Mittwoch, 4. Februar 2026

Schätte, Lena: Das Schwarz an den Händen meines Vaters

 

»Motte« wird die Ich-Erzählerin von ihrem Vater genannt. Der Vater ist Arbeiter, Spieler, Trinker. Eigentlich hat Motte sogar zwei Väter: den einen, der schnell rennen kann, beim Spielen alle Verstecke kennt und sich auf alle Fragen eine Antwort ausdenkt. Und den anderen, der von der Werkshalle ins Büro versetzt wird, damit er sich nicht volltrunken die Hand absägt. Und das mit dem Alkohol, sagt die Mutter, war eigentlich bei allen Männern in der Familie so. Auch Motte trinkt längst mehr, als ihr gut tut. Schon als Kind hat sie beim Schützenfest Kellnerin gespielt und die Reste getrunken, bis ihr warm wurde. Jetzt, als junge Frau, schläft sie manchmal im Hausflur, weil sie mit dem Schlüssel nicht mehr das Schloss trifft. Ihr Freund stützt sie, aber der kann meistens selbst nicht mehr richtig stehen. Nur ihr Bruder, der Erzieher geworden ist, schaut jeden Tag nach ihr. Als bei ihrem Vater Krebs im Endstadium diagnostiziert wird, sucht Motte nach einem Weg, sich zu verabschieden – vom Vater und vom Alkohol. »Das Schwarz an den Händen meines Vaters« von Lena Schätte ist ein bewegender Roman über das Aufwachsen in einer Familie, die in den sogenannten einfachen Verhältnissen lebt und die zugleich, wenn es darauf ankommt, zusammenhält. Es ist ein harter, zarter Roman über die Liebe zu einem schwierigen Vater und den Weg ins Leben. (Verlagsbeschreibung)

DNB / S. Fischer / 2025 / ISBN 978-3-10-397657-1 / 192 Seiten


KurzmeinungSchilderung eines Familienlebens, in dem generationenübergreifender Alkoholismus eine große Rolle spielt - schnörkellos, leise, präzise...






INTENSIVES FAMILIENPORTRÄT, DAS UNTER DIE HAUT GEHT...


Dieser Roman stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025.

Im Roman erzählt Lena Schätte liebevoll aber schonungslos vom Aufwachsen der Ich-Erzählerin Motte in einer Familie, die vom Alkoholismus geprägt ist - über Generationen hinweg. Mit autobiografischen Anteilen aber ebenso mit fiktiven Details gewährt die Autorin szenische Einblicke in eine Arbeiterfamilie mit einem trinkenden Vater, nicht chronologisch, sondern wechselnd in den Zeiten, pendelnd zwischen der Kindheit und der Gegenwart Mottes, die mittlerweile selbst alkoholsüchtig ist und einen Freund hat, der ebenso viel trinkt.


"Wenn er von der Arbeit nach Hause kommt am späten Nachmittag, riecht er nach Schweiß und Maschinenöl. Eine Stunde lang dürfen wir Kinder ihn nicht ansprechen. "Papazeit" nennt Mama das und drückt sich zischend den Zeigefinger auf den Mund."


Auf dem Dorf ist Trinken Alltag, auch für Motte. Sie arbeitet als Putzfrau in einem Krankenhaus. In ihrer freien Zeit betrinkt sie sich oft bis zur Besinnungslosigkeit - so kennt sie es von ihrem Vater. Sie versucht dagegen anzukämpfen, aber es fällt ihr sehr schwer. Und dann bekommt ihr Vater eine Krebsdiagnose, Heilung ausgeschlossen, der Tod ist nah. Motte beginnt nach einem Weg zu suchen, sich von ihrem Vater zu verabschieden und überdenkt ihr bisheriges Leben. Was macht ein Trinkerhaushalt aus einem Kind?


"Als ich noch ein Kind bin, denke ich oft, ich habe zwei Väter. Den einen nüchternen, der schnell rennen kann und gute Verstecke kennt, der auf alle Fragen eine Antwort weiß und wenn nicht, sich eine gute ausdenkt. Und dann gibt es noch den anderen Vater, der sich darüberlegt und ihn verschwinden lässt."


Motte erinnert sich an die zahllosen Enttäuschungen, die ihr der Vater zugefügt hat. An ihren Schmerz. Und trotzdem hört sie nie auf, ihn zu lieben und sich um ihn zu kümmern. Diese Ambivalenz, die Gleichzeitigkeit der Dinge - auf der einen Seite Liebe, Nähe, Zuneigung, Vertrauen, auf der anderen Seite aber der Bruch, die Enttäuschung und die ständige Unsicherheit - greift tief ein in das Seelenleben eines Kindes und hinterlässt unauslöschliche Spuren. Hinzu kommt die Verzweiflung angesichts des zunehmenden Verfalls des Vaters und der eigenen Hilflosigkeit, irgendetwas daran zu ändern.

Die Sprache ist einfach und geradlinig, schnörkellos, lakonisch, dicht, leise, präzise. Dennoch erreicht einen die Erzählung, lässt einen mitschwingen, ohne jegliche Larmoyanz, getragen durch die Stärke der Bilder. In wenigen Zeilen oft nur gelingt es der Autorin, komplexe Gefühlslagen vor Augen zu führen: große Kunst.

In kurzen Kapiteln gelingt Lena Schütte ein intensives Familienporträt, das unter die Haut geht.

Leseempfehlung!


© Parden





Lena Schätte, geboren 1993 in Lüdenscheid, debütierte 2014 mit dem Roman »Ruhrpottliebe«. In den Folgejahren arbeitete sie als Psychiatriekrankenschwester im Ruhrgebiet, bis sie 2020 ein Studium des Literarischen Schreibens am Deutschen Literaturinstitut Leipzig aufnahm. Heute betreut sie suchtkranke Menschen in Lüdenscheid – und schreibt. Für ihren Roman »Das Schwarz an den Händen meines Vaters« wurde Lena Schätte mit dem W.-G.-Sebald-Literaturpreis und dem Förderpreis Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet; der Roman stand zudem auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2025. (Quelle: S. Fischer)


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