Mittwoch, 24. Juni 2026

Khalidi, Rashid: Der hundertjährige Krieg um Palästina

So unterschiedlich wie die öffentliche Wahrnehmung zur aktuellen Berichterstattung über den Nahostkonflikt ist auch die Literatur zum Thema. Schon der Titel des Sachbuches von Rashid Khalidi (*1948) lässt keine Zweifel offen, um was es geht, wenn der us-amerikanisch-palästinensische Historiker den Nahostkonflikt als einen hundertjährigen Krieg um Palästina beschreibt und mit einer Geschichte um Siedlerkolonialismus und Widerstand untertitelt, wobei mit Widerstand der der palästinensischen arabischen Bevölkerung gemeint ist.
In sechs Kapiteln benennt er „sechs Kriegserklärungen“ und beginnt damit im Jahre 1917 mit der Balfour-Deklaration. Der Außenminister Großbritanniens, Arthur James Balfour, schrieb im November 1917:

„Mein lieber Lord Rothschild!
Zu meiner großen Genugtuung übermittle ich Ihnen namens Seiner Majestät Regierung die folgende Sympathie-Erklärung mit den jüdisch-zionistischen Bestrebungen, die vom Kabinett geprüft und gebilligt worden ist:

'Seiner Majestät Regierung betrachtet die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk mit Wohlwollen und wird die größten Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei klar verstanden werde, dass nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in irgendeinem anderen Lande beeinträchtigen könnte.'

Ich bitte Sie, diese Erklärung zur Kenntnis der Zionistischen Föderation zu bringen.
Gez.: Arthur James Balfour"

Es ist ja unstrittig, dass mit diesem Brief die Wirkungen des Zionistischen Weltkongresses in eine neue Phase traten. Das Osmanische Reich war im Zerfallen, Großbritannien übernimmt 1923 das Völkerbundmandat über Palästina und dann soll es dieses Versprechen einlösen.

Der Autor hat für sein Buch einen interessanten familiären Hintergrund, unter anderem einen Jerusalemer Bürgermeister. Der schrieb bereits 1899 einen Brief an Theodor Herzl und verlangte: „In Gottes Namen, lasst Palästina in Ruhe.“

Die Einwanderung von insbesondere osteuropäischen Juden seit Ende des 19. und mit Beginn des 20. Jahrhunderts wird sich nach der russischen Revolution verstärken, das macht den „arabischen Gemeinschaften“ Sorgen, aber war dies eine Kriegserklärung?

Quelle der Bilder*



Die weiteren „Kriegserklärungen“ sind
  • die Staatsgründung und der Unabhängigkeitskrieg Israels - 1947/48
  • der Sechs-Tage-Krieg mit der Rückeroberung Jerusalems - 1967
  • Einmarsch Israels im Libanon -1982
  • die erste Intifada 1987 – 1995
  • die zweite Intifada mit der Räumung Gazas durch Israel 2005 und dem Ausbruch des Gaza-Krieges 2000 – 2014
Khalid schreibt zwar letztlich über alle relevanten Ereignisse, aber es fällt schon auf, dass der 19-tägige Jom-Kippur-Krieg im Jahr 1973 nicht extra genannt wird, weil dieser von Ägypten und Syrien begonnen wurde?

Den Libanonkrieg erlebte er mit seiner Familie in Beirut, also aus nächster Nähe.

Eines der interessantesten Kapitel ist das der „5. Kriegserklärung“ denn hier beschreibt er profund die Entstehung des Osloer Friedenspozesses, bei dem er als Berater der palästinensischen Verhandlungsgruppe beteiligt war. Die sehr kritische Sicht auf den Prozess, der von der Welt als Friedensprozess gesehen wurde wird ergänzt durch die merkbare Enttäuschung gegenüber der PLO, namentlich von Yasser Arafat. Khalidi meint, dass der ganze Prozess nur israelische Interessen diente, dies beträfe auch die Rolle der USA. Der Autor beschreibt den Prozess als „Zwangsjacke von Oslo“ für die Palästinenser.



Dass Khalidi als Palästinenser Partei ergreift und ein „parteiliches“ Buch veröffentlicht, dagegen muss man nichts sagen, der Historiker Khalidi geht dabei aber sehr wenig auf die Interessen der Juden ein. Die arabische Gesellschaft zu Beginn des Jahrhunderts war geprägt von Großgrundbesitz und Landwirtschaft durch eine große Anzahl armer Bauern, dass die einwandernden Juden das Land an vielen Stellen fruchtbar machten und modern aufbauten, oder dass die Zweistaatenlösung seitens der arabischen Bevölkerung und der bis auf Saudi Arabien auch erst um 1943 gegründeten umliegenden Staaten von vornherein abgelehnt wurde, wird nicht bewertet.

Auch während der achtzehn Jahre, die das Westjordanland von Jordanien besetzt war, nutzten die palästinensischen Organisationen die Chance nicht, ihren Teilstaat entsprechend der UNO-Resolution vom November 1947 aufzubauen. Im Gegenteil, vielleicht kam Israel einem Angriff Ägyptens und Syriens im Jahr 1967 zuvor und die Besetzung des Landes westlich des Jordans war eine Rückeroberung, die die Palästinenser hätte verhindern können.

Ein letztes Beispiel: Das Jahr 1929 war geprägt von gegenseitigen Terroranschlägen. Khalidi erwähnt zwar Gewalttaten von Juden im Streit um die Klagemauer, das in Hebron daraufhin 67 Juden ermordet wurden und viele jüdische Einwohner durch arabische Nachbarn beschützt wurden, findet keine Erwähnung.

Er hat also durchaus „eine Geschichte von Siedlerkolonialismus und Widerstand“ erzählt, aber darauf lassen sich die 120 letzten Jahre nicht reduzieren.

Im Vergleich schließt zum Beispiel der israelische Historiker und Publizist Tom Segev mit diesen drei Büchern mit großer Ausgewogenheit bei gleichzeitiger kritischer Betrachtung der jüdischen Organisationen und Beschreibung jüdischen als auch arabischen Terrors weitaus besser ab. 




* * *

Der angefügte Teil Rückblick und Ausblick, komplettiert mit einer Nachbemerkung zur aktuellen deutschen Ausgabe nach dem 07.10.2023 versöhnt den Rezensenten etwas mit dem Autor, wenn der die aktuelle Rolle der Trump-Administration erwähnt oder wenn er die „Schaffung eines demokratischen, souveränen bilateralen Staat in ganz Palästina mit gleichen Rechten für alle“ als Möglichkeit erwähnt. (Vergleiche Wolffsohn, wem gehört das heilige Land?)

In den Anmerkungen fragt er nach den israelischen Kriegszielen gegenüber der Hamas, die „einen Pyrrhussieg“ davontragen wird, wenn auch nur etwas von ihrer militärischen Macht übrig bleibt. Er zitiert dabei Henry Kissinger: „Die Guerilla siegt, wenn sie nicht verliert, die konventionelle Armee verliert, wenn sie nicht gewinnt.“ Ein Satz der sehr gut auch auf den israelisch-amerikanischen Krieg gegen den Iran passt.

* * *

Rashid Khalid schreibt einen sachlichen Stil und gleichzeitig ausdrucksstark und flüssig, mit der Übertragung aus dem Englischen von Lucien Leitess liegt ein sehr lesbares Buch vor uns.

Das Buch stellt insgesamt eine sehr informative und interessante Ergänzung zur Geschichte des Nahost Konfliktes dar, bei der die Lektüre zum Osloer Friedensprozess besonders zu empfehlen ist, als einzelnes Buch recht es als Lektüre zum Verstehen des Konfliktes nicht aus.

©️ Bücherjunge

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