Dienstag, 21. April 2026

Reisen und Schreiben oder doch lieber Romane? Ein Interview mit Beate Baum



Zwischen Kulturveranstaltungen und Romanlesungen ist Beate Baum in Dresden und anderswo unterwegs, in Irland oder in Großbritannien, mit einer Vorliebe für Liverpool. Ihre Dresden-Romane um die Journalistin Kirsten Bertram sind das Ergebnis von Beruf und dem Spaß am Schreiben. Ein Gespräch am Schreibtisch der Autorin.


Reisejournalistin: Ist das ein Traumberuf?

Es war ein Traumberuf, tatsächlich. Ich durfte das lange sehr ausgiebig machen. Ich habe angefangen, als ich in England gelebt habe, auf eigene Faust das Land zu erkunden, und Erlebtes in Reportagen zu bearbeiten, hat mich sehr gereizt.

Als ich zurück in Deutschland war, oder vielmehr, hier in Dresden, habe ich das Ganze nochmal neu aufgestellt. Dabei habe ich gemerkt, dass man unglaubliche Unterstützung bekommt von den Fremdenverkehrsämtern und Reiseunternehmen usw., wenn man gute Partner hat, die das alles abdrucken. Und die hatte ich zu jener Zeit. Meine Reportagen sind in der Zeit 10-15 Mal in ganz Deutschland gelaufen, in verschiedenen Regionalzeitungen.

Daraufhin ging das wirklich immer weiter, eine ganz positive Entwicklung, so dass ich mir Ziele und Themen raussuchen konnte, die mich interessiert haben. Nicht das All-Inclusive-Hotel auf den Malediven, sondern sowas wie Veränderungen in der Stadt Detroit oder die Einsamkeit auf der Upper Peninsula in Northern Michigan und Ähnliches. Ich habe mich reingearbeitet und Partner gesucht, die das finanziell unterstützt haben. Man bewegt sich da in so einem Graumarkt zwischen Werbung und richtigem Journalismus. Aber ich habe immer nur, das kann ich für mich wirklich beschwören, Sachen gelobt und positiv besprochen, die es wert waren. Dann habe ich ein maßgeschneidertes Reisekonzept bekommen, häufig tatsächlich zusammen mit meinem Mann, der die Fotos gemacht hat, der aber auch, muss ich sagen, einen Großteil selbst bezahlt hat. Da haben wir immer drauf geachtet.

Tolle Leute habe ich vor Ort kennengelernt. Das Finanzielle ist die eine Seite, das andere, irgendwie in einem ausverkauften Theaterstück noch einen Platz zu kriegen oder an einer Museumsschlange vorbeigelotst zu werden und reinzukommen in die neue Sonderausstellung. Ja, ich habe viele tolle Dinge erlebt, darüber geschrieben und war damit sehr erfolgreich.

Durch die Krise der Printmedien ist alles immer weiter abgebröckelt. Ich hatte zum Schluss immer noch eine sehr gute Abnehmerin im Zeitungsverbund Südthüringen, einmal im Monat eine große Doppelseite. Als die das umstellten, haben sie gesagt, nee, wir können uns das nicht mehr leisten. Wobei, das Honorar, welches man dafür kriegt, ist genauso unterirdisch wie das, was man generell bei Printmedien kriegt.


Aktuell gibt kaum noch Möglichkeiten, Geschichten zu verkaufen. Ich habe noch einen Abnehmer, die Rhein-Neckar-Zeitung, da ist eine ganz engagierte Kollegin, die bringt Geschichten von mir. Eine tolle Story-Idee zu haben, dann eine Wahnsinnsreise zu machen und das in zig Regionalzeitungen zu bringen, funktioniert eher nicht mehr.

Es sind heute kleinere Sachen, irgendwo in Europa oder Deutschland, aber das ist okay. Ich bin total dankbar für das, was ich hatte, das war wirklich sensationell und es ist jetzt eine andere Zeit.


Könnt ihr eure Reisen in berufliche und private trennen?

Einmal ist mein Mann ein Typ, der gerne viel unternimmt. Das Programm bei den Reisen ist meist sehr eng getaktet. Es ist nichts mit Urlaub, mit ausschlafen und dann irgendwo am Strand rumliegen, sondern es folgt wirklich ein Termin nach dem anderen. Insofern war das für uns beide meistens eine tolle Zeit, das ja.

Wenn wir heute unterwegs sind und ich bin sehr beeindruckt von irgendeiner Stadt oder einer Gegend, dann frage ich im Nachhinein an, eben jetzt bei der Rhein-Neckar-Zeitung, ob die was machen wollen, wenn ja, dann schreibe ich.


Deine Stationen sind Dortmund, Erfurt, Liverpool, Dresden?

Erfurt war das allererste Reinschnuppern in den Journalismus, aber die zwei Jahre Volontariat habe ich in Südthüringen, in Suhl gemacht.

Kaum warst du in Dresden, 1998, kam dann 2001 der erste Roman, ‚Dresdner Silberlinge‘, heraus. Hat das Schreiben journalistischer Texte nicht mehr gelangt?


Nein, in der Zeit war das ja alles wunderbar. Ich habe das seit 1991 parallel gemacht und tatsächlich 1991 schon die allererste Version von meinem Erfurt-Krimi ‚Auf Sendung‘ geschrieben, der dann lange in der Schublade lag. Ich habe trotzdem weiter geschrieben, auch Sachen eingeschickt, habe Absagen kassiert, ebenso begründete Absagen, habe weitergemacht. Es war einfach, dass es da das erste Mal geklappt hat mit dem Buch.

Stell dir vor, du sitzt hier am Schreibtisch, hast keinerlei Druck, nicht einen einzigen Termin. Du hast völlig die Wahl, was schreibst du, einen Artikel oder einen Roman?

Ja, für einen Artikel muss ich ja einen Auftrag haben. Das wäre ja dann eine Art von Termin. Also schreibe ich dann an meinem aktuellen Buch.

Die ganze journalistische Arbeit ist eingetaktet, da sind die Termine vorgegeben. Es gibt Texte, die nicht termingebunden sind, trotzdem sind diese irgendwo geplant. Das belletristische Schreiben läuft dann in der Zwischenzeit.

Wie viel Zeit verbrauchst du dann für, ich sag mal, Auftragsakquise?

Nicht mehr so viel, weil ich das eben mit dem Reisejournalismus jetzt quasi ad acta gelegt habe und nur noch mit dieser einen netten Redakteurin kommuniziere. Und ansonsten mache ich für die Dresdner Neueste Nachrichten und für die SAX Kulturartikel und da kommuniziere ich einfach mit den Kollegen und reiche denen rein, was ich gerne machen würde. Die melden mir zurück, klappt oder klappt nicht. Das braucht nicht mehr viel Zeit.

Früher, als es mehr war im Reisejournalismus, als viel funktioniert hat, habe ich viel Zeit reinstecken müssen und ausgefeilte Exposés rumgeschickt und mit den Leuten gesprochen.


Veranstaltungen. Du hast geschrieben, dass sich bei der Gundermann-Party mit Alexander Scheer und Andreas Dresen im Alten Schlachthof nicht nur „eine jener Boomer Alterskohorten, sondern auch eine Ost-West-Vereinigung traf. Ostkritiker und Westkritiker wären unter sich im Hafen der Rockmusik gewesen.“ Was bedeutet dir Gundermann? Wie bist du dem erstmals begegnet?



Sehr, sehr spät. Tatsächlich über den Film von Andreas Dresen. In der Dresdner Konzertreihe ‚Musik zwischen den Welten‘ von Andreas Grosse ist dann die Leipziger Schauspielbrigade mal aufgetreten, die ja das Gundermann-Erbe hochhält seit vielen, vielen Jahren. Das muss jetzt ungefähr zehn Jahre her sein, dass ich da das Konzert gesehen und gehört habe. Den Film fand ich schon toll, aber bei dem Konzert habe ich erstmals gemerkt, wie toll die Texte sind und habe gedacht, wow, also das ist bislang an mir vorbeigegangen.

Klar, ich bin westsozialisiert, für mich war das vergleichbar mit den Stücken von Rio Reiser. Andreas Dresen und der Alexander Scheer bringen von ihm ja auch Interpretationen. Also die beiden sind wirklich vergleichbar für mich mit ihrer Sozialkritik und der sehr poetischen Sprache.


Über Gundermann könnten wir viel fachsimpeln, kommen wir zurück zu den Romanen. Du hast dich am Ende mit Kirsten Bertram, dem achten Roman, ‚Dresden rechts außen‘ politisch sehr klar positioniert. Hast du, das ist so ein Gefühl, mit diesem Buch die meisten Lesungen absolviert bisher?


Nein, schon deswegen nicht, weil das in der Corona-Zeit erschienen ist. Die meisten Lesungen hat man direkt nach dem Erscheinen und da waren es relativ wenig.

Gab es aus dem Publikum bei den letzten Romanen irgendwann mal politischen Gegenwind?

Nee, wer zu so einer Lesung geht, der ist schon tendenziell eher der gleichen Meinung. Es gibt ein paar Kommentare im Internet, die nicht so nett sind, aber das ist noch nicht mal als Mail bei mir gelandet. Ich kann mich nicht beschweren, da haben andere ganz andere Probleme.

Was sind deine nächsten literarischen Pläne?

Wieder ein John und Ines Musikerkrimi, ein Kurzroman, ein Weihnachtskrimi, der in New York spielt.

Die kommen ja ganz schön rum.

Genau, das ist ja das Konzept. Die haben sich in Liverpool kennengelernt, waren dann, in ‚Niemand, kennt dich, wenn du am Boden liegst‘, im Wesentlichen in Glasgow. Und in ‚Eileens Ende‘ in Irland und jetzt eben New York. Mit denen lebe ich aus, dass ich all diese Orte kennenlernen durfte und verewige diese jetzt nochmal fiktional.



Sicher sparst du Recherchezeit, weil du Bilder vor Augen hast.

Weil wir gerade bei den Musikerkrimis sind. Neben der Kirsten Bertram, die Romanjournalistin mit Hang zu investigativer Recherche, haben es dir die schon erwähnten Ines und John, in den Musikerkrimis angetan. Ist denn Liverpool der Ausgangspunkt für dich persönlich? Hast du dort die ersten Ideen dafür gefunden? Ich denke da logischerweise an Beatles und Co.

Ja, genau. Das war auch für die ‚Ballade von John und Ines‘ der Ausgangspunkt.

Das hat der Leser bald bemerkt. Wir dürfen also auf einen neuen Roman warten.

Ende September, kommt's raus, ‚Zwischen den Jahren‘, ein New-York-Weihnachtskrimi.

Ein New York Weihnachtskrimi. Dann freuen wir uns genau darauf. Vielen Dank für das Gespräch. Schön, dass du Zeit dafür gefunden hast.


Ja. Gut, bis zum nächsten Mal.


© Bücherjunge

  • Buchcover von Beate Baum - Webseite
  • Scheer - Dresen Bühnenfoto - Beate Baum / DNN

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