Dienstag, 17. Februar 2026

Schneider, Richard C.: Die Sache mit Israel

DIE SACHE MIT ISRAEL von Richard C. Schneider erschien in einer ersten Fassung bereits am 28.06.2023. An einen terroristischen Angriff wie ihn die HAMAS am 07.10.2023 verübte, dachte noch keiner. Vorherrschend waren in meiner Erinnerung die Proteste von 10tausenden Israelis gegen die Regierung Netanjahu. Unmittelbar nach dem 07/10 las und rezensierte ich Saul Friedländers BLICK IN DEN ABGRUND, der mit der einzigen Demokratie im Nahen Osten schonungslos umgeht und die Gefahren für eben diese Demokratie deutlich benennt. Mit diesem Buch ermöglicht Friedländer es den Leserinnen und Lesern genau in diese „Ecken“ zu schauen und zu vergleichen

Die „israelische Sache“ beschäftigt mich an sich erst seit dem Herbst 2009, aufgrund des Besuches in diesem Land. Eine Reihe diesbezüglicher Büchern finden sich in Buchbesprechungen auf diesem Blog. Richard C. Schneider war bisher nicht dabei, dessen Gesicht aber war mir von einer Reihe von Filmdokumentationen aus dem Nahen Osten bekannt. Der ehemalige Chefkorrespondent der ARD in Tel Aviv (2006 – 2015) hat einen selbst gewonnen tiefen Blick auf Israel, dessen „Alltag (er) im Ausnahmezustand“ sieht.

Das Buch
Nach dem 07/10 war der Autor „gezwungen“, seinem Buch ein aktuelles Vorwort zu geben. Er schrieb dies am 13.08.24; es geht um die Enstehung dieses Buches, nachdem Israel Ende 2022 eine neue Regierung wählte:

„Doch dann wurde Ende 2022 in Israel gewählt. Heraus kam dabei die rechtsextremste und religiöseste Regierungskoalition in der Geschichte des Landes. Es bildete sich erneut eine Regierung unter Premier Benjamin Netanyahu, der seinen Posten inzwischen länger innehat, als es selbst Staatsgründer David Ben Gurion vergönnt war.“ 
Das Netanjahu der schreckliche Angriff der HAMAS am 07.10.23 momentan (immer noch) hilft an der Macht zu bleiben, weil sich das Volk in Zeiten von Kriegen den Zwist mit seiner Regierung „aufschiebt“, wird natürlich erklärt. Das Buch ist aber viel mehr.

Schneider schreibt von der Mehrdimensionalität dieses Krieges und benennt als erste, als militärische Dimension die gegen die HAMAS. Schon im genannten Vorwort geht er darauf ein, dass die islamistische Terrororganisation dabei ist, ihren Propagandakrieg zu gewinnen, wenn tatsächliche und vermeintliche Kriegsverbrechen (fast) ausschließlich Israel unterstellt werden. Die zweite, die multilaterale Dimension bezieht sich auf die Hisbollah und deren Angriffe auf den Norden Israels. Die dritte bezeichnet er als ringförmig und schreibt sie einem weiteren Stellvertreter des Irans zu, der sich auch der Huthis im Jemen bedient, wenn diese iranische Raketen nach Israel starten. Daraus ergibt sich eine vierte, die wichtigste Demension, die des Krieges zwischen Israel und dem Iran. Der islamistische Gottesstaat hat die Auslöschung des „zionistischen Gebildes“v zum Ziel.

Die militärischen Aktionen, die Art und Weise der Kriegführung in Gaza durch die israelische Armee, überschatten die geopolitischen Ursachen, wenn diese in propalästinensichen, antiisraelischen Kundegebungen und Demonstrationen nie benannt werden.

Fünf Fragen zu einem komplizierten Land stellt der Autor und versucht diese für die Leserinnen und Leser zu beantworten.
  1. Ist Israel eine Demokratie?
  2. Ist Israel ein Apartheidstaat?
  3. Ist Kritik an Israel antisemitisch?
  4. Ist Israel ein fundamentalistischer Staat?
  5. Gehört Palästina den Palästinensern?
Keine davon erscheint einfach zu beantworten sein. Nach der Lektüre dürften Leserinnen und Leser feststellen können, dass Israel eine Demokratie ist, die bestimmten inneren Gefahren ausgesetzt ist, wobei die im Grundgesetz unseres Landes beschrieben Gewaltenteilung nicht einfach übertragen werden kann. Aber es geht genau um diese, wie sie im Detail formuliert ist, spielt dabei keine Rolle.

Auch der „Apartheidsstaat“ lässt sich verneinen, wenn fundamentalistische jüdische Gruppierungen palästinensische Araber als minderwertig betrachten, obwohl solche als Bürger Israels in den Kommunen arbeiten und in den Streitkräften dienen, dann steht die Frage, ob diese eine Mehrheit aufbringen. Die oben erwähnten Demonstrationen lassen hoffen, dass ein Abgleiten in staatlich-fundamentalistische Positionen vermieden werden kann.

Die letzte Frage ist sicher zu verneinen, sie ist aber sehr kompliziert und ohne einen tiefen Blick in antike, mittelalterliche und neuzeitliche Geschichte schwer zu beantworten. Für dies Frage muss man wohl weiter lesen, womit Michael Wolfsohns Buch Wem gehört das heilige Land? empfohlen werden kann, der genau diesen Blick auf das Land wirft, einschließlich des alten Testaments und vielen Hinweisen auf den Talmud.

Die vermutlich polarisierendste Frage ist die nach dem Wesen von Israelkritik. Ist diese per se antisemitisch?

Augenscheinlich ist dabei dass die politisch – religiöse Rechte in Israel angesichts dauerhafter antiisraelischer, antijudaistischer und antisemitischer Angriffe von HAMAS & Co immer stärker, die politische Linke schwächer wird. In Europa, wenn auch aus anderen Gründen, weist die politische Rechte in Europa ebenfalls Zuwächse auf und demokratische Parteien müssen sich mehr als jemals seit Ende des 2. Weltkrieges dagegen behaupten. Gleichzeitig wird die politische Linke hinsichtlich der „Israelkritik“ immer lauter und scheinbar erfolgreicher. Hierbei geht die Linke kaum auf die Kritiker in Israel selbst ein, Israel bleibt Israel und das wäre kolonialistisch, kapitalistisch und antipalästinensisch, ein Apartheidsstaat und mehr.

Da regelmäßig keinerlei Differenzierung erfolgt, richtet sich die Kritik zwangsläufig gegen die Juden. Damit wird Kritik oft antisemitisch. Das lehnt die Linke natürlich ab, denn wer gegen jeglichen Faschismus oder Nationalsozialismus ist, kann nicht antisemitisch sein. Hierbei werden Antisemitismus-Definitionen hin und her geschoben und letztlich soll die Unterstützung der „Palästinenser“ zu einer Einstaatenlösung führen, denn dieses Israel wäre nicht tragbar. Den Juden in Israel und den Juden in der Welt damit den Flecken Erde abzusprechen, den sie 1947 zugesprochen bekamen, während jegliche arabische Staaten und Organisationen die diesbezügliche UNU-Resolution ablehnten, kann nur antisemitisch genannt werden.

Kritik an Art und Weise der Kriegführung, am Demokratieabbau, am Ausweiten von jüdischen Siedlungen im Westjordanland wendet sich gegen Außen- und Innenpolitik eines Staates, nicht gegen die Mehrheit des Volkes, die eine jüdische ist.

Im diesbezüglichen Kapitel geht der Autor dabei auf den BDS ein (Boycott, Divestment and Sanctions) und dessen Ziel, genau dies gegen Israel in Stellung zu bringen. Die Organisation agiert nicht allein antizionistisch, sondern in der Allumfassenheit antisemitisch. Indem die Partei „Die Linke“ die Antisemitismus-Definition der Jerusalemer Erklärung anstelle der Arbeitsdefinition der IHRA übernahm und damit den BDS als legitimes Mittel gegen Israel anerkennt, rückt sie gefährlich in die Nähe des Antisemitismus, was obige Darstellung verstärkt.

„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“

Heute, zehn Monate nach diesen Zeilen, wird der Siedlungsbau für jüdische Israelis im Westjordanland weiter voran getrieben, während Gaza großflächig zerstört ist.

Ob die Bevölkerung wie oben erzählt, wieder dazu übergehen wird, massive Proteste gegen die Regierung Netanjahu zu unternehmen, ist momentan nicht absehbar. Es kann vermutet werden, dass der Angriff der HAMAS in regierungskritischen Gruppen der Israelis, die Bereitschaft, der Regierung entgegenzutreten, geschwächt hat.

Die Sache mit Israel wird uns also weiterhin stark beschäftigen.

* * *
Fazit:
Die 200 Seiten des Buches lassen sich flüssig lesen, Schneider bleibt am Thema einfach dran, schweigt nie ab und verfolgt sein Ziel, die Probleme deutlich und umfassend anzusprechen. Seine Ausführungen sind präzise verständlich. Der Umfang des Buches ist überschaubar, vielleicht ist das eine Empfehlung für Leser, die dicke Sachbücher als abschreckend empfinden. Es ist auch als Einstieg oder Neueinstieg in das Thema geeignet. Zugleich kann man über YouTube eine Reihe Beiträge von, mit und über Richard C. Schneider ansehen. Zwei verlinke ich im Anschluss. Zu empfehlen ist in diesem Zusammenhang sehr gut das oben erwähnte Buch von Michael Wolfsohn, beide bilden eine gute gegenseitige Ergänzung.


Der Autor im Gespräch über sein Buch

Richard C. Schneider erklärt Zionismus und Judentum

© Bücherjunge

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Durch das Kommentieren eines Beitrags auf dieser Seite, werden automatisch über Blogger (Google) personenbezogene Daten, wie E-Mail und IP-Adresse, erhoben. Weitere Informationen findest Du in unserer Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google. Mit dem Abschicken eines Kommentars stimmst Du der Datenschutzerklärung zu.

Um die Übertragung der Daten so gering wie möglich zu halten, ist es möglich, auch anonym zu kommentieren.