Freitag, 10. April 2020

Baum, Beate: Dresden rechts außen

Ist es DAS Bild? Das Bild über Dresden? „Rechts Außen?“ Ist es das Bild bestimmter Medien, die allerdings in den letzten 30 Jahren genug Futter bekommen haben: Hoyerswerda, Sebnitz, Rostock...  Das sind nicht alle und doch sticht der „Osten“ heraus.

Doch wer sind diese „besorgten Bürger“ die da „spazieren gehen“, Montags, mit Transparenten, Schildern, Deutschlandfahnen und auf dem Theaterplatz „Lügenpresse!“ und „Merkel muss weg!“ skandieren und die mitteilen, sie wären „nicht Rechts!“ und auch „keine Nazis“. Inzwischen hat sich „Lügenpresse“ in „Systempresse“ gewandelt und überhaupt gipfelt der Sprachgebrauch und die Parolen in:

ABSAUFEN LASSEN!“ – Gemeint sind die Menschen auf den Schlauchbooten auf dem Mittelmeer, hin und her geschoben zwischen Libyen, Italien, Griechenland, Türkei...
Versuchte man noch das Gerede über die „schleichende Islamisierung“ des Abendlandes, als einen Ausdruck mangelnder Geschichtskenntnisse und schmalen Geschichtsbewusstseins eines nicht unerheblichen Teils der Kundgebungsteilnehmer abzutun, spätestens mit diesem „Absaufen lassen!“ (und anderen Parolen) ist jegliche Grenze für mich überschritten.

Für Beate Baum ist diese Grenze vermutlich ebenso überschritten. Die in Dresden wohnende gebürtige Dortmunderin hat in ihrem brandneuen Roman die regelmäßigen Kundgebungen von „BEDECHA“ – den „Bewahrern des christlichen Abendlandes“ – zum Ausgangspunkt einer weiteren Geschichte um das Journalistenpaar Kirsten Bertram und Andreas Rönn gemacht, die in HÄUSERKAMPF und WELTVERLOREN vor Jahren bereits in Litterae - Artesque besprochen wurden.




Der Roman. Am nächsten Morgen nach der Kundgebung ("Absaufen!"), die die beiden beobachteten, ist ein Mitglied dieser „Vereinigung“ tot. Erschlagen. Vermutlich mit einer Bierflasche mit Bügelverschluss einer Marke, die gern in der linken Dresdner Neustadt getrunken wird. Verdächtigt wird schnell ein Aktivist, der in der Flüchtlingshilfe aktiv ist. Natürlich ist dies Wasser auf die Mühlen derer, die den beiden Journalisten nicht gut gesonnen sind. Beide machen im Weiteren allerdings auch keine Hehl aus ihrer Haltung gegen rechts. Vor allem sind sie nicht überzeugt davon, das dieser Torsten den Mord an Ronny Hilpert begangen haben soll.



© URDD (2001)


Dass diverse europäische rechtsextreme Leute bei PEGIDA – oops, Verzeihung, bei BEDECHA,  denn „Personenzusammenschlüsse sind frei erfunden und fiktionalisiert“ – auftreten, haben wir erlebt. Hier nun treten im Roman ein paar US-Amerikaner auf, welche nicht ungefährlich sind. Zeit, das Dale Ingram wieder einmal in Dresden nach dem Rechten sieht, zumal Kirsten und Andreas zum Ziel rechter Gewalt werden. Besonders der Herr Rönn, der investigativen Journalismus vor allem vor Ort, also in diversen Stammkneipen praktiziert.
Ob hier ein Mord von „links“ oder „rechts“ oder ganz anders begangen wurde, müssen die Leser nun selbst heraus finden.

Das Buch. Ohne diese Dreiecksbeziehungen Kirsten-Andreas-Dale funktionieren diese „Kirsten-Bertram-Romane“ vermutlich nicht, zumindest würde den Leserinnen und Lesern etwas fehlen, die die bisherige Romane von Beate Baum kennen. Dale, Privatdedektiv und Personenschützer, pflegt ein enges Verhältnis zur Dresdner Polizei und der Chefermittlerin im vorliegendem Fall, heißt eigentlich, es könnte ein noch engeres werden. Das ist etwas ungewöhnlich, passt aber zu der Figur, der Kirsten einst mehr zugetan.

Die Hauptfiguren vertreten sehr klar ihre Meinung und Haltung, sie sind das Gegenteil von dem, was gelegentlich von Journalisten aus rechten Kreisen verlangt wird, nämlich Nachrichten und keine Meinung, Haltung oder Auffassung zu veröffentlichen. Warum eigentlich? Wenn Journalisten keine eigenen politischen Vorstellungen, keine eigenen Meinungen hätten, dann gäbe es die Zeitungs- und Zeitschriftenvielfalt nicht. Übrigens ein Umstand, der deutlich gegen die gelegentlich behauptete "Gleichschaltung" spricht. Beate Baum bringt das überzeugend rüber, im achten Roman um dieses Dreigestirn.

Wie weit kann investigativer Journalismus gehen? Während Andreas sich mehrfach in Gefahr begibt und dabei verletzt wird, kann auch Kirsten sich nicht immer zurückhalten. Sie verschafft sich über die vierzehnjährige Tochter des Ermordeten Zugang zur elterlichen Wohnung und stellt sich dort nicht als Reporterin sondern als Bekannte der Mutter vor. Sie hat Erfolg damit, aber gegenüber dem minderjährigen Mädchen kann ich das so nicht akzeptieren. Doch Romanfiguren dürfen nicht immer und überall „clean“ sein, die echten sind es auch nicht. Das war mal ein Punkt, an dem ich mich gerieben habe.

Mit ein wenig Abstand nach dem Lesen, gefällt mir die Geschichte plötzlich besser.

* * *

Dresden und BEDECHA. Ja, da gehen durchaus Leute hin, die im Anschluss keine Straftaten begehen und unter diesen sind auch welche, die bestimmte verbale „Entgleisungen“ ablehnen. Dann gibt es da einen, dessen sprachgewaltigen Roman ich gern gelesen und natürlich hier darüber geschrieben habe. Ich meine den TURM von Uwe Tellkamp. Tellkamp hat hier und da den Eindruck hinterlassen, dass er als Vertreter des „Bildungsbürgertums“ (Gibt es das überhaupt – noch - so?), PEGIDA verteidigte und auch schon mal von „Gesinnungskorridoren“ sprach. Wahrscheinlich ist da was dran. Selbst in ein und derselben Zeitung (Die Zeit bzw. Zeit online) gibt es zu ihm unterschiedliche Auffassungen. Überhaupt ist Tellkamp ursprünglich bejubelt wurden, als „ostdeutsch sozialisierter“ Autor und nun schreibt er über die Dresdner Wut. 

In DAS ATELIER finden sich folgende Sätze: „Im Jahr Fünfzehn habe es gerumst, das Dunkelding sei ausgebrochen, mit Folgen für die ganze Republik, vielleicht der Vesuv von Dresden nur ein gerade offener Schlot, einer von vielen im ganzen scheinbar so beruhigten Land, doch anderswo womöglich das Deckgebirge über den Schloten stärker, der Unmut als Magma weniger druckvoll.“ 

Stimmt. Man schaue sich erstens die Zeitform an und zweitens bedeutet der Rums vielleicht ja nicht nur die Flüchtlingswelle sondern auch dem Umstand, dass der Widerstand dagegen dieser „Bewegung“ erst neuen Schwung gegeben hat. Leider.

Die ZEIT online deutet das am 01.04.2020 anders als der Bayrische Rundfunk am 06.03.2020. Dies soll als Beispiel dafür stehen, dass es nicht einfach ist, sich mit dem Thema PEGIDA / BEDECHA auseinanderzusetzen.

Warum ich das hier schreibe? Kirsten Bertram besucht eine Buchhandlung im Dresdner Norden mit dem Namen Hirsch-Buch. Tellkamp hat DAS ATELLIER im Selbstverlag bei Susanne Dagen herausgegeben. Das ist die Inhaberin des Buchhauses Loschwitz, das wohl Pate stand für Beate Baums „Hirsch – Buch(Handlung). Bestimmt keine Frau, die "Absaufen lassen!" brüllt.

Beide Personen, Tellkamp wie Dagen, können nicht einfach nur über ihre PEGIDA – Verbindungen betrachtet werden. Beide sind in der DDR aufgewachsen und haben bestimmte Sichtweisen auf die Jahre nach der Wiedervereinigung. Auch hier finden sich Ursachen für eine nicht oder weniger ablehnende Haltung. Leider ist zu konstatieren, dass Menschen, die in PEGIDA eine notwendige Existenzberechtigung sehen, selten oder gar nicht die Auswüchse dieser Gruppierung thematisieren, einschließlich des „Absaufen! – Absaufen!“

Unterschiedlichste Bücher beschäftigen sich also mit dem Phänomen BEDECHA / PEGIDA bzw den Ursachen für das Auftreten dieser Organisationen. Beate Baum macht aus ihrer Meinung mit ihrem Kirsten-Bertram-Krimi kein Hehl. Sie zeigt die andere Seite, die Seite derer, die beizeiten die „Spaziergänge“ verließen bzw. instrumentalisierten und hierbei neben rechtsradikalen und rechtsextremen Auffassungen Straftaten begingen, die mit Körperverletzung, Sachbeschädigung und Beleidigung nur unzureichend beschrieben sind, betonen sollte man dann eher schweren Landfriedensbruch und ähnliches. So ist das, was Kirsten und Andreas widerfährt, sehr real.
Es wäre allerdings gut, wenn in solchen Büchern, seien es Krimis oder andere, mal jemand zu Wort käme, der sich unsicher ist, dessen Meinung nicht festgefahren, sprich, nicht nur als anti oder pro erscheint, der vielleicht pressekritisch denkt und spricht ohne „Lügenpresse“ zu schreien.
Nach meiner Auffassung spielt sich in Dresden, in Sachsen zu viel ab, was sich bereits RECHTS AUSSEN befindet. Daher hat leider auch der Titel des Buches von Beate Baum seine Berechtigung.


Die Semperoper antwortet (commons.wikipedia)


Es bleibt trotzdem zu betonen, und dies tut Beate Baum am Ende ihres Romans, dass es die sich diesen rechten Umtrieben entgegenstemmende Zivilgesellschaft gibt und das Dresden ein bunter, ein vielfältiger und lebenswerter Ort ist.

* * *



  • DNB / Verlag: Books on Demand / Paperback / Dresden 06.04.2020 / 300 Seiten / ISBN-13: 9783751905794
  • Auf Litterae Artesque Dresda am 08.04.2020

© Bücherjunge

Kommentare:

  1. Schon deine Buchbesprechung finde ich außerordentlich beklemmend...

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