DNB / Gmeiner / 2023 / ISBN 978-3-8392-0405-4 / 288 Seiten
Kurzmeinung: Weniger ein klassischer Krimi als ein atmosphärischer Genremix in Venedig - der eigentliche Fall bietet dann noch einige Überraschungen...
EIN UNGEWÖHNLICHER WOHLFÜHLKRIMI MIT ANSPRUCH...
Dies ist ein Kriminalroman, der sich nur bedingt an die üblichen Genreregeln hält. Wer nach dem Klappentext einen klassischen Whodunit mit straffem Ermittlungsplot erwartet, dürfte zunächst überrascht sein. Zwar steht der rätselhafte Tod der vermögenden Kunstsammlerin Pauline im Mittelpunkt der Handlung, doch mindestens ebenso wichtig sind die Lebensgeschichten der drei Protagonistinnen Adele, Biggi und Chris, die sich nach Jahren zufällig in Venedig wiederbegegnen und gemeinsam auf Spurensuche gehen.
Die größte Stärke des Romans liegt zweifellos in seiner Atmosphäre. Ayoub zeichnet Venedig mit großer Detailfreude und spürbarer Kenntnis der Stadt. Die Schauplätze wirken lebendig und vielschichtig, fernab bloßer Postkartenromantik. Besonders gelungen sind die Ausflüge in die Geschichte der armenischen Gemeinschaft rund um das Kloster San Lazzaro, die dem Roman eine kulturelle und historische Tiefe verleihen, die über den eigentlichen Kriminalfall hinausgeht.
Auch die drei Hauptfiguren sind differenziert angelegt. Die Zahnärztin Adele, die sich über ihre Arbeit definiert und darüber das Leben verlernt hat, besitzt nachvollziehbare Ecken und Kanten. Biggi bringt Optimismus und Lebensfreude in die Gruppe, während Chris als pensionierte Bibliothekarin deutlich schwieriger zugänglich ist. Ihre oft missgünstige und herablassende Art sorgt zwar für Konflikte und Dynamik, kann auf Dauer aber auch anstrengend wirken. Die Figuren erscheinen authentisch, sind aber nicht immer sympathisch.
Der Kriminalfall selbst entwickelt sich eher gemächlich. Die Ermittlungen stehen zeitweise hinter den persönlichen Geschichten, den touristischen und kulinarischen Besonderheiten Venedigs, den kunsthistorischen Exkursen und den Tagebuchpassagen der verstorbene Pauline zurück. Diese Themenvielfalt macht den Roman abwechslungsreich, kostet jedoch Spannung. Einige offen gebliebene Fragen am Ende sowie Ungereimtheiten im Krimiplot empfand ich ebenfalls als Schwäche. Im Finale zieht das Tempo erwartungsgemäß deutlich an, und die Auflösung bietet tatsächlich einige Überraschungen. Der Hintergrund des Verbrechens wirkt allerdings etwas konstruiert und überzeichnet. Alles in allem ist dieser Roman jedoch eine weitestgehend stimmige Verbindung aus Cosy Crime, Freundschaftsroman, Reiseerzählung und historischem Exkurs.
"Rondo Veneziano" ist weniger ein klassischer Krimi als ein atmosphärischer Genremix. Wer Hochspannung sucht, wird möglicherweise enttäuscht. Die eindrucksvolle Venedig-Kulisse, die interessante Verknüpfung von Kriminalhandlung, Kunstgeschichte und armenischer Kultur sowie die lebendig gezeichneten Figuren überwogen für mich aber die Schwächen hinsichtlich Spannung und Plausibilität. Ein ungewöhnlicher Wohlfühlkrimi mit Anspruch.
© Parden


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Durch das Kommentieren eines Beitrags auf dieser Seite, werden automatisch über Blogger (Google) personenbezogene Daten, wie E-Mail und IP-Adresse, erhoben. Weitere Informationen findest Du in unserer Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google. Mit dem Abschicken eines Kommentars stimmst Du der Datenschutzerklärung zu.
Um die Übertragung der Daten so gering wie möglich zu halten, ist es möglich, auch anonym zu kommentieren.