nach Amerika. Will Boni mit, der zeitweise mit Sternen und Streifen auf der Bühne wedelt? 
An Amerika erinnert eine Persiflage auf "Chorus line", wenn Mitglieder von Chor und Tanzkompanie in einer solchen "rumhampeln" während sich vor ihnen ein bunt angezogener  Ballettmeister abmüht. Doch da die "Chose ganz ohne Weiber nicht abgehen kann" zeigen die "Mädies vom Chanton" wie es geht und wir erkennen kurz irgendwie Uma Thurman und John Travolta mit Bewegungen der berühmten Tanzszene aus "Pulp Fiction" von Qentin Tarantino.

Wir erfahren zwar nicht, ob Edwin tatsächlich eingezogen wird, aber dass Krieg ist, immer mit Flucht und Vertreibung verbunden, zeigt eine ungewöhnliche Szene, wenn Frauen und Männer, unter dunklen Mänteln noch die Theatergarderobe, mit Hut und Koffern plötzlich an der Pier stehen, Emigranten gleich, hören wir da plötzlich Klezmer-Takte?

Die Meinungen gehen auseinander, wenn es um Deutungen geht: soll das Kolorit eines Emmerich Kálmáns immer erhalten bleiben oder sind auch ganz andere Assoziationen denkbar? Müller will genau dies: Das Publikum soll sich mit verschiedenen Assoziationen auseinandersetzen.

Das Publikum schunkelt, klatscht mit, manchmal kann man zusätzliche "Sängerinnen" hören. Man lacht über die manchmal übertriebenen slapstick-ähnlichen Einlagen, des Boni ("Bin ich dein Bro´?") und die in Operetten üblichen neuzeitlichen Anspielungen über die Bahn, das Internet, selbst Stasi und die Ankündigung des Falls der Berliner Mauer sind erkennbar.

Ein einziges Theater auf der Bühne, zuerst sehen wir eines, welches in Auflösung zu sein scheint, der Impresario Feri von Kerekes (gesungen von Robert Merwald) beklagt dessen Niedergang, aber die ganze Geschichte spielt sich zwischen den Vorhängen seiner Welt ab, ob Budapest, ob Wien: Wir bleiben auf der Bühne inmitten eines wallenden roten Vorhangs. Zeitloses Theater mit zeitloser Musik oder Musiktheater in sich wandelnden Zeiten: Was das die Absicht der Bühnen- und Kostümbildnerin Lena Brexendorff und des Intendanten? 

"Jaj mamam, Bruderherz, ich kauf’ mir die Welt 

Jaj mamam, was liegt mir am lumpigen Geld! 

Weißt du, wie lange noch der Globus sich dreht, 

Ob es morgen nicht schon zu spät!" 


Schlussbild (UR)
Man kann wohl an einer jeden Aufführung hundertjähriger Stoffe herummäkeln, wenn man pfeifend und singend nach Hause fährt, hat man sicher einen schönen Abend erlebt. Und das war so. Auf dem Weg zum Auto hörte man hier und da noch ein paar Takte Nachklang.

Solisten, Chor und Extrachor der TOG, die Deutsche Tanzkompanie und die Neubrandenburger Philharmonie bereiteten vergnügliche und nachhallende Abende, auch wenn Premiere und Schlussvorstellung fast im Regen untergingen. (Wir hatten am Sonnabend dem 25. Juli fantastisches Open-Air-Wetter).

Freuen wir uns auf nächstes Jahr, wenn "Herz über Bord" gespielt wird, eine Operette von Eduard Künneke.

* * *


Ich bedanke mich für Antworten und Gespräche bei Herrn Sven Müller (Intendant), Herrn Martin von Bargen (Musiktheaterdramaturg) und Frau Wenke Frankiw (Kommunikation und Marketing).


© Bücherjunge


  

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