Freitag, 3. Januar 2020

Kästner, Erich: Über das Verbrennen...


Sicherlich habe ich lange nicht genug von einem Schriftsteller gelesen, den viele Leute von Kindesbeinen an kennen. Vor allem durch eine auffallende Gestaltung der Kinderbücher. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich das Material geändert aber nicht die Gestaltung.


Der ATRIUM – Verlag Zürich hält die Rechte an den Büchern des Dresdners Erich Kästner (1999 in Dresden – 1974 in München).



Auf dem Bild hält der „kleine Dienstag“ die vielleicht bekannteste deutsche Kindergeschichte in den Händen: EMIL UND DIE DEDEKTIVE. Das Szenenfoto stammt aus einem Film aus dem Jahr 2016, welcher ERICH KÄSTNER UND DER KLEINE DIENSTAG heißt.


Den sah ich vor einigen Tagen und dachte daran, dass da noch ein Büchlein liegt, über dessen Thema zu schreiben zu Litterae-Artesque passt.





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Erich Kästner und der kleine Dienstag
Wer es nicht mehr weiß, der „kleine Dienstag“ muss, während die Kinder um Emil den Dieb Grundeis jagen, am elterlichen Telefon sitzen und mit „Parole Emil“ alle neuen Daten zusammenfassen und weiter geben. 

Im Film geht es um den Jungen, der von Erich Kästner selbst für den Film vorgeschlagen wurde und diese Rolle bekam: Hans Albrecht Löhr.

Wir erleben, wie die beiden Freunde werden, wie es zum Film kommt und „Emil“ und "Dienstag" immer berühmter werden. Der Grafiker der Bilder auf den Buchdeckeln ist Walter Trier, der aber ist Jude, das Titelbild vom nicht mehr „verkaufbarem“ fliegendem Klassenzimmer trägt seinen Namen nicht mehr. 

Die schönsten Szenen im Film sind die, in denen die  folgenden Kinderbücher erfunden werden. In einem Artikel einer Zeitung stand was von einem reichen Mädchen, das mit seinem Kindermädchen betteln geht. So entsteht in der Küche der Löhrs die Idee zu Pünktchen und Anton. Die Geschichten des kleinen Gymnasiasten Hans Albrecht inspirieren zu Das fliegende Klassenzimmer. Und als Erich seinem vaterlosen Freund Hans erklärt, dass nur Eltern von Zwillingen die Scheidung erlaubt sein sollte, damit jeder ein Kind bekommen kann, ist dies der Beginn der Geschichte vom doppelten Lottchen


Buchcover & Szenenbilder


Hans versteckt dann seine Lieblingsbücher in einer Kiste – und Kästner schreibt in Kurzschrift seine Erlebnisse für einen Roman nach der Nazizeit auf, welcher allerdings nie erscheinen wird.
Hans zieht Jahre später in den Krieg und Kästner wird ihn nie vergessen. 

Der Film ist zu empfehlen, er erzählt nicht nur die Geschichte einer Freundschaft und eines Buches, er erinnert im Abspann an das schreckliche Ende der Kinderdarsteller. 

„Es gibt Filme, die einem mit dem Abspann das Herz brechen. Rolf Wenkhaus, der 1931 den Emil Tischbein spielte, starb in einer Focke-Wulf 1942 vor der Küste Irlands. Hans Schaufuß, der Gustav mit der Hupe war, ist 1941 in Zentralrussland gefallen. Hans Albrecht Löhr hat man in der Nähe eines russischen Dorf namens Korpowo beerdigt, Endgrabanlage, Block 16, Reihe 23, Grab 1435. Der kleine Dienstag wurde zwanzig Jahre alt.“ (1) (Die Welt)

Immer wenn ich nun den "Emil" in der Hand halte, wird die Geschichte des "kleinen Dienstag", des Hans Albrecht Löhr, dabei sein.


Szenenbilder

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Über das Verbrennen von Büchern
Ebenso erinnert der Film an ein anderes Ereignis: Denn Erich Kästner kommt in Berlin am Opernplatz vorbei, und sieht mit an, wie seine Bücher den Flammen übergeben werden. Es ist der 10. Mai 1933. Kästner wird erkannt, angegriffen wird er nicht. EMIL wird vorerst nicht verboten werden, für den ist es erst 1936 so weit. FABIAN – DIE GESCHICHTE EINES MORALISTEN, ein Roman für Erwachsene, fliegt auf den Scheiterhaufen.

Darüber schreibt Kästner dann bereits am 09. Mai 1947 den Text KANN MAN BÜCHER VERBRENNEN? Man kann. Und doch: 

„So einfach war es, eine Literatur auszulöschen? Mit so plumpen, gemeinen Maßnahmen konnten Bosheit und Dummheit triumphieren? So rasch gab der Geist seinen Geist auf? Wir wussten damals nicht, was heute, nach vielen entsetzlichen Jahren, die ganze Welt weiß: Mit solchen Methoden kann man zwar ein Volk vernichten, Bücher aber nicht. Sie sterben nur eines natürlichen Todes. Sie sterben, wenn ihre Zeit erfüllt ist. Man kann von ihren Lebensfaden nicht eine Minute abschneiden, abreißen oder absengen. Bücher, das wissen wir nun, kann man nicht verbrennen.“ (2)

Der ATRIUM – Verlag, gegründet 1935 von Kurt Georg Maschler, einem Freund Kästners hielt nun die Rechte an dessen Werken. „Da ich Kästner nicht dazu bewegen konnte zu emigrieren, emigrierte ich seine Bücher. Ich fuhr in die Schweiz und gründete den Atrium Verlag.“

Im Verlag kam das Büchlein heraus. Es beinhaltet Texte Erich Kästners zum Thema. Eindrucksvoll auch der Text ÜBER DAS VERBRENNEN VON BÜCHERN vom 10. Mai 1953 / 1958. In diesem schreibt Kästner:



Käster 1930 wikipedia
„Seit Bücher geschrieben werden, werden Bücher verbrannt. Dieser abscheuliche Satz hat die Gültigkeit und Unzerreißbarkeit eines Axioms. Er galt zur Zeit der römischen Soldatenkaiser und unter Kubilai Khan, bei Cromwell und für die Konquistadoren, für Savonarola, Calvin und Jacob Stuart, für die Jesuiten, die Dominikaner und die Puritaner, für China und Rom, für Frankreich, Spanien, England, Irland und Deutschland, für Petersburg, Boston und Oklahoma City. Immer wieder hatten die Flammen ihren züngelnden Wolfshunger, und immer wieder war ihnen das Beste gerade gut genug. Sie fraßen die Werke von Ovid und Properz, von Dante, Boccaccio, Marlowe, Erasmus, Luther, Pascal, Defoe, Swift, Voltaire und Rousseau. Manchmal fraßen sie den Autor oder den Drucker als Dreingabe. Oder sie leuchteten, damit der Henker den Angeklagten umso besser die Ohren abschneiden, die rechte Hand abhacken und das Nasenbein zertrümmern konnte. 
Hören Sie sich, bitte, ein paar Sätze aus einem Buch an, und versuchen Sie zu erraten, wer das und wann er es geschrieben haben könnte! 
 »Man hat nicht nur gegen die Autoren, sondern auch gegen ihre Bücher gewütet, indem man besondere Kommissare beauftragte, die Geisteserzeugnisse der bedeutendsten Köpfe auf offnem Markte zu verbrennen. Natürlich meinte man in diesem Feuer die Stimme des Volkes, die Freiheit und das Gewissen töten zu können. Man hatte ja obendrein die großen Philosophen ausgewiesen und alle echte Kunst und Wissenschaft ins Exil getrieben, damit nirgends mehr etwas Edles und Ehrliches anklagend auftrete ... Während in fünfzehn Jahren ... gerade die geistig Lebendigsten durch das Wüten des Führers umkamen, sind nun wir wenigen ... nicht nur die Überlebenden von anderen, sondern auch von uns selber, weil ja mitten aus unserem Leben so viele Jahre gestohlen wurden, in denen wir aus jungen zu alten Männern geworden sind, ... indessen wir zur Stummheit verurteilt waren.« 
 Das hat Tacitus nach der Schreckensherrschaft des Kaisers Domitian geschrieben, der im Jahre 96 n. Chr. ermordet wurde. Achtzehn Jahrhunderte und ein halbes sind vor diesen Sätzen vergangen wie ein Tag und wie eine Nachtwache.“ (3)

Diese ausnahmsweise ziemlich lange Zitat hat mich beeindruckt und soll dafür stehen, dass solange wie Diktaturen bestehen oder die Gefahr besteht, dass welche entstehen oder ausgebaut werden, das , wie Kästner weiter ausführt, Heinrich Heine gilt: „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“**





Im Oktober 1965 berichtet Kästner von einer Bücherverbrennung am Rhein, wo Jugendliche des „Bundes Entschiedener Christen“ Bücher von Camus, Grass und ihm selbst verbrannten. Man lese die Begründung nach in diesem Büchlein, sie erfolgte unter Berufung auf den Apostel Paulus , der von der Verbrennung von Zauberbüchern sprach. 

Und heute? Heute hören und lesen wir einerseits von Koran-Verbrennungen durch amerikanische Fundamentalisten und Terroranschlägen auf  Charlie Hebdo. und anderen Ob davon in 2000 Jahren Menschen lesen, was ein "Tacitus" des 21. Jahrhunderts geschrieben hat? Das ist alles nicht weit weg vom 10. Mai 1933, angezettelt von Studentenbünden. 


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Wir beschäftigen uns heute in unseren Blogs mit Büchern. Mit vielen Büchern. Mit Schöner Literatur und mit Sachbüchern. Über Politik, Geschichte genauso wie mit Märchen, Fantasy- und Kriminalromanen. Mit Erzählungen, Novellen, auch mit Bilderbüchern. Ein kleiner Überblick aus dem Jahr 2019 zeigt dies. Gelegentlich hört man davon, dass Menschen lesen um sich vom Alltag abzulenken. Warum nicht. Wenn sie aber nur noch Fantasy-Geschichten und Sience Fiction lesen, dann ist das wohl nicht genug, um künftige Bücherverbrennungen zu verhindern.

Gleich zu Beginn des Jahres ein Beitrag gegen das Vergessen.



© Bücherjunge


1 Kommentar:

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