Dienstag, 16. Juni 2026

Goldammer, Frank: Strandopfer

Aus dem offiziellen Polizeibericht des deutschen Bundeskriminalamtes und der Komenda Wojewódzka Policji Szczecinie:

Sachverhalt:
Am Montag gegen 08:00 Uhr wurde am Hauptstrand von Misdroy (Wasserkante, fester Sand) die Leiche einer männlichen Person entdeckt. Die Identität wurde zweifelsfrei als Joachim Hundt (53), deutscher Staatsbürger, festgestellt. Das Opfer war lediglich mit einer dunklen, eng anliegenden Badehose bekleidet...

Todesursache: Ertrinken...
Fremdkörper: Polierter Bernstein (39g) im Rachen (Blockade der Atemwege)...
Traumata: Keine Anzeichen von Gewaltanwendung, keine Abwehrspuren oder Verletzungen im Mundraum...
Bewertung: Ein Unfall wird aufgrund der Platzierung des Bernsteins ausgeschlossen. Es besteht ein direkter Kausalzusammenhang mit der Entführung der zehnjährigen Luisa....“

Unterschrieben haben den Bericht Lena Schuldt vom deutschen BKA und Adam Krawczyk von der polnischen Polizei.

So steht es im „Offiziellen Polizeibericht“, den der Verlag zum Rezensionsexemplar gleich mit lieferte. Dafür und überhaupt schon mal lieben Dank und ein kleiner Tipp: Ich habe noch nie einen „Inoffiziellen Polizeibericht“ gesehen...
Goldfarben wie der Bernstein, der im Halse stecken blieb...

Das ist das neue Ermittlerpaar aus der Feder von Frank Goldammer, das sich hier zusammenraufen muss. Es wäre ein langweiliger Krimi, ginge bei einer solchen Zusammenstellung mal was glatt. Schuldt ist äußerst unwillig dem Befehl zu Dienstreise an die polnische Ostseeküste gefolgt und Krawczyk war bis vor kurzem mit einer Deutschen verheiratet. Lena wird an ihre Kindheit schmerzlich erinnert werden.

Wie lautet der Grundsatz deutscher Krimiautoren? „Kein Ermittler ohne Knacks!“

Das Duo muss sich mit einer Gruppe deutscher Urlauber rumschlagen, es bleibt auch nicht bei einer Leiche und wie immer ist am Ende alles anders, denn dieser Roman ist ein typischer Goldammer.

Die Deutschen fahren seit Jahren nach Misdroy, eimerweise Bernstein lässt sich wohl gut verkaufen, das Kind ist ein nerviger Fratz, keiner von den unsympathischen Deutschen mag es scheinbar, abgesehen von Mutter, deren Lebensgefährte und der später hinzustoßende Vater.

Die Polizeien der Nachbarländer sind sich scheinbar wenig grün. Führungsstruktur und hierarchisches Denken scheinen in Polen weit ausgeprägt zu sein, Entscheidungen auch einfacherer taktischer Art werden durch höhere Vorgesetzte getroffen, als das in unseren Länderpolizeien oder der Bundespolizei der Fall wäre. Über das Gemeinsame Zentrum der deutsch-polnischen Polizei- und Zollzusammenarbeit in Swiecko sollte es doch möglich sein, eine E135 mit Wärmebildoperator der Bundespolizeifliegerstaffel zur Suche eines vermissten deutschen Kindes auch auf polnischem Hoheitsgebiet einzusetzen.

Der Autor nimmt die Leserschaft sofort mit, denkt mit ihnen in tausenderlei Richtungen, lässt Zeugen und Verdächtige in Streit ausbrechen und die ermittelnden Polizisten ordentlich streiten. Klar, die KOKin aus Berlin sich alles übersetzen lassen muss in Dienstbesprechungen, die sich, gut recherchiert, von deutschen unterscheiden. Überhaupt hat Frank Goldammer hier seine Hausaufgaben gemacht und breit recherchiert. Auf einer Lesung erzählte er davon und auch, dass er erstmals eine Danksagung an ein Buch hing.

Zeitweise tritt wegen Lenas Erinnerungen und ihrer aktuellen Erfahrungen der Fall Hundt / Luisa in den Hintergrund. Hat man erst den Eindruck, dass die Geschichte der Polizistin über mehrere Bände erzählt wird, räumt der Autor diesem Strang dann doch größeren Raum ein. Dabei geht er sehr deutlich ein auf das Verhältnis der Nachbarn beidseitig der Oder, es sind beileibe nicht nur Klischees, die da anklingen. Goldammer hält den Leserinnen und Lesern einen Spiegel vor. Sie müssen aber selber entscheiden, ob sie diesen wirklich blank putzen.

Allerdings entstehen so einige Längen, bis er abrupt mit neuen Erkenntnissen aufwartet, oder alles über den Haufen schmeißt. Am Ende eine Lösung zu präsentieren, die sich im Rückblick zwar schon einmal andeutete, aber wieder in der Versenkung, im kriminalistischen Nebel, verschwindet: das ist eben Frank Goldammer.

Die meisten Figuren sind ein wenig spröde angelegt, bis auf die beiden Ermittler scheint nur die alte Vermieterin des heruntergekommenen Bungalows interessant, aber mit den verblüffenderweise fehlenden polnischen Sprachkenntnissen der auf Usedom aufgewachsenen BKA-Beamtin verhindert Goldammer ein Näherrücken der Alten und Lena Schuldt.

Dafür aber beschreibt er intensiv die Folgen von jahrzehntelangem Alkoholgenusses eines Zeugen oder Mittäters, der für Lena eine Art Schlüsselerkenntnis darstellen wird. Der Autor zeigt zudem seinen, in den meisten seiner Romane festzustellenden, Blick für gesellschaftliche und soziale Probleme, diesmal auch jenseits einer Grenze.

Leserinnen und Leser werden nach diesem spannenden Auftakt auf einen weiteren Fall des polnisch-deutschen Ermittlungsduos warten, wobei, aus Zuständigkeitsgründen kommen Lena und Adam nicht zwingend schnell wieder zusammen. Oder aber da ist mehr...


* * *

Nicht zum ersten Mal stellte der Autor seinen neuen Roman auf einem Raddampfer der Weißen Flotte Dresden vor. Auf der LEIPZIG fuhren die Gäste vom Terrassenufer bis zum Schloss Pillnitz und zurück. Für Frank Goldammer hieß das auf der Tour elbauf zu lesen und zu erzählen, die Rücktour elbab war für die vielen Gäste, die sich seine Bücher signieren lassen wollten. Eine drei Stunden-Lesung quasi.


Die lockeren eineinhalb Stunden ließen die Zuhören den zeitweisen Starkregen vergessen, bei einem Glas Bier oder Wein und den üblichen Dampfersnacks erfuhren die Gäste viel „Hintergründiges“ und Kurzweiliges zum Roman und über die Arbeitsweise des „ehemaligen“ Malermeisters, der sein Handwerk aber noch nicht verlernt hat.



©️ Bücherjunge

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