Es war ein Geburtstag, der mich auf diesen Roman aufmerksam werden ließ. Der 80ste Geburtstag des Aufbau Verlages, der bereits im August 1945 als erster Nachkriegsverlag gegründet wurde. Dieser Anlass führte zu einem Gesprächsabend im Neustrelitzer Kulturquartier. Davon berichtete ich hier.
Aus diesem Anlass suchte der Verlag nach einem authentischen Roman, der nach langer Zeit wieder (einmal) veröffentlicht werden könnte. Ein Roman, der in Vergessenheit geriet, sicher jedoch ab dem Jahre 1989/90, als sich niemand mehr für Literatur aus der Zeit der DDR interessierte.
Mir war die Autorin Gerti Tetzner (*1936) völlig unbekannt. Kein Wunder, denn aus der „Weiberrunde“ der Christa Wolf war mir einzig Brigitte Reimann bekannt, und selbst sie nur durch die Verfilmung der Franziska Linkerhand.
Ein Frauenname auf dem Cover, eine Autorin aus dem Kreise um Christa Wolf, ein Roman aus dem Jahre 1974 – ein Frauenroman?
• DNB / Aufbau Verlag / 2.2025 / ISBN: 978-3-351-04264-6 / 308 S.
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| KI-Bild |
Die Geschichte:
Wir treffen auf einen ganze Reihe völlig unterschiedlicher Menschen, die meisten lernen wir auf dem Land kennen, in das Karen W. zweimal zurück kehren wird. Karen ist das Ausnahmekind gewesen, welches als Einziges in die Stadt auf die höhere Schule und dann zum Studium ging. Jura hat sie studiert, als Notarin muss sie danach arbeiten. Sie lernt Peters kennen. Der studiert auch. Politisches. Und Geschichte. Sie bekommen eine Tochter. Bettina. Der Mann verliert zunehmend seine Zuverversicht, bezogen auf die Tätigkeit an der Universität. Nach der Promotion und als Dozent gerät er unmittelbar an die „Widersprüche im Sozialismus.“
Dann packt Karen ihre Sachen und fährt mit Bettina in ihr Heimatdorf, sie zieht in das Haus des Vaters und harrt erst einmal der Dinge, die dann kommen. Im Haus praktiziert Steinert, der ist Tierarzt, ander Bewohner kennt Karen aus der Kinderzeit.
Bald kniet sie mit den Frauen der noch jungen LPG auf dem Feld beim Kartoffellesen oder Rübenziehen.
In diesem Dreieck, Peters – Karen – Steinert vollzieht sich die Handlung, die einen gewissen Einblick in die DDR-Gesellschaft gibt Mann und Frau – Land und Stadt. Mit den Personen tauchen wir, wenn wir älter sind wieder, ein in eine scheinbar lange vergangener Zeit. Werden an diverse Marxismis-Leninismus-Stunden erinnert und an Rinderoffenställe, beide haben über unterschiedliche Zeiträume keine Zukunft. Die erfrorenen Rinder in den offenen Ställen lassen dieses Projekt sozialistischer Landwirtschaft schnell verschwinden, während Peters noch über Widersprüche sinniert, zum Beispiel die im China des Mao Tse-tung.
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| Ein FrauenRoman? (KI-Hintergrund) |
Zum Buch:
Wer nun denkt, ein DDR-Buch vor sich zu haben, irrt, denke ich, es ist ein Buch nicht nur über drei Menschen in der DDR, Mitte der sechziger Jahre. Es ist ein erfolgreiches Buch, die 15000 ersten Exemplare waren schnell weg und bis 1886 erfuhr es immer mehr Auflagen. Das sei „selbst für den DDR-Buchmarkt, für den den hohe Auflagen kennzeichnend waren, ungewöhnlich“ gewesen. Wie Professor Carsten Gansel das Gespräch mit Gerti Tetzner einleitet.
Es ist ein leises, ein ruhiges Buch trotz der darin zu lesenden menschlichen und gesellschaftlichen Konflikte, es ist auch kein pro- oder anti-DDR-Buch, aber eines aus dieser Zeit. Die Spannung liegt schnell in der Überlegung, welche Entscheidungen eine Juristin auf den Feldern nun wohl treffen wird, für was und für wen sie sich entscheidet. Vor uns bauen sich die Personen Peters, Steinert, Karen und Bettina auf, die anderen bleiben in Teilen etwas blass, bekommen aber ihren Platz wie Bauer Werfel oder die alte Merten, die vor einem halben Jahr noch mit Karen in den Furchen kniete und nun schon unter der Erde liegt.
* * *
Wenn Leserinnen und Leser in der Buchhandlung ihres Vertrauens das Buch in die Hand nehmen, lesen sie auch dem Schutzumschlag, dass der Roman durch die DDR-Zensur in Vergessenheit geriet. Aber welcher DDR-Roman, abgesehen von Büchern wie DER GETEILTE HIMMEL von Christa Wolf, FRANZISKA LINKERHAND von Brigitte Reimann oder Erik Neutschs SPUR DER STEINE gerieten nach Ende der 80er Jahre nicht in Vergessenheit?
Die Buchhändlerin Kathrin Matern, welche im letzten August die „Geburtstagsrunde“ des Verlages im Kulturquartier Neustrelitz organisierte und moderierte, meint, das der Satz trotzdem stimmt. Für mich ist er widersprüchlich zumal wir lesen, dass der zweite Roman der Autorin seinerzeit nicht erscheinen durfte. Im Interview erfahren wir, dass Gerti Tetzner sehr deutlich Konsequenzen angedroht wurden, sollte dieser zweite Roman „im Westen“ erscheinen. Andere sind gegangen, Tetzner blieb da, das Leben mit ihrer Tochter hätte auch durch viele „West-Bücher“ nicht aufgewogen werden können.
Mit dem Interview am Schluss, haben Leserinnen und Leser jüngerer Generationen, die möglichst vorurteilsfrei lesen, eine schöne Chance in etwas einzutauchen, was momentan vielfältig in der Literatur und den Medien diskutiert wird. Die oft überbetonte „Ost-Identität“ fünfunddreißig Jahre nach dem Mauerfall, findet sich in diesem auch nicht wieder. Allerdings empfinde ich nachträglich, das heute mit dem Buch eine Lanze für die Menschen gebrochen wird, die nicht nur in der DDR lebten und arbeiteten, sondern auch einen Gesellschaftsgedanken mittrugen, den sich der Staat auf die Fahnen schieb: Gleichheit, Gerechtigkeit, Frieden. Es gab da so einige, die nach dem Krieg und bis zuletzt eine Gesellschaft aufbauen wollten, die anders sein sollte, als die reale DDR. Das Engagement Karens steht für mich dafür.
Dies war 1974 nicht das Ansinnen der Autorin, aber der Verlag trägt diesem Gedanken nach meiner Auffassung Rechnung, wenn er den seit vierzig Jahren nicht mehr gedruckten Roman aus Anlass seines Jubiläums neu veröffentlicht.
Ein schöne Folge ist, dass eine Autorin, die nun neunzig Jahre alt wird, wieder angefangen hat zu schreiben...
Fazit:
Die Konzeption des Buches, fünfzig Jahre alter Roman und das erläuternde Gespräch des Literaturprofessors mit der Autorin zu vielem mehr, machen das Buch zu einer lohnenswerten Lektüre für die, die die Oberflächlichkeiten der „innerdeutschen“ Diskussionen sowieso nicht mögen oder verlassen wollen. Wer Christa Wolf und Brigitte Reimann kennt und las, der sollte Karen W. in die Hand nehmen. Und wer die genannten nicht kennt, kann mit Gerti Tetzner anfangen.
Beim Verlag bedanke für das Rezensionsexemplar.
© Bücherjunge





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