Samstag, 12. Januar 2019

De Vasconcelos, José Mauro: Mein kleiner Orangenbaum

Ein Zufallsfund. Manchmal entpuppen sich solche Bücher als Flop, oftmals freue ich mich darauf gestoßen zu sein - und gelegentlich erweisen sie sich als kleine Perlen.

Dies ist ein Buch voller Fantasie und Traurigkeit, und dennoch weit offen für die Schönheit des Lebens. Ein Buch, das mich lachen ließ und zu Tränen rührte, ein Kleinod, das aus meinem Regal nicht mehr wegzudenken ist. Alles Weitere dazu erfahrt Ihr hier:



 




Pralle Lebensfreude und bittere Melancholie durchziehen die bezaubernden Kindheitserinnerungen des berühmten brasilianischen Autors. Sése, ein ungewöhnlich fantasiebegabter Junge, wird vom Leben nicht gerade verwöhnt. Um seinem arbeitslosen Vater zu helfen, arbeitet er als Schuhputzer; oder er schwänzt die Schule, um auf der Straße zu singen. Ständig heckt er neue Streiche aus. Dennoch erobert er die Herzen der Menschen im Sturm. Zum Glück hat er einen echten Freund, dem er alles anvertrauen kann: einen kleinen Orangenbaum. Und eines Tages trifft er sogar den besten Menschen der Welt. Doch das Glück währt nicht lange....









 RÜCKBLICKE...


Der Autor selbst ist es, der hier auf seine Kindheit zurückblickt - genauer gesagt auf ein prägendes Jahr seiner Kindheit. Als Fünfjähriger schon des Lesens mächtig und auch sonst ein pfiffiges Kerlchen, schummelt er bei seinem Alter ein wenig und darf deshalb schon früher in die Schule gehen. Seine Lehrerin ist begeistert von Sesés Arbeitseifer, ebenso wie von seinem Charme - und kann sich gar nicht vorstellen, dass seine Familie diesen liebenswerten kleinen Jungen so anders sieht.


"Weißt du, man muss ein sehr großes Herz haben, damit alles reinpasst, was man gern hat."
 

Sesés Familie ist arm und zieht mit all den Kindern in ein noch kleineres Haus, in ein Armenviertel einer Stadt in Brasilien. Von vielen Kindern das zweitjüngste, scheint Sesé die Rolle des schwarzen Schafes zuzukommen. Sicher, Fantasie und Intelligenz lassen ihn so manchen Streich aushecken, und dass seine Begeisterung für neue Begriffe sich nicht nur auf komplizierte Fremdworte bezieht sondern ebenso auf alle Schimpfwörter, die er aufschnappt, das alles sorgt für ordentlich Trubel. Aber häufig genug wird Sesé auch zu Unrecht beschimpft und geschlagen und muss als Blitzableiter aller älteren Geschwister und seiner Eltern herhalten.


"Keiner von seiner Familie hat Verständnis für dieses Kind. Ich habe noch nie einen Jungen gesehen, der so sensibel ist."


Erstaunlich genug, dass Sesé sich lange sein sonniges Gemüt bewahren kann, nach Nischen im Leben sucht, die seine Neugier und seinen Lebenshunger befriedigen und seine Fantasie dazu nutzt, sich in andere Welten zu begeben. So hat er einen kleinen Orangenbaum im Garten des Hauses zu seinem eigenen auserkoren und führt mit diesem lebhafte Diskussionen. Sesé erzählt ihm von allen Vorkommnissen und von den Gedanken, die ihn bewegen. Dieser Orangenbaum ist für den kleinen Jungen so etwas wie ein Freund, ein Vertrauter, ein stets offenes Ohr.

Sesé nimmt seine Rolle als schwarzes Schaf der Familie lange recht stoisch hin, denn es lässt sich ja auch nichts daran ändern. Nur zu gut versteht er auch die Situation der anderen - die Arbeitslosigkeit des Vaters, die ständige Überarbeitung der Mutter, die Armut der Familie, die Ausweglosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung. Trotz allem aber ist Sesé ein erst fünfjähriger Junge, der bitter enttäuscht ist, als es zu Weihnachten noch nicht einmal eine Süßtigkeit gibt - während die Reichen mit Geschenken überschüttet werden. Gott muss die Reichen also viel mehr lieben als die Armen...


"Jetzt erst wusste ich wirklich, was Schmerz war. Schmerz war nicht, wenn man Prügel bekam bis man umfiel. (...) Schmerz war, wenn das ganze Herz so weh tat, dass man nur noch sterben wollte, ohne irgendjemand davon erzählen zu können."


Sesé macht schließlich die Erfahrung von wirklicher Zuneigung und Zärtlichkeit. Doch wenn solch ein Glück unerwartet zerbricht, zerbricht die ganze Welt...

Was für ein wunderschönes Buch! Naiv-kindlich erzählt und doch durchdrungen von einer erstaunlichen Reife, schafft der Roman Bilder einer wilden, armen, harten Kindheit und eines kleinen, intelligenten, sensiblen Jungen, der versucht, in dieser Welt mit Witz und Charme, Streichen und Fantasie zu überleben. Dabei ist der Junge dem Zauber der Welt so nah. Das Herz der Natur, die unerschöpfliche Welt der Sprache, die Geschichten, die täglich neu erfunden werden, der Zauber der Musik - all dem gegenüber öffnet sich Sesé reinen Herzens. Und doch muss er so viel Härte in seinem Leben ertragen, bis der Lebenswille als solcher hart auf die Probe gestellt wird...

Pralle Lebensfreude und bittere Melancholie durchziehen diese Kindheitserinnerungen des bekannten brasilianischen Autors. Eine kleine Perle, die ich einem Zufallsfund zu verdanken habe...


© Parden







 Produktinformation: (Quelle: Amazon.de)
  • Gebundene Ausgabe: 199 Seiten
  • Verlag: Urachhaus; Auflage: 4 (11. April 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Marianne Jolowicz
  • ISBN-10: 9783825176730
  • ISBN-13: 978-3825176730
  • ASIN: 3825176738



 Informationen zum Autor: (Quelle: Wikipedia)

José Mauro de Vasconcelos (* 26. Februar 1920 in Rio de Janeiro; † 24. Juli 1984 in São Paulo) war ein brasilianischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Vasconcelos, einer der – im Ausland – meistgelesenen brasilianischen Autoren, brachte es in seiner Heimat nie zu vergleichbarem Ruhm. Vasconcelos ist für seinen einfachen Stil bekannt, der den Leser in eine Welt der Zärtlichkeit und Sensibilität führt. Für die brasilianische Lebenseinstellung so typisch vermag er auch traurige, ja tragische Themen und Ereignisse mit Optimismus zu versehen und mit Humor zu würzen, ohne je im Ton danebenzugreifen. Sein auch in Brasilien gefeierter Erfolgsroman O Meu Pé de Laranja Lima (1968, dt. unter den Titeln: Wenn ich einmal groß bin bzw. in der Neuausgabe Mein kleiner Orangenbaum) wurde schon 1969 vom brasilianischen Filmemacher Aurélio Teixeira für den Film adaptiert, allerdings bisher nie im Kino umgesetzt. Sehr wohl aber gab es bereits drei Verfilmungen des Buches als Fernsehserien...

Kommentare:

  1. Hallo,

    das klingt nach einem ganz wunderbaren Buch, auch wenn es einem sicher manchmal auch ganz Herzschmerz beschert... Das Buch wandert direkt mal auf meine Merkliste. :-)

    LG,
    Mikka
    [ Mikka liest von A bis Z ]

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dann wünsche ich Dir ein intensives Leseerlebnis!

      LG Anne

      Löschen
  2. Wundervoll! Du hast es gelesen! Das ist mein absolutes Lieblingsbuch, das ich mit ins Grab nehmen möchte. Es ist so schön zu lesen, dass du es als Perle bezeichnest! Ich habe bei dem Buch so viele Tränen zum Schluss vergossen. Vor einigen Jahren habe ich es gelesen und gleich mehrfach nachgekauft, um es an meine besten und liebsten Freunde zu verschenken.
    Außer ihnen bist du die erste, von der ich weiß, dass sie das Buch gelesen hat.
    Herzliche Grüße,
    monerl

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ach Monerl, danke für Deinen herzlichen Kommentar - und es ist schön, dass noch jemand dieses Buch kennt. Es hat es verdient, dass man es liebt...

      Löschen

Durch das Kommentieren eines Beitrags auf dieser Seite, werden automatisch über Blogger (Google) personenbezogene Daten, wie E-Mail und IP-Adresse, erhoben. Weitere Informationen findest Du in unserer Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google. Mit dem Abschicken eines Kommentars stimmst Du der Datenschutzerklärung zu.

Um die Übertragung der Daten so gering wie möglich zu halten, ist es möglich, auch anonym zu kommentieren.