Erinnerungen an ein zerstörtes Land untertitelt Hamza Abu Howidy das vorliegende Buch, der sich erinnert, am Strand von Gaza einst Muscheln gesammelt zu haben. Es ist ein neues, ein aktuelles Buch aus dem Fischer-Verlag.
Ein autobiografisches Buch aus der Feder eines 1997 in Gaza geborenen Palästinensers, erzogen in einer Welt, in der seit Jahren eine politische Organisation Politik macht, die ihre islamistischen Ansichten einerseits mit militärischer Gewalt gegen Israel darstellt, anderseits gegenüber der palästinensischen Bevölkerung mit Haft und Folter agiert, wenn diese nicht spurt. Die HAMAS und ihr militärischer Arm, bezeichnenderweise Islamischer Dschihad genannt, ist diese Organisation, die einst aus der Muslimbrüderschaft hervorging.
- DNB / S.Fischer Verlag / 29.04.2026 / ISBN: 978-3-10-397768-4 / 240 S.
Hamza war acht Jahre alt, als die Israelis innerhalb von vier Wochen, im August und September 2005 den Gaza-Streifen mit Mann und Maus, Siedler und Militär, verließen. Von nun an hatte die HAMAS dort fast freie Hand. Als Zehnjähriger sah er, wie die HAMAS sich in Gaza die ganze Macht holte und mit Waffengewalt gegen die Sicherheitskräfte der palästinensischen Autonomiebehörde, welche von der Fatah dominert wurde, vorging. Sicherheitskräfte der PA zogen ihre Uniformen aus und versteckten sich, wurden verraten, aber auch von Palästinensern unterstützt. Howidy schreibt dabei, dass ihn die Bilder, die am 7. Oktober 2023 die Welt erreichten, an diese Zeit erinnerten.
Howidy wuchs auf im „Duft von Jasmin und Schießpulver“. (Kapitel 1) Er besuchte eine religiöse Schule, weil der Vater diesen Bildungsweg als eine gute Alternative zu den Schulen der UNRWA ansah, später wechselte er an eine solche Schule.
Mit 17 Jahren erlebte er den ersten Gaza Krieg, in welchem die israelische Armee erst mit Luft- und Artillerieangriffen, dann mit einer Bodenoffensive auf immer wieder kehrenden Raketenbeschuss seitens der Hamas und auf die Entführung und Ermordung von drei jugendlichen israelischen Trampern im Westjordanland antwortete. Die Beschreibungen der geschilderten Zerstörungen, Bomben und Granaten erinnern an den aktuellen Krieg.
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| Bild von Jim Black auf Pixabay |
Hamza Abu Howidy bleibt nicht still. Trotz Duldung und bevorstehender Rückführung nach Griechenland erhebt er die Stimme in Posts, Artikeln für internationale Medien, in Talkrunden und gegenüber von Politikern. Todesdrohungen bekam er seit 2023 als er in einem Facebook-Reel die Hamas und deren Sprecher kritisierte. In Deutschland sitzt er trotzdem „Zwischen allen Stühlen“ (Kapitel 5).
Howidy erzählt auch davon, dass er erst spät, nach vollendeter Flucht von etwas erfuhr, was wir als Holocaust bezeichnen. Er erinnert in seinem Buch an die Indoktrination palästinensischer Kinder und Schüler nicht allein gegen Israel sondern gegenüber Juden überhaupt. Er sitzt während einer Holocaust-Gedenkstunden auf der Besucher-Empore des Deutschen Bundestages.
In einer (relativ) offenen Familie erzogen, bewahrte der Autor sich seinen kritischen Blick auf den Nahostkonflikt, auf die terroristische Hamas sowieso, wie auch auf die Politik und dass auf massiver Gewalt beruhende Vorgehen des Staates Israel.
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| Google.maps |
Eine Muschel am Strand von Gaza lehrte ihn, „dass ferne Stimmen dich erreichen können, wenn du nur zuzuhören weißt. Sie zeigte mir, dass Schönheit und Wunder in den kleinsten Dingen existieren und dass es überall Geschichten gibt – in Gegenständen, die vom Meer angespült werden, in Gesprächen, die der Wind hinüber weht, in den Erfahrungen von Menschen, die ich nie getroffen habe.“ (Seite 46)
Die Autobiografie ist erschütternd und erhellend zugleich. Sehr gut lesbar und viellewechselnd Gegenwart und Rückblende, weitestgehend aber chronologisch angelegt.
Howidy hat mit Hilfe von Judith poppe auf 240 Seiten sein bisher knapp 30jähriges Leben erzählt, indem er sich manchmal als „der einsamste Palästinenser der Welt fühlt.“ Seine Mutter hat er seit seinem Verlassen des Gaza-Streifens nicht mehr gesehen. Bei den „Palestine will free“ Demonstrationen gehört er nicht hin, seitens der HAMAS droht ihm der Tod, sollte er nach Griechenland rückgeführt werden, denn dort finden sich eine Reihe von Hamas-Anhängern.
Der Verlag meint: „In einer Welt voller Schwarz-Weiß-Denken wählt er den Weg der Empathie und kämpft für eine demokratische und friedliche Zukunft.“ Ein Palästinenser mit Freunden auf beiden Seiten. Und so konstatiert er: „Durch all die Jahre hat mich ein Satz getragen, jedes Menschenleben ist mir wichtiger als dieser Konflikt. Jede Freundschaft auch.“
Ein guter Grund um „Weiterzumachen“ (Kapitel 6)
Empfohlen sei dieses Buch allen Leserinnen und Lesern, die offen und kritisch auf den Nahostkonflikt schauen und insbesondere denen, die noch ein wenig Nachhilfe brauchen bei der Einschätzung der Hamas, die in Gaza immer noch enormen Einfluss besitzt und ihre Ziele in Bezug auf die Vernichtung Israels nicht aufgeben will.
Hamza Abu Howidy
©️ Bücherjunge



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