Montag, 11. Mai 2026

Cavanagh, Steve: Seven Days

 

Man nennt ihn den König der Todeszellen. Randal Korn hat mehr Menschen auf den elektrischen Stuhl geschickt als jeder andere Staatsanwalt in Amerika. Und er genießt es, bei Hinrichtungen zuzusehen. Sein nächstes Opfer: Andy Dubois, ein junger Afroamerikaner, der wegen des Mordes an einem weißen Mädchen zum Tode verurteilt werden soll. Korn hat bereits alles für einen möglichst kurzen Prozess vorbereitet. Doch er hat nicht mit Eddie Flynn gerechnet. Dem New Yorker Anwalt bleiben sieben Tage, um Andy vor einer korrupten Justiz zu retten und den wahren Täter zu finden. Dann soll das Urteil gesprochen werden. Wird Eddie Flynn bis dahin noch am Leben sein? (Verlagsbeschreibung)

DNB / Goldmann / 2025 / ISBN 978-3-442-49629-7 / 592 Seiten

Reihe: Eddie Flynn Bd. 6 
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Kurzmeinung: Stellenweise schier unerträglich, v.a. weil man sich vorstellen kann, dass es im Kern auch in der Realität so sein kann. Toller 6. Teil!






VERDAMMT SPANNEND!


Der sechste Band der Reihe um Eddie Flynn ist weit mehr als nur ein klassischer Justizthriller. Das Buch ist eine düstere, erschreckend glaubwürdige Reise in die Abgründe eines Systems, das Gerechtigkeit vorspielt, in Wahrheit aber von Macht, Rassismus und Angst durchzogen ist. Steve Cavanagh zeigt einen Bundesstaat im Süden der USA, in dem die Vergangenheit nie wirklich vergangen ist – rassistische Organisationen, struktureller Hass und die Verherrlichung der Todesstrafe leben weiter und und gewinnen wieder an Stärke. Gerade deshalb wirkt der Roman so beklemmend: Vieles erscheint nicht überzogen, sondern erschreckend nah an der Realität. Dies bestätigt der Autor auch in seinem Nachwort.

Im Zentrum der Handlung steht der junge Afroamerikaner Andy Dubois, der wegen des Mordes an einem weißen Mädchen zum Tode verurteilt werden soll. Der berüchtigte Staatsanwalt Randal Korn – „der König der Todeszellen“ – verkörpert dabei die Ausgeburt des Bösen. Korn ist kein eindimensionaler Schurke, sondern ein fanatischer Machtmensch, der seine Grausamkeit offen genießt. Dass er Hinrichtungen wie persönliche Triumphe behandelt, macht ihn zu einer der verstörendsten Figuren des Thrillers. Besonders bedrückend ist, wie er ein rassistisch geprägtes Umfeld und ein manipuliertes Justizsystem nutzt, um das gewünschte Urteil praktisch schon vor Prozessbeginn festzuschreiben.


"Und die ganze Zeit über fühlte sich Korn, als würde der Strom durch seine eigenen Adern fließen. Er fühlte sich wie von einer Urkraft durchdrungen. Als Bezirksstaatsanwalt hielt er die Macht über Leben und Tod in seinen langen, krummen Händen. Und er genoss es. Er hatte diesen Menschen getötet, als hätte er ihm selbst eine Kugel in den Kopf geschossen, und dieser Gedanke war berauschend. Jemanden zu erschießen oder zu erstechen, war für Korn nicht dasselbe. Zu animalisch. Korn mordete mit der Macht seines Amtes, seines Verstandes und seines Geschicks. Und es bereitete ihm ein größeres Vergnügen, als er sich je erträumt hatte."


Eddie Flynn dagegen ist der perfekte Gegenspieler. Obwohl er normalerweise in New York praktiziert, wird er von einem Mitarbeiter einer geheimen US-Organisation auf den Fall angesetzt. Auch wenn Eddie und seiner Mitstreiter:innen im Grunde keine Chance sehen, Andy aus den Fängen der korrupten Polizei und Justiz zu befreien, sind sie fest entschlossen, dem Staatsanwalt die Stirn zu bieten. Mit klugen Finten, ungewöhnlichen Strategien, Taschenspielertricks und seinem Gespür für Menschen lässt er bei aller Hoffnungslosigkeit nicht locker. Gelungen ist auch die Zusammenarbeit zwischen Eddie Flynn und seiner jungen Kollegin Kate Brooks. Die beiden ergänzen sich hervorragend: Eddie als improvisierender Kämpfer vor Gericht, Kate als hochintelligente, analytische und kompromisslose Partnerin. Aber ob der Fall gewonnen werden kann, steht in den Sternen.

Besonders gelungen ist außerdem Blochs Auftreten. Die ehemalige und gut ausgebildete Polizistin begleitet Kate, Eddie und Eddies Freund und Richter a.D. Harry in den menschlichen Sumpf der Kleinstadt im Süden der USA und bekommt dort allerlei zu tun. Keine Meisterin der Worte aber eine Meisterin der Waffen und des effektiven Kampfes. Sie zeigt der verrohten Männerwelt, was sie erwartet, wenn sie sich mit ihr anlegen: kompromisslose Gegenwehr. Das wirkt bei aller Brutalität so manches Mal auch sehr amüsant, womöglich weil das eigene Gerechtigkeitsempfinden dabei sehr befriedigt wird.


"Mit dem Sheriff sollte man sich nicht anlegen." - Bloch beugte sich vor. "Nach alldem, was Sie uns heute Abend erzählt haben, knöpfe ich ihn mir vor, und diesen Korn auch." - "Sie müssen vorsichtig sein. Das sind gefährliche Männer." - "Die machen mir keine Angst", sagte Bloch. - "Wieso nicht?" - "Weil ich eine gefährliche Frau bin."


Überhaupt versteht es der Autor, mit trockenem Humor inmitten der bedrückenden Handlung immer wieder für Momente zu sorgen, in denen man kurz durchatmen kann. Ansonsten zieht Cavanagh wie gewohnt sein hohes Tempo durch, die Spannung ergibt sich zum einen durch die Handlung um das Gerichtsverfahren, zum anderen aber auch durch die Machenschaften im Hintergrund, die das Gefühl der umfassenden Bedrohung ständig aufrecht erhalten. Da genießt man die eingestreuten pointierten Dialoge, die einen trotz der düsteren Atmosphäre schmunzeln lassen - doch wenige Sätze später wird man dann erneut in Angst versetzt. Zudem hat man ständig die Sorge, dass es wieder jemanden aus Eddies Team erwischen könnte - der Autor ist diesbezüglich ja nicht zimperlich. An der ein oder anderen Stelle wollte ich gar nicht weiterlesen...

Was diesen Thriller so stark macht, ist letztlich die Verbindung aus Hochspannung und gesellschaftlicher Realität. Der Roman zeigt, wie leicht ein System, das nach außen Recht und Ordnung verkörpert, zu einem Werkzeug von Vorurteilen und Machtmissbrauch werden kann. Die rassistischen Strukturen, die Verbindungen zu rechtsradikalen Netzwerken und die gezielte Manipulation der Öffentlichkeit machen den Thriller erschreckend aktuell. Cavanagh liefert damit nicht nur einen nervenaufreibenden Pageturner, sondern auch eine bittere Anklage gegen institutionellen Rassismus und die Todesstrafe.

"Seven Days" ist brutal, intelligent, spannend und stellenweise kaum zu ertragen – gerade weil man spürt, dass die geschilderten Zustände näher an der Wirklichkeit liegen, als einem lieb ist. Klare Leseempfehlung!


© Parden





Steve Cavanagh wuchs in Belfast auf und zog mit 18 Jahren nach Dublin, wo er Jura studierte. Er arbeitete als Tellerwäscher, Türsteher, für einen Sicherheitsdienst und als Call-Center-Agent, bevor er einen Job bei einer großen Anwaltskanzlei in Belfast ergatterte. In seiner irischen Heimat machte sich Steve Cavanagh als erfolgreicher Bürgerrechtsanwalt einen Namen und war in zahlreiche prominente Fälle involviert. Mittlerweile konzentriert er sich auf seine Arbeit als Autor. Seine Thrillerserie um Eddie Flynn machte ihn zu einem der erfolgreichsten internationalen Spannungsautoren. (Quelle: Penguin Random House Verlagsgruppe)


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