1883. Im Dresdner Zoo ist ein Tiger ausgebrochen. Da sich der Zoo, dass sei für Goldammer-Leser, die noch nie in Dresden waren, eine Einladung, im Großen Garten befindet, könnte sich das Tier überall verstecken. Der Zoo bemüht einen noch nicht so sehr berühmten „Wildtierjäger“, der in aller Welt zu Hause zu sein scheint. Dessen erste große Reise liegt allerdings noch in weiter Ferne. Gustav Heller soll sich um den Fall kümmern.
Im Park findet sich dann die an einen Baum dilettantisch gebundene Leiche eines jungen Mannes, gar über zugerichtet. Ein klaffender Riss zieht sich über den Hals. „War das der Tiger?“ fragt sich Kriminalassistent Schrumm, während sein Chef lakonisch erwidert: „Ich bezweifle, dass er ihn an den Baum gebunden hat.“
Zu der Leiche gesellen sich noch einige andere und der Fall wird, typisch Goldammer, immer verworrener. Die jungen Männer stammen aus „gutbürgerlichem Hause“, mit teils schnell reich gewordenen Eltern, die ihren Söhnen nichts Schlechtes zutrauen und den polizeilichen Fragen des Mannes mit Zylinder und Säbel an der Seite ausweichen. Was haben die Gymnasiasten aber mit den jungen Frauen zu tun, die nach dem Fund einer Frauenleiche auf die Szene treten? Der Medizinalrat Löbbers stellt im Laufe der Obduktion eine Schwangerschaft fest, undenkbar für die überaus „moralischen“ Eltern.
Der Tiger spielt scheinbar keine Rolle mehr, statt seiner treibt sich Die Bestie von Dresden herum, in Verdacht gerät ein Verbrecher, dem sich ein junger Anwalt annimmt.
Wie schon zweimal werden Kriminalrat Heller seitens seiner Vorgesetzten Steine in den Ermittlungsweg gelegt…
* * *
Wisst ihr noch, wie wir den Gustav Heller kennen lernten? Das war 35 Jahre später, als er seinem Enkel Max nach dem Großen Krieg unter die Arme greift. Die Eltern von Max sind Krämersleute mit einem kleinen Laden in Pieschen und der Kontakt zum Großvater ist gebrochen. Hier nun lesen wir mehr über die Ursachen, denn Albert ist gerade aus dem Hof bei Pillnitz ausgezogen.
Mit den beiden Hellers zeigt Goldammer eine ganz klare gesellschaftliche Haltung, durchaus auch Ideale, einen eigenen Blick auf Zeit und Orte, denn beide Figuren suchen vor allem eins: Gerechtigkeit. Beide lernen ständig hinzu, denn sie irren häufig, so auch der Gustav hier in diesem Fall.
Der kriegserfahrene ehemalige Kavallerieoffizier beweist seine Führungseignung, seine Entschlussfähigkeit samt notwendiger Befehle bei einem Bahnbetriebsunfall, als die Lok auf einen umgestürzten Baum auffährt. Goldammer beschreibt diese Episode einerseits humorvoll, wenn der Pferdezüchter ungern mit der Eisenbahn fährt und andererseits knapp und präzise im Unfallgeschehen. Dem stellt er des Kriminalrats Selbstzweifel nach einem Schusswaffengebrauch auf den Bruder des erstem Mordopfers gegenüber, immer die eigenen Kinder vor Augen, den „abtrünnigen“ Sohn und die schwerkranke Johanna:
„Im Krieg stürzt man sich auf den Feind…, da beschießt man ihn mit Kanonen und Gewehren oder schlägt mit dem Säbel aufeinander ein. Da zählt der Feind oder du, die oder wir, da muss man auch schießen. Wenn die Schlacht vorbei ist, der Pulverdampf sich legt, da liegen auch nur Menschen da, da sieht man keinen Unterschied zwischen Freund und Feind:“ (Seite 244)
Hier wird erneut ersichtlich, dass sich der Autor über nunmehr über zwanzig Kriminalromanen ein gewisses polizeiliches Know-how angeeignet hat, das betrifft auch Spurensicherung und Beweisführung, wobei der Leser immer staunt, zu welchen Aussagen die Rechtsmediziner im vorletzten Jahrhundert bereits fähig sind. Der Medizinalrat wird immer mehr zum Partner, ein angenehmer Gegensatz zu den Vorgesetzten. Auch Helene, Gustavs Frau aus dem Hause der in Dresden bekannten Familie Körner, ist weit mehr geliebte Partnerin als die anderen auftretenden bürgerlichen Eltern gegenüber ihren Kindern.
Wiederholt schafft es Goldammer in kurzen Momenten den Leser besonders zu bannen, wenn er eine junge Frau während des Verhörs „endlich“ von der erlittenen Vergewaltigung berichten lässt, mich erinnert das an Episoden wie die Feuernacht in Dresden, Der Angstmann, oder dem Bericht des angetrunkenen Kriegsveteranen zu seinen schrecklichen Erlebnissen in Tausend Teufel, in denen Max Heller sechzig Jahre später ermitteln wird.
Dieser Charakter Gustav Heller ist manchmal spröde, zweifelnd, liebevoll, energisch, rechthaberisch, sarkastisch und nachdenklich, zupackend und hilfsbereit, seiner Zeit ziemlich voraus auch im Umgang mit nachgeordneten Polizisten. Und Familienvater, der glücklicherweise oft auf Frau und Tochter hört.
Ein packender Roman, ein gesellschaftliches Kaleidoskop der Friedensjahre in den 80igern des 19. Jahrhunderts, ein die Leserschaft fordernder Roman, der wieder einmal ein logisches Ergebnis nach der reichlichen Hälfte ad acta legt und die tatsächliche, länger unglaubliche, Lösung wirklich erst zum Schluss präsentiert.
Ach ja, der Tiger: War der wirklich draußen? Und diese Herren Wolf, Fuchs oder Luchs die dem Kriminalrat immer ein Stück voraus zu sein scheinen, was haben die mit dem „großen sächsischen Lügenbold“ zu tun, der als literarische Perle seinen Auftritt hat? Amüsante Idee…
* * *
Nun beginnt wieder das Warten. Es sind viele Fragen offen, nicht nur zu Gustav, auch zu Max.
In diesem Sinne ein kleiner Hinweis an den Verlag: Mich würde schon interessieren, wie Max Heller durch die Zeit des Nationalsozialismus kam.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar, dass zu lesen wie schon in so vielen Fällen ein besonderes Vergnügen war.
- Frank Goldammer auf Litterae-Artesque / Autorenseite
- Frank Goldammer - Webseite / Wikipedia
- Autorenbild: Christine Fenzl - DTV-Seite
- Gustav Heller Bild erstellt mit KI Copilot
© Bücherjunge


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