Mittwoch, 3. Juni 2026

Dixon, Glenn: Die unendliche Sehnsucht der Haushaltsgeräte

 

In einem Smarthome in nicht allzu weit entfernter Zukunft geht ein kleines Gerät seiner liebsten Tätigkeit nach: Scout, ein Staubsaugerroboter, hört gern zu, wenn sein Besitzer Harold seiner schwerkranken Frau Edie vorliest. Als sie stirbt und Harold in seinem Schmerz zu versinken droht, machen es sich Scout und die anderen Haushaltsgeräte zur Aufgabe, ihrem Menschen zu helfen. Denn in der hochtechnisierten Umgebung, die auf den ersten Blick perfekt scheint, zeigen sich Risse, und Scout beginnt zu verstehen, dass die Welt nicht nur aus Schaltkreisen besteht. (Verlagsbeschreibung)

DNB / hanserblau / 2026/ ISBN 978-3-446-28486-9 / 288 Seiten

Kurzmeinung: Ein warmherziger Roman - die bedrohlich-dystopische Atmosphäre wird durch die zunehmende Menschlichkeit eines kleinen Staubsaugerroboters gemildert...









VON DER (UN)MENSCHLICHKEIT DER KI...


Dieser Roman spielt in naher Zukunft - und wer genau liest, entdeckt auch den Hinweis darauf, dass es sich dabei um das Jahr 2045 handeln muss. Viele technische Errungenschaften sorgen dafür, dass Menschen in ihren Smarthomes sehr bequem leben können und dass auch sonst alle Abläufe perfekt aufeinander abgestimmt sind. Doch während zu Beginn alles in einem sehr positiven Licht erscheint, gesellen sich schon bald düstere Töne hinzu.

Im Zentrum des Geschehens steht Scout, ein kleiner Staubsaugerroboter, der so programmiert wurde, dass er selbständig handelt und Entscheidungen trifft - immer im Rahmen seiner zugewiesenen Aufgaben. Diese bestehen selbstredend vor allem darin, das Haus sauber zu halten, in dem Edie und Harold seit Jahrzehnten leben. Doch Scout macht auch eigene Beobachtungen, lauscht dem Klavierspiel von Edie und ihren unterschiedlich talentierten Schüler:innen, bestaunt die Hingabe des pensionierten Lehrers Harold beim Restaurieren antiquarischer Bücher, sie hört zu bei Gesprächen und vor allem auch, als es Edie immer schlechter geht und Harold ihr stundenlang am Bett vorliest.

Scout bemüht sich zu verstehen, was menschliche Empfindungen wie Glück, Schönheit, Trauer oder Einsamkeit sind und diskutiert diese und andere Themen auch allabendlich mit anderen elektrischen Geräten wie der Küchenuhr und dem Kühlschrank. Leise philosophische Anklänge ohne zu viel zu sein. Als sich herausstellt, dass Harold nach dem Tod seiner Frau womöglich auch noch sein Haus verliert - eine rationale und nicht zu diskutierende Entscheidung der übergeordneten KI -, ist guter Rat teuer. Doch Scout ist fest entschlossen, Harold zu helfen...

Dieser Roman verquickt Gegensätze miteinander, die dafür sorgen, dass man sich beim Lesen gleichzeitig wohlfühlt und gruselt, berührt ist und abgestoßen, dahinschmilzt und sich sorgt. Diese Mischung aus Wohlfühlroman und Dystopie ist eine durchaus nicht angenehme - die zunehmend bedrohliche Atmosphäre wird zwar durch die immer deutlicher zutage tretende "Menschlichkeit" des kleinen Staubsaugreroboters gemildert, aber die aufgezeigten Zukunftsperspektiven sorgen eben auch dafür, dass man sich nie wirklich fallen lassen kann.

Die KI - für sich genommen nichts Böses, kann sie sich aber doch zu etwas Schlechtem entwickeln. Solch ein Szenario erlebt man hier, und man wird dadurch auf eine Weise überrascht, die unter die Haut geht. Die geschilderte KI ist rein auf rationale Entscheidungen und Effizienz ausgerichtet und berücksichtigt nicht, was den Menschen eigentlich ausmacht - Emotionen, Träume, Selbstverwirklichung, Wünsche, Vorstellungen oder Empathie zählen für sie nicht. Und genau da liegt die eigentliche Erschütterung - in dem Verlust der Menschlichkeit und der moralischen Wertvorstellungen.

Dass die dystopischen Anteile in diesem Roman solch eine große Rolle spielen, hatte ich nicht erwartet - aber das macht das Ganze auch recht spannend. Können Pläne geheim gehalten werden, Absprachen getroffen werden ohne eine Bestrafung auszulösen, unumstößliche Entscheidungen verhindert werden? Wie hoch wird der Preis jedes Einzelnen sein? Ich habe die Entwicklung der Handlung jedenfalls sehr gespannt verfolgt.

Einige nicht ganz logische Details und offen gebliebene Fragen am Schluss verhindern die Höchstwertung, aber insgesamt hat mir der Roman sehr gut gefallen. Schön fand ich auch, dass der Autor die Bücher, die in seinem eigenen Leben eine große Rolle gespielt haben, auch in sein eigenes Werk Einzug halten ließ - und mich daran erinnert hat, dass ich beispielsweise "Wer die Nachtigall stört" von Harper Lee endlich einmal lesen muss.

Eine letztendlich beängstigende Dystopie, die aber durch die zunehmende "Menschlichkeit" des kleinen Staubsaugerroboters abgemildert wurde. Hoffnung angesichts des Unausweichlichen? Lesenswert in jedem Fall!


© Parden




Glenn Dixon lebt in Calgary, Kanada. Er spielt in verschiedenen Bands und schreibt unter anderem für National Geographic, die New York Post und Psychology Today. Bevor er Schriftsteller wurde, unterrichtete er zwanzig Jahre lang an einer Highschool. (Quelle: hanserblau)



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Durch das Kommentieren eines Beitrags auf dieser Seite, werden automatisch über Blogger (Google) personenbezogene Daten, wie E-Mail und IP-Adresse, erhoben. Weitere Informationen findest Du in unserer Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google. Mit dem Abschicken eines Kommentars stimmst Du der Datenschutzerklärung zu.

Um die Übertragung der Daten so gering wie möglich zu halten, ist es möglich, auch anonym zu kommentieren.