Wer hat diesen Satz nicht schon gebraucht. Je älter jemand wird, desto häufiger vermutlich. Erich Kästner hat ein ganzes Buch so genannt. Ein Buch, bei dem man durchaus sagen kann, dass es für Kinder und Erwachsene geschrieben wurde. Kästner selbst will den Kindern selbst von der Zeit vor 50 Jahren erzählen. Heute sind es bereits mehr als 100 Jahre vergangen, seit Erich Kästner ein kleiner Junge war.
Gestern spielte Walter Sittler im Schauspielhaus Dresden den Erich Kästner und erzählte aus der Zeit als der ein kleiner Junge war. Werfen wir einen Blick in das Buch und auf die Bühne.
- DNB / Hellerau - Verlag / 1999 / ISBN: 9-783-910184688 / S
- Atrium Verlag / 978-3-85535-611-9
Das Buch: Kästner schrieb in Kapiteln. Kein „Buch ohne Vorwort“, schreibt er im Vorwort und darum hat auch dieses Buch ein Vorwort, nach sechzehn Kapiteln fügt er noch ein Nachwort ein. Dann fängt er an zu erzählen und beginnt mit den Eltern, Ida und Emil. So erfahren wir, wie der Sattlermeister so verliebt in seine Arbeiten ist, dass das Geschäftliche irgend wann den Bach runter geht, und sie nach Dresden in die Königsbrücker Straße ziehen. Von Untermietern, die Lehrer sind. Von seinen Onkeln, den Augustins, den schwerreichen Pferdehändlern und der Villa am Albertplatz, wo er heute noch auf der Mauer sitzt.
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| Wo Erich Kästner ein kleiner Jungen war |
Man bekommt das Lächeln nicht aus dem Gesicht, wenn es um die Geschenke zu Weihnachten geht, oder wie es in Onkel Franz´ Küche zuging. Oder wie die Mutter schwimmen lernen wollte, weil es ihr nicht geheuer war, den Jungen da draußen paddeln zu sehen. Wie sie zu zweit alle möglichen Gegenden in deutschen Landen besuchten.
Wir lesen ebenso, wie er gehetzt und voller Ängste zwischen den Brücken hin und her rannte, die Mutter suchend und sie rechtzeitig fand, nicht wissend, warum und doch ahnend, dass sie Schlimmes vorhatte.
Das letzte Kapitel heißt „Das Jahr 1914“. Es ist das Jahr, in dem die Kindheit endet. Es ist das Jahr, indem Cousine Dorle sagen wird, dass Franz Augustin jetzt noch reicher werden wird, denn Pferde werden gebraucht: Im Krieg. Der Krieg, der die Kindheit beendet.
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| Aus Schauspielhaus - Programm |
Das Stück: An einem Donnerstagabend steht Erich Kästner auf der Bühne des Dresdner Schauspielhauses und erzählt. Er erzählt meist wortwörtlich die schönsten und die ernstesten Stellen aus diesem wunderbaren Buch.
Walter Sittler sieht ein bisschen aus wie Erich Kästner. Grauer Anzug, Weste, Krawatte, am Garderobenständer hängt der Staubmantel und der graue Filzhut. Derweil der Erzähler die ganze Bühne nutzt, begleitet ihn ein Sextett, eine Musikerin und fünf Musiker, die die Texte passend untermalen, was nicht nur die Erzählungen um die Weihnachtszeit betrifft.
Lebhaft wird es, wenn Sittler den Pferdehändler Franz in Rennen bringt und seine Schwester Ida, Erichs Mutter die Arme in die Hüften stemmt und dem dicken schweren steinreichen Mann trotzt: Dem Erich einen Diebstahl zu unterstellen, das ist doch der Gipfel.
Völlig ruhig ist der Saal, wenn Erich vor seinem Kinderarzt steht und ihn ausfragt, was mit der Mutter sei, warum sie sich vielleicht etwas antun will. Der Professor antwortet, dass dies nicht passieren wird, denn wenn auch die Gedanken so sind, das Herz wird es niemals zulassen.
Vor kurzem erst begingen die Dresdner den Tag der Zerstörung, und so ist man als Dresdner der zweiten Nachkriegsgeneration durchaus berührt, wenn Sittler / Kästner in den Trümmern ein Straßenschild der „Prager Straße“ findet.
Zwei Stunden Theater (es gab auch eine Pause) und nun stellt der Rezensent fest, dass wir die echten Texte hörten, Interpretationen gab es (in der Mehrheit vermutlich) nur durch Gesten, Mimik und Bewegung, ob Sittler nun saß oder stand. Es hätte gleichermaßen ein schöner Abend sein können, wenn er gelesen hätte und darüber dann erzählt. Aber so sahen wir Kästner und vielleicht verschwammen die Konturen.
Im Rückblick vermisse ich Kinder im Theater. Was die zu folgenden Sätzen gesagt hätten?
„Ich ging sehr gern zur Schule und habe, in meiner ganzen Schulzeit nicht einen Tag gefehlt. Es grenzte an Rekordhascherei. Ich marschierte morgens mit dem Ranzen los, ob ich gesund oder stockheiser war, ob mir die Mandeln weh taten oder die Zähne, ob ich Bauchschmerzen hatte oder einen Furunkel auf der Sitzfläche. Ich wollte lernen und nicht einen Tag versäumen. Bedenklichere Krankheiten verlegte ich in die Ferien...“ Selbst eine durchgebissene Zunge hinderte den Achtjährigen am nächsten Morgen nicht, den Schulweg anzugehen. Diese Geschichte befindet sich im Kapitel acht, indem es um den „Ungefähren Tagesablauf eines Achtjährigen“ geht.
Für die Theaterbesucher war es ein authentischer Abend. Sie sahen das Alte Dresden auch ohne jegliches Bild vor Augen aus der Elbe steigen. Sie hörten Erich Kästner wortgetreu und werden das in seltenen Fällen genau gewusst haben, vielleicht geahnt. Sie honorierten die schauspielerische und die niedergeschriebene Leistung und applaudierten beiden Künstlern in Ovationen; das musikalische Sextett nicht vergessend.
Nun lese ich nach und Walter Sittler steht als Erich Kästner dabei vor mir...
„Ganz wunderbar traf er diesen Kästnerschen Ton, der sich zwischen Melancholie und Ironie, Humor und Tragik bewegt. Er hat die nötige Reserviertheit des wohlerzogenen Gentleman, dessen Pointen ihr Kraft aus ihrer überraschenden, kindlich-anarchischen Aufrichtigkeit beziehen.“ Das schreibt Martin Mühleis, der Konzeption, Textbearbeitung und Regie besorgte im informativen Programmheft. (Der Gentleman lässt den Musikern ihren Platz und spielten so, dass alles gut zu hören war. Die Töne und das gesprochene Wort)
Der Autor: Im Jahre 1957 erschien dieses Buch, welches nicht als vollständig autobiografisch angesehen werden kann. Einerseits erkennt man, dass der Autor Selbsterlebtes in diesem oder jenem seiner Kinderbücher verarbeitet hat. Die vielen Geschichten, das unzählig Geschriebene dürften in den Nachkriegsjahren zu kleinen biografischen Änderungen führen. Geschichten, die wir von uns erzählen, sollten immer besser werden, ob sie wahrer werden, steht auf einem anderen Blatt.
Kästner wohnte nach dem Weltkrieg in Leipzig und Berlin, nach 1945 zog er nach München. Mutter und Vater starben 151 und 1857 in Dresden. Es ist müßig zu fragen, warum er denn nicht zurückging, als Antworten stünden zwei, vielleicht offensichtliche zur Verfügung. Ein davon lautet: „Das alte, das schöne Dresden gibt es nicht mehr.“
Das Buch Als ich ein kleiner Junge war lässt den Stil seiner Kinderbücher erkennen, die Erwachsenenliteratur liest sich doch anders. Als Autor von Kinderbüchern dürfte er den meisten Leserinnen und Lesern in Erinnerung bleiben und den Dresdnern unter diesen erst recht.
Fazit: Ich bin ja (nicht) allein schon deswegen begeistert, weil meine Mutter meinen ersten Schulgang allein ähnlich wie Kästners Mutter begleitete, sie versteckte sich hinter Bäumen und Einfahrten, erleichtert, als das Tor der alten Backsteinschule in Dresden Löbau erreicht war. Das Lächeln meiner Mutter neben mir in der vierten Reihe des Saales sprach Bände.
Die Hommage an meine Heimatstadt, die ich fast nur durch Bilder so sehen kann, ist das eine, die menschliche, die freundliche Natur des Schriftstellers das andere. Kritik? Na klar: Für mich ist auch das heutige Dresden schön, doch dies ist eine andere Geschichte.
In der Ergänzung sind Buch und Theateradaption eine wunderbare Symbiose. Sieht man das Stück, fangt man an zu lesen, hat man das Buch zuerst gelesen, wird das Stück zu erinnernden Genuss. Und das bei diesem Schauspieler, dessen Interpretation und Sprache die kästnerschen Sätze wirklich lebendig machen.
PS: Beate Baum schrieb einst einen Krimi mit Kästnerschen Hintergrund, der heißt
Weltverloren.
Und Kästner gibt es auf unserem Literaturblog bisher hier:
© Bücherjunge
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